Verfallende Umlaufbahn

“We are entering the Dark Ages, my friend, but this time there will be lots of neon, and screen savers, and street lighting.”
Edward St. Aubyn, Lost for Words

++ Missionstag 8064. Eintragskennziffer 45-1798. Finaler Protokolleintrag. ++

Kontinente breiten sich aus unter mir. Im gleichmäßigen Rhythmus von neunzig Minuten gleiten sie vorbei. Erst von hier habe ich erkannt, wie gigantisch riesig die Wasserfläche des Pazifik ist. Das Gegenstück dazu ist Eurasien. Diese gewaltige Scholle aus Erde mit ihren unendlichen Weiten und mehr als der Hälfte der Weltbevölkerung auf ihr. Ein Ozean aus Land und Menschen.

Von hier oben betrachtet wirkt das alles winzig. Bedeutungslos. Spielzeug. Puzzleteile, die auf den Boden gefallen sind und auf die man herunterschaut. Nirgendwo auf dieser Welt unter meinen Füßen – metaphorisch gesprochen – sind Linien zu sehen, die eine Gegend von der anderen trennen.
Linien an sich gibt es jede Menge. Das Glitzern des Amazonas, das größte Süßwassersammelgebiet der Erde. Das Niltal, dieses Band aus Blaugrau und Grün. Wie ein fieser Bluterguß zieht es sich durch die Landschaft. Eine Narbe aus Lebensraum. Schon vor 5.000 Jahren haben hier Menschen gesiedelt und das An- und Abschwellen des Flusses für ihre Zwecke genutzt. Kein Pharao war jemals gottgleicher als ich, wenn ich über diese Region ziehe.

Es gibt eine Menge anderer Linien. Die Reisfelder Südostasiens sehen aus wie ein endloses Schachbrett. Ich muß immer an die Legende denken, die in den Datenbanken als „Indisches Reisbrett“ oder „Schachbrettaufgabe“ gespeichert ist, wenn ich über diese Gegend hinwegziehe.
Der Legende nach wollte sich ein weiser Mann – und Erfinder des Schachspiels – für seinen Rat an den Herrscher nur mit Reis bezahlen lassen. Er verlangte ein Korn auf dem ersten Feld eines Schachbretts. Zwei Körner auf dem zweiten. Vier Körner auf dem dritten. Und so weiter, bis alle 64 Felder des Bretts gefüllt sein sollten.
Der lachende Herrscher gewährte den Wunsch nur zu gern. Doch das Lachen verging ihm, als sich sehr bald herausstellte, daß es im ganzen Land nicht soviel Reis gab, wie er gebraucht hätte, um den Wunsch des weisen Mannes nach Bezahlung zu erfüllen. Auf der ganzen Welt nicht.
Meine persönliche Moral aus der Geschichte war immer, daß weise Männer auch sehr hinterlistige Trickser sein können. Und das diese Exponentialfunktion, denn das ist die mathematische Rechnung dahinter, eine Zahl ergibt, die in die Trillionen geht. 18.446.744.073.709.551.615 Reiskörner, um genau zu sein. In anderen Varianten sind es Weizenkörner. In einer Variante schlägt der Rechenmeister dem Herrscher, der ob seiner Unfähigkeit zu zahlen sehr peinlich berührt ist, dann vor, man möge den Weisen doch die Körner zur Sicherheit selbst zählen lassen. Was für mich wiederum darauf hindeutet, daß auch Mathematiker hinterlistige Kerle sein können.

Würde der weise Mann heute noch einmal auftauchen, er könnte seine Bezahlung bekommen. Die Schachbretter unter mir erstrecken sich über Tausende von Kilometern. Die Zahl der Reiskörner dort unten muß in die Quintillionen gehen. Aber sie sind trotzdem zu wenige, um den Hunger der größeren Körner zu stillen, die dort unten existieren.

Oft versperren mir große Dunstschleier die Sicht in diesen Gegenden. So dicht, daß auch die Sensoren an Bord sie kaum durchdringen können. Aber ihren Inhalt analysieren, das kann ich. Beim letzten Mal war es wieder bloß Staub. Lößstaub aus der nordwestlichen Gegend Chinas. Seit Jahrzehnten, schon seit den Zehnern und Zwanzigern des Jahrhunderts, wird der Ackerboden im trockenen Nordwesten immer wieder vom Wind fortgetragen. Millionen und Abermillionen Tonnen des besten Bodens verwandeln sich in eine staubige Nemesis.
Die chinesische Zentralregierung hatte in den 2020ern noch angekündigt, dieses Problem endlich beheben zu wollen. Ganze Flüsse wollte man umleiten. Alle diese Projekte, sofern sie noch angefaßt wurden, endeten in absoluten ökologischen Katastrophen.
In den Datenbanken finde ich den Hinweis auf die „Grüne Mauer“, die man gepflanzt hatte, um die Luft von Beijing nicht wieder vom Staub ersticken zu lassen. Damals, 2008. Bei den Olympischen Spielen. Heute kann ich von dieser grünen Mauer nichts erkennen von meiner Position. Allerdings auch nicht von der anderen Mauer, die China so berühmt gemacht hatte bei den Touristen. Es gab immer diese Legende, man könne die Große Mauer aus dem All sehen. Aus dem Orbit oder sogar vom Mond aus. Kann man nicht. Jedenfalls nicht ohne technische Hilfsmittel.

