Hiobs Botschafter

Ich darf mich nicht fürchten.
Die Angst tötet das Bewußtsein.
Die Angst ist der kleine Tod, der völlige Auslöschung bringt.
Ich werde ihr ins Gesicht sehen.
Sie soll über mich hinweggehen und mich völlig durchdringen.
Und wenn sie vorübergezogen ist, wird
mein inneres Auge ihrem Pfad folgen.
Wo die Angst gewesen ist, wird nichts zurückbleiben.
Nichts außer mir.

Frank Herbert: Litanei gegen die Furcht, Dune
(eigene Übersetzung)

In Frankreich wird die ehemalige Finanzministerin, Christine Lagarde, inzwischen Chefin des Internationalen Währungsfonds, von einem Gericht schuldig gesprochen. Sie hat es in der Finanzkrise ermöglicht, daß ein französischer Industrieller seinen Schadensersatzanspruch gegen Frankreich vor einem Schiedsgericht durchsetzte. Den französischen Steuerzahler kostete das 400 Millionen Euro. Frau Lagarde unternahm nichts, um dieses Urteil anzufechten. Fahrlässig, wie das Gericht urteilte.
Den Kollegen im IWF ist das egal. Demonstrativ stellte man sich hinter die Chefin. Die ist jetzt schuldig, wird aber vom Gericht nicht verurteilt. Wegen ihrer „Persönlichkeit“. Gleiches Recht für alle. Der Ausnahmezustand im Land dauert derweil weiter an. Und das wird er auch weiterhin tun, da bin ich mir sicher.

In Ankara wird der russische Botschafter erschossen. Das ehemalige Hamburger Nachrichtenmagazin schreibt daraufhin in einer Schlagzeile: „Rußland spricht nach Attentat auf Botschafter von „Terror“
Seltsames Gefühl überkommt mich. Plötzlich ist es kein Terror mehr, wenn eine Regierung das sagt und die Tat den Definitionen von „Terror“ entspricht? Es wird nur „so genannt“?

Interessante Sache. Die sogenannte Sauerland-Gruppe?
Wird bis heute als Beispiel für Terrorismus angeführt. Eine Bande läppischer Bombenbastler, die nichts gemacht hätten, außer ihren eigenen Kopf im Hühnerstall wegzusprengen. Wenn, ja wenn da nicht dieser ominöse Typ vom Staatsschutz oder Verfassungsschutz gewesen wäre. So ein verdeckter Anstifter, dessen Gehalt vom deutschen Steuerzahler finanziert wird. Denn der hat diese armseligen Typen erst dazu gebracht, mal was auszuprobieren. Alles harmlos, schon klar. War ja staatlich. Was war mit dem Typen, der vor einer Weile im Vorfeld des Frankfurter Radrennens alles in die Luft sprengen wollte und der nicht einer Kamera oder einem cleveren Ermittler ins Netz ging, sondern einer aufmerksamen Kassiererin im Baumarkt?
Auch da stand der kleine Thomas vor den Kameras und sprach mit ernster Miene von verhindertem Terror und wollte weinen, weil er den Ausnahmezustand nicht verhängen durfte. Im Prozeß wird dem Superterroristen eine „schwere staatsgefährdende Straftat“ vorgeworfen. Was schon deshalb medialer Unsinn ist, weil es ja zu gar keiner Tat kam. Allenfalls wird man ihm den Versuch vorgeworfen haben. Ins Gefängnis muß der Mann am Ende doch, wegen Verstoßes gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz.

