Grillen mit Prometheus

Oh! Eine Feuermuse, die hinan
den hellsten Himmel der Erfindung stiege!
William Shakespeare, Henry V.

Wie konnte es eigentlich dazu kommen, daß Mensch jetzt auf dem Olymp herumsteht, sich umschaut und sehr oft den Eindruck erweckt, er hätte keine Ahnung, wie es vom Gipfel aus jetzt weitergehen soll?
Außer nach unten natürlich, was aber nicht die Richtung ist, in die irgendwer schauen möchte, wie ich das neulich bereits erwähnt hatte.

Es ist eine Reise, von der man nicht genau sagen kann, wann genau sie eigentlich begonnen hat. Mit der Benutzung von Werkzeugen möglicherweise? Damals, Anno Tukmich, als Mensch seinen ersten Höhlenbären in die Falle lockte, um ihn dann mit Steinen zu bewerfen, bis das Vieh tot war?
Ich habe nicht die geringste Ahnung, ob unsere Vorfahren tatsächlich die Nummer mit dem Köder und der Schlucht benutzt haben, um Ursus spaeleus zu erlegen. In meinen diversen Kinderbüchern, in denen Gestalten im Lendenschurz von oben Steinbrocken auf so ein Vieh hinunterwerfen, schien diese Jagdmethode jedenfalls etablierter Forschungsstand zu sein. Oder womöglich eine der zahlreichen Lügen für Kinder, die wir in unserer Kultur so gerne verwenden, um uns den Aufwand echter Erziehung zu sparen.
Wenn ich genauer drüber nachdenke, erscheint mir schon die Bekleidung auf solchen Bildern etwas unwahrscheinlich. Denn der Höhlenbär, der übrigens so heißt, weil er in den Höhlen überwinterte, nicht, weil er darin lebte, starb vor etwa 28.000 Jahren aus. Zu diesem Zeitpunkt war die letzte Kaltzeit noch nicht wirklich zu Ende.
Das bedeutet, im heute als Gemüseexportland berühmten Spanien, gelegen auf der sonnigen und staubigen und vor allem recht trockenen iberischen Halbinsel, zogen damals Wollhaarmammuts und auch Wollnashörner über gerne mal sehr frostige Ebenen. Gut, trocken war es damals auch. Denn diese Kälte war Teil der letzten Eiszeit und in denen ist das irdische Klima immer viel trockener als heute. Was logisch ist, denn ein großer Teil der Feuchtigkeit ist dann ja im Eis gebunden. Einer der trockensten Orte unseres Planeten ist heute die Antarktis. Kalte Luft hält wenig Feuchtigkeit.
Jedenfalls waren sehr viele Tiere so schlau, sich in ordentliches Fell zu kleiden. Ich gehe daher mal davon aus, daß auch unsere Vorfahren nicht in der Badehose rumgelaufen sind oder wie Tarzan. Sonst wären wir alle nämlich nicht hier.

Begann der Prozeß, an den ich denke, mit der Erfindung der Grillparty?
Also, nachdem man den Höhlenbären erfolgreich zu den Ahnen befördert hatte und irgendwer auf die Idee kam, daß man das Fleisch ja mal ein bißchen zubereiten könnte?
Das wäre dann die Erfindung des Feuers. Wobei auch diese Bezeichnung falsch ist. Feuer war schon da, lange bevor dieser Planet auch nur dran gedacht hat, so etwas wie Leben hervorzubringen. Und auch danach existierte Feuer über sehr lange Zeit, ohne vom Menschen erfunden zu werden. Wenn wir über die „Erfindung“ des Feuers reden, dann geht es darum, daß irgendjemand dereinst auf die Idee gekommen sein muß, daß man dieses Naturphänomen auch als Werkzeug benutzen könnte. Wie einen Stein, der herumliegt und der einem beim Jagen helfen kann. Beim Öffnen irgendeiner Frucht vom Baum. Oder dabei, eben diese Frucht mit einem gut gezielten Wurf vom Baum erst einmal herunter zu kriegen.
Die Nützlichkeit des offenen Feuers dürfte unseren in modisches Fell gekleideten Vorgängern sehr wohl eingeleuchtet haben. Im wahrsten Sinn des Wortes. Denn Feuer gibt Licht. Rein naturwissenschaftlich findet hier eine Energieumwandlung statt, und zwar in Form eines exothermen Prozesses, der eine enorme Menge an Strahlung emittiert, die zu einem nicht unerheblichen Teil im Bereich des sichtbaren Spektrums liegt.

