Die Biene des Achilles

,,Menschliche Richter können Gnade walten lassen. Aber gegen die Naturgesetze gibt es keinerlei Berufungsinstanz.“
Arthur C. Clarke

Der 2015 verstorbene amerikanische Soziologe William R. Catton prägte in einem der wohl wichtigsten Bücher der 80er Jahre den Ausdruck ,,Homo Colossus“ für die menschliche Rasse.
Inzwischen streiten sich führende Wissenschaftler gerade ein wenig darüber, ob man nicht ein ganzes Zeitalter nach dem Menschen benennen muß, da unsere Auswirkungen auf die Umwelt immer deutlicher an allen Ecken und Enden zu sehen, zu fühlen und zu messen sind.
Keine andere Spezies des Planeten hat es jemals hingekriegt, mit ihrem Handeln selbst geologische Zeiträume verwischen zu lassen. Mensch tut dies in den letzten 200 Jahren mit wachsender Begeisterung.
Der Homo Colossus stampft über den Planeten und erzeugt sich seine eigene Zeit, das Anthropozän.

Das klingt gut, etwa so, als wären wir das überhaupt Wichtigste auf diesem Planeten und als würden wir alle Hindernisse auf unserem Weg zu den Sternen mit unserem Erfindungsgeist aus dem Weg räumen. Mensch ohne Limit. Falls ich das nicht deutlich genug erzählt haben sollte: Diese Grundhaltung ist so abgrundtief blöde, daß einem der Kopf schmerzen sollte, wenn man sie hört.
Aber natürlich ist das auch exakt der Mythos, in dem die meisten Menschen leben. Die Geschichte unserer eigenen Großartigkeit und der Unüberwindlichkeit des menschlichen Erfindungsgeistes begleitet uns von Kindesbeinen an und bildet das Fundament aus Lügen.

Bereits 1972 streute ein anderes, inzwischen berühmtes Buch in diese selbstgefällige Ansicht des Menschen als Krone der Schöpfung eine ganze Wagenladung Sand. Die Grenzen des Wachstums (Limits to Growth, LtG) war auf seine Art ein völlig neuartiges Werk, denn erstmals hatte eine Bande Nerds Computer benutzt, um die Zukunft zu entschleiern.
Ausgehend von diversen Parametern wie Bevölkerungswachstum, ansteigendem Energieverbrauch, steigender Nutzfläche für Ackerbau etc. hatten die Autoren ein Programm gefüttert und es in unterschiedlichen Vorgaben laufen lassen.
Das Ergebnis war recht eindeutig: Sollte sich am – damals aktuellen – Kurs der Menschheit nichts Grundlegendes ändern, würde die globale Gesellschaft irgendwann in ihrem eigenen Dreck ersticken. Die Kosten für die Beseitigung von Umweltschäden würden mehr und mehr Wirtschaftskraft auffressen, die Bevölkerung zunehmen, die Versorgung mit allem Lebensnotwendigen auf Dauer nicht sichergestellt werden können, weil die Kosten für Umweltbelastungen die Wirtschaftskraft auffressen – ein Teufelskreis.

Natürlich löste dieses Werk einen wütenden Proteststurm der Apologeten des Fortschritts aus.
Noch heute wird gerne behauptet, diese Typen hätten ja damals vorhergesagt, im Jahr 2000 gäbe es kein Erdöl mehr. Da das offensichtlich nicht stimmt, muß natürlich alles andere in dem Buch auch falsch sein.
Menschen, die diese krude Argumentation benutzen, sind keine kompletten Vollidioten. Der ehemalige Siemens-Chef Löscher war zum Beispiel einer von ihnen und nur einer von vielen, denn natürlich finden sich die Gegner der Kernaussage dieses Buches seltsamerweise oft in wirtschaftslenkenden oder politisch einflußreichen Positionen.
Fakt ist, daß alle, die so einen Blödsinn erzählen, nur das nachplappern, was sie mal irgendwann von irgendwem gehört haben. Kein Einziger von diesen Menschen hat das Buch tatsächlich gelesen. Das ist so ein bißchen wie ,,Darwin hat gesagt, wir stammen ja vom Affen ab.“

