Das wahre Morgen

– I –

Flucht aus dem 21. Jahrhundert

„Post-modern civilization: The Dark Ages with advanced technology.“
Marty Rubin

Eine wunderhübsche junge Dame mit langem Blondhaar und überaus strammen Waden, umgürtet von Spangen. Keltischen Ursprungs, wie ich vermute. Die Spangen, nicht die Waden. Die Spangen sind zu gleichmäßig gearbeitet und die Waden zu blaß und zu unverkratzt, um wirklich jeden Tag so ins Freie gehalten zu werden. Es ist ein unfaßbar heißer Tag heute. Über dem Gelände liegt die Hitze, als wolle einem der Himmel zwar nicht auf den Kopf fallen, aber sich zumindest draufsetzen.
Ich passiere zwei römische Legionäre, mit Helm und recht ausgefransten roten Umhängen. Demzufolge müßten sie beide Zenturionen sein, wenn ich mich da nicht irre. In der glühenden Sonne lassen sie sich an einem Stand mit Kleidung das Licht auf den Helm brennen. Die spinnen, die Römer.
Eine Gruppe fahrender Barbaren bietet ihre Gesänge dar. Ein Typ mit einer Kutte und Pestmaske läuft an mir vorbei. Eine diese Schnabelmasken, wie man sie von Aufzeichnungen aus dem 14. Jahrhundert und später kennt. Die damaligen Ärzte hatten unter den Schnäbeln nasse Tücher mit Kräutern eingebunden, um die verseuchte Luft nicht atmen zu müssen, die alle anderen Menschen krank machte.

Damals glaubte man nämlich noch an die Lehre vom Miasma, das stammt aus dem Griechischen und aus dem 5. Jahrhundert vdZ. Schon wieder so ein Grieche. Aber dieser Kerl war nicht irgendein alter Grieche, sondern Hippokrates. Ja, der Hippokrates. Der mit dem Eid, von dem viele glauben, daß Mediziner ihn heute noch ablegen. Was aber gar nicht stimmt.
Denn der antike hippokratische Eid würde bedeuten, daß ein Mediziner keine operativen Eingriffe vornehmen darf, um nur ein Beispiel zu nennen. Er ist, kurz und knapp, schlicht nicht mehr zeitgemäß.
Die Bedeutung des Mannes und seiner Auffassungen wird dadurch für eine medizinische Berufswahl nicht geringer. Denn Hippokrates erklärte auch, daß Hygiene ein Grundprinzip ärztlichen Handelns sein solle. Damit meinte er sowohl körperliche als auch geistige Hygiene, was schlicht bedeutet, daß auch der Arzt moralisch und ethisch verwerfliche Dinge nicht tun sollte und er sich in einem vernünftigem Zustand befinden muß, wenn er einen Patienten behandelt. Niemand möchte auf dem Tisch eines Neurochirurgen liegen, der ein Alkoholproblem hat und gerade darüber nachdenkt, mit wem seine Frau ihn gerade betrügt.
Der Arzt, so Hippokrates, soll sorgfältig beobachten und untersuchen und auch Befragungen durchführen, damit er systematisch eine Diagnose stellen und eine Therapie erarbeiten kann. Auch das geistige Wohl des Patienten ist hierbei zu beachten.

Die Technik der heutigen Anamnese, also der Vorgeschichte eines Patienten, entstammt dieser Zeit und ist bis heute gültig, ebenso wie die anderen genannten Prinzipien. An dieser Stelle ist Hippokrates von Kos völlig zeitlos.
Leider glaubte Hippokrates auch, daß die Erde selbst üble Wolken ausstößt, die wiederum zur Übertragung von Krankheiten führen. Miasmen eben. Denn das Wort bedeutet soviel wie „übler Dunst“, aber auch „Befleckung“.
Was heute irgendwie lächerlich erscheint, ist auf der anderen Seite nicht ganz falsch. Denn manche Krankheit wird ja tatsächlich über die Luft übertragen. Die Pest des 14. Jahrhunderts gehört nicht dazu, weshalb die Schnabelmasken den damaligen Pestärzten nicht hilfreich gewesen sein dürften. Strenggenommen gab es im 14. Jahrhundert noch keine Ärzte, insofern waren die Menschen damals ohne echte medizinische Versorgung. Die Lehre von den Miasmen hielt sich noch bis ins 19. Jahrhundert hinein, bis man eben dank Entwicklung der Optik endlich die vielen kleinen Tierchen betrachten konnte, die in einem Tropfen Blut oder Wasser so herumschwimmen können. Und von denen so manches unangenehme Wirkungen auf Menschen hat.