Aber niemand von uns würde an so einen Satz denken, wenn er in die tanzenden Flammen eines Lagerfeuers starrt nach Einbruch der Dunkelheit, dem Knistern des Holzes lauscht. Wenn er den Funken nachstarrt, die gelegentlich vom Feuer in den Himmel aufsteigen und die Teil der Rauchsäule werden, die man schemenhaft in grau vor dem Nachthimmel mit seinen Sternen erkennen kann, wenn man nach oben sieht. Nein, in solchen Momenten wird ein Teil unseres Hirns angesprochen, der mit ausgefuchster Wissenschaftlichkeit nicht besonders viel am Hut hat. Am Feuer zu sitzen hat etwas Archaisches, etwas Elementares.
Was einer der Gründe ist, warum in der klassischen Alchemie, sowohl im Westen als auch in China, das Feuer eines der vier Elemente wurde, als Mensch anfing, sich über so etwas Gedanken zu machen. Zumindest nehme ich das einfach mal an. Irgendwie in der Art muß das abgelaufen sein. Wobei die Chinesen allerdings fünf Elemente in ihrem alchemistischen Zauber haben. Die östlichen Denker nahmen zu ihrer Zeit noch Metall und Holz in den Reigen mit auf. Bei Erde, Wasser und Feuer waren sie sich aber mit ihren europäischen Kollegen einig.

Außer Licht bietet Feuer natürlich noch Wärme, ein Effekt, den man ebenfalls völlig problemlos ohne komplizierte Laborausstattung nachweisen kann. Sobald der erste unserer Vorfahren sich das erstemal so richtig die Finger verbrannt hatte, dürfte danach jedem Angehörigen des Stammes klar geworden sein: Feuer ist heiß.
Auch hier ist also die Nutzbarkeit etwas sehr Offensichtliches. Ganz besonders, wenn man in der Höhle wohnen will, die bis eben noch einem Bären gehört hat und in der er es nicht nur dunkel, sondern eben auch kalt ist. Höhlen waren noch niemals ein Hort für Sommerurlauber, auch vor dreißigtausend Jahren nicht.
Bei der „Erfindung“ des Feuers geht es also im Kern eigentlich darum, dieses natürliche Dingsbums irgendwie nachzumachen. Klar konnte man entweder den Schamanen des Clans oder aber den unbeliebtesten Typen der Höhle bei einem Gewitter auf den alten Baum auf dem Hügel klettern lassen, damit er einen Ast hochhält. Zwei Fliegen mit einer Klappe, wie man heute sagen würde.
Und ja – ich bin mir sicher, daß unsere angeblich so ungebildeten Höhlenahnen sehr wohl bemerkt haben, daß ein Blitz in einem Sturm gerne in den eben genannten Baum einschlägt. Rein physikalisch möchte eine Entladung zwischen zwei Potentialen nämlich ganz gerne über eine möglichst kurze Strecke stattfinden. Und ein Blitz ist nichts anderes.
Doch auch völlig unbefangen von derlei seltsamen Formelkram werden unsere Ahnen diese Eigenart durch schlichte Beobachtung herausgefunden haben. Ich bin mir nämlich auch vollkommen sicher, daß Mensch damals ein erstklassiger Beobachter seiner Umwelt gewesen sein muß. Ansonsten frißt nämlich der Höhlenbär den Jäger und nicht andersrum.
Wobei das auch wieder nicht ganz korrekt ist. Nach allem, was wir heute wissen, war der Verwandte des heutigen Eis- und Braunbären nämlich wohl ein Vegetarier. Andererseits hat ihn das wohl nicht davon abgehalten, den Typen einfach mal umzuhauen, der ihn gerade mit einem Speer zwischen die Schultern aus dem Mittagsschlaf geweckt hat.
Nein, ich denke, ohne eine nach heutiger Auffassung sehr leistungsfähige Beobachtungsgabe wäre unseren Vorfahren unter Wollhaarmammuts und -nashörnern keine besonders hohe Überlebensrate beschert gewesen.

