Helmut, mein Helmut

,,Eine Politik ohne Werte ist wertlos. Ohne geistige Perspektive verliert sie Realität, Richtung und Sinn.“

Helmut Kohl und Deutschland: Nicht immer eine Geschichte, die von Humor geprägt war.
Auf dem Bild ist Bundeskanzler Kohl (rechts) zu sehen beim Besuch der Gemeinde Büsum im Kreis Dithmarschen an der Nordsee. Die Region ist für den Anbau von Kappes bekannt, wie man bei uns daheim sagt. Also für Kohl. Hier links im Bild.
Quelle

Kassandras Einschätzung war immer, daß der dickste Kanzler Deutschlands genau an dem Tag sterben wird, an dem Angela I., genannt „Die Alternativlose“, Herrscherin aller Deutschen from (North)sea to shining (Ost)sea, exakt einen Tag länger auf dem Thron gesessen haben wird als dieser Mann, der unser Land so geprägt hat.
Ich habe mich geirrt. Helmut Kohl hat es nicht geschafft, so lange zu leben. Der Mann, den so viele den „Einheitskanzler“ nennen, ist tot. Im Alter von 87 Jahren hat auch er die Bühne verlassen. Diesmal endgültig.
Noch immer bin ich unschlüssig, ob ich hier das Glas erheben soll in stillem Gedenken oder doch eher den Korken knallen lassen. Zwiespältig wäre hier wohl das korrekte Wort. Dieses beunruhigende Gefühl, daß die Einschläge immer näher kommen, Sie verstehen.
Aber jetzt werden erst einmal alle seine Leistung bejubeln – welche auch immer genau – und seine Nachfolgerin wird im Herbst zum vierten Male Krone und Zepter überreicht bekommen, damit sie Land und Leute weiterhin so souverän nicht-regieren kann, wie sie es von ihrem Sensei gelernt hat. Fast möchte ich glauben, daß der alte Taktiker selbst diesen letzten Termin mit Bedacht gewählt hat. Zutrauen würde ich es ihm.

Just die spannendsten Wochen deutscher Geschichte und der Regierungszeit dieses Mannes habe ich zu Beginn nur am Rande mitbekommen. Denn das war 1989 und ich befand mich…in Ungarn. Im Urlaub. Oder besser, den Sommerferien. Mit dem noch recht frischen Führerschein und dem ersten eigenen Benzinfahrzeug – einem Ford Fiesta, Modell 1 – waren wir in dieses seltsame Land geschraddelt, dessen Existenz ich bis dahin keine besondere Beachtung geschenkt hatte. Ungarn lag hinter dem Eisernen Vorhang und hätte somit auch auf der abgewandten Seite des Mondes sein können, was mich angeht.
Ebenso wie dieses widerliche, stinkende Ausland namens DDR, das ich im Rahmen einer Klassenfahrt 1986 besuchen mußte. Mein damaliger Besuch im Ostteil der Stadt Berlin traumatisierte mich derartig, daß ich erst knappe 30 Jahre später in diese Metropole zurückkehren sollte.
Was mich anbetraf, lag die DDR nach diesem Besuch nicht einmal im selben Sonnensystem wie die Bundesrepublik oder sonstige Länder in Westeuropa. Denn damals waren wir Westeuropa. Osten waren alle anderen, hinter der Elbe und der Oder-Neiße-Grenze.
In meinem Land wurden unter Herrn Kohl die Atomwaffen plaziert, deren Aufstellung sein Vorgänger Schmidt noch beschlossen hatte. Die öffentlichen Proteste gegen die unselige Pershing II waren und sind Fundament meiner politischen Bewußtwerdung, denn ich nahm an ihnen teil. Ich befand diesen Mist nach der Klassenfahrt als noch unnötiger als vorher, denn offensichtlich konnte sich dieser komische Feind da drüben in dieser DDR nicht mal anständige Cola leisten – ich hatte eine Ostcola getrunken, was meine Traumatisierung erklären mag. Die hatten nicht mal anständiges Geld da drüben, in diesem anderen Deutschland.