Der Typ, der an mir vorbeigeht, trägt allerdings eine Maske aus Metall, nicht etwa aus Leder. Außerdem scheint sie optische Gläser zu haben, die auf verschiedene Brennweiten kalibrierbar sind. So etwas gab es zur Zeit der Pest-Pandemie nicht. Und auch später nicht. Dieser Typ entstammt keinem Zeitalter des Römischen Imperiums oder des keltischen Britannien. Er gehört zu einer Stilrichtung, die in den letzten Jahren enormen Zuwachs bekommen hat und sich Steampunk nennt.
Die Anhänger dieser Variante hätten gerne eine Vergangenheit, die es niemals gab, was sie auch wissen. Das unterscheidet sie grundsätzlich von den anderen, quasi „echten“ Mittelaltertypen, die hier so rumlaufen. Denn die sind Anhänger einer Vergangenheit, von der sie annehemen, daß sie so war, wie sie es nachstellen.
Steampunk-Begeisterte hingegen gehen zurück ins 19. Jahrhundert, gerne wird hier das viktorianische England herangezogen. Dann stellen sie sich vor, wie die Welt ausgesehen hätte, wenn heutige Technologien schon fünfzig oder einhundert Jahre früher existiert hätten.
Die Romane eines Jules Verne sind heute gern genommene Vorlagen dieses Genres. Denn der große Franzose hat sich durchaus visionär die Zukunft vorgestellt, aber eben mit den Mitteln seiner Zeit. Deshalb wird auch der Mondflug mit einem Kanonenschuß durchgeführt und nicht mit einem Raketenantrieb. Verfilmungen von „Kapitän Nemo“ aus den 60er Jahren bieten gutes Anschauungsmaterial. Ein Klassiker des Steampunk ist die Version von H. G. Wells Zeitmaschine.
Hollywood ist längst auf diesen Zug aufgesprungen. Die neueren Verfilmungen von Sherlock Holmes, mit Robert „Iron Man“ Downey jr. in der Hauptrolle, enthalten Steampunk-Elemente. „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“, eine Comic-Verfilmung, ist Steampunk pur. Die gezeichnete Vorlage stammt übrigens von Alan Moore, den ich persönlich sehr schätze. Filme wie From Hell, V wie Vendetta oder Watchmen basieren auf Werken dieses Zeichners.

Bild 1: Die Zeitmaschine von H. G. Wells
Heute quasi ein Klassiker des Steampunk. Quantenphysikalische temporale Verschiebungstechnologie in viktorianischer Darstellung.. Beziehungsweise dem, was das Hollywood der 60er Jahre für viktorianische Kulisse gehalten hat. Das Bild entstammt der Verfilmung von Wells‘ Roman aus dem Jahre 1960 mit George Pal in der Hauptrolle des Zeitreisenden.

Eine weitere Dame in leuchtendem Blau geht an mir vorbei. Viel zu leuchtendes Blau. Die Färbung ist absolut gleichmäßig. Keine Unregelmäßigkeiten im Stoff, die ich erkennen könnte. Eindeutig zu perfekt.
Ebenso wie die Lederriemen am Fuß der nächsten keltischen Kriegerin. Die Wadentattoos und auch das auf der authentisch rasierten Kopfhaut sehen angemessen aus. Der Fellschal – bei dieser Affenhitze – und der Kriegerrock machen einen guten Eindruck. Nur die Schuhe passen nicht so recht ins Bild. Dieses Leder ist eindeutig industriell bearbeitet worden.
Auch die bauchfreie Rothaarige in ihrer Lederkorsage in passendem Purpur sieht sehr echt aus. Und extrem sexy, um es mal deutlich zu sagen. Nur die Haut eben nicht. Liefe man jeden Tag in einem Sommer so durch die Gegend, das Wetter würde auf Dauer auch die zarteste Porzellanhaut gerben. Abgesehen davon ist Purpur ein Farbton, der früher nur sehr wenigen Menschen vorbehalten war, da die eigensinnigen Phönizier das Geheimnis der Herstellung dieses Farbtons sehr lange für sich behalten konnten. Aber sexy ist sie trotzdem.