Feuer war das erste große Ding im Mythos des Fortschritts. Das ist gelogen. In Wahrheit war es das Grillen.

Irgendwann muß einer dieser Menschen einen brennenden Ast mitgenommen haben. Damit weiteres Holz entzündet. Und somit gab es eine Quelle von Licht und Wärme. Und Grillfleisch, versteht sich. Der grillende Mensch war das Modell, dem die Zukunft gehören sollte.
Welcher schlaue Fuchs dann aber auf die Idee gekommen ist, Feuersteine gegeneinander zu schlagen, um mit den Funken dann Zunder zum Glimmen zu bringen und daraus dann ein echtes Feuer zu züchten, wissen wir nicht. Sein Name war entweder Ughh oder Zoggh, denn damals hießen alle Menschen Ughh oder Zoggh, falls ich das noch nicht erwähnt haben sollte.
Eventuell war der Erfinder auch eine Erfinderin, denn falls es richtig ist, daß Mensch das Feuer erst entführt hat, bevor er lernte, es selber zu entzünden, muß es jemanden in einer Gruppe gegeben haben, dessen Aufgabe es war, auf das gefangene Feuer aufzupassen. Ganz besonders auch, dafür zu sorgen, daß die so kostbare Glut nicht wieder verloren ging.
Da die Männer auch damals schon damit beschäftigt gewesen sein dürften, die Speere zu schärfen, sich über die neuesten Jagdgebiete auszutauschen, Lügen über die letzte Jagd zu erzählen – „Der war sooooooo groß, der Bär, ich schwör dir, Alter!“ – könnte diese Aufgabe sehr wohl in den Bereich der weiblichen Kompetenzen gefallen sein.
Es sind ja auch heute Männer, die ständig zwanghaft an Autos rumschrauben oder irgendwas am Haus basteln müssen. Ich habe jedenfalls niemals eine Frau in der Realität gesehen, die sich ähnlich vollidiotisch verhält wie die Typen, die in typischen Baumarkt-Werbeclips immer mit Akkuschrauber und Betonmischer im Garten stehen, um mal kurz die Pyramiden zu bauen oder eine Bewässerungsanlage für die Gemüsebeete zu montieren, einschließlich Ernteroboter.
Aber auch Frauen hießen damals eben Ughh oder Zoggh, darum ist uns der Name der Erfinderin des Feuers bedauerlicherweise nicht überliefert.