Während ich mit meinem Kumpel nebst Freundin und meiner späteren Ehefrau in Ungarn urlaubte, geschahen anderswo erstaunliche Dinge. Bereits beim Überqueren der Grenze war mir das Fehlen von Wachen auf den noch stehenden Türmen aufgefallen. Ebenso die Abwesenheit von Zäunen zwischen diesen Türmen. Der Chef Ungarns hatte wenige Wochen zuvor verkündet, man müsse diese Anlagen bedauerlicherweise abbauen, da sie gegen Sicherheitsvorschriften verstießen und man eben das Geld zur weiteren Wartung nicht aufbringen könne.
Hier wurde mir erstmalig am Rande bewußt, daß die Meldungen der Nachrichten in den letzten Wochen einen Vorgang beschrieben, der dabei war, um uns alle herum wahrlich historische Ausmaße anzunehmen.
Neben uns campierte ein Ehepaar am Ufer des Plattensees, sie waren aus der DDR gekommen. Wir brachen den Urlaub wenig später eine Woche verfrüht ab. Denn es gab plötzlich keine Springerpresse mehr vor Ort. Und die Bild“zeitung“ ist immer dort, wo Deutsche Urlaub machen. Außerdem gab es keine Radiosender aus Frankreich mehr, die meine damalige Freundin sonst empfangen hatte. Und plötzlich flogen ganze Ketten aus Hubschraubern über uns hinweg. In einem Touristengebiet.
Überzeugt davon, daß irgend etwas da nicht mit rechten Dingen zugehen konnte, überredete ich unsere Gruppe zum Aufbruch vor dem Termin.

Als wir dann zurück waren, dauerte es nur noch einige Wochen, bis der deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher vom Balkon der deutschen Botschaft in Prag den dort campierenden anderen Deutschen den wohl berühmtesten unvollständigen Satz des Jahrhunderts zurief: „Wir sind heute zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …“
Den Rest haben wir niemals erfahren. Das war am 30. September 1989. Als wir zurück kamen, hatte Ungarn gerade angekündigt, daß es flüchtige DDR-Bürger nicht mehr an sein sozialistisches Bruderland ausliefern würde. Der Ostblock befand sich in radikaler Auflösung und zerfiel tagtäglich weiter.
Die sterbende deutsche und angeblich demokratische Republik östlich der Elbe rümpfte die Nase, aber fügte sich in das Unvermeidliche. Doch die Züge, die die „Ausreisewilligen“ nach Westen karrten, fuhren allesamt über Staatsgebiet der DDR, damit die offiziellen Republikflüchtlinge ausgebürgert werden konnten.
Hätte die deutsche Staatsdiplomatie die DDR als schlichtes Ausland behandelt, so wie sie es in meinen Augen immer gewesen war, diese Menschen hätten womöglich nie westdeutschen Boden betreten. Das war und ist ein entscheidender Unterschied in der Auffassung meiner Generation und der meiner Eltern.

Helmut Kohl hat die Gelegenheit zur Wiedervereinigung Deutschlands ergriffen, als sie kam. Aber das hätte jeder deutsche Kanzler getan. Doch nur wenige hätten sich dabei so sehr ins Zeug gelegt wie dieser Mann. Ausgerechnet der Kanzler, der für mich und meinesgleichen die Miefigkeit und zum Stil erhobene Lustlosigkeit am Politischen so verkörperte wie kein zweiter, stürmte in diesem Moment nach vorne, ohne Flankensicherung und ohne einen Moment zu zögern, und schob alles an Hindernissen aus dem Weg, was sich ihm entgegenstellte. Ob Mitgliedschaft eines vereinten Deutschland in der NATO oder die ewigen Bedenken der Handtasche des Grauens, Margaret Thatcher, die damals die Briten regierte – Helmut fegte das in einem Anfall der Dynamik und Willensstärke beiseite, den ihm vermutlich so recht niemand zugetraut hätte.
Eine Gelegenheit ergreifen ist das eine. Sie nicht mehr loszulassen, ist das andere und vor allem der viel schwerere Teil.