Überhaupt sehen die Menschen rund um mich herum oft zu gesund aus, je nachdem, wo man so hinschaut. Die Zähne sind oft sehr gerade und sehr weiß. Und zu vollständig vorhanden. Die Anzahl der Menschen mit Übergewicht dürfte allerdings vor fünf- oder sechshundert Jahren deutlich geringer gewesen sein. Dieser Typ mit dem Plastik-Methorn ist ein prima Beispiel dafür, daß dies hier eben doch nicht das Mittelalter ist.
Die Frikadellenbrötchen in manchen Händen und die durchaus modernen Kinderwagen in der Menge stören die gewünschte Illusion ebenfalls deutlich. Das Samsung-Smartphone, das gerade am Ohr der ansonsten recht echt wirkenden Marktfrau nicht explodiert, paßt ebenfalls nicht ins 15. Jahrhundert. Oder ins 16. Jahrhundert. Wobei die Römer in keines dieser Jahrhunderte passen.
Früher waren Menschen, die in die leere Luft sprachen, von Geistern und Dämonen besessen. Heute telefonieren sie wahrscheinlich. Falls sie nicht von Geistern und Dämonen besessen sind.

Immer mehr Menschen spielen mit erwachsener Ernsthaftigkeit das Mittelalter nach. Aber warum eigentlich?

Warum zieht es seit einem Jahrzehnt mehr und mehr Menschen zu einem Spektakel wie diesem hier?
Die Geschichte der Mittelaltermärkte ist natürlich schon länger als ein Jahrzehnt, manche der alten Veranstaltungen laufen inzwischen gute dreißig Jahre. Aber in letzter Zeit nimmt sowohl die Zahl der Veranstaltungen als auch die Zahl der Besucher deutlich zu.
Immer mehr Leute tauchen ein in eine Art Freizeitversion des Mittelalters und ich frage mich natürlich: Warum?
Völlig durchschnittliche Familien sehen sich Vollkontakt-Kämpfe an, in denen es mit Schwert, Schild und Rüstung so richtig zur Sache geht. Angekündigt wird der Kampf durch eine Frau von einer Bühne herunter, mit Hilfe eines recht unmittelalterlichen Mikrophons. Und einer Verstärkeranlage, vermute ich.
Sowohl die Ausstattung der Kämpfer als auch ihr Kampfstil und Taktik sind Aufzeichnungen aus früheren Jahrhunderten entnommen. Diese Vollkontakt-Jungs in der mit Zaun abgesteckten Arena nehmen ihre Sache ernst, soviel ist mal sicher. Da scheppert Metall auf Metall in der prallen Sonne und der eine oder andere Helm verbiegt sich schon mal derartig, daß man ihn hinterher nicht mehr öffnen kann. Kein Spaß für den tapferen Recken in seiner beweglichen Konservendose. Die Sicht ist eingeschränkt, die Frischluftzufuhr auch.
Schwerter prallen auf Schilde, auf Helme, gegeneinander und auf Äxte. Es geht zu wie auf einem Schlachtfeld in Frankreich weiland 1415 oder so. Allerdings ohne Reiterei, schlammigen Boden, englische Langbogen und Heinrich V.
Einer der Kontrahenten erhält einen durchaus ordentlich geführten Hieb mit der Klinge aufs Fußgelenk, woraufhin die Dame auf der Bühne mit dem anachronistischen Stimmverstärker die Sanis rufen muß. Die haben heute alle Hände voll zu tun, denn wie so oft um diese Jahreszeit ist die in den Rheinauen lastende Hitze wie das Hobby von Robert Wagner und Stefanie Powers in der alten Serie „Hart, aber herzlich“: Mörderisch.

Was noch vor ein oder zwei Dekaden ein eher belächeltes Phänomen war, an dem die üblichen Verdächtigen teilnahmen, hat sich inzwischen zu einer echten Massenbewegung entwickelt. Mittelaltermärkte erleben einen Boom, der im Moment ungebrochen erscheint. Es gab natürlich auch schon früher solche Märkte, aber die beschränkten sich oft darauf, daß Menschen anderen Menschen Dinge verkauften, die sie selber erzeugt hatten – was ja grundlegend Sinn und Zweck eines Marktes ist.
Seife und Kerzen waren sehr beliebt, dicht gefolgt von allen Dingen, die sich mit einer Strick- oder Häkelnadel erzeugen lassen.
Auch vor zwanzig Jahren gab es bereits größere Veranstaltungen in einer Handvoll Städte. Ritterfeste auf irgendwelchen Burgen gehören auch bereits länger zu den touristischen Einnahmequellen. Man muß sich ja so ein Gemäuer nur mal anschauen, um zu wissen, daß dem Burgherren nach dem Winter sicherlich eine recht happige Heizungsrechnung ins Haus stehen dürfte.