Wobei auch das nicht ganz korrekt ist. Die Griechen nennen diesen Typen zum Beispiel Prometheus. Das heißt sinnigerweise etwa soviel wie „Feuerbringer“. Ein Kerl, natürlich. Aber das paßt ja durchaus. Die Männer schleppen es an, die Frauen müssen sich hinterher drum kümmern. Beim Feuer. Bei Schuhen ist das was anderes.
In der Legende jedenfalls ist Göttervater Zeus sauer auf die Menschen, denn Prometheus hat Zeus die besten Teile eines Opferstiers vorenthalten. Während Zeus also nur das Gekröse kriegt, bleibt das Steak bei den Menschen, denn Prometheus hat die Menschen zu seinen Lieblingen erklärt und beschützt sie.
Allerdings muß es sich damals noch um rohes Steak gehandelt haben, denn zur Strafe verweigert Zeus den Menschen den Besitz des Feuers.
Überhaupt ist es mir etwas unverständlich, warum sich der Zorn von Zeus auf die Menschen richtet und nicht auf Prometheus. Nach griechischer Weltvorstellung findet diese Geschichte nämlich im Goldenen Zeitalter statt und Prometheus ist ein Mitglied der Titanen.
Göttliche Riesengestalten sind sie, diese Titanen, und da Zeus der Göttervater ist, ist er der Chef der ganzen Bande, also auch von Prometheus.
Der wiederum ist sauer über diese seiner Meinung nach ungerechte Behandlung seiner Schützlinge, und da bin ich voll auf seiner Seite. Also klaut Prometheus das Feuer aus dem Himmel und bringt es den Menschen. Natürlich nur zur ökologisch unbedenklichen Verwendung unter freiwilliger Selbstkontrolle der Feuerindustrie, nehme ich an.
Jedenfalls ist Zeus daraufhin so richtig stinkig und läßt Prometheus festnageln. Oder besser, festketten. An ein Gebirge nämlich, das die Forschung irgendwo im Kaukasus verortet. Hier wird Prometheus an den Fels geschmiedet und dazu verurteilt, seine Leber von einem Adler fressen lassen zu müssen. Was wie ein freundliches Todesurteil klingt, ist aber keines, denn da Prometheus ein Gott ist, wächst seine Leber wieder nach. Jetzt ist das Gewebe dieses Organs rein wissenschaftlich tatsächlich recht regenerationsfähig, aber bei Prometheus läuft das Urteil des Göttervaters auf Verdammung zu ewiger Todesqual hinaus. Soweit dann also zu Göttervätern und solchen Typen als Licht- und Leitgestalten.

Bild 1: Hat mal einer Feuer?
So oder ähnlich dürfte die Stelle ausgesehen haben, an der Mensch zum ersten Mal gedacht hat, daß er von diesem komischen warmen Dingsbums auch mal was mit nach Hause nehmen könnte.
(Waldbrand in Kalifornien nahe Keenbrook, 17. August 2016) (AP Photo/Noah Berger)

Beim Historiker Hesiod, den ich schon einmal erwähnte, kommt Prometheus später in der Beurteilung schlecht weg. Er wird als heimtückischer Dieb geschildert und nach Meinung des Autors zu Recht verurteilt. Hesiod selbst lebt nach eigener Vorstellung in einem Zeitalter des Niedergangs, denn auf das Goldene Zeitalter der Götter und Titanen folgte eines aus Silber und dann eines aus Bronze. Was in diesem Licht betrachtet besonders interessant ist, denn wie sollte Mensch jemals Metalle bearbeiten oder sogar Legierungen wie die Bronze erfinden können, wenn nicht mit der Hilfe eines Schmiedefeuers oder eines Schmelzofens?
Feuer erscheint hier nicht nur als essentieller Bestandteil der mythologischen Geschichte. Es ist tatsächlich ein Fundament dessen, was wir heute Zivilisation nennen. In Hesiods Welt hat Prometheus also mit dem Feuer auch das Unglück über die Menschen gebracht, denn diese schmieden fortan Waffen und tragen allgemein nicht zur Verbesserung des schweren Loses der Zeitgenossen bei.
Ein späterer Kollege von Hesiod, ein Mann namens Aischylos, sieht Prometheus hingegen als einen Helden, einen Widerstandskämpfer gegen den tyrannischen Zeus. Zur Lebenszeit des Dichters Aischylos endet die Herrschaft der Söhne eines Mannes namens Peisistratos. Der wiederum hatte einige Zeit vorher die Tyrannis errichtet. Historiker unterscheiden zwischen einer Älteren und einer Jüngeren Tyrannis bei den Griechen. Die Tyrannis zur Zeit des Dichters ist eine autoritäre Alleinherrschaft und bedeutet damit so ziemlich das, was wir uns heute unter dem Wort Tyrann so vorstellen. Man stelle sich ein antikes Athen vor, daß von Erdogan regiert wird und der dafür die Demokratie nicht abschaffen muß, da die noch gar nicht erfunden worden ist.
Jedenfalls hatte dieser Kerl Söhne und die herrschten in seinem Stil weiter über Athen. Bis sie es übertrieben und auf die in der Geschichte übliche Art und Weise aus derselben entfernt wurden. Danach übernahm ein Mann namens Kleisthenes das Ruder und leitete Reformen ein, die schließlich später in der Gründung der attischen Demokratie endeten. Das ist die Ereigniskette, die immer gemeint ist, wenn jemand davon spricht, daß die Griechen die Demokratie erfunden haben.
Vor diesem Hintergrund ist die lobende Erwähnung eines Prometheus als von Gerechtigkeit beseeltem Feind des unterdrückerischen Alleinherrschers Zeus nicht besonders verwunderlich. Allerdings wird auch bei Aischylos der Held am Ende nicht von seinen Ketten befreit und mit einer lebenslangen Rente, Frauen seiner Wahl und Rindersteak frei Haus ausgestattet. Das wäre das Ende der Hollywood-Version dieser Geschichte in der Geschichte, falls dieser Stoff dann auch noch verfilmt werden sollte.