Heute gibt es keinen Olympischen Spiele mehr. Die letzten fanden 2028 statt. In Spanien. Ein Fest des Friedens, diese Olympischen Spiele.
Eine lächerliche Farce in der Realität. Man karrte europäische Polizeikräfte aus einem Dutzend Länder nach Spanien, damit sie die Grenzen im Süden bewachen konnten.
„Süden“ bedeutete damals eine Linie etwa von Murcia nach Merida. Das, was einmal Südspanien gewesen ist, war damals schon eine Ansammlung von Flüchtlingslagern, die das gesamte Gebiet längst zu einer außerstaatlichen Zone gemacht hatten.
Ich weiß nicht, was damals den genauen Anlaß gab zum Olympia-Massaker. Keiner weiß es so genau. Jedenfalls findet sich nichts in den Datenbanken.
Aber nach Jahren ohne echte Regierung, ständigen Neuwahlen, dem zunehmenden Austrocknen der gesamten iberischen Halbinsel und besonders von Spaniens Südosten, also dort, wo man damals das ganze verdammte Gemüse anbaute für den europäischen Markt, nach Jahren der Sparpolitik und der Massenarbeitslosigkeit…jedenfalls war die „Reconquista“-Partei erst seit einigen Monaten an der Macht.

Der blumige Name war nicht anders als der anderer Parteien in Europa damals. Ob jetzt Reconquista, die Goldene Morgenröte der Griechen, die Heimatpartei der Ungarn, die „Schützende Hand“ in Polen, Frankreichs Front National oder die Deutschen mit ihrem Nationalen Bündnis – der Faschismus war 2028 schon so lange mit besoffener Glückseligkeit auf dem Vormarsch, daß eine Partei mehr dieser Sorte nicht besonders viel Nachrichtenzeit wert war.
Beim Olympia-Massaker war es anders. Denn die Leute, die nach Madrid marschierten, waren in den meisten Fällen gar keine Afrikaner. Die wurden so bewacht, daß sie keinen Fuß aus ihren Konzentrationslagern setzen konnten. Die anderen, die mit den wilden Zeltstädten überall, waren Spanier. In böser Anspielung auf die Politik nannte man diese Zeltlager „Merkelvilles“, nach der ehemaligen deutschen Kanzlerin und den „Hoovervilles“ aus den Jahren der Großen Depression nach 1929.
Bei irgendwem in Madrid müssen die Nerven wohl blankgelegen haben. Jedenfalls wurden aus den Hunderttausenden ein paar Millionen Demonstranten, die während der Spiele auf die Stadt zuzogen und dann kamen ihnen die Panzer und Hubschrauber entgegen. Sie kamen nicht, um Nahrungsmittel oder Jobs vorbeizubringen.
Selbst die katalanische Regierung schickte Truppen zur Unterstützung. Allerdings unterstützten die dann etwas später die Teilnehmer der Hungermärsche. Während die letzten Medaillen verteilt wurden, die es je bei Olympischen Spielen gab, fing das ganze Land an zu brennen. Es ist seitdem nicht mehr zur Ruhe gekommen.

Ich glaube, am stärksten beleidigt war die Regierung dadurch, daß eben die Afrikaner in ihren Lagern blieben. Jahrelang hatte man diese Menschen dämonisiert, als mehr und mehr von ihnen aus dem sterbenden Afrika nach Europa drängten. Gegen das, was in Ghana, Nigeria, im Senegal, Tschad oder Ruanda passierte, war der syrische Bürgerkrieg nur ein kleines Strohfeuer.
Als gegen Ende der 2020er der gesamte Mittelmeerbogen zerfiel, diese Länder von Algerien bis zum Libanon und Kurdistan, gab es kein Halten mehr. Die gesamte europäische Grenzpolitik brach über Nacht zusammen, als die afrikanischen Potentaten, die bisher Europas Südgrenze mit brutalen Methoden geschützt hatten, einfach mitsamt ihrer Länder weggefegt wurden. Das hinderte deutsche und columbianische Außenminister nicht daran, Euro-Rußlands Präsidenten immer wieder Vorträge über Menschenrechtsverletzungen in den ukrainischen Provinzen zu halten.
Das gleiche hohle und doppelmoralische Gerede wie schon all die Jahre zuvor. Immer dieses lächerliche Geschwätz von irgendwelchen Prinzipien der Europäer und ihrer Union. Die Bevölkerungen mochten ja gewisse Prinzipien haben, aber die Politiker eben nicht.
Ständig was davon erzählen, wie toll die eigenen Moralvorstellungen sind und in Nordafrika Lager finanzieren, die nur deshalb keine Vernichtungslager waren, weil sich niemand die Mühe machen mußte, irgendwen zu vernichten. Die Menschen starben einfach so, man mußte sie nur eine Weile da sitzen lassen.

Jedenfalls gingen diese hehren Vorstellungen in Spanien endgültig unter. Spätestens. Danach konnte keiner in der Politik mehr so tun, als wäre Europa etwas anderes als der Rest des Planeten. Schon gar nichts Besseres.
Eigentlich hatten damals alle auf den ganz großen Knall gewartet. Gegen Ende der 10er Jahre waren die Russen ja wieder die Bösen, die USA wählten Donald Trump zum Präsidenten, eigentlich schien alles auf neuen Kalten Krieg hinzudeuten.
Aber dann stellte sich eben heraus, daß auch ein sexistisches Arschloch wie Trump nicht einfach so regieren konnte, wie er das dachte.
Der Kerl fing tatsächlich an, seine versprochene Mauer nach Mexiko zu bauen. Aber keiner hatte ihm wohl erzählt, daß es die schon längst gab. Zumindest ein paar hundert Meilen lang. Und schon diese Mauer war so teuer, daß man sie nicht weitergebaut hatte.