Sehr viele Fehler wurden anschließend im Vereinigungsprozeß gemacht und er hat sie niemals beheben können oder wollen, so lange er noch regierte. Denn das Eingestehen von Fehlern war noch niemals die starke Seite gerade von konservativen Politikern, und Helmut Kohl bildete hier keine Ausnahme.

Eine Abkehr von der Wehrpflicht und der Umbau der Bundeswehr zu einer einsatzfähigen Berufsarmee im Rahmen einer europäischen Verteidigungspolitik. Spätestens mit den jugoslawischen Zerfallskriegen Mitte der 90er Jahre wäre dieser Schritt fällig gewesen.
Kohl ignorierte diese Anforderung der Zeit völlig und kümmerte sich lieber um sein letztes großes Projekt: Den Euro. Die Gemeinschaftswährung einer Gemeinschaft, die der dicke Pfälzer Zeit seiner Regierung in ihrer Wichtigkeit korrekt eingeschätzt hat, die aber politisch einfach nicht weit genug gediehen war, um bereits eine einzige Währung zu benutzen.
Wie man auf die Idee kommen kann, nur mit einer gemeinsamen Währung würde alles gut werden, ist mir noch immer ein Rätsel. Meines Wissens gibt es in keiner europäischen Sprache das Sprichwort: „Beim Geld fängt die Freundschaft an.“
Das heutige Europa, zersaust und zerrissen und finanziell so uneins wie selten, ist auch dieser Währung geschuldet und der ökonomischen Vorherrschaft des wiedervereinigten Deutschland, die durch die Einführung des Euro nicht etwa ein Gegengewicht erhielt, wie es andere Staaten erhofften, sondern noch zementiert und ausgeweitet wurde.
Auch die unnötige Schleifung des Sozialstaates, für den bis heute ausschließlich die ehemalige SPD Dresche bezieht, ist zumindest teilweise auf die Tatsache zurückzuführen, daß man damals 17 Millionen DDR-Bürger in die westdeutsche Rentenversicherung aufgenommen hat, in die sie nie etwas eingezahlt haben. Und das auch noch zu einem Kurs von 1:1, ebenso wie beim Umtausch von Barguthaben von der wertlosen Pappwährung der DDR in harte westdeutsche Mark.
Gleichzeitig wurde das gesamte Land DDR via Treuhandgesellschaft quasi als Konkursmasse an Konzerne verscherbelt, die heute noch ihren Angestellten weniger Lohn bezahlen im Osten, wegen der angeblich niedrigeren Lebenshaltungskosten.
Korruption und Vetternwirtschaft, auch vorher schon ein Thema in der Regierung Kohl, feierten mit der Wiedervereinigung fröhliche Urständ.

Helmut Kohl und Francois Mitterand in Verdun, 1984.
Zu den Feiern zum 40. Jahrestag der Landung in der Normandie hatte man den Deutschen damals noch nicht eingeladen. Aber es war auch 80 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs, und somit ergab sich diese Gelegenheit. Kohls Geste war damals parteiintern oder in der französischen Presse nicht unumstritten. Oder Mitterands Geste, denn niemand weiß heute, wer angefangen hat. Aber ähnlich wie der Kniefall von Warschau entfaltete das Bild seine eigene symbolische Macht.
Quelle