Prometheus ist allerdings nicht der einzige seiner Art. Rund um die Welt wimmelt es in verschiedensten Kulturkreisen von Legenden eines Feuerbringers wie dem alten Griechen.
In Ägypten existiert da natürlich Re, die göttliche Verkörperung der Sonne selbst. Wie in so ziemlich allen anderen Kulturen auch. Das größte aller Feuer, das jeden Tag am Himmel leuchtet und ohne dessen Vorhandensein es in diesem kleinen Teil der Galaxis kalt und dunkel wäre, ist natürlich das offensichtlichste Ziel von Verehrung.
Bei den Chinesen gibt es einen Typen namens Zao Jun oder auch Zao Shen. Er ist als Küchengott für das Herdfeuer verantwortlich.
Bei den Hindus ist der Name des Feuergottes Agni und seine irdische Manifestation eben die Flamme des Lagerfeuers oder des Herdes. Tritt er als Blitz auf oder als Sonne am Himmel, hat er auch einen anderen Namen. Hinduistische Götter sind sehr wandlungsfähig, quasi die Pokémon der Mythologie. Außerdem wird Agni interessanterweise als Götterbote gehandelt, hat also eine vermittelnde Funktion zwischen Menschen und Göttern.
Die Kelten hatten einen Gott, der unter anderem auch für Feuer und Hitze zuständig war und den die Römer mit ihrem Heiler Apollon gleichsetzten, einen Herrn namens Grannos. Die Römer latinisierten das natürlich und darum ist der Name einer Stadt mit heißen und heilenden Quellen auch Aquae Granni. Wir kennen den Ort heute als Aachen.
In der nordischen Mythologie ist die Entsprechung zum Hindu-Gott ein Riese namens Logi. Hier ist Vorsicht geboten, denn er ist nicht verwandt mit Loki, dem listigen Typen, den inzwischen auch alle aus irgendwelchen Superheldenfilmen kennen. Ein gewisser Herr Wagner hat die beiden mal in einem seiner furchtbaren Musikstücke durcheinandergeworfen. Dafür ist Logi aber die Personifizierung des Feuers, denn sein Name bedeutet soviel wie Lohe oder Flamme.
Bei den Azteken existiert ein Kerl namens Mixcoatl, der für die Jagd zuständig ist, aber auch dafür verantwortlich ist, daß die Menschen Kenntnis des Feuers und – ganz wichtiges Detail – der Feuersteine erlangten.
Der mythische Gründer des Inka-Reichs heißt Manco Cápac, ist der Sohn des Sonnengottes Inti und er bringt die Technik und Zivilisation mit sich zu den Menschen. In der Mythologie der Maya ist Huracán der Gott der Stürme, des Windes und des Feuers und seine Ähnlichkeit mit dem englischen Wort Hurricane ist kein Zufall, sondern Etymologie.
Auf Neuseeland existiert ein Gegenstück zum betrügerischen Loki der nordischen Mythologie. Der Name dieses als Held verehrten mythologischen Bestandteils ist Māui, was nicht zufällig stark nach Maori klingt, also den Ureinwohnern dieser Weltgegend. Unter anderem stiehlt er den Göttern das Feuer durch Anwendung einer List. Na, die Geschichte kennen wir ja schon.
Die bereits erwähnten Griechen haben neben Prometheus auch noch Hestia, die Göttin des Herdfeuers. Was meine Annahme bestärkt, daß der Erfinder des Feuers eventuell eben doch kein Kerl war. Irgendwer muß die Flamme eben auch behüten.