Doch irgendwann trat hier ein Wandel ein, ist mein Endruck. Nicht nur die Kämpfer in der Arena nehmen ihre Kunst sehr ernst. Dasselbe läßt sich auch über die sogenannten „Lagernden“ sagen, die nicht nur Dinge zum Verkauf anbieten, sondern eben auf den Gelände auch tatsächlich Lagerleben betreiben, Strohballen als Sitzgelegenheit und Spinnrad inklusive. Eine Erfindung übrigens, die erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts langsam über Italien nach Europa einsickerte, also im Hochmittelalter. Aber noch zur Zeit der Pest-Pandemie, also ab 1347 aufwärts, wurde recht häufig die Handspindel eingesetzt, viele Zünfte verboten die neue Entwicklung nämlich sehr schnell.
Jedenfalls werden heute Dutzende verschiedener Dinge angeboten auf einem Mittelaltermarkt bzw. einem „Spectaculum“. Natürlich stolpere ich dabei immer wieder über Anachronismen. Dieser Kerl beispielsweise, der nicht nur Schwerter, Messer, Dolche und Langdolche verkauft – alles unterschiedliche Waffenklassen übrigens – sondern auch eine durchaus sehr schöne Katana im Angebot hat, für die ich mich interessiere. Nicht zu schwer. Richtige Länge für jemanden wie mich. Sehr schöne damaszierte Klingenarbeit mit einem relativ breiten Rücken. Was der Waffe aber eben auch die notwendige Stabilität gibt, das ist ja kein Florett in meiner Hand. Anachronistisch ist der gedruckte Flyer, in dem der Standinhaber seine Kurse in mittelalterlicher Waffenkunst anpreist.
Außerdem antwortet er auf meine Frage nach Bestellungen mit so etwas seltsamen wie „Internet“ und „Webseite“. Ich vermute mal, ich muß da die Kollegen von der Inquisition vorbeischicken, das klingt sehr stark nach Teufelswerk.

Ist das also der Grund, warum sich die Flucht aus dem 21. Jahrhundert immer größerer Beliebtheit erfreut?
Immerhin winkt hier offensichtlich ein Potential von vielen tausenden Kunden, denen man etwas an den Mann oder die Frau bringen kann. Wo ein Markt ist, werden sich die Krämer einfinden, könnte man sagen. Und deswegen ist auch bei größeren Veranstaltungen irgendwo immer Schund dabei. Dinge, die irgendwie auf „alt“ getrimmt sein sollen und in Wahrheit industriell gefertigt werden, werden zu überzogenen Preisen verhökert. Wie die meisten der billigen Gewandungen, die man bei Besuchern sehen kann. Denn natürlich trägt der überzeugte Mittelalterliche keine Kleidung und verkleidet sich auch nicht. Drum heißt das Gewandung.
Doch erklärt das diejenigen, die beispielsweise Kräuterführungen veranstalten?
Die Geschichtenerzähler? Die Band, die in der brütenden Hitze mit ihren stellenweise seltsam anmutenden Instrumenten Musik macht?
Ja, sogar die Musik klingt anders oder klang anders vor einigen Jahrhunderten. So etwas wie ein Klavier oder eine Ventiltrompete war im 16. Jahrhundert noch nicht erfunden, sondern im wahrsten Sinne des Wortes noch Zukunftsmusik. Dem Interessierten sei hier die Musik eines Heinrich Schütz ans Herz gelegt. Das ist natürlich schon Rennaissance beziehungsweise Frühbarock und nicht mehr Mittelalter, aber da will ich mal nicht zu kleinlich sein.