Ebenfalls Fakt ist, das natürlich nicht alles, was im Buch genannt wird, auch so eingetroffen ist. 1972 war zum Beispiel das Aufkommen von Recycling innerhalb der Gesellschaft nicht in den Simulationsläufen berücksichtigt, denn das existierte damals noch nicht.
Auch die Bevölkerungszahlen stimmen so nicht. Als ich in der Mittelstufe des Gymnasiums herumfiel, also 1985, war die Antwort auf die Frage nach der Größe der Weltbevölkerung 4,5 Milliarden, das war die richtige Hausnummer.
1988 waren es dann 5 Milliarden, 1999 waren es 6 und irgendwo 2012 hatte Mensch dann seine 7 Milliarden erreicht. Die Weltbevölkerung wächst mit erschreckender Geschwindigkeit, so könnte man meinen. Und Menschen, die heute vielleicht Mitte 20 sind, glauben das auch.

Das größte Problem der Menschheit? ,,Bevölkerungs-explosion! „
Ein Realitäts-check.

Aber das ist Unsinn. Als ich 15 war, da sagten die Projektionen der UN im Jahr 2015 bereits 8 Milliarden und bis 2050 eine Bevölkerung von 12 Milliarden und mehr voraus. Damals wuchs die Weltbevölkerung tatsächlich mit erschreckender Geschwindigkeit.
Kein einziges UN-Szenario nennt heute noch eine derartig hohe Bevölkerungszahl. Das mittlere Szenario der UN – also eines mit moderatem Wachstum – sagt für 2050 etwa 9,4 Milliarden Menschen auf unserem Planeten voraus.

Die durchschnittliche Kinderzahl von Frauen in Bangla Desh, diesem unglaublich überbevölkerten Land voller Armut, beträgt nicht etwa fünf oder sechs, wie in Umfragen immer wieder geraten wird, sondern 2,2.
Das ist ziemlich genau die statistische Zahl, die eine Bevölkerung braucht, um stabil zu sein. Bevölkerungsexplosion geht anders. Immer wieder schnappen wir Dinge auf in unserem Leben, erheben sie zu Überzeugungen oder halten sie für die Wahrheit – und denken nicht daran, sie vielleicht auch mal nachzuprüfen.

In den 70er und 80er Jahren wuchs die Weltbevölkerung noch in einem superexponentiellen Modus. Das bedeutet, daß die Zuwachsraten des Wachstums bereits selber eine Exponentialfunktion waren. Das Stichwort der damaligen Zeit war ,,Bevölkerungsexplosion“. Wir können heute mit Sicherheit sagen, daß dieses Ereignis in der Form nicht stattfinden wird.

Fakt bleibt aber auch, daß es in Grenzen des Wachstums keine Aussagen der Art gibt, wie sie von den Gegnern des Buches immer wieder angeführt werden. Nirgendwo steht da, daß der Welt am 13. Oktober 1999 das Erdöl ausgehen wird oder so was in der Art. Das damals verwendete Computermodell ergab schlicht Tendenzlinien als Ergebnis.
Inzwischen haben dieselben Leute das Buch auch in Neuauflage herausgebracht und sie haben dabei die neuen Entwicklungen berücksichtigt. Ja, Wissenschaftler dürfen neue Fakten berücksichtigen, da unterscheiden sie sich von Politikern und Wirtschaftlern. Die einen mögen keine neuen Fakten, die anderen scheren sich allgemein nicht darum.
Wissenschaftler sind da anders, die denken sich ,,Wenn die Leute jetzt Glas, Metall und Papier recyclen, dann bauen wir das halt mal in die Simulation mit ein.“
Ich halte das für generell vernünftig.