Doch er war irgendwo auch ein Staatsmann, der dicke Kerl aus der Pfalz, ich muß es widerwillig anerkennen.
Niemals hätte er es dem Verhältnis zwischen Berlin und Paris gestattet, so abzukühlen, wie das unter Frau Merkel und ihrem fiskalischem schwäbischen Streitwagenfahrer der Fall ist. Eine Gefährdung deutsch-französischer Zusammenarbeit wegen europäischer Griechenlandpolitik hätte es unter Helmut nicht gegeben.
Helmut Kohl war Angehöriger der Nachkriegs- und Kalter-Kriegs-Generation und gehörte somit zu denen, die genau wußten, daß die Freundschaft zwischen den beiden größten Staaten des Kontinents niemals gefährdet werden darf, wenn Europa seinen nunmehr über 70 Jahre andauernden Frieden bewahren will.
Kohls Versöhnungsgeste mit seinem politischen Partner, Francois Mitterand, an der Gedenkstätte bei Verdun entfaltete eine ähnliche historische Bildkraft wie der Kniefall von Willi Brandt in Warschau. Mitterand, Jahrgang 1916, war selbst als junger Mann bei Verdun verwundet worden, als die Wehrmacht ins Land einfiel. Kohls älterer Bruder fiel Ende 1944 in Hitlers Krieg, der Deutschland bis auf weiteres zerreissen sollte.
Vor dem Schlachthaus des Ersten Weltkriegs hielten sich der kleine Franzose und der große Deutsche bei den Händen zu den Trompetenklängen der Gedenkfeier. Als Mitterand 1996 starb, war Kohl, bereits tief im politischen Abstieg gefangen, ehrlich erschüttert. Damals existierte auf europäischer Ebene so etwas wie Freundschaft tatsächlich noch. Ein Element, das immer Teil des oft geschmähten „Systems Kohl“ gewesen ist. Aber nicht unbedingt das Schlechteste, wie ich meine.
Seine Freundschaft mit Michail Gorbatschow ermöglichte es, den endgültigen Untergang des Warschauer Paktes und der Sowjetunion so abzuwickeln, daß die Welt dabei umgeformt wurde, ohne sich in den nächsten großen Krieg zu stürzen.
Dieses Verdienst ist womöglich sogar größer als seine Leistung bei der Vereinigung der beiden Deutschlands.

In meinen Augen war Helmut Kohl jemand, der sehr oft das Gleichgewicht zwischen nationalen und supranationalen Entscheidungen außer Acht gelassen hat. Viele Dinge, die für das Land sehr wohl von Wichtigkeit gewesen wären, schob er auf die lange Bank, weil sie ihm politisch nicht dienlich gewesen wären. Nach dem Motto: „Darum kann sich die Zukunft kümmern, wann immer die kommen mag.“

Nein – „zukunftsorientiert“ ist nicht das Wort, mit dem ich Helmut Kohl als Kanzler und Menschen belegen würde. In typisch konservativer Art ging er davon aus, daß in Deutschland ja eigentlich alles in bester Ordnung sei, aber das Land von irgendwelchen Linksintellektuellen schlecht geredet würde. Dieselbe Denkart findet man heute, wenn Armuts- und Reichstumsberichte so lange „optimiert“ werden, bis das verbreitete Bild der Politik in den Kram paßt.
Doch schon damals bestand Deutschland aus wesentlich mehr als Deidesheim, Schoppen zwischen Weinreben und Pfälzer Saumagen. Der übrigens ein durchaus sehr leckeres Gericht ist, wie ich später lernte.
Außerdem gab es damals eben noch Linksintellektuelle und nicht nur hysterische Typen, die wildes Rumgefuchtel im Namen narzißtischen Eigeninteresses für „irgendwie links“ gehalten haben. Aber diese Typen sind auch so ziemlich alle längst tot, sieht man mal von der Wagenknecht oder einem Gysi ab.
Keinem der heutigen Grünen oder Hipster-Links-Studenten, die auf anonymen Blogs ihre Dozenten anpissen oder der festen Überzeugung sind, jede Minderheit im Promille-Bereich müsse unbedingt die gesamte Gesellschaft in ihrer Ausrichtung prägen, damit ihr Studium der „Genderwissenschaften“ irgendeine Daseinsberechtigung aufweisen kann, käme in den Sinn zu sagen:
„Ich kann mir nicht vorstellen, daß jemand wie Kohl zum Bundeskanzler gewählt wird. Damit würde dem Liberalismus nicht wiedergutzumachender Schaden zugefügt.“