Auch die Vollkontaktkämpfer hauen sich nicht einfach wild ihre Schwerter um die Ohren. Diese Leute haben sich mit Kampftaktik und der Anwendung ihrer Waffen vertraut gemacht. Möglicherweise haben einige von ihnen die Grundbegriffe der Schwertführung bei meinem Waffenhändler mit der Katana gelernt.
Natürlich sind sowohl die Waffen als auch die benutzten Techniken Rekonstruktionen, denn niemand weiß mehr genau, wie sich vor einigen Jahrhunderten Schwertkämpfer im Ernstfall ans Leder gingen. Oder ans Kettenhemd. Aber das dunkle Mittelalter ist hier eindeutig bei weitem nicht so dunkel, wie viele das annehmen.
Es gibt überlieferte Manuskripte von erheblichem Umfang, die letztendlich Ausbildunghandbücher sind. Daher wissen wir beispielsweise, daß der Ladevorgang einer typischen Muskete mit Luntenschloß im 30jährigen Krieg zu Beginn des 17. Jahrhunderts fast ein halbes Hundert Handgriffe erforderte. Aus dieser Zeit stammt übrigens auch der Ausdruck „Lunte riechen“, denn eben diese verströmte wohl einen unverkennbaren Geruch, bei dem jeder wußte, daß irgendwo in der Nähe Gefahr durch Schützen und Geschütze lauerte.
Insofern sind also alle Vorführungen hier auf dem Spectaculum eben genau das, aber sie sind auch so realitätsgetreu, wie man das in einem Abstand von sechs- oder siebenhundert Jahren erwarten kann. Die Dame mit den Kräuterführungen macht das besonders deutlich. Ihre Rezepte und Anregungen entstammen alten Handschriften und Arzneibüchern. Denn die mittelalterliche Medizin ging davon aus, daß gegen so ziemlich alles ein Kraut gewachsen ist, daher stammt nämlich dieser Ausdruck.
Aber gleichzeitig wissen wir heute natürlich deutlich mehr über Medizin und Biologie als die Damen, die vor einigen Jahrhunderten als Hexen verbrannt wurden, weil sie wußten, wie man die Potenzprobleme des größten Maulhelden des Dorfes bekämpft.
Anders gesagt, mit der Kombination beider Welten läßt sich erläutern, welches Kraut denn wogegen gewachsen ist und vor allem, warum es denn wirkt. Und wie es wirkt, aber das geht dann schon in Details wie Biochemie und die war um 1400 ndZ ebensowenig erfunden wie die anderen Disziplinen.
So habe ich vor Jahren einmal irgendwo gelesen, daß die heilkundigen Frauen auf offene Wunden durchaus auch mal Spinnenetze aufgebracht haben, um einem Wundbrand vorzubeugen. Der ja nichts weiter ist als eine massive Entzündung des Gewebes. Heute wissen wir, daß die Spinnfäden bestimmter Arten tatsächlich entzündungshemmende Wirkung entfalten, denn sie enthalten Antibiotika.
Tatsächlich empfiehlt schon ein ägyptischer Arzt, man solle eine „faulige Wunde mit verdorbenem Gerstenbrot bedecken“. Verdorben bedeutet in diesem Falle verschimmelt und ein Mann namens Alexander Fleming sollte gute 3.500 Jahre nach dem Ägypter aus Schimmelkulturen das erste Antibiotikum entwickeln, das großmaßstäblich hergestellt wurde. Der Hinweis auf das gammelige Brot stammt nämlich aus dem 16. Jahrhundert vdZ.

Wir leben in der besten aller möglichen Welten. Doch warum wollen dann so viele Leute aus ihr heraus?

Die Geschichte, die von unserer Wissenschaft und ihren Hohepriestern verbreitet wird, ist die eines ewigen Fortschritts. Der aber kann nur dann deutlich rübergebracht werden, wenn alle Jahrhunderte vor unserem als zunehmend primitiv und finster gelten. Exakt dieses Narrativ ist heute noch immer das maßgebende, sei es bei den Wissenschaftlern oder den Ökonomen. Was von früher ist, kann unmöglich gut sein und schon gar nicht besser als heute. Daher eben auch der Ausdruck des finsteren oder dunklen Mittelalters.
Geht es anch dem Willen der meisten Hohepriester des Fortschritts und der Wisenschaften, dann ist nicht etwa der Schmied mit der Internetverbindung ein Anachronismus. Diese ganze Veranstaltung hier ist anachronistisch und sollte eigentlich gar nicht stattfinden. Denn früher war ja alles viel schlimmer als heute. Finster halt.
Natürlich wird ein Soziologe, Anthropologe oder Historiker diesen Teil des Fortschrittsmythos deutlich kritischer sehen als ein Marketingexperte bei einem Pharmakonzern. Insgesamt ist die Haltung aber noch immer die, daß unsere Zeit, unser Heute, die beste aller möglichen Welten darstellt. Bis Version 2.0 auf den Markt kommt, versteht sich. Diese überall vorhandene Grundüberzeugung wird dann unangenehm werden, wenn diese unsere Welt untergeht. Also im Grunde genommen genau jetzt.

