Comicwelten

„Ignoring isn’t the same as ignorance, you
have to work at it.”
Margaret Atwood, The Handmaid’s Tale

Nichts ist real. Die Aktienkurse steigen auf ungeahnte Rekordhöhen. Also geht es Amerika gut. Und Deutschland. Oh, außer natürlich, wenn die Aktienkurse zwischendurch fallen sollten. Dann hat das geistig stabile Genie im Weißen Haus damit nichts zu tun. Aber Kurse fallen ja auch nicht.
„Der Markt korrigiert sich“, sagen die ökonomischen Prediger.
Ich verstehe noch immer nicht, wieso sich dieser komische Markt ständig korrigieren muß. Schließlich treffen Menschen doch immer die bestmögliche, rationale Entscheidung und haben immer alle relevanten Information zur Verfügung, wenn es um Handel und Warenaustausch geht. Außerdem ist der Markt doch eine Abbildung der Realität. Wie kann es da sein, daß irgendwelche Zahlen so viel höher liegen, als die Realität wert ist?

Realität wird ganz offensichtlich überschätzt. Als Hollywood vor nunmehr 30 Jahren ein falsches Spiel mit Roger Rabbit trieb, waren die durchgeknallten Charaktere allesamt Comicfiguren. Der Rest der Welt war real. Heutzutage ist es umgedreht.
Der Elefant im Wohnzimmer wird nicht nur rundweg ignoriert. Er hat inzwischen Junge gekriegt und allmählich wird es im Wohnzimmer echt eng. Besorgte Charaktere beginnen sogar bereits, in Gedanken die Tragfähigkeit des Bodens zu berechnen.

Überall um uns herum löst sich Realität auf. Auch durch und dank tatkräftiger Mithilfe aller Medien. Erinnert sich noch jemand an den Raketenalarm auf Hawaii vor ein paar Wochen?
Das lief so: Auf den digitalen Infotafeln des US-Inselstaates und auf allen Smartphones der Leute, die so auf der Insel herumlaufen – etwa 8 Millionen – tauchte eine Meldung auf. Diese besagte in etwa: „Raketenangriff im Anmarsch. Der Weltuntergang ist da. Dies ist keine Übung. Wir wünschen einen angenehmen Tag.“

Bild 1: Adieu, du schnöde Welt
Diese Warnmeldung wurde von der Kastrophenschutzbehörde des US-Bundesstaats Hawaii am 13. Januar 2018 an alle Smartphones der Insel verschickt. Und an digitale Warntafeln an den Straßen und in den Städten. So wird es also aussehen, wenn alles zu Ende geht. Und man ein Smartphone hat, natürlich.

Nach mehreren Monaten immer schriller werdenden Geschreis aus dem Weißen Haus, daß nordkoreanische Terrorraketen den ganzen Planeten bedrohen – also Amerika – und noch lauteren Gebrülls, daß der Atomschwanz der amerikanischen Welt natürlich der dickste und längste sei und dieser Atomschwanz selbstverständlich ausschließlich zur Rettung der Welt – also Amerika – eingesetzt werden würde, erzeugte eine derartige Meldung von Behördenseite dann doch ein gewisses Unbehagen bei den Empfängern derselben.

Kurzfristig. Denn es war wirklich keine Übung. Nur ein falscher Alarm. Wie beruhigend. Da hatte wer auf den falschen Knopf gedrückt. Wobei – nein. Das stimmt gar nicht. Da hatte jemand schlicht aus dem Bedienungsmenü des Alarmsystems die falsche Option rausgesucht. Was weniger verwunderlich ist, wenn man weiß, wie so ein User-Interface aussieht.
So was kommt dabei raus, wenn man Programmierer eine Schnittstelle für Behördenangestellte basteln läßt. Ein Haufen Müll. Die einzige Personengruppe, die Bedienoberflächen für Programme entwickeln darf, sind die Leute, die später damit arbeiten sollen. Oder spielen. Oder Leute warnen.