Am Anfang war das Feuer. Sagt man jedenfalls. Also, wir Menschen. Vielleicht wäre das also ein guter Beginn für eine Suche.

Ist das also der Beginn der Reise? Die Benutzung des Feuers? Hat damals alles begonnen?
Die Benutzung von Werkzeugen allgemein kann es eigentlich nicht sein, denke ich. Denn es gibt außer Mensch eine Menge anderer Lebewesen, die Werkzeuge benutzen. Ob jetzt einer einen Stein wirft, um die Frucht vom Baum zu holen oder ein Schmutzgeier einen Stein wirft, um ein Ei aufzubrechen, um an das leckere Zeug im Innern zu kommen. Werkzeuggebrauch an sich ist keine rein menschliche Sache. Wobei so etwas wie Feuer eindeutig ein abstraktes Werkzeug ist.
Ein Stein ist konkret. Feuer zu entzünden erfordert etwas anderes. Ganz offensichtlich ist seine Beherrschung derartig erwähnenswert, daß menschliche Legenden in Dutzenden Sprachen das auch heute noch tun. Die Personen und der genaue Verlauf der Geschichte mag jedesmal unterschiedlich sein, die Kernaussage ist aber immer dieselbe: Mit dem Feuer wurde Mensch zu dem was er ist. Beziehungsweise, was er war, als irgendwer anfing, aus den Ereignissen eben eine Erzählung zu machen.
Wann das allerdings geschehen sein mag, liegt ebenso im Dunkel der Geschichte wie Erzählung von Uggh und Zoggh. Denn natürlich konnte erst jemand am Lagerfeuer etwas erzählen, nachdem Mensch gelernt hatte, auch zu reden.

Es ist bereits sehr umstritten, wann denn Mensch eigentlich diese Sache mit dem Feuer in den Griff bekommen hat. Ärgerlicherweise neigten unsere Vorfahren nicht dazu, an irgendwelchen Häusern Messingschilder anzuschrauben, die einem mitteilen, daß eine total wichtige Person auf halber Höhe einer Mauer geboren wurde oder dort ihr Leben verbrachte. Ganz zu schweigen von einer kurzen Tätigkeitsbeschreibung dieser Person. Historiker oder Paläontologen finden das heute noch extrem unfair, nehme ich an.
Allerdings sollten wir unseren Ahnen zugute halten, daß sie eben noch keine Häuser bauten. Es mangelte also schon einmal an den notwendigen Wänden. Außerdem ist Messing eine Legierung wie Bronze, in diesem Falle aus Kupfer und Zink. Und wie schon weiter oben erwähnt, ist das mit dem Schmelzen von Erz eine Geschichte, die Mensch erst sehr lange nach Beherrschung des Feuers in den Griff bekommen hat. Das gab es also damals auch noch nicht.
Aber Feuer hinterläßt Spuren, und mit überaus ausgefuchsten Methoden haben Wissenschaftler in aller Herren Länder Reste von Feuerstellen untersucht oder dem, was man dafür gehalten hat. Natürlich interessieren sich solche Wissenschaftler nur für sehr alte Feuerstellen. Je älter, desto aufregender. Die bisher wohl älteste Feuerstelle, bei der man auch nachweisen kann, daß sie eine solche ist, liegt irgendwo beim heutigen Nizza. Ihr Alter liegt bei guten 400.000 Jahren.
Wobei – das ist jetzt auch wieder nicht ganz korrekt. Es ist der älteste Nachweis in Europa. Auf heute israelischem Boden finden sich Hinweise, die ungefähr doppelt so alt sind. Damit käme also der grillende Mensch auf ein Alter von etwa 800.000 Jahren.