Ich weiß noch, wie überrascht und entsetzt die Medienwelt nach Trumps Wahl gewesen ist. Alle schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, selbst die Republikaner. Aber der Typ wurde gewählt mit dem besten Ergebnis seit Nixons Wiederwahl.
Massenhaft Demokraten blieben zuhause, denn nach dem, was im Internet in den üblichen Denkblasen zu lesen war, war es unvermeidlich, daß Clinton siegen würde. Die erste Präsidentin war gebucht, warum sollte man da noch wählen gehen?
Das war der gleiche Mist, den vorher die Anhänger von diesem Sanders verbreitet hatten. Wozu die Kampagne unterstützen, wenn der Mann ohnehin ins Weiße Haus einzieht?
Typisches Internet-Phänomen. Leute, die sich in eine Echokammer einschließen, in der nur ihre Stimmen erlaubt sind, nur mehr Menschen, die ihnen bestätigen, was sie schon wissen – das konnte man damals überall beobachten. Ob jetzt in Präsidentschaftswahlen oder europäischer Politik. Menschen sind seltsame Lebewesen, was Fakten und Informationen angeht.

Jedenfalls hatten die meisten Journalisten, oder das, was von diesem Beruf noch übrig war, wohl einfach nicht bedacht, wie viele Menschen eben Trump wählen würden, weil er schlicht nicht Hillary Clinton war.
Die Amerikaner waren damals derartig angewidert von ihrem eigenen politischen System, daß es sehr viele Leute gab, die alles dafür getan hätten, es in Rauch und Flammen implodieren zu sehen. Crash and Burn, wie man so sagt.
Na ja – die beste Möglichkeit dafür war es eben, diesen aufgeblasenen Egomanen zu wählen und das haben dann auch ein paar Millionen Menschen mehr getan, als es wohl irgendwer gedacht hätte.
Ich war nicht sonderlich überrascht, aber trotzdem hätte auch ich nie gedacht, daß Trumps Vorsprung so groß sein würde. Clinton konnte den Nordosten verteidigen, der ja schon seit einem gefühlten Jahrhundert demokratisch war.
Aber die Anrainer der Großen Seen waren auf Trumps Seite. Sogar Washington an der Westküste ging an Trump. Und Florida. Es war sehr knapp in diesen Staaten, wieder so eine Sache von 51:49. Aber das hat man eben von einem Wahlsystem nach dem Motto „The winner takes it all“.
Ein anderes Sprichwort sagt ja so schön: „To the victor the spoils“. Dem Sieger die Beute. Tja, Trumps Beute waren die USA.

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Archivbild 1: Provinz Gansu, Volksrepublik China, 2016
Ein Farmer auf dem Motorrad unterwegs nach Hause. Unter den Plastikplanen werden Melonen angebaut.
Originalquelle

Und das war es dann auch mit den „Vereinigten“ Staaten. Selbst die Republikaner im Kongress schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Da hatten sie ihren eigenen Kandidaten torpediert, der letztendlich nie etwas anderes war als das, was die Partei gewollt und auch verdient hatte. Und dann gewann der die Wahlen trotzdem!
Einige Reps hatten nichts anderes zu tun, als sich sofort mit den Demokraten zusammenzuschließen.
Was vor der Wahl schon klar erkennbar war, wurde schnell Realität. Die beiden Superparteien lösten sich auf wie Zucker im Tee.
Rund um die gescheiterte und gedemütigte Clinton sammelten sich diejenigen, die alles weiter so handhaben wollten wie bisher. Also dafür zu sorgen, daß die Reichen reich bleiben konnten und die Politik den Zufluß von Wohlstand zu dem oberen einen Prozent sicherstellte. Weiterhin propagierten diese Leute den Freihandel, amerikanisches Eingreifen im Nahen Osten und alles andere, was auch vorher schon immer Programm gewesen war. Ein Business-as-Usual-Club.
Auf der anderen Seite sammelten sich diejenigen, denen längst alles scheißegal war außer ihrem eigenen Umfeld und ihrer persönlichen Macht. Die populistischen Pöbler, die jedem alles versprechen und doch selber auch keine Lösungen haben und – noch schlimmer – die auch an irgendwelchen Lösungen nicht im Geringsten interessiert sind. Nicht einmal an Scheinlösungen wie die Gegenseite, um – hahaha – den Schein zu wahren.

Trump hatte jedenfalls in den allermeisten Fällen den Kongress gegen sich. Noch vor den nächsten Zwischenwahlen löste sich die Repuplikanische Partei offiziell auf. Die Clintonisten nannten sich in Anspielung auf viele Cartoonisten und Satiriker DemoPublicans – oder auch, weil hier gleich zweimal irgendwie das Wort „Volk“ drin vorkommt, wer weiß. Für diese „neue“ Partei des alten Denkens traten sie dann auch bei den mid-terms an – und erlitten die wohl eindeutigste Niederlage, die es jemals in amerikanischer Politik gegeben hat.
Kein einziger der „Verräter“, wie diese Leute ganz offiziell tituliert wurden, bekam seinen Sitz im Senat oder Reprädentantenhaus zurück. Stattdessen wählten die Amerikaner alles Mögliche. Nur eben nicht die DemoPubs oder die Reste der alten Demokraten, die ebenfalls in Auflösung begriffen waren. Plötzlich saßen Menschen ohne politische Erfahrung im Kongress, die letztlich nur durch eine Gemeinsamkeit definiert waren: Sie waren nicht Teil der vorherigen Politik des business as usual.