Das geistig stabile Genie im Weißen Haus verfügt ebenfalls über einen „Großen roten Knopf“, der ebenfalls gar kein Knopf ist, sondern ein Interface, das vermutlich in den 70er Jahren entworfen wurde und noch viel schlimmer aussehen dürfte.
Denn der Knopf ist schließlich rein militärisch. Und wenn ich irgendwas über das Militär weiß, dann auf jeden Fall, daß es Abkürzungen liebt. Noch mehr sogar als die IT-Branche.
In Albträumen stelle ich mir vor, wie der Chef des Pentagon Sex mit Donald Trump hat auf dem goldenen Teppich des Oval Office und den Dirty Talk dabei abkürzt und Donald natürlich kein Wort versteht. So sad. Zum Glück werde ich dann meistens von meinem Einhorn geweckt, bevor es zu schlimm wird und das Genie im Weißen Haus auf irgendwelche Knöpfe drücken kann. Land of Confusion war gar keine Satire. Es war eine Zukunftsvision.

Man stelle sich vor, daß nukleare Todessystem der Welt – also Amerika – wäre nicht glücklicherweise so ausgelegt, daß immer zwei Offiziere an jeder Gegenstelle unabhängig voneinander den Befehl bestätigen müssen.
Ja, es wäre in der Tat furchtbar, wenn da nur ein Mann alleine säße und im Falle des Falles den ganzen Codekram verifizieren müßte. Nicht auszudenken. Zum Glück gibt es da ja Sicherheitsmaßnahmen.
Insgesamt wird mir nicht wohler, bedenke ich die Tatsache, daß der Chef der US-amerikanischen Nuklearstreitkräfte vor einigen Jahren aus seinem Amt gejagt wurde. Und zwar, nachdem er bei einer Geschäftsreise zu den Kollegen in Rußland nach deren Aussage zu betrunken war, um sinnvolle Gespräche zu führen.
Der Oberboß der amerikanischen Atomwaffen war zu betrunken. Für die Russen. Darauf einen Moment der Entspannung.

‚Land of Confusion‘ von Genesis war in den 80er Jahren schon nicht unbedingt witzig. Allerdings hätte ich nicht gedacht, daß die Realität das Video mal toppen würde.

Ich fühle mich an meinen ersten Kontakt mit der Comicwelt erinnert.
Also der, in der wir heute leben. Jahrelang hatte ich gedacht, die NATO-Taktik der „flexible response“ bedeutete, daß wir – also der Westen – niemals zuerst Atomwaffen einsetzen würden gegen die dunkle Seite der Macht – also alle anderen, ganz besonders die verdammten Kommunisten.
Aber das stimmt gar nicht, wie ich dann beim Militär feststellte. Erstaunt mußte ich zur Kenntnis nehmen, daß „flexible response“ übersetzt bedeutet: „Wenn wir die Linie gegen die dreiundzwölfzigtausend sowjetischen Panzer nicht mehr halten können, setzen wir taktische Atomwaffen ein“.
Auf gut Deutsch: Wir schießen eben doch zuerst. Plangebiet für ein solches Szenario war übrigens Norddeutschland, zwischen Lübeck und Hamburg. Oder die Gegend irgendwo zwischen Fulda und Frankfurt. Denn da war Deutschland damals am schmalsten und nach verläßlichen Schätzungen hätte der böse Gegner nach etwa zwei Stunden an der Frankfurter Stadtgrenze gestanden, um drei Stunden später an der Mosel zu angeln. Bei Trier oder so. Also hatten die flexiblen Kriegsplaner beschlossen, das Land besser atomar einzuäschern, als es einfach so dem Gegner zu überlassen. Auch das atomare HADES-Raketensystem der Franzosen zielte damals übrigens auf westdeutsches Gebiet.