Diese Sätze stammen von Günter Grass. Und sie sind völlig richtig gewesen. Und auch mal klar verständlich, was man von den meisten Sätzen des Herrn Nobelpreisträgers nun wahrlich nicht behaupten kann.
Als Kohl die FDP überzeugte, ihn zum Kanzler zu wählen und somit Koalitionsverrat zu begehen, erdolchte diese Partei nicht nur den amtierenden Bundeskanzler – metaphorisch natürlich, aber hinterrücks – sondern auch jedes irgendwie liberale Prinzip, das bis zu diesem Zeitpunkt innerhalb der Partei noch überlebt hatte. Dem Liberalismus wurde tatsächlich nicht wiedergutzumachender Schaden zugefügt.
Eine geradezu shakespearsche Suizidmethode einer politischen Partei, der die SPD dann zwei Jahrzehnte später folgen sollte. Immerhin war die FDP ja danach immer an der Regierung beteiligt und konnte ihren Teil korrupter Kassen und Postenbesetzungen zur Seite schaufeln.
Vermutlich hat die SPD 2004 bei der Einführung der Hartz-IV-Gesetze gedacht, damit ebenso erfolgreich sein zu können. Was ja auch halbwegs funktioniert hat, denn immerhin ist diese ehemals sozial interessierte Partei seit 1998 fünfzehn Jahre lang auch Regierungspartei gewesen. Nur eben mehr als die Hälfte davon als kleiner Koalitionspartner, Tendenz abnehmend.

Inzwischen sind die deutschen Wähler derartig verzweifelt, daß sie im September sogar die gerade erst viel zu spät aus dem Parlament vertriebene FDP wieder ins Haus stimmen werden.
Nur die Partei Kohls hat sich, allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz, nicht wirklich verändert. Noch immer glauben gute Konservative – also Menschen wie Volker Kauder, Thomas de Maizière und Seehofers Horst, die gemeinsam nicht ganz das Gehirn eines Zwölfjährigen zusammenbringen, daß die Armut in Deutschland ja nur gefühlt ist und hier alles von Linken irgendwie schlechtgeredet wird in diesem Superland. Und natürlich kommt sowieso alles Gefährliche irgendwie von links. Eigene Fehler? Womöglich völlig fehlende langfristige Planung? Kritisches Hinterfragen eigener Positionen? Fehlanzeige.

Ich war nie ein Freund von Helmut Kohl. Doch mit ihm stirbt wohl auch der letzte der großen europäischen Generation, der letzte einer politischen Generation, die zumindest einige unverbrüchliche Prinzipien hatte und in der Lage war, für ein größeres Ganzes zu arbeiten, wenn auch manchmal zähneknirschend. Dafür muß man aber das größere Ganze auch erst einmal erkennen.
Dieser Mann und seine oft propagierte Nicht-Politik des Aussitzens lag wie Blei auf meiner Jugendzeit. Viele Dinge wurden nicht getan, die bis heute liegengeblieben sind. Der breite Arsch aus Blei, mit dem ein Helmut Kohl die Zukunft dieses Landes nicht nur ausgesessen, sondern auch plattgemacht hat, lastet noch heute schwer auf Nation und Partei.

Wenn morgen Angela stirbt, ist das groteske Panoptikum aus halbhirnigen Typen, in das sich die CDU mutiert hat, endgültig ohne jede glaubwürdige Tarnung unterwegs. Wer diesen Haufen dann noch auf einem Wahlzettel ankreuzt, kann ebensowenig behaupten, er habe ja von nichts gewußt, wie es die FDP-Klientel nach 1982 behaupten konnte.
Seit mehr als dreißig Jahren wird bei den CxU-Parteien jeder, der auch nur ein bißchen was drauf haben könnte, bei Erreichen einer gewissen Machtposition sofort abgesägt und an den politischen Nordpolarkreis verbannt. Eine klare Prägung der Ära Kohl war es, im Garten kein Pflänzchen zu hoch wachsen zu lassen. Der einzige Typ, der Helmuts regelmäßigen Kahlschlag überlebte, war der kleine Norbert Blüm. Über den hat Kohl immer drübergesenst, deshalb durfte er seinen Kopf behalten. Dafür hat Blüm sechzehn Jahre lang dafür gesorgt, daß sich am damals bereits todgeweihten deutschen Rentensystem nichts ändert. Zukunftsorientiert, kann man da nur sagen.
In Folge dieser ebenfalls zukunftsorientierten Machtpolitik hat das Niveau politischer Denk- und Diskussionsfähigkeit in keiner Partei einen derartig radikalen Niedergang erlitten wie in der CDU. Deswegen werden heute auch Parteien gegründet, bei denen diese Gefahr nicht besteht, da ihre Mitglieder so etwas gar nicht erst mitbringen.