Und was ist eigentlich mit diesen faschistischen NSU-Typen, denen jetzt seit geraumer Zeit der nicht gerade kurze Prozeß gemacht wird in München?
Dieser Prozeß, in dessen Verlauf bergeweise Akten geschreddert worden sind beim thüringischen Verfassungsschutz?
Der Prozeß, in dessen Verlauf bereits fünf Zeugen mit ihrem vorzeitigen Ableben einige Fragen aufwerfen?
Die Ermordung von Blumenhändlern ist fremdenfeindlicher Terror. Aber wenn die Täter womöglich jahrelang nur dank massiver geheimdienstlicher Hilfe morden konnten, ist das kein Terror, sondern geheim? Zum Schutz des Staates?
In einem Prozeß, bei dem man im Vorfeld schon über die grobe Schlamperei der Spurensicherung erstaunt sein könnte, die einen Wohnwagen, in dem sich die beiden Hauptverdächtigen Böhnhardt und Mundlos erschossen haben sollen, einfach erst mal auf den Haken nimmt und durch die halbe Stadt schleppt, ist bisher nichts beantwortet. Kein Justizminister oder Innenminister sagt etwas dazu. Kein Generalbundesanwalt übernimmt hier. Im Film meckern die Spurensicherer schon immer, wenn einer mit Straßenschuhen ins Wohnzimmer latschen will.

Sonst ist aber alles Terror. Der Typ bei Würzburg im Zug war Terror. Der Typ in München mit den neun Toten war irgendwie kein Terror. Sagen zumindest die alten Rechtsradikalen, die Neuen Rechten und die AfD. Indem sie dazu gar nichts gesagt haben. Jedenfalls nicht mehr nach dem üblichen Rumgebrülle am Anfang. Denn im Verlaufe der Ermittlungen stellte sich heraus, daß der Täter wohl aus dem Ausland stammt. Aber er war schon lange hier. Und außerdem war er ein mieser Fremdenhasser. Ein Typ, der in das Schema „Faschist“ gut reingepaßt hat. Das kriegen die Rechten in Deutschland dann nicht auf die Kette, denn um ein echter Nazi zu sein, muß man natürlich hier in diesem Land geboren werden.

Zwischendurch wird vor der US-Botschaft in Ankara geschossen. Zum Glück nur davor. Der entsprechende Schießer wird verhaftet, die Botschaft geschlossen. Rußland schickt derweil Ermittler nach Ankara. Irgendwie kommt bei mir ein gewisses Sarajevo-Gefühl auf in diesen Momenten.

In Berlin fährt ein Mann mit einem Laster in einen Weihnachtsmarkt. Erst will keiner von einem Anschlag sprechen. Dann ist es plötzlich doch einer, als sich herausstellt, daß der mutmaßliche Täter wohl aus Pakistan nach Deutschland geflüchtet ist.*
Ich überlege, ob ich jemanden anrufen sollte, der womöglich gerade in Berlin über Weihnachtsmärkte bummelt. Ich mache mir Sorgen. Es drängt mich nachzufragen, ob alles in Ordnung ist. Aber ich verkneife es mir schließlich. Welchem Zweck wäre damit gedient?
Ein Typ auf der Innenministerkonferenz spricht davon, daß wir uns im Krieg befinden. Es ist der Innenminister des überaus wichtigen Saarlandes, Klaus Bouillon. Mit „wir“ meint er Deutschland. Außerdem will er die Polizei hochrüsten. Das ist prima, in den USA hat das auch geholfen.
Thomas de Maiziére tritt vor die Kameras und ist total unglücklich in der Nacht des Weihnachtsmarktes. Nicht wegen der 12 Toten und den Dutzenden Verletzten.
Nein, Thomas guckt unglücklich, weil er schon wieder nicht sofort den Ausnahmezustand verhängen darf. Denn das hätte der deutsche Innenminister so gerne zu Weihnachten geschenkt bekommen. Aber glücklicherweise kriegen die bösen Jungs ja nichts.

Dann ist da noch die AfD. Kaum war der Lastwagen in Berlin in den Weihnachtsmarkt gefahren, twitterte ein gewisser Herr Pretzell was davon, daß der deutsche Rechtsstaat zurückschlagen solle und das ja alles Frau Merkels Tote seien.
Pretzell ist Landeschef der AfD in Nordrhein-Westfalen. Im Mai wird dort gewählt, der große Testlauf zur Bundestagswahl.
Widerlichkeit kann wirklich Maßstäbe erreichen, bei denen ich meine Skala immer wieder neu justieren muß. Solche Leute sind es nicht einmal wert, daß sie einen ankotzen. Das wäre wirklich zuviel der Wertschätzung.