Die gesamte Politik lebt inzwischen in Comicwelten und es hat lange vor dem geistig stabilen Genie begonnen. In den Denkblasen des Raumschiffs Berlin oder Washington oder London verteilt sich Wohlstand nach unten.
Wir wissen seit dreißig Jahren, daß dem nicht so ist. Wohlstand sammelt sich dort, wo viel Geld ist. Denn erstens können sich diese Leute Anteile an Konzernen sichern, und zwar in signifikanter Menge. Zweitens wird durchweg Kapital wesentlich niedriger besteuert als Arbeitseinkommen. Drittens kauft Geld sich Einfluß auf die Politik und die erläßt die Gesetze. Zur Besteuerung beispielsweise. Politiker stört das nicht. Wenn solche Erkenntnisse in Berichten zu Armut und Reichtum auftauchen, streicht Andrea Nahles sie weg.
Dabei ist die Sache mit dem Geld und der Politik seit römischen Zeiten fester Bestandteil der Geschichte. Es gibt einen Grund, warum die Gebäude in Washington, DC, so aussehen wie sie aussehen.

In politischen Comics gibt es nur bunte Farben, Weihnachten ist unter ständiger Bedrohung von seltsamen Menschen, die sich nicht einmal im Jahr um einen geschlachteten Tannenbaum versammeln und es gibt auch keine armen Menschen. Nur faule Menschen.
Leute mit ökonomischen Doktortiteln, die fünfstellige Summen pro Monat als Bestechung für ihre Propaganda erhalten, erklären dann allen, daß man diesen Menschen nur möglichst viel Geld wegnehmen muß, dann arbeiten die alle bestimmt ganz prima.
Dieselben Doctores erklären dann auch, warum andere Menschen selbstverständlich zehn Millionen pro Jahr bekommen müssen. Der einzige Antrieb des Menschen in einer Ökonomie ist nämlich Geld, und wenn man diesen Genies des Marketings und Vertriebs nicht genug bezahlt, gehen die alle halt woanders hin. Was selbstredend schlecht für alle anderen wäre, denn Konzerne erschaffen Arbeitsplätze. Jedenfalls alle, die nicht von der Politik erschaffen werden. Ich nehme an, da gibt es eine Quote.
In anderen Comicwelten gibt es keinen Klimawandel, keine Verschmutzung und wir alle profitieren von solchen Dingen wie „wonderful clean coal“. Ich sage jetzt nicht, wer das gesagt hat.

In meiner Welt hat die Industrie uns immer wieder belogen. Mit allem und zu allen Themen. Rauchen war gesund. Die Revolution war grün und DDT lecker.
Transnationale Konzerne haben immer gelogen. Über das, was sie tun und darüber, welche Welt sich aus ihrem Handeln ergeben würde. Niemals haben Unternehmen mehr Menschen die ganze Zeit belogen als heute. Immer wieder preisen Manager die Fähigkeiten ihres Ladens, unsere Leben zu verbessern und immer wieder spielt man die Unschuld vom Lande, wenn es um Dinge geht, die unsere Leben mehr und mehr ruinieren.
In einer Art politischem Opportunitätsmodus machen Medien aller Art dabei gerne mit. Gefühlte 800 Trilliarden Liter Rohöl im Golf von Mexiko werden zum „Oil Spill“. Als hätte jemand in seiner Garage auf den Fußboden getropft.
Ein halbes Jahr später wird dann die Meldung verbreitet, das ganze Öl im Meer sei verschwunden. Selbst aktuell wird die Legende weiter erzählt.
Knappe 800 Millionen Liter Rohöl verschwinden nicht einfach. Die leichten Teile verdunsten. Die schweren sinken auf den Ozeanboden. Wiederum andere verbinden sich mit den hochgiftigen Entölungsmitteln, die man versprüht hat. Sie bilden durchsichtige, aber trotzdem hochtoxische Schichten aus chemischen Überresten, die zehn oder zwanzig Meter unter der Wasseroberfläche dahindriften. Und ja – ein Teil davon wird möglicherweise auch von Bakterien gefressen.
An Alaskas Küste findet sich heute noch Ölschlamm unter Steinen und Sand, nachdem dort vor nunmehr 29 Jahren der Tanker Exxon Valdez um die 42 Millionen Liter Öl ins Meer getropft hatte. Uuuupsi!