Das letze Update erfolgte 2004, zum 30jährigen Geburtstag des Buches.
Wieder wurde dasselbe Programm benutzt – na schön, fast dasselbe Programm, natürlich – mit Parametern gefüttert und – oh große Überraschung – die Menschheit fährt noch immer vor die Wand, wenn sie dem folgt, was die Autoren das ,,Standardszenario“ genannt haben.
Ich werde das hier und in Zukunft BAU nennen, das steht für ,,Business as usual“ und ist ja ziemlich exakt das, was Mensch in den letzten 40 Jahren auch gemacht hat.

Im Gegensatz zu Wirtschafts“wissenschaftlern“ oder Politikern müssen sich echte Wissenschaftler natürlich auch mal einer Überprüfung ihrer Theorien unterziehen. Nun, im Jahr 2008 hat eine australische Studie exakt das getan und mal beleuchtet, wie denn der aktuelle Fahrplan in die Zukunft so aussieht.
Das Ergebnis ist recht eindeutig: Wir bewegen uns fast exakt auf der Weltlinie entlang, die bereits 1972 von den Autoren von LtG vorgezeichnet worden ist.

Falls Sie also jemals wieder jemanden sagen hören, alles, was diese Typen da vor 40 Jahren geschrieben hätten, hätte sich ja als Blödsinn herausgestellt – stehen Sie auf und fordern Sie den Redner auf, das doch bitte mal zu beweisen. Ich wette bei einer Quote von 5:1 jederzeit 50 Mäuse, daß er zuerst mit dem Beispiel ,,Wir sollten kein Öl mehr haben“ kommt.

Warum eigentlich diese Aufregung über ein Buch?

Die Antwort ist relativ offensichtlich, denn LtG widerspricht unserer Wirtschaftstheorie in dem zentralen Glaubensdogma des Ewigen Wachstums. Es ist ein Angriff auf den Kern dessen, was noch heute als ,,Wirtschaftswissenschaften“ verkauft wird. Da dieses ganze Gerede aber meistenteils niemals wissenschaftlich war, sondern inzwischen mehr und mehr die Züge einer Religion angenommen hat, ist LtG also nichts weiter als Ketzerei, in dieser Hinsicht ist es nicht anders als Kopernikus oder Darwin. Dementsprechend heftig wurde es angegriffen.

Das eingangs erwähnte Buch von William R. Catton erschien 1980 und trägt den bezeichenden Titel ,,Overshoot“.
Das BAU-Szenario von LtG führt nämlich in einen Systemzustand, der den Namen trägt ,,Grenzüberziehung mit anschließendem Zusammenbruch“ oder eben ,,Overshoot and Collapse“. Nicht sonderlich publikumswirksam, vielleicht hätte man das besser ,,Apokalypse!“ nennen sollen oder so, aber Nerds sind eben meistens keine besonders guten PR-Typen. Abgesehen davon wäre Apokalypse als Titel schlicht falsch gewesen.
Catton bezieht sich also in seinem Buchtitel ebenfalls auf LtG. Overshoot beschäftigt sich mit dem, was Mensch gerade alles so falsch macht auf diesem Planeten und vor allem mit den Auswirkungen. Da dieses Buch inzwischen über 30 Jahre alt ist, kann ich nur jedem raten, das gute Stück mal zu lesen und die damaligen Analysen mit dem aktuellen Ist-Zustand zu vergleichen. Ist aber nichts für schwache Nerven.

Ich werde jetzt nicht darüber referieren, was die Politiker und Wirtschaftler von Cattons Buch hielten. Ronald Reagan hatte gerade in den USA die Wahlen gewonnen und Maggie Thatcher war erste Premierministerin in England – ich glaube nicht, daß die solche Bücher auch nur in ihre Nähe gelassen haben. Ich glaube auch nicht, daß diese Typen geistig auch nur annähernd in der Lage gewesen wären, den Inhalt dieser Bücher zu erfassen. Wer das lesen will – und das sollte man auch eigentlich auch auf jeden Fall getan haben im Jahr 2015 – sollte seine Stadtbücherei befragen oder einen Buchmarkt seines Vertrauens.