Der gerade frisch vom Electoral College gewählte US-Präsident Trump läßt bezüglich des – inzwischen auch so bezeichneten – Anschlags in Berlin verlauten:
Der „Islamische Staat“ und andere islamistische Terroristen würden „fortwährend Christen in ihren Gemeinden und Andachtsorten als Teil ihres globalen Dschihad abschlachten“, sagte der gewählte US-Präsident laut Mitteilung. „Diese Terroristen und ihre regionalen und weltweiten Netzwerke müssen vom Angesicht der Erde ausgelöscht werden, eine Mission, die wir mit allen freiheitsliebenden Partnern ausführen werden.“ Bei dem „schrecklichen Terrorangriff“ seien unschuldige Zivilisten ermordet worden. Die „zivilisierte Welt“ müsse umdenken.

Alleine aus diesen Zeilen spricht für mich nicht weniger Terror und Fanatismus als aus einer Rede des Anführers des „Islamischen Staates“, wer auch immer das diese Woche sein mag.. Der hat bis zu diesem Moment auch noch nichts gesagt zu Berlin. Vermutlich überlegen sich die Jungs noch, wie sie den Mann, der als Tatverdächtiger festgenommen ist, für sich vereinnahmen können.
Ich bin gespannt, ob irgend jemand den amerikanischen Drohnenkrieg, den wir von Deutschland aus mit steuern helfen, in irgendeiner Form anführen wird. Ich habe es gerade getan. Nicht, um damit irgendwas zu entschuldigen. Nur für das Gesamtbild.**

Donald Trump möchte also die Terroristen vom Angesicht der Erde auslöschen. Dazu will er alle „freiheitsliebenden Partner“ an seiner Seite haben. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, heißt das übersetzt. Und wer gegen uns ist, ist gegen die Freiheit. Wenn Donald Trump von der „zivilisierten Welt“ spricht, fühle ich mich irgendwie wie von innen unrasiert.
Dieselbe Freiheit, in der Menschen von der CDU auf der Innenministerkonferenz vorschlagen, man solle doch deutsche Polizei militärisch hochrüsten. Dieselbe Innenministerkonferenz, deren Bundesboß Thomas de Maiziére ist, der so gerne mal den Ausnahmezustand verhängen würde über Deutschland. Und der sehr dafür war, die Vorratsdatenspeicherung einzuführen und überhaupt brauchen wir mehr Kameras allüberall auf den Tannenspitzen.

Irgendwie terrorisieren mich derartige Aussagen aus der Politik wesentlich mehr als Attentäter in geklauten polnischen Lastwagen, die ein Dutzend Menschen töten. Nichts davon beseitigt die Ursachen für derartige Dinge und letztlich werden wir alle Ursachen für so etwas auch niemals beseitigen können. Wir suhlen uns weiterhin in unserem halluzinierten Wohlstand, für den ein Weihnachtsmarkt ein geradezu wunderbares Symbol ist. Dabei vergessen und verdrängen wir, daß dieser Wohlstand einen Preis hat, den wir zum Großteil nicht bezahlen. Andere zahlen ihn. Am Ende sind die Toten immer Unschuldige, ob auf Weihnachtsmärkten oder nicht.