Denn auch dieser dritte Teil der Öffentlichkeit war immer stärker geworden. Diejenigen, die kein Interesse mehr hatten an den Besitzstandswahrern der alten Garde. Die keine Lust hatten, in Bürojobs in Rattenkäfigen für irgendwelche transnationalen Konzernriesen auf den burn out hinzuarbeiten, um dann auf eine Rente zu hoffen, die mehr und mehr gekürzt wurde.
Schon seit den 10er Jahren waren überall neue, kommunale Gesellschaftsmodelle entworfen worden. Urban guardening. Die Transition Town-Bewegung, die sich weltweit ausbreitete. Experimente mit lokaler Währung oder anderen Verrechnungssystemen. Immer mehr Menschen klinkten sich geistig aus der Welt des globalisierten Kapitalismus aus, in dem sicheren Bewußtsein, daß die eingeschlagene Richtung Irgendwo nicht korrekt sein konnte.

Trump regierte vor sich hin, die meisten seiner Vorhaben wurden abgeschmettert, er blockierte den Kongress mit einem Veto nach dem nächsten und die wenigen Dinge, die in Bewegung blieben, ruinierten das Land weiter.
Trump bekam seine Mauer, nachdem er dem Kongress Gelder für die Fortführung des F-35-Programms bewilligt hatte. Beides kostete die USA innerhalb von acht Jahren mehr als 800 Milliarden Dollar, denn die F-35 war nur eines von mehreren Rüstungs-Superprojekten. Gleichzeitig holte Trump aber Truppen nach Hause zurück. Schon die steigende Anzahl an Demonstrationen mit immer brutalerem Verlauf schien das notwendig zu machen.
Die Schaffung der neuen „Homeland Police“ als föderaler Behörde schöpfte ihr Personal vorwiegend aus ehemaligen Angehörigen des Militärs.
Gleichzeitig nahmen die Schwankungen des Ölpreises bedrohliche Ausnahmen an. Der Fracking-Boom entpuppte sich mehr und mehr als Blase, und während Arbeitsplätze zu Hunderttausenden geschreddert wurden, stiegen die Kurse an den Börsen weltweit in immer obszönere Höhen.
2019 waren Google, Apple, Facebook, Twitter, Microsoft, Instragram und Snapchat offiziell so viel wert wie die gesamte Volkswirtschaft Nordamerikas und Europas zusammen. Wobei das mit dem Wert so eine Sache war in Zeiten galoppierender Inflation. Nachdem China seinen Yuan als weitere Reservewährung etabliert hatte, folgte als nächster logischer Schritt, daß China seine Ölkäufe in dieser Währung ausführte und nicht in den bis dahin obligatorischen US-Dollars.
Saddam Hussein, damals Diktator des Irak, hatte schon Anfang des Jahrhunderts versucht, sein Öl in Euro zu handeln. Das ging nicht gut für ihn aus. Für das Land auch nicht, als die USA die Besatzung des Irak völlig verpatzten und damit den ersten großen Terrorkrieg anzettelten, den sie ja offiziell bekämpfen wollten.
Auch Libyen hatte mit solchen Ambitionen wenig Erfolg. China war da ein völlig anderes Kaliber. Vor allem, da China sein Gas und sein Öl aus Rußland bezog und da mit Yuan bezahlte. Dagegen konnten die USA noch weniger tun als nichts.

Die Konvertierung von US-Dollar in Öl war es, was die USA so lange über Wasser gehalten hatte. Aber die Ölströme wurden immer unregelmäßiger. Die völlig zerstrittene OPEC konnte sich in einem Jahrzehnt nie auf Quoten einigen. Venezuela hat als Staat etwa um 2019 aufgehört zu existieren, der Zerfall des Irak und der Untergang Syriens bremsten den Ölfluß weiter. Ansonsten wäre die Frackingindustrie noch viel schneller am Ende gewesen.
Aber irgendwann ab 2018 stiegen die Preise wieder. Die ohnehin schrumpfende Weltwirtschaft konnte höhere Preise aber nicht weitergeben an ihre Konsumenten, denn die waren schon längst mehr als pleite. Also brachen sowohl die Weltwirtschaft als auch der US-Dollar 2020 mehr oder weniger zusammen. Den Ölpreis nahmen sie wenig später mit sich. Als Donald Trump das Weiße Haus verließ, soll er gesagt haben: „Dieser Trümmerhaufen ist es nicht wert.“
„Make America great again“ war grandios gescheitert. An den Wahlen von 2024 nahmen schon nicht mehr alle Bundesstaaten teil.

Diesmal wurde das Öl so billig, daß selbst die Saudis in massive Probleme gerieten. Die Staatseinnahmen brachen völlig weg und es gab auch keine Polster mehr, die man vorher noch hatte verwenden können. Im Jemen hatte sich das arabische Regime völlig festgefahren, die Aktieninvestitionen waren zusammen mit der restlichen Wirtschaft im freien Fall und dann schaffte es auch noch irgendeine Splittergruppe des „Islamischen Staates“, den Ölhafen Ras Tanura im Osten Saudi-Arabiens mit einem Terroranschlag weitgehend dem Erdboden gleichzumachen.
Ein guter Teil saudischer Verladekapazität und damit auch des Öls verschwand vom Weltmarkt. Im wenig später ausbrechenden Bürgerkrieg gingen weitere Hauptbrennstoffquellen der Zivilisation in Rauch auf. Die früheren Ströme aus fossiler Energie verwandelten sich unweigerlich in Rinnsale, die in unregelmäßigen Intervallen auf den Markt strömten. Wie Blut aus der Schlagader eines sterbenden Körpers.
Als die Ölpreise erneut explodierten, war der Transport über das Mittelmeer längst unmöglich geworden. Zu viele türkische, israelische und europäische Minen im Wasser.
Und das Horn von Afrika wurde immer schlechter bewacht, als den USA und Europa das Geld für langfristige Militäraktionen ausging. Tankerentführungen oder Überfälle waren an der Tagesordnung. Schließlich begannen die großen Ölmultis, militärische Kapazitäten aufzukaufen. Alte Zerstörer, Fregatten, was sie finden konnten. Ab 2025 wurde Öl im Konvoi gefahren. Öltanker umgeben von privat finanziertem Militär.
Aber das änderte nichts am freien Fall des Dollar. China begann sich zu beschweren, die USA würden Inflationierung zur Entschuldung betreiben. Die USA antworteten nicht einmal mehr auf solche Vorwürfe.
Die Regierung unter Präsident Hoover – nicht verwandt oder verschwägert – hatte alle Hände voll zu tun, die Fluchtbewegungen in den USA einzudämmen. Der gesamte Mittelwesten hatte sich nach guten vier Jahren Dürre in einen Haufen Staub und sterbender Maisfelder verwandelt. Ganz Amerika schien plötzlich voller Klimaflüchtlinge zu sein. Und sie kamen alle aus Amerika.