Warum erzähle ich das alles?
Um einerseits klarzustellen, daß man die Zukunft eben nicht absolut vorhersagen kann – ich hatte das schon einmal beiläufig erwähnt – denn die Zukunft ist immer ein wenig so, als würde man Bildhauerei mit Wackelpudding betreiben wollen.
Andererseits sollte damit klar sein, daß man die Tendenz der Zukunft eben sehr wohl deutlich erkennen kann, wenn man genug Fakten nimmt und bereit ist, die entsprechenden Schlüsse zu ziehen, auch wenn einem diese Ergebnisse vielleicht persönlich nicht zwingend zusagen.

Wirtschaftler und Politiker müssen jetzt sehr stark sein.
Die genannten Bücher beinhalten zwei sehr wichtige Kernaussagen, die da lauten:

1. Die Ressourcen der Welt sind endlich

Is nich wahr
Der Staatspräsident Frankreichs im Jahre 1980, als er die unglaubliche Neuigkeit erfährt, die französische Wissenschaftler soeben herausgefunden haben: Die Erde ist gar nicht unendlich groß!

2. Über die Zeit sammeln sich die Folgen des Wachstums an, meist in Form von Umweltverschmutzung und damit einhergehender Degradierung von Ökosystemen, und verursachen Kosten, die letztlich exponentiell ansteigen.

Das die Ressourcen der Welt endlich sind, bedeutet natürlich, daß sie irgendwann auch ausgehen werden, aber auch das ist nicht das Kernproblem. Mensch an sich kommt schon viel früher in sehr unruhiges Fahrwasser, um das mal diplomatisch auszudrücken.
Die sich ansammelnden Kosten der Übernutzung unserer Umwelt durch das Prinzip des ,,Ewigen Wachstums“ sind exakt der Punkt, den man heute auch unter das Gesetz des Abnehmenden Ertrages subsumiert.

Endloses Wachstum ist kein Naturgesetz, sondern der Wunschtraum von Idioten. Abnehmender Ertrag ist ein Naturgesetz.

Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg gab es im Grunde eine Nation, die Erdöl gefördert und in größerem Maße verbraucht hat, nämlich die USA. Europa lag in Trümmern, Japan sah auch ziemlich mies aus und von Ländern wie China, Indien oder Brasilien hat damals noch kein Mensch geredet, wenn er nicht vorher auf Abenteuerurlaub war. China in seiner heutigen Form existierte noch nicht einmal als Staat, im Jahre 1945 bekämpften sich da nämlich die Nationalisten noch mit Maos Rotchinesen.
Amerika stellte seine Fabriken auf Friedensproduktion um, baute Autos und anderen Konsumkram für das Volk, begann mit dem Bau des Interstate-Straßennetzes – ein Projekt, das mal jemand auf etwa den dreifachen Umfang der Pyramiden beziffert hat – und übernahm nach dem gewonnenen Krieg die Herrschaft über die Welt. Na gut, über einen Teil der Welt, den anderen beherrschte die Sowjetunion.
Dafür müssen wir Deutsche den Sowjets eigentlich dankbar sein, denn hätte es die nicht gegeben, wären die Amis nie auf die Idee mit dem Marshall-Plan gekommen, mit dem Europa und besonders der vorherige Kriegsgegner Deutschland wieder aufgebaut werden sollte.
Die USA brauchten ein verteidigungsfähiges Westeuropa und ein Agrarstaat ohne Waffen und nennenswerte Wirtschaftsleistung, wie er nach dem Morgenthau-Plan aus Westdeutschland hätte werden sollen, wäre den USA dabei wenig hilfreich gewesen.