Ungarn baut inzwischen längst wieder Zäune auf und nicht ab und wird dabei mit europäischen Geldern gefördert. In Polen herrscht eine rechtsnationale Regierung und weigert sich, auch nur einen einzigen Flüchtling aufzunehmen.
Die fiskalische Krise frißt noch immer an der gesamten globalen Zivilisation und Griechenland hangelt sich von einer Kredittranche zur nächsten, um weiterhin den Eindruck erwecken zu können, daß der Kapitalismus noch immer das einzig funktionierende System sein kann und soll.
Eine Ironie der Geschichte wäre es, sollte der Einsatz Kohls für ein geeintes Europa durch seine Nachfolger verspielt werden und zu einem neuen Keil zwischen den Nationen werden. Derzeit scheint das der Fall zu sein.

Frau Merkel, der Schierling in Kohls Garten, hat das System ihres Mentors nahtlos übernommen. Warum sollte sie auch nicht.
Wenn alles nichts mehr hilft, spricht einem die Kanzlerin das vollste Vertrauen aus. Und das ist dann auch das Ende der politischen Karriere für den Betreffenden.
Hier und da haben Artikel in deutschen Medien seit ihrem Amtsantritt mal gefragt, was Angela Merkel denn eigentlich will.
Damals, als irgendwelche Medien noch pseudo-kritische Artikel schrieben. Auch hier hat sich das arschkriechende Mittelmaß ja leider durchgesetzt. Welcher Artikel hat denn in den letzten zwölf Jahren mal den Rücktritt der Bundekanzlerin gefordert? Vor ziemlich genau 43 Jahren trat noch ein Kanzler zurück, weil er von einer feindlichen Macht abgehört worden war.
Heute werden wir von einer Frau regiert, der es ausgesprochen scheißegal ist, wenn eine feindliche Macht das gesamte Land abhört. Denn wer das tut, verhält sich in meinen Augen automatisch feindselig.
Ich wußte schon beim ersten Artikel, der die Frage nach dem Wollen von Frau Merkel stellte, eine klare Antwort: Angela Merkel möchte Kanzlerin sein. Und bleiben. Was ihr bisher auch durchaus gelingt, dank willfährig Teppich ausrollender Medien und schwanzwedelnder Sänftenträger aller Couleur. Kanzlerin sein, das ist genau ihr Ding. Nur mit dem Interesse an Politik, da hapert es bei dieser Frau sehr stark. Aber das hatte Kohl ja auch nicht.
Helmut Kohl ist sechzehn Jahre lang aufgestanden, dieser Provinztyp aus der Pfalz, und hat sich jeden Morgen auf dem Weg ins Wasserwerk des ebenso provinziellen Bonn gefragt: „Wie bleibe ich denn heute Kanzler?“
Andere Interessen hatte dieser Mann nicht. Nur diese Sache mit der deutschen Einheit, die hat seine Ruhe dann doch einmal etwas gestört. Da zeigte sich plötzlich, daß selbst so ein Typ wie Kohl für etwas Leidenschaft haben und auch Risiken eingehen konnte.

Diesmal wird seine Ruhe nicht mehr gestört werden. Von nichts, was er uns an unerledigten Aufgaben hinterlassen hat. Nein, ich war niemals ein Freund dieses Mannes. Und ebenso weigere ich mich, dem verlogenen Motto zu folgen, das da besagt, man solle über die Toten nur Gutes erzählen.
Wäre ich älter und in die Politik gegangen, wir wären erbitterte Gegner in der politischen Arena gewesen, daran besteht kein Zweifel.
Aber ebensowenig besteht ein Zweifel daran, daß ich Herrn Kohl immer mit dem Respekt behandelt hätte, der einem Staatsmann gebührt. Denn trotz aller Fehler war er das wohl. So überfällt mich am Ende doch ein Gefühl tiefer Trauer und auch Sorge darüber, daß hier ein Großer dahingegangen ist. Womöglich der letzte seiner Art.
Und ich sage mit allem gebotenen Repekt zum Schluß: Ruhe in Frieden, Birne.

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