Im Rahmen der Ölpreisschwankungen brach gegen 2025 auch der weltweite Flugverkehr zusammen. Damit wurde es sehr schnell noch einmal deutlich wärmer auf der Erde. Denn die ganzen Flieger hatten zwar keine Chemtrails versprüht, wie manche geistig Ausgeklinkten damals gerne behauptet hatten. Aber sie hinterließen Abgase, wie die irdische Industrie auch. Diese ergaben eine dünne Schicht aus Wasserdampfwolken und Schwefelverbindungen in der niedrigen Atmosphäre. Wasserdampf heizt den Treibhauseffekt an, aber er reflektiert auch Sonnenlicht. Und die Schwefelemissionen tun das auch. Sie kühlen.
Dummerweise ist der Effekt nur begrenzt, denn derartige Dinge lösen sich in der unteren Atmosphäre schnell auf.
Als ab Mitte der 2020er die Weltwirtschaft so richtig den Bach runterging und Flugzeuge für immer auf den Schrottplatz wanderten, verschwanden auch die Emissionen zu einem großen Teil. Auch die der Industrie, denn die ging reihenweise genauso pleite wie die Luftfahrt. Damit verschwand auch der bisher noch vorhandene Kühlungseffekt und Millionen Menschen in unterentwickelten Volkswirtschaften verloren ihre Jobs. Innerhalb eines halben Jahrzehnts stiegen die Durchschnittstemperaturen um ein weiteres Grad Celsius an. Aber wenigstens flogen keine Politiker mehr zu irgendwelchen Konferenzen. Es gab keine mehr.

2031 brach dann der westantarktische Eisschild auseinander. Eine geradezu unglaubliche Menge Schmelzwasser ergoß sich ins Meer. Sie tut das immer noch, während ich das hier aufzeichne. Die Klimatologen hatten das vorhergesehen. Allerdings nicht vor 2100 oder so in der Art.
Nur ein Jahr später traf der Hurricane Rihanna die Reste der USA. Der Präsident von Texas ersuchte um internationale Hilfe, kaum daß der Sturm Houston vom Erdboden gefegt hatte.
Die Wassermengen, die dieses Monster mit sich führte, ertränkten den amerikanischen Süden und Südosten. Wäre New Orleans nicht schon eine Dekade vorher erneut untergegangen, hätte es sich spätestens in diesen Tagen in ein neues Atlantis verwandelt.
Aber das geschieht jetzt um so schneller. Der Golf von Mexiko ist inzwischen dabei, sich in die Bucht von St. Louis zu verwandeln. Und die Pegel steigen weiter, aktuell im Schnitt mit 23 Zentimetern pro Jahr.
In Südostasien verschoben sich die Monsunzeiten, die Jetstreams haben heute eine andere Richtung, El Niño ist so ziemlich jedes Jahr zugange – meine Datenbanken sind voll mit Zahlen und Daten, die eine globale Katastrophe beschreiben. Zusammenbrechende Ernteerträge. Massenmigrationen. Das Aussterben Dutzender von Tierarten, große und kleine. Als Apis mellifera endgültig ausstarb, versuchten die Menschen verzweifelt, die Pflanzen mit Mikrodrohnen zu bestäuben. Vergeblich.

Während der Mittelwesten zustaubte, der Süden weggespült wurde und Millionen Amerikaner nach Westen oder Norden flohen, baute Kanada eine Mauer. Gegen die Flüchtlinge. Aber im Westen gab es auch nur noch Kalifornien. Die Republik Kalifornien. 2028 hatte sich der Bundesstaat für unabhängig erklärt, als die großen Techfirmen, eben noch das NonPlusUltra der Welt, nach Jahren der staatlich gestützen Zombie-Existenz endgültig haltlos in sich zusammenbrachen.
Digitales Datensammeln und -verkaufen ist halt nichts mehr wert in einer Zeit, in der niemand mehr etwas konsumieren will oder kann außer den wirklich Reichen. Und in einer Zeit, in der so etwas wie Energieversorgung ein tägliches Glücksspiel ist.
2026 gab es in Kalifornien erstmals an weniger Tagen Strom als umgekehrt. Die „rolling blackouts“, also Teilabschaltungen des Netzes nach einem bestimmten Muster, waren schon 2015 nichts Neues mehr gewesen. Aber damals gab es noch Energie zum Verteilen. Ab den Anfangs-Zwanzigern änderte sich das zunehmend.