Damals konnte ein normaler amerikanischer Arbeiter sich ein Auto leisten, mit seiner Familie in den Urlaub fahren und sein Haus abbezahlt haben, bevor er seine Kinder aufs College schickte. Mit einem einzigen Gehalt, denn natürlich mußte Mutter sich in den 50er und 60er Jahren noch um die Kinder kümmern. Dafür bekam sie aber eine Küche mit Geschirrspülmaschine, Mikrowelle, Riesenkühlschrank mit Eisspender und einen Staubsauger für jedes Stockwerk des gemeinsamen Hauses.
Die Aliens waren noch böse und wollten uns Menschen alle versklaven oder wahlweise auffressen und die Klingonen bei Star Trek waren dunkel angemalt und waren die beste Weltraum-Sowjetunion, die es je auf dem Fernseher gab. Ja, der Kapitalismus feierte damals sein Goldenes Zeitalter.

Das Dumme an Goldenen Zeitaltern ist, daß sie dem Untergang einer Gesellschaft üblicherweise unmittelbar vorausgehen. In der heutigen Welt ist das Gesetz des Abnehmenden Ertrages allgegenwärtig.

Konnte ein Albert Einstein noch mehr oder weniger im stillen Kämmerlein die Physik umkrempeln und eine völlig neue Sicht des Universums erschaffen, ist eine solche Weiterentwicklung heutzutage völlig ausgeschlossen.
Heute werden Beschleunigerringe gebaut, die so groß sind wie eine ganze Stadt und ein Mehrfaches der Energie verbrauchen, um ein Teilchenmodell zu bestätigen, das bereits vor 50 Jahren ausgearbeitet wurde. Natürlich sind auch solche Arbeiten notwendig, aber so etwas wie die Lasertechnik oder die medizinischen Anwendungen der Kernspaltung wird hier wohl nicht herauskommen, jedenfalls nicht so bald.
In unserer globalen Kommerzwelt taucht, wie erwähnt, ständig die Frage auf: ,,Was soll uns das bringen und wie kann man es finanziell verwerten?“
Richtung und Antrieb der Forschung sind heute oft ein völlig anderer als noch vor hundert Jahren.

Vor einem Jahrhundert wurde das Fliegen erfunden, als sich eine Knatterkiste aus Stoff und Spanndrähten zum ersten Mal in die Luft hob und schwerer war als Luft. Was ist daraus geworden?
Donnernde Düsenriesen, die gigantischen Platzverbrauch in Form von Flughäfen erfordern. Dahinter eine wahnsinnig anmutende Logistik aus Luftraumüberwachung, Gepäcktransportern und -transportbändern, Servivcepersonal, das die Fluggäste einweist, Sicherheitstypen, die noch in jede Kosmetikflasche kriechen – der Terror, Sie wissen schon.
Und dieses ganze unglaubliche Theater, um in den allermeisten Fällen strunzdämliche Menschen in eine Gegend zu fliegen, in der sie sich kulturell so richtig daneben benehmen können und das auch tun.
Das Ganze zu einem Preis, der nicht im geringsten an die Umweltschäden gekoppelt ist, die durch den Flughafen, seinen Bau, seine Logistik und das steuerbefreite Kerosin entstehen, das auch von den heute als sparsam gepriesenen Fliegern tonnenweise im Minutentakt verbrannt wird. Nichts von alldem ist der Menschheit im Allgemeinen irgendwo nützlich.