Exxon Mobil hat uns angelogen, zusammen mit allen anderen fossilen Multis, als es darum ging, was passieren würde, wenn wir das ganze Öl verbrennen.
Der damalige CEO von BP, Tony Hayward, wollte ernsthaft „sein Leben zurückhaben“, während im Golf von Mexiko die Ingenieure den Ölstrom noch immer nicht stoppen konnten, der erst dadurch möglich wurde, daß der Konzern sich zwanzig oder dreißig Millionen Dollar einsparte, indem er bestimmte Sicherheitsmaßnahmen gar nicht erst eingebaut hatte, die eben diese Ingenieure deutlich empfohlen hatten. Das Challenger-Syndrom ist überall in unserer technologischen Gesellschaft zu finden.
Monsanto lügt immer noch, wenn sie behaupten, sie wollten die Welt ernähren, während sie sie mehr und mehr in ein vergiftetes Niemandsland verwandeln, in dem armselige Genkopien eines einzigen Halms so tun, als seien sie ein ganzes Feld und langsam von Superunkräutern erwürgt werden, die gegen alles resistent sind außer Panzern und Flammenwerfern, während nebendran in der Papphütte indische Baumwollbauern Glyphosat trinken, um dem Elend zu entrinnen.
Tesla Motors belügt uns, wenn der Konzern eine Rakete ins All schießt und dann die größten Quartalsverluste aller Zeiten verkündet. Schon wieder.
Wenn Umsätze um 40 Prozent steigen und Verluste sich verfünffachen, steigt der Aktienkurs des Unternehmens. Denn der Chef ist optimistisch für die Produktionszahlen. Also die, die man bisher noch nie annähernd erreicht hat. Aber man hält weiter daran fest. Natürlich werden Ende März pro Woche mehr Autos vom Band laufen als im ganzen letzten Quartal. Hat ja schon die letzten zwölf Monate auch nicht geklappt. Wenn das nicht überzeugend ist.
Außerdem hatten die Analysten höhere Verluste erwartet. Wenn das kein Grund ist, der Aktie ein potentielles Plus von 1.100 Prozent vorherzusagen. Roger Rabbit fährt heute Tesla.
Sie belügen uns, wenn sie sagen, daß das Elektroauto die Rettung der Zukunft bedeutet, denn diese Zukunft ist nichts weiter als eine Verlängerung des Heute mit anderen Mitteln. Fahren sie weiter, es gibt nichts zu sehen.
Sie belügen uns, wenn sie uns erzählen, daß in zwei, drei Jahren fahrerlose Autos überall sein werden auf den Straßen. Die Geschichte wird jetzt seit zehn Jahren erzählt. Es gibt keine fahrerlosen Fahrzeuge außerhalb der Comicwelten.

Innerhalb der Comicwelten verkünden Präsidenten das tollste Infrastrukturprogramm aller Zeiten. Nur sollen es eben die Kommunen bezahlen oder die Konzerne. Also diejenigen, die ohnehin schon pleite sind und diejenigen, die nicht mal Steuern bezahlen in ihren eigenen Ländern, wenn man sie nicht mit einem roten Teppich zurückholt.
Gleichzeitig verkünden Menschen wie Teslas Chef Elon Musk den Plan zum Bau von Superhyperduperzügen in Vakuumröhren, die mit gefühlter Lichtgeschwindigkeit durch die Landschaft ballern sollen. Hyperloops für die Zukunft.
Eventuell sollte der Firmenchef mal zusammen mit allen anderen aus dem Silicon Valley und dem Präsidenten eine ordentliche Zugfahrt unternehmen. Da wären dann ja auch die Köpfe von Google und Facebook dabei. Vielleicht könnte man die neue Superbahn dann gleich fahrerlos gestalten und über die angeblich sozialen Netzwerke bewerben.