Warum ist das eigentlich so wichtig, mag man sich fragen.
Nun, nach der aktuell vorherrschenden Theorie war es so, daß Mensch eben irgendwann begann, sein Steak auf den Grill zu legen. Und gebratenes Fleisch läßt sich besser verdauen. Außerdem vollständiger.
Rein wissenschaftlich beziehen wir aus zubereiteter Nahrung einfach mehr Energie und alles andere, was darin so enthalten ist. Die gesamten Inhaltsstoffe sind für menschliche Enzyme leichter aufzuschließen, um hier mal den Biochemiker raushängen zu lassen. Gebratenes Fleisch ist gesünder, denn Feuer hat auf sehr viele Dinge, die einen krank machen können, eine recht endgültige Wirkung. Und – in einer Welt der Jäger und nomadischen Gruppen – gebratenes Fleisch hält sich eine Weile und bleibt genießbar. Damit wird eine, wenn auch nur sehr begrenzte, Vorratshaltung möglich und das wiederum erweitert die Nahrungsbasis sehr deutlich.
Insgesamt dürfte die „Erfindung“ des Feuers und des Grillsteaks also die Lebensdauer und Lebensqualität unserer Vorfahren deutlich gesteigert haben. Rein evolutionär ist damit auch eine höhere Vermehrungs- und Überlebensrate gegeben.
Hätte es damals schon Marketingexperten gegeben, sie hätten dieses neue Dingsbums an den Höhlenwänden beworben mit dem Motto: „Feuer! Auch sie wollen eins haben!“
Und im Gegensatz zu heutigen Marketingdeppen hätten sie damit sogar recht gehabt. Die Evolutionsbiologen sind auch der Meinung, daß Mensch dank der Nutzung gebratenen Fleisches in der Lage war, seinen Kiefer zu verkleinern. Das wiederum schafft Platz für etwas anderes, nämlich das Gehirn. Das wiederum auch besser mit Nährstoffen versorgt werden kann, wenn das Steak gegrillt ist. Dazu kommt noch ein Aspekt, denn viele Menschen der heutigen Zeiten gerne als unappetitlich gar nicht bedenken: Verdauung. Die läuft nämlich bei gegartem oder gebratenem Fleisch auch schneller ab, was einen kürzeren Verdauungstrakt ermöglicht. In Worten der Evolutionsbiologen oder Biochemiker bedeutet das, daß Mensch schlicht weniger Energie verbrauchte, um die Nahrung im Körper zu verarbeiten. Gleichzeitig bekam er mehr geliefert. Und dieses Mehr an Energie mußte dann irgendwo hin.

Bild 2: Prometheus klaut den Göttern das Feuer
Interessanterweise gibt es Dutzende Darstellungen der Bestrafung von Prometheus durch den Göttervater Zeus. Es gibt kaum welche, die ihn beim Diebstahl des Feuers zeigen. Alle Darstellungen verbindet ihre unfassbar miese Bildsprache.
Diese hier stammt aus den 1630er Jahren und ist von Jan Cossiers (Museo del Prado, Madrid)

Wie genau das alles zusammenhängt, ist natürlich umstritten. Immerhin geht es hier um wissenschaftliche Theorien, da ist Streit vorprogrammiert. Gelegentlich treffen sich aber auch Nerds verschiedenster Kategorien mal, vermutlich bei der Grillparty der Fakultäten oder so in der Art. Darum weiß man, daß Dinge wie größeres Schädelvolumen, kleinerer Kiefer und eventuell eben auch die anatomischen Umbildungen, die Mensch seine Sprachfähigkeit gegeben haben, ungefähr in den zeitlichen Bereich fallen, in dem auch die Methode des Grillens aufkam.
Absolut sicher ist aber, daß diese Sache mit dem Sprechen eindeutig jünger ist als die Geschichte mit dem Feuer. Selbst nach sehr vorsichtigen ungefähren Schätzungen wurde bereits seit mindestens 200.000 Jahren gegrillt, bevor der erste Uggh – oder Zoggh – am Lagerfeuer die Geschichte vom Feuerbringer erzählen konnte.
Jetzt wird sich vielleicht mancher fragen, woher man die Geschichte denn kannte, wenn vorher noch keiner reden konnte. Das ist das schöne an geschichtlicher Überlieferung: Sie erfordert nicht zwingend das, was wir Sprache nennen. Denn selbstverständlich konnten Menschen schon lange vor der Entwicklung von Sprache kommunizieren.