Ein David Livingstone mag aus heutiger Sicht für manche ein mieser Vertreter des Imperialismus des weißen Mannes gewesen sein, aber wenigstens hat Mr Livingstone noch versucht, auf seinen Reisen was über das Land zu lernen und dieses Wissen mitzubringen, auch wenn seine Bewertungen natürlich aus wissenschaftlicher Sicht heutzutage mit Vorsicht zu genießen sind. Zumindest hat er die Landkarte der Welt erweitert.
Heutiger Massentourismus dient zu überhaupt nichts, außer einer stumpfsinnigen Masse von Arbeitnehmern ihren Teil von Brot und Spielen zu verpassen, damit die hinterher willig weiterarbeiten, denn irgendwoher muß das Geld für den nächsten Billigflug im Stehflieger ja kommen.

Aus einer eigentlich beeindruckenden Erfindung ist eine Art Perversion geworden, ein lächerlicher Affentanz, der nichts weiter nach sich zieht als massive Umweltbelastungen ohne Sinn und Verstand. Diese Umweltbelastung und ihr exponentielles Ansteigen sind überall zu finden.

Wo früher ein Postbote seine Arbeit verrichtete, der durchaus auch mal in der Lage war, ein Paket zu liefern und sich womöglich sogar noch kurz mit einem Kunden zu unterhalten, bestellen wir heute bis zur Bewußtlosigkeit Dinge im Internet.

Menschen sind gar nicht intelligent. Wir simulieren das nur.

Ich selbst hatte einmal das Vergnügen, Motoröl auszuliefern – an einen Herrn, der nicht einmal 250 Meter von zwei Tankstellen entfernt wohnte. Ein Kollege mußte morgens Autoreifen in seinen Wagen laden. Vogelsand, jede Menge Kleidung von der Socke bis zur Jacke – alle möglichen Dinge werden im Internet gekauft und, daran denken die wenigsten, in mehr als 50% aller Fälle auch wieder zurückgeschickt.
Menschen sparen sich 10 Cent beim Kauf von Motoröl, aber jemand muß es ihnen mit mit einem 2 Tonnen schweren, dieselgetriebenen Fahrzeug an die Tür bringen.
Abgesehen davon muß man dann ja auch daheim sein, um das Paket entgegenzunehmen, ansonsten gibt es Zettel im Briefkasten und eine Fahrt zur nächstgelegenen Poststelle mit dem eigenen Auto – und schon beschwert sich der Weltbürger des 21. Jahrhunderts wieder über miesen Service und kriegt vor Erreichen der Rente einen tödlichen Herzinfarkt. Da wäre man besser mal zur Tankstelle gelaufen.

Als jemand, der – wenn auch nur kurz – einmal die Hintergründe, oder besser, die Abgründe der Paketlogistik gesehen hat, kann ich Folgendes mit Sicherheit behaupten: Glauben Sie keinem Aufkleber, sei er von DHL, dpd, UPS oder sonst wem, der behauptet, irgendein Paket sei ,,CO2-neutral“ transportiert worden. Das ist eine schlichte Werbelüge für den ach so umweltbewußten Kunden.
Eine ganze Flotte Fahrzeuge ist heute ausschließlich damit beschäftigt, Dinge hin und her zu fahren, die mit Rückgaberecht im Internet bestellt worden sind. Das ist nicht umweltfreundlich, das ist idiotisch!

Wenn Sie wirklich umweltbewußt handeln möchten, setzen Sie sich zum Kauf ihrer verdammten Winterschuhe aufs Fahrrad, fahren in die Innenstadt und kaufen die Dinger im Laden!
Wahrscheinlich werden die dann immer noch von Kindern in Bangla Desh zusammengeklebt, aber wenigstens haben Sie mal einen ersten Schritt in die richtige Richtung gemacht. Nur weil man alles im Internet kaufen kann, muß man das nicht unbedingt tun.