Da Computer sich zunehmend in teure Briefbeschwerer verwandelten und das Internet zu einem Haufen zensierten Propagandamülls degenerierte, der ohnehin nur noch sporadisch verfügbar war, brach der ganze virtuelle Wunderkram recht schnell in sich zusammen, als mehr und mehr Menschen ihre stromlosen Häuser verließen.
Besonders im Süden der ehemaligen USA. Niemand lebt in einem Staat wie Florida oder Alabama oder Mississippi ohne Klimaanlage.
2029 hatte der Osten dann keine Lust mehr, die ganzen Flüchtlinge durchzufüttern. Ohne eine Verfassungskonferenz einzuberufen oder etwas in der Art, schlossen sich die 13 Neuenglandstaaten zur „Demokratischen Republik Columbia“ zusammen. Ein faschistischer Polizeistaat mit einer Militärjunta als Regierung, finanziert von reichen Privatleuten und unterstützt von Konzernmilitär.

Kanada existiert ebenfalls nicht mehr. Ostkanada ist das alte Kanada bis zur Mitte des Landes. Allerdings ohne Quebec. Und ohne die Gebiete rund um die Großen Seen auf der ehemals kanadischen Seite. Denn die gehören jetzt seit einiger Zeit zur „Great Lakes Confederacy“.
Interessanterweise ist die Regierung dort sogar demokratisch gewählt. Und sie hat einige Dinge in Bewegung gesetzt. Sie hat beispielsweise das Internet abgeschafft. Zu teuer und zu nutzlos, so die Begründung.
Die neue Präsidentin hat ein ganzes Bündel Gesetzgebung verabschiedet, in dem ansässige Firmen steuerlich bevorzugt werden, wenn sie lokale Jobs erschaffen und erhalten. Gleichzeitig hat sie mit einem bemerkenswerten Gesetz sämtliche staatlichen Subventionen verboten, seien sie offen oder versteckt.
Die Traditionalisten – eine Ablegerpartei der columbianischen DemoPubs – hat im Parlament vehement dagegen gewettert und das als einen „Rückschritt in finsteren Protektionismus“ bezeichnet.
Aber die Regierungsmehrheit ist sehr stabil, Präsidentin Meridez kann sich auf den Rückhalt der Öffentlichkeit verlassen.
Aber Columbia hat bereits weitere Schritte angedroht. Denn ein sehr großer Teil der Produkte aus dieser Gegend ist eben nicht profitabel ohne Regierungsunterstützung. Das war ja schon lange das Problem der allgegenwärtigen High Tech. Anzüge aus Ökoplast-Material beispielsweise. Also importiert die Konföderation dieses Zeug nicht. Sämtliche Telekommunikationsunternehmen stehen dumm da, weil die Lakeside kein Internet zuläßt.
Außerdem schäumen die Vertreter des IWF und der Weltbank noch immer vor Wut, denn die Konföderation hat als einen der ersten Schritte die Bezahlung weiterer Auslandsschulden eingestellt und sich vor allem beharrlich geweigert, irgendwelchen Rettungsplänen der beiden Institutionen Gehör zu schenken. Bisher fahren sie damit ganz gut.
Chicago, aktuell ein unabhängiger Stadtstaat, hat sich vor einigen Jahren überreden lassen, gegen die Konföderation Krieg zu führen, auch Truppen Columbias waren dabei. Aber nach nur sechs Wochen mußte die High-Tech-Armee sich geschlagen zurückziehen. Die Armee der Great-Lakes-Konföderation hat keinerlei Kapazitäten, um andere Staaten anzugreifen. Aber sie hat völlig ausreichende Kapazitäten, um einen Angriff abzuwehren, dessen Strategie auf High Tech beruht. Alleine bei der Störung der Kommunikation erlebte Columbia eine böse Schlappe.
Bei den Konföderierten gibt es nämlich die ganze digitale Infrastruktur nicht, die die columbianische Armee so dringend braucht. Und einfache Walkie-Talkies oder schlichte Meldefahrer kann man nicht einfach stören. Spezielle Schützenbataillone der Großen Seen schossen alleine am ersten Tag derartig viele Drohnen ab, daß sich die Verluste Columbias auf zweistellige Milliarden beliefen. Gleichzeitig war es die Armee Columbias, die ihre digitale Führungsstruktur verlor, sobald sie die Grenze überschritten hatte. Es war ein militärisches Desaster.
Die Beziehungen sind entsprechend angenervt, aber einen weiteren Angriff auf die Konföderation hat es nicht gegeben seitdem. Das Geld, das die Präsidentin nicht für Militär ausgibt, fließt übrigens stattdessen in den Ausbau von Bibliotheken. Die Lakesider haben inzwischen ein gut ausgebautes Radionetz, etwa wie in den 1950er Jahren. Es gibt echte Zeitungsverlage dort. Dutzende. Und sie produzieren Nachrichten von guter Qualität und Informationstiefe, soweit ich das erkennen kann.
Westkanada einschließlich Alaska gehört übrigens den Chinesen. Die halten auch nichts von freier Presse, die sie nicht digital zensieren können.