Dieser Unterschied wird gerne außer acht gelassen im Alltag. Und es gibt einen Grund dafür, daß wir ihn heute gerne allgemein ignorieren.
Was wir heutzutage „Sprache“ nennen, ist relativ neumodisches Zeug. Kommunikation hingegen ist etwas völlig anderes und beginnt sehr viel früher. Wir wissen längst, daß Menschenaffen Zeichensprache erlernen können und die Fähigkeit besitzen, gesprochene Worte zu verstehen, auch wenn sie selbst keine Theaterstücke schreiben. Hunde sind in der Lage, Befehle zu verstehen. Katzen auch, aber die ignorieren das geflissenlich, was sie von Hunden unterscheidet.
Die Filmreihe „Planet der Affen“ in der neu aufgemachten Version ist in dieser Hinsicht kein völliger Hollywood-Unsinn. Abgesehen davon, daß der Chefprimat im ersten Teil plötzlich zu sprechen beginnt – so ist die Sache in der Geschichte natürlich nicht abgelaufen. Mensch hat auch niemals beschlossen, jetzt zu sprechen oder seinen Kiefer zu verkleinern. Das hat sich so ergeben. Nur läßt sich das in zwei Stunden Hollywood etwas schwer darstellen.
Auch heute noch ist Kommunikation wesentlich mehr als nur Sprache, eigentlich sogar der Hauptteil davon. Wir alle kennen den Ausdruck, daß man in einem fremden Land notfalls eben „mit Händen und Füßen“ reden muß, um sich zu verständigen.

Alle diese Legenden vom Feuerbringer sind sehr viel älter als die jeweilige schriftliche oder auch nur sprachliche Kultur in den entsprechenden Gegenden. So auch bei den Griechen. Denn hier handelt es sich um typisches Kulturgut einer vorschriftlichen Zeit.
Die Legenden, die Mythen, die die jeweilige Kultur in ihrer Form bestimmen und deren Form auch immer von ihrer Zeit bestimmt werden, sind etwas, das von Druidenmund zu Druidenohr weitergegeben wurde, lange bevor irgendwer daran dachte, so etwas mit einer Schriftsprache festzuhalten. Vermutlich wurden solche Geschichten am Lagerfeuer erzählt. Legenden vom Ursprung der Dinge.

Doch die menschliche Legende ist irgendwann aus dem Ruder gelaufen. Es ist möglicherweise gar nicht so, daß wir Menschen etwas wissen in unseren heutigen Zeiten. Vielleicht haben wir etwas vergessen und stehen deshalb manchmal dumm in der Gegend rum mit unserer Zivilisation.
Ganz offensichtlich funktioniert etwas mit dieser Zivilisation in letzter Zeit nicht mehr so richtig. Jedenfalls für sehr viele von uns. Ein klärendes Gespräch am Grillfeuer ist trotz aller Unzulänglichkeiten möglicherweise ein Punkt, an dem man einhaken könnte, um herauszufinden, was es mit diesem anderen Fehler im Fundament auf sich hat.
Irgendwo muß es eine Abweichung gegeben haben, eine falsche Weggabelung, der wir gefolgt sind und auf der sich unsere heutige Zivilisation ebenso sicher auf ihren Untergang zubewegt wie mit dem Mythos des Fortschritts.
Fröhlich pfeifend ist Mensch diesen Weg hinunterspaziert, den Blick fest auf den Horizont gerichtet im ruhigen Bewußtsein, daß irgendwo dort hinten der Regenbogen schon die Erde berühren wird. Hätten wir doch bloß mal nach unten gesehen.

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