Möglicherweise sind diese Menschen alle von einer Art Fluchtgedanken hier hergebracht worden. In einer Zeit in der die Industrie allen möglichen Mist in nahezu beliebiger Anzahl produzieren kann, sind Socken ein Allerweltsprodukt. Socken, die länger als ein halbes Jahr halten, scheinen hingegen mehr die Ausnahme zu sein. Wir können heutzutage über Wunder verfügen, von denen unsere Vorfahren zur Geburt eines Leonardo da Vinci – das war 1452 – nicht die geringste Ahnung hatten. Statt Kräuter in Alkohol einzulegen und darauf zu hoffen, daß entsprechende Wirkstoffe ihren Weg schon finden werden, haben wir heute kleine bunte Pillen, die eine in Milligramm exakt bemessene Menge einer genau bekannten Chemikalie in unsere Blutbahn spülen können.
Der Witz ist nur, daß dadurch nichts von dem Wissen und den Erkenntnissen unserer Vorfahren ungültig wird. ASS, die Acetylsalicylsäure, besser bekannt als Aspirin, ist eine feine Sache. Aber die Salicylsäure entsteht als Produkt in der Leber, wenn das Glycosid Salicin umgewandelt wird. Dieses wiederum findet sich in der Rinde der Silberweide, idealerweise junger Zweige. Schon in antiken griechischen Zeiten wurden Extrakte aus Weidenrinde benutzt, um Fieber zu senken, Entzündungen zu bekämpfen und Schmerzen zu lindern. Im selben Griechenland war übrigens schimmliges Brot ein adäquates Mittel der Wundbehandlung.
Unsere so wahnsinnig modernen Wissenschaften haben die Hexerei vergangener Zeiten im Grunde genommen nur quantifiziert, vermessen, durchleuchtet und sie in einer Strukturformel aufgezeichnet – natürlich erst nachdem die Chemie erfunden wurde. Die eigentlichen Beobachtungen und experimentiellen Nachweise haben schon lange vorher stattgefunden.

Bild 2: Strukturformel der wichtigsten Zivilisationsdroge. Nämlich Koffein.
Unsere Vorfahren wußten nur, wie bestimmte Dinge wirken oder wogegen. Doch das ist völlig ausreichend. Wissen wird nicht zu Unwissen oder gar wertlos, wenn es in Büchern und mündlich weitergegeben wird statt in Strukturformeln.