Nichts bringt die Menschen zurück, die tot sind. Die 12 Toten in Berlin nicht. Nicht die 130 Toten im November 2015 in Paris oder die 84 Toten in Nizza.
Nichts bringt die etwa 4.100 Menschen zurück, von deren Ertrinken im Mittelmeer auf ihrer Flucht wir überhaupt wissen. Nichts die 500.000 toten Iraker, die in einem Krieg starben, der nichts zu tun hatte mit irgendeiner Freiheit oder Gerechtigkeit, die ein Donald Trump so sehr zu lieben simuliert. Nichts bringt die toten Syrer zu ihren Hinterbliebenden zurück, die in einem Bürgerkrieg gestorben sind, der ebenfalls auf dilettantische Interventionspolitik der Amerikaner zurückzuführen ist. Nichts bringt die Dutzende oder Hunderte Menschen zurück, die als „Kollateralschaden“ bei Drohnenangriffen in Afghanistan oder Pakistan bisher angefallen sind im Namen eines „Kriegs gegen den Terror“, der nichts anderes erreicht, als das zu erschaffen, was er zu bekämpfen vorgibt.
Nichts weiter als ein Werkzeug zur Durchsetzung einer politischen Agenda ist dieser erfundene Krieg. Keiner der dafür Verantwortlichen wurde je verhaftet, verhört, angeklagt oder gar verurteilt. Alle befinden sich schwerreich und bei guter Gesundheit im Ruhestand. Diese Drohnen werden über Deutschland gesteuert. Dieselbe Regierung, die jetzt wieder Betroffenheit zeigt vor den Kameras, hatte niemals den Mut, dieses Verhalten eines offiziellen Verbündeten zu unterbinden oder auch nur zu kritisieren.

Es sind eigentlich auch 13 Tote in Berlin. Denn der Täter hat den regulären Fahrer des Lastwagens, den Mitarbeiter einer polnischen Spedition, schlicht erschossen, bevor er das Fahrzeug zur Waffe umfunktioniert hat. Auch dieser Mann hat eine Familie, eine Frau und einen Sohn. Er war noch nicht 40. Auch dieser Mann wird nicht zurückkommen.

Innenminister Thomas de Maizière sagt: „Wir dürfen uns unseren freiheitlichen Lebensstil nicht zerstören lassen von denen, die das zur Absicht haben. Weichen wir nicht zurück, lassen wir unser Leben nicht von Angst bestimmen.“
Aus dem Munde diese Mannes, dem Vorreiter der Vorratsdatenspeicherung und des Bundeswehreinsatzes im Innern, ereilt mich das als ein wahrhaft Orwellscher Moment.

Gerade eben spricht eine Bundeskanzlerin darüber, daß die deutsche Gesellschaft sich nicht spalten lassen darf. Das diese Spaltung aber nicht nur längst erfolgt ist, sondern von der Politik der großen Parteien seit mindestens zwanzig Jahren auch aktiv gefördert wird, erwähnt die Kanzlerin nicht. Wie sollte sie auch.
Das diese Spaltung der Gesellschaft mit voller Absicht erfolgt, damit der eine Teil besser gegen den anderen ausgespielt werden kann, erwähnt sie auch nicht.
Denn die besonders Reichen haben einen besonders großen Einfluß auf die Politik und die Gesetze. Je gespaltener die Gesellschaft ist, desto leichter können die wirklich Reichen und Mächtigen das ganze Geld im Seecontainer ins Ausland bringen, damit es sich im Steuerparadies sonnen kann.

Es sind vielleicht gar keine Attentäter in geklauten Lastwagen, die die tiefsten Schneisen in die Gesellschaft pflügen und den meisten Terror verursachen. Aber vielleicht, nur vielleicht, bin ich in diesem Moment auch einfach zu zynisch.

 

*Der Text datiert vom Dienstagmorgen, die aktuelle Lage stellt sich ja bereits wieder etwas anders da. Der Verdächtige war es wohl eben nicht, außerdem ist er wohl Afghane und wieder auf freiem Fuß.
Auf der einen Seite ist das gut, denn es zeigt, daß die Ermittler hier trotz allem kühl bleiben im Hintergrund. Auf der anderen Seite ist das schlecht, denn das bedeutet, daß der eigentliche Täter noch unterwegs ist. Diese Tatsache werden andere Menschen wieder ausnutzen wollen, um Angst zu säen, da bin ich mir sicher.

**aus diesem Grunde auch keine Beileidsbekundungen von mir. Kein „Je suis whatever“. Ich kenne die Toten nicht. Trotzdem haben die Hinterbliebenen natürlich mein Mitgefühl. Ich halte es vom menschlichen Standpunkt aus für völlig unnötig, das extra zu betonen.

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