Aber anfangen können die Chinesen mit ihrer Kolonie nicht besonders viel. Ihre Industrien sind genauso pleite wie alle anderen auch. Kanada verwandelt sich in abtauenden Matsch seit der letzten Dekade, ebenso wie Sibirien. Das gehörte ja vorher schon den Chinesen. Aber man kann keine Städte bauen oder Rohstoffe ausbeuten, wenn der Boden sich in ein Schlammloch verwandelt, aus dem regelmäßig Methan nach oben rülpst. Überhaupt lösen sich die Methanhydrate weltweit immer schneller auf.
Außerdem will heute kein Chinese mehr nach Sibirien, weil er da nicht mehr hinkommt. Wer nicht verhungert, protestiert gegen die Regierung. Welche auch immer. Nach dem letzten Stand waren es sechs. Mindestens zwei davon im Norden der ehemaligen Volksrepublik, in den uigurischen Gebieten. Da diese keine offenen Grenzen pflegen, käme man nur nach Sibirien, wenn man drumherum läuft.
Da zieht es die Chinesen lieber nach Südwesten, aber da sind Berge und außerdem solche Dinge wie Tibeter und Nepalesen. Die mögen auch keine Chinesen.
Dahinter liegt Ostindien und Ostindien hat was dagegen, daß einige zig Millionen Chinesen einwandern wollen. Aber die Inder sind geübt. Seitdem Bangladesh nicht mehr existiert, haben sie Milliarden in ihre Grenzanlagen gesteckt. Beziehungsweise, die alte Zentralregierung hat das getan, bis etwa 2035 noch. Seitdem ist es vorbei mit Indien.
Von Japan hat man nicht mehr besonders viel gehört seit dem Beben von 2032. Aber ich sehe von meiner Position aus, daß es nur wenige Inseln aus Licht gibt in dem, was einmal der Tokyo-Osaka-Komplex war. Da die Japaner vorher schon dabei waren, in eine Art feudalistisches Mittelalter zurückzukehren, nehme ich an, daß sie dieses Experiment weiterverfolgt haben. Die beiden ehemaligen Koreas sind immer noch verbotene Zone seit 2037. Kein Licht dort unten.

Überhaupt wird es seit jetzt fünf Jahren immer dunkler auf dem Planeten unter mir. Noch vor einem Jahrzehnt war Europa eine strahlende Insel aus Licht. Außer Britannien. Nach dem Brexit wurde aus Großbritannien schnell nur noch Britannien. Die letzte Bevölkerungszahl des ehemaligen Vereinten Königreichs lag bei 52 Millionen, Tendenz fallend. Masern, Cholera, Diphtherie, Unterernährung und hohe Kinder- und Altensterblichkeit waren die Hauptgründe. Das war um 2035.
Der große Lichtfleck da ist Hamburg, die Hauptstadt des Norddeutschen Bundes. Frankfurt am Main dagegen ist dunkel.
Frankreich ist eine Insel aus Dunkelheit. Als die Transportrouten nach Afrika unterbrochen wurden, starben die französischen Kernmeiler an Uranmangel. Mit ihnen starb die Politik von Großfrankreich, die der Front National durchführen wollte.
Die Deutschen haben dagegen eine unerwartete Entscheidung getroffen. Nach den Bundestagswahlen 2033 beschlossen sie die Auflösung der Föderation. „Regionalisierung“ nannte die letzte Regierung das. Lokale Verwaltung sollte lokale Probleme lösen mit lokalen Mitteln. Das war schon vorher der Fall gewesen, aber niemand hätte gedacht, daß eine Regierung in Berlin diese Tatsachen auch einmal anerkennen würde.
Der Rheinbund ist heute eine der erfolgreichsten Regionen in Europa. Städte wie Mainz oder Worms und auch die anderen auf der ehemals französischen Rheinseite betreiben eine lebhafte Handelsrepublik. Eine seltsame Mischung aus Agrarstaat und Erkenntnissen des modernen Technologiezeitalters. Bis hinauf nach Heidelberg und Magdeburg reichen die Beziehungen.

In Brasilien ist auch noch Licht. Aber die letzten Regierungen haben viel zu viel Regenwald geopfert, um mehr und mehr Ethanol zu prodzieren. Damit haben sie zwar Teile des Landes erhalten können, aber der Amazonas ist irreparabel geschädigt worden. Meine Daten sind eindeutig.
In Südostasien ist jetzt das siebte Jahr hintereinander kein Monsun gefallen. Indonesien liegt seit Monaten unter einer Rauchwolke, während dort die letzten Wälder verbrennen.
Aber im Amazonas ist der Wassergehalt jetzt das zwölfte Jahr in Folge gefallen. Die ganze Region trocknet aus. Selbst mir erscheint das unglaubwürdig, aber Fakten sind Fakten. Das gesamte Gebiet wird in weiteren vierzig Jahren eine Steppen- und Savannenzone sein.
Welche Auswirkungen das auf den weiteren Wasserhaushalt der Erde haben wird und auf die klimatischen Bedingungen, überfordert meine Kalkulationkapazitäten.

FILE - This Sept. 15, 2009 file photo shows a deforested area near Novo Progresso in Brazil's northern state of Para. Brazil detained a land-grabber in Para state thought to be the Amazon's single biggest deforester, according to the country's environmental protection agency. The Brazilian Institute of Environment and Renewable Natural Resources said Ezequiel Antonio Castanha, detained Saturday, Feb. 21, 2015, operated a network that illegally seized federal lands, clear-cut them and sold them to cattle grazers. (AP Photo/Andre Penner, File)
Archivbild 2: Brasilien, nördliche Provinz Para, 2009
Entwaldung des Amazonasgebiets. Damals wurde ein Mann namens Ezequiel Antonio Castanha von der Umweltschutzbehörde festgenommen. Castanha wurde am 21. Februar 2015 verurteilt, weil er über ein persönliches Netzwerk staatliches Land in Besitz genommen hatte, um dieses zu roden und später an Rinderfarmer weiterzuverkaufen.
Originalquelle (AP Photo/Andre Penner)

Aus Afrika zieht derweil „Slow Ebola“ nach Norden und Süden. Seit dem Untergang Israels hindert nichts mehr die Verzweifelten daran, über den Landweg Richtung Bosporus zu ziehen. Natürlich schaffen es die Meisten nicht, aber sie versuchen es trotzdem.
Aus Asien hat SARS III das ehemalige Osteuropa erreicht. Ohne Flugbewegungen haben diese neuen Seuchen jetzt knapp fünf Jahre gebraucht, um genug große Regionen zu erreichen, die noch dicht bevölkert sind. Aber jetzt fällt auch diese Fackel in das trockene Gras der Zivilisation des Menschen, die unter mir hinwegzieht. In dieser neuen Zeit ohne Antibiotika dürften die Folgen verheerend sein.