Aus der grünen Revolution der 50er, die naiv annahm, man könne die Welt ernähren, wenn man nur genug Pestizide und Herbizide verwendet, ist ein Konglomerat aus internationalen Chemiekonzernen geworden, die immer noch tonnenweise ungetestete chemische Verbindungen auf die Menschheit loslassen. Frei nach dem Motto: ,,Wenn’s nichts nützt, verdienen wir trotzdem dran.“
Das weltweite Bienensterben ist beispielsweise wohl in direkter Verbindung mit diversen Chemikalien zu sehen, die unter anderem auch von deutschen Firmen gerne hergestellt und vertrieben werden, die sogenannten Neonicotinoide.
Statt aber dieses Zeug vehement vom Markt zu nehmen oder es politisch wegzuverbieten, werden auch hier jahrelange Prozesse um entgangene Gewinne geführt und vor Handelsgerichten wird rumgeweint, die Freiheit des Marktes sei gefährdet und überhaupt hätte ja noch niemand wirklich bewiesen, daß die Bienen gerade deswegen sterben. Das ist die gleiche Methode, mit der jahrzehntelang nicht bewiesen werden konnte, daß Rauchen womöglich etwas ungesund sein kann.

Die Gemeine Honigbiene, wissenschaftlich Apis mellifera, leistet nach verlässlichen Schätzungen übrigens landwirtschaftliche Arbeit im Wert von etwa 153 Milliarden Euro jährlich, allein für Deutschland etwa 2 Milliarden pro Jahr.
Von 100 Pflanzenarten, die mehr als 90% der Ernährung weltweit sicherstellen, werden etwa 71 von Bienen bestäubt. In Europa sind es allein 84% der Gemüsearten, das Umweltbundesamt bewertet das kleine Schwarminsekt als drittwichtigstes Nutztier nach Rindern und Schweinen.
Ich persönlich würde sie sogar als wichtigstes Nutztier betrachten, denn auf Rinder und Schweine könnte ich notfalls verzichten, auch wenn ich kein Vegetarier bin. Aber ich habe noch nie eine Kuh eine Pflanze bestäuben sehen und normalerweise fliegen auch keine Schweine über einer Sommerwiese rum. Aber nun ja, das Bundesumweltamt wird sich was dabei gedacht haben.

Die Tatsache bleibt bestehen, daß Bienen eine ökonomisch sehr wertvolle Arbeit verrichten, die wir nicht ersetzen könnten, und auch eine enorme ökologische Bedeutung haben. Ihr Aussterben – so seltsam das klingen mag – könnte sehr wohl eine existenzbedrohende Katastrophe für unsere globale Zivilisation sein.

Das ist ein Teil des Preises, den eine Gesellschaft für stets zunehmende Komplexifizierung und damit einhergehenden abnehmenden Ertrag in allen Bereichen zahlen muß: Die Gesellschaft wird in ihrer Struktur immer anfälliger, immer weniger widerstandsfähig. Je größer der Koloss wird, desto zerbrechlicher wird er auch.
Als die Dinosaurier die Welt beherrschten, schlug eines Tages ein riesiger Asteroid auf der Erde ein und vernichtete sowohl die Dinos als auch eine Menge anderen Lebens auf der Erde. Dieses Ereignis markierte den Beginn eines neuen geologischen Zeitalters.

Während die riesigen, dicken Reptilien starben, diese Herrscher der Welt, stahl ihnen ein kleines pelziges Etwas mit spitzer Nase die Zukunft. Ein Säugetier. Unser entferntester Vorfahre.
Während wir uns für die Krone der Schöpfung halten, für das wichtigste Lebewesen der Welt, haben wir in unserer abgrundtiefen Dummheit vergessen, daß die Welt immer noch größer ist als Homo Colossus und das sie das immer sein wird.

Während wir uns in den Errungenschaften unserer scheinbaren Intelligenz sonnen, kann schon das Aussterben eines kleinen Insekts uns an den Rand des Ruins bringen.

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5 thoughts on “Die Biene des Achilles

    1. Besten Dank 🙂

      Ja, meine Reichweite ist…sehr begrenzt bis jetzt 😀
      Aber ich schreibe trotzdem.