In manchen Dingen ist also unsere Zeit nicht unbedingt neu oder innovativ. Sie hat alte Dinge verbessert. Außer Socken. Früher verschwanden die nicht in der Waschmaschine. Was zugegebenermaßen daran liegt, daß es noch keine Waschmaschinen gab. Aber dafür hielten die verdammten Dinger wenigstens. Alles, was heute so industriell gestrickt wird, taugt nicht mehr besonders viel.
Auf dem Mittelaltermarkt, über den ich gehe, werden Dutzende Stände gefüllt von Kleidung. Gewebte Stoffe aller Art. Leder. Hemden, Hosen – ohne Knopfleisten oder Reißverschlüsse, versteht sich – Unterkleidung für die harnischtragenden Kämpfer auf der sonnenglühenden Wiese. Mützen aller Art. Seltsame Dinge aus Fell und Wolle. Schmuck ist dabei. Jede Menge Holzarbeiten. Wie das etwas übergroße Salatbesteck, das ich gerade erwerbe. Aber es gehört auch zu einer etwas übergroßen Schüssel und Plastik ist nicht billiger. Außerdem besteht es aus Erdöl. Dieses Salatbesteck hier hat der Erdatmosphäre noch Kohlendioxid entzogen, wenn man so will.
All diese Sachen werden von den Anbietern tatsächlich selber hergestellt. Hier geht das Mittelalter längst hinaus über Kerzen und Seife.
Ob der Met in meiner Hand tatsächlich unter mittelalterlichen Bedingungen erzeugt wurde oder doch mit eher modernen Methoden, aber nach alten Rezepten, kann ich nicht sagen. Ich hoffe allerdings letzteres, denn das berühmte Reinheitsgebot für Bier hatte sehr wohl seine Gründe. Zu mittelalterlichen Zeiten wurden alle möglichen Kräuter ins Bier gemischt. Salbei zum Beispiel oder solche Dinge wie Stechapfelsamen und Bilsenkraut, beides Pflanzen, die nicht gerade ungiftig sind. Oftmals wurden derartige Zusätze auch benutzt, um über den schalen Geschmack schlechten Wassers hinwegzutäuschen. Denn diese Sache mit der Kanalisation und der Hygiene war im Köln des 14. Jahrhunderts derartig gruselig, daß ein Römer des Jahres 14 ndZ – dem Todesjahr von Kaiser Augustus – sämtliche Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätte.
Aber Bier war billig herzustellen, gerade aufgrund der regionalen Kräuterzutaten. Das Handwerk des Brauens und Mälzens war übrigens sehr lange Zeit eine Sache der Frauen. Für echten Met hingegen braucht es Honig und der war teuer und schwer zu beschaffen. Wobei – wirklich billig ist die Flasche in meiner Hand nun auch nicht. Ganz offensichtlich war jedoch nicht alles besser in diesem schon eine Weile zurückliegenden „Früher“, in das sich hier alle Anwesenden geflüchtet zu haben scheinen. Ich würde dem Zeitreisenden in der Mitte des 15. Jahrhunderts vermutlich eher den Genuß von Wein empfehlen, wenn irgend möglich.

Der Lederpanzer hier vor meiner Nase ist allerdings eindeutig Handarbeit. Und preislich genau wie die Flasche Met in recht gehobenen Regionen. Wer hier in einem wirklich authentischen Outfit herumlaufen möchte, kommt da sehr schnell in die vierstelligen Zahlen. Der Vorteil ist eben die Maßarbeit. Kein Mensch wäre 1452 zum Schuster gegangen, der dann gefragt hätte: „Welche Größe haste denn?“
Woraufhin der Kunde sagt „46“ und der Schuster ein Produkt im Karton präsentiert, das fast, aber nicht ganz den Zweck eines Schuhs erfüllt.
Nein, der Lederveredelungsfachmann hätte sich den Fuß der Kundschaft mal genauer betrachtet, ordentlich Maß genommen, dann das richtige Leder ausgesucht und hätte dann gesagt: „Kommense in 10 Tagen wieder.“
Schon die Auswahl des Werkstoffs ist von Bedeutung, denn natürlich ist Leder nicht gleich Leder. Dieses Material weist eine Menge Eigenschaften auf. Es kann atmen oder eben luftdicht versiegeln. Es kann recht steif sein und schwer zu durchdringen, wie im Falle des Lederpanzers. Aber aus diesem Leder macht man keinen Schuh. Hier sollte das Material eben eine gewisse Flexibilität haben. Dafür es auch nicht zu dick sein. Aber auch nicht zu dünn, denn sonst wird es früher oder später reißen. All diese Aspekte mußte ein Schumachermeister berücksichtigen, um seinen Kunden mit qualitativ hochwertigem Schuhwerk zu erfreuen.

Was früher echtes Handwerk war, ist heute industrialisiert. Aber trotz dieses Fortschritts scheint eine Menge verlorengegangen zu sein. Oder gerade deswegen?

Heute sind Schuhe meist recht günstig. Aber sie sind wie die Socken, in denen man drinsteckt, nicht besonders haltbar. Nähte sind keine Nähte, sondern geklebte Muster. Sohlen sind nicht wirklich gut mit dem Rest verbunden. Und Schuhmacher findet man kaum noch in einer Innenstadt. Als ich ein Kind war, haben wir mehr als einmal Schuhe zur Reparatur gebracht. Heute lohnt sich das nicht mehr, also kaufen Menschen neue Schuhe. Beziehungsweise Dinge, die so aussehen, aber nie ganz Schuhe sind. Und auch nie ganz perfekt passen. Die heutigen Industrieversionen echter Schuhe sind günstig. Aber sie erinnern mich gerne an Hühnersuppe in Dosen. Denn auch dieses Gebräu ist die Interpretation von Lebensmittelchemikern darüber, wie so etwas wie Hühnersuppe denn im statistischen Durchschnitt schmecken soll.
Mit dem, was ich in gemütlicher Arbeit am Herd in einigen Stunden zusammenbraue, hat dieses Zeug in der Dose wenig bis gar nichts zu tun.