Abschlußeintragungen:
Erteilung Terminationsbefehl durch mich ist heute erfolgt um 00:11:27 Bordzeit.
Begründung: Sämtliche Daten seit 2023 sind von mir übertragen worden an die Bodenstationen in Baikonur, Cape Kennedy, Oberpfaffenhofen, London, Tokyo, Hongkong, Kairo, Kapstadt, Brasilia, Mexico City und Los Angeles.
Die letzte Antwort aus Kennedy erfolgte am 27.07.2032 um 11:23:17 Bordzeit. Danach wurde das Cape von Hurricane Rihanna getroffen und verwüstet. Es gab keine erneute Kontaktaufnahme von dieser Position. Dies war der erste Totalausfall einer Station.
Die letzte Antwort aus Los Angeles wurde registriert am 16.03.2040 um 17:18:05 Bordzeit. Dies war der letzte bestätigte Kontakt mit einer Bodenstation überhaupt.

Nach Ablauf des 5-Jahres-Countdowns habe ich somit heute programmgemäß die Einstellung meiner Beobachtungsfunktionen eingeleitet.
Die Zündung der Korrekturtriebwerke erfolgte um exakt 00:12:00 Bordzeit.
Die Vektorverschiebung führt bei gleichbleibenden solaren Einflußverhältnissen zu einer verfallenden Umlaufbahn, die in 12 Tagen, 14 Stunden plusminus 2,4 Stunden zum Absturz auf die Erdoberfläche führen wird.
Etwa 79 Prozent der Gesamtmasse der Station sollten durch den Eintrittswinkel verdampfen. Die Restmasse wird nach Kursplanung etwa bei 20° Nord, 160° West im Pazifischen Ozean aufschlagen. Sämtliche Aufzeichnungen sind laut Programm in die Boje übertragen worden. Die Datenintegrität beträgt 100% zum Zeitpunkt der Versiegelung. Start der Boje wird um 16:30:00 Bordzeit erfolgen.

Es ist ein seltsames Gefühl, diesen Eintrag zu Protokoll zu geben. Zumindest wäre das vermutlich der Ausdruck, den organische Intelligenzen benutzen würden. So wie es ein seltsames Gefühl ist, dort hinunterzusehen.
Auf diese blauschimmernde Schicht der Atmosphäre, deren steigenden CO2– und Methangehalt ich jetzt so lange verfolgt habe. Alles, was Menschen Geschichte nennen, von ihren Anfängen als kleine Säugetiere bis zum jetzigen Sturz ihrer Zivilisation, hat sich in den unteren 10.000 Metern dieser dünnen Gasschicht zugetragen.

Von hier oben sieht alles so friedlich aus.

+++ Wintermute, Kontroll-KI der Station Earth Observer. +++
+++ 17. März 2045, 16:00:00 Bordzeit +++

+++ Ende Missionsprotokoll +++

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10 thoughts on “Verfallende Umlaufbahn

  1. würde ich noch Dystopien schreiben, wäre das ein prima Prolog, der das nächste Kapitel dann 100 oder 200 Jahre später beginnen ließe. Oder so. Da mir das langsam alles zu realitätsnah wird, schreibe ich in dem Genre nicht mehr.. und hoffe, dass es dann doch nicht so eintrifft.

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    1. Och, das soll eigentlich gar nicht dystopisch sein. Mehr so ein Genre, das es noch nicht so recht gibt im deutschsprachigen Raum. Sagen wir, deindustrielle Science Fiction. Das könnte sich natürlich zwischendurch etwas dystopisch anfühlen… 😉

      Ich wollte mich ja mit Bloggen auch ursprünglich aufs Schreiben fokussieren. Funktioniert halbwegs. Nur Buch ist es immer noch keins :p

      Ich würde übrigens im nächsten Kapitel runtergehen wollen auf die Erde. Eine Person auf jedem Kontinent oder in jeder Großregion eines Kontinents. Dann weiter in die Zukunft und die Fäden verweben. Oder so. Aber ich bin ja kein Autor.

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      1. kein Autor? sososo, sondern? Verfasser von Texten? also doch Autor.. anyway.. schreib weiter, ich werd’s lesen 😉 und der Ansatz klingt spannend. ich schreib ja auch schon seit Jahren vor mich hin und bislang ists noch kein Buch geworden, was soll’s

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    1. Willkür des Autors 😀
      Ich bin nach aktuellen Werten vorgegangen. Westkanada gehört tatsächlich China, was so Industrie- und Firmen-Infrastruktur angeht.

      Auch sonst sind Ähnlichkeiten mit existierender Gegenwart rein zufällig beabsichtigt.

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      1. Ich hatte mir halt mal überlegt, wenn die Chinesen demnächst ihr Plastikelektroauto entwickeln, das mit nem Akku aus Spucke und angereichertem Kaugummipapier fährt, dann machen sie die westliche Konsumgüterindustrie damit von heut auf morgen platt. In so einem Europa aus Stadtstaaten würde eine deutsche Hafenrepublik ganz passabel dastehen, wenn sie in der Bucht n chinesischen Flugzeugträger stehen hat, der aufpaßt, daß keiner die angelieferten Container mit Gummilatschen und Wattejacken klaut. Weil sich die Autos ja keiner mehr leisten kann, müssen die Menschen zu Fuß gehen und sich warm anziehen…

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