      Wenn es nur Joffe oder Luther wären. Mit den alten Männern in ihren rostigen Rüstungen des Kalten Krieges könnte ich leben.
      Hendryk M. Broders oder Jasper von Altenbockums sind die wahre Pest im deutschen Kopf und man sieht es jeden Tag. Wenn der Schirrmacher wüßte, was die FAZ heute schreibt, er würde als Zombieapokalypse für die Redaktion wiederauferstehen.

      Ginge es übrigens nach den Urkommunisten, müßten wir in Höhlen leben. Der real existierende Kommunismus war auch nicht weniger verwüstend als der Kapitalismus, er war dabei nur weniger effizient. Ich will nicht in die Höhle zurück. Aber entweder leben wir innerhalb natürlicher Grenzen oder die Natur wird uns da bald mal die Rechnung zuschicken – tut sie ja schon.

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  1. Schade, dass die Reichweite (noch) gering ist. Ich mache schon fleißig Werbung… mein Vater, großer Pispers-Fan seit Jahren, liest auch schon mit.

    Was ich mich hier und da frage: Gibt’s irgendwelche POSITIVEN Zukunftsaussichten, über die Du mal bloggen wirst? Etwa sowas wie basisdemokratische Aspekte an Bürgerinitiativen (nein, nicht Pegida…) und allgemein die gesteigerte Teilhabe vieler Bürger, zumindest was den lokalen/regionalen Horizont angeht? Mein Eindruck ist seit vielen Jahren, dass Leute sich eher zuständig, betroffen und angepisst fühlen, und sich dann auch eher engagieren, wenn etwas „in ihrem Hinterhof“ passiert – und dass dieses Engagement in den letzten vielleicht 10 Jahren massiv zugenommen hat. Vielleicht leidet die Berliner Ebene einfach an zu hohem Abstraktionsniveau der Themen?

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    1. Natürlich werde ich eines fernen Tages einmal auch über positive Aspekte berichten. Vielleicht 😉

      Nein, Scherz beiseite. Ich bin mir durchaus bewußt, daß sich da in den letzten Jahren einiges tut.
      Ich bin aber auch der festen Überzeugung, daß da noch viel mehr passieren muß, wenn wir – also quasi die Menschheit – die kommende Krise in irgendwie brauchbarer Form überstehen wollen.

      Ich schreibe hier aus (mindestens) 2 Gründen: Ich hoffe, damit vielleicht den einen oder anderen dazu zu bringen, sich lokal zu engagieren. Am besten noch für das Richtige, also nicht zwingend für den Ausbau der Hauptstraßen seiner Stadt.
      Denn viele Menschen, gerade in Deutschland, haben meiner Erfahrung nach noch gar nicht registriert, was da auf uns zukommt.

      Der zweite Grund ist simpel: All das hier soll sich mal in Gestalt eines Buches manifestieren. Das Blog ist mein offizielles Brainstorming, mein Anreiz, meine verrückten Gedanken auch mal auszuformulieren und daraus mehr zu machen.
      Ich bin dabei für Hilfe jederzeit dankbar 🙂

      Und – Ja, die politische Ebene hat da ein massives Problem mit der Wahrnehmung. Das ist wiederum teilweise strukturell bedingt, andererseits aber auch gewollt.
      Daraus ergibt sich wieder ein weiterer Aspekt des Gesamtproblems, sage ich mal. Ich werde das irgendwann noch aufgreifen 😉

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    2. Schade, dass die Reichweite (noch) gering ist. Ich mache schon fleißig Werbung… mein Vater, großer Pispers-Fan seit Jahren, liest auch schon mit.

      Ich freue mich außerordentlich. Ganz ehrlich.
      Ich wußte ja nicht, daß überhaupt jemand mitliest.
      Pispers ist übrigens ein ziemlich Guter, da hat Papa Geschmack. Ich empfehle Hagen Rether und Georg Schramm – auch sehr gut.

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