Sehr viele dieser Menschen hier investieren also eine Menge Arbeit, wiederum andere investieren eine ganze Menge Geld. Was ja für die Theorie „Viele Kunden machen mehr Markt“ zu sprechen scheint.
Doch warum kommen Menschen überhaupt zu so einem Treiben, wenn wir doch in der besten aller möglichen Welten leben? Denn nichts anderes verkündet ja die tägliche Propaganda in vielen Formen. Niemals war die Menschheit gesünder, niemals die Lebenserwartung so hoch, niemals gab es so viele verschiedene Dinge zu essen, die auch noch in gesunder Form dargeboten werden. Als der Mensch noch im richtigen Mittelalter lebte, so haben wir in der Schule gelernt, da wurde er 23 Jahre alt und starb an Schnupfen. Kein Vergleich mit unserer heutigen Existenz.
Wie kommt es also, daß sich hier vom Schnallenschuh bis zum Krähenschnabel derartig viele Menschen für solche Dinge überhaupt interessieren?
Ein Krähenschnabel ist übrigens so eine Art Kriegshammer, nur läuft das Gerät eben in einer recht massiven, gebogenen Metallspitze aus, dem Schnabel. Mit dem sich auch eine Metallrüstung nach dem Dosenöffnerprinzip gar trefflich durchschlagen läßt, könnte man sagen. Auch der Einsatz dieses Mordinstruments erfordert übrigens spezielle Kampftechniken.

Bild 3: Das Mittelalter, Version 2017.
Das linke Bild zeigt zwei Grazien auf dem Spectaculum zu Worms im Jahre des Herrn 2013. Das rechte stammt aus Hamburg, um genau zu sein, aus dieser Quelle. Die rechte Dame gewinnt eindeutig den Preis für Sexappeal im Mittelalter, was mich betrifft. Ihre beiden Kolleginnen wirken allerdings deutlich authentischer.

Die meisten der Gruppen, die hier übernachten, werden von einem Mitglied angeführt. Quasi einem Clanchef. Es sind Mitglieder von Vereinen unterschiedlichster Prägung. Aber ganz genau wie viele der professionellen Handwerke nehmen viele dieser Menschen das Lagerleben sehr ernst.
Je nachdem, wie die Regeln so sind, wird beispielsweise nicht geraucht. Denn erstens liegt überall Stroh rum und zweitens kommt die Tabakpflanze und die damit verbundene Unsitte des Rauchens aus Amerika. Das war aber erst möglich, nachdem die europäischen Imperien bei ihren Entdeckungsfahrten über den Doppelkontinent gestolpert waren. Also ab 1492 ndZ aufwärts. Damit endet dann auch im Groben der Zeitabschnitt des Mittelalters. Alles ab 1500 ist offiziell in der historischen Einteilung die „Neuzeit“.
All diese Menschen betreiben also das Mittelalter als sehr viel mehr als nur ein Hobby. Unter anderem deswegen, weil es ihnen auch Spaß macht. Da bin ich mir sicher. Und auch, weil man damit inzwischen wohl durchaus auch Geld verdienen kann. Auch das dürfte ein Grund sein. Mittelalter ist ökonomisch interessant geworden.

Vielleicht aber, nur vielleicht, hat die flüsternde Stimme in meinem Hinterkopf recht, die leise kichert und behauptet, sehr viele Menschen seien hier, weil sie unbewußt längst zu der Erkenntnis gekommen sind, daß die Heilsversprechen des immer besseren Morgen durch immer bessere und vor allem immer mehr Technologie genau das sind, für das ich sie auch halte: Eine Lüge. Bestenfalls eine Wunschvorstellung. Eine Art Fiebertraum vielleicht. Und irgendwann wird unerbittlich der Wecker klingeln.

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2 thoughts on “Das wahre Morgen

  1. Gab es da nicht das Bonmot von Kästner oder Tucholsky mit der Verbesserung der Eisenbahn, wo nach Abschaffung der Salonwagen die zweite Klasse zur ersten wurde, während die Holzklasse fortan zweite genannt wurde…

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