Bild 2: What the Fuck!
Die Grafik zeigt die Anzahl der Zugriffe auf die Internetdomain „Pornhub“ von Hawaii aus, nachdem sich der Raketenalarm als Falschmeldung entpuppte. Offenbar mußten sich auf den Schreck ziemlich viele Leute erst mal einen runterholen. Das stellt den Kontakt zur Realität wieder her, wie es scheint.

Während also die Welt immer wieder aussieht wie Roger Rabbit in verkehrt herum, verdurstet in Südafrika erstmals auf diesem Planeten eine Großstadt.
Kapstadt, um genauer zu sein. Vier Millionen Menschen im einzigen echten Industrieland des afrikanischen Kontinents. Des Kontinents, der auf einer Ressourcenkarte der Erde so ziemlich der reichste von allen ist. Es gibt nichts, was es da nicht gibt. Seltsam, daß Afrikas Staaten nicht alle in geruhsamen Wohlstand friedlich vor sich hin existieren. Woran das nur liegen mag?

Es ist auch nicht wirklich wahr, wenn Medien titeln, es sei die erste Großstadt, der so etwas passiert. Vor ein paar Jahren mußte Barcelona bereits mit großen Tankern von See her versorgt werden. Ja – das Barcelona in Spanien. Oder Katalonien. Wie auch immer. Die Entwicklung an der Stelle ist ja noch im Fluß.
Derweil wird im Südosten Spaniens unter Quadratkilometern Plastikfolie weiter Broccoli für meinen Supermarkt gezüchtet. Eine der trockensten Regionen Europas. Ich sollte mich nicht zu sehr an das grüne Gekräusel gewöhnen. Überhaupt haben wir uns alle an viel zu viele Dinge gewöhnt.
Wie haben wir es vor fünfunddreißig Jahren nur geschafft, nicht ständig an EHEC, Heckmeck oder anderem Zeug zu sterben?
Als noch nicht alles in Plastikfolie eingewickelt war, meine ich. Leckere Bündmöhren, noch mit Grün oben dran, damit Menschen sich eventuell wieder dran erinnern, wie so eine elende Karotte im Ganzen aussieht – eingewickelt in lockere zwei Meter Plastikfolie. Ganz luftig natürlich, um das Grün nicht zu zerdrücken.
Wie oft muß ich da früher dem Tod von der Schippe gesprungen sein. Und damals war auch noch nicht alles Bio. Ich bin ja so dankbar, daß heutige Agrarkonzerne sich solche Sorgen um meine Gesundheit machen.

Himbeeren im Plastikcontainer auf Laufbändern an der Kasse. Schön einzeln in Reihen gelegt. Es ist Februar. Das Zeug kommt aus Marokko.
Eine Freundin kauft Weintrauben. Weil es sie gerade gibt. Ich lebe in einer Weinbaugegend. Es gibt im Februar keine Trauben am Stock. In Namibia offenbar schon, sagt das Etikett.
Kapstadt versucht derweil, der Dürre wegzulaufen. Bis Juni oder so. Dann beginnt die Regenzeit in dieser Gegend. Aber die hat die letzten Jahre auch nicht genug Wasser ergeben. So ist Mensch in seinem Denken.
Millionen siedeln an einem ungeeigneten Ort und erwarten dann, daß zum richtigen Zeitpunkt soviel Regen fällt, daß jeder 200 Liter pro Kopf und Tag an Wasser verbrauchen kann. Wobei die mit den Pools mehr verbrauchen. Die in den Slums verbrauchen nur zehn Liter pro Tag. Die müssen ihr Wasser nämlich tragen.

Die Top 10 der Filme, die 2017 am meisten Geld in die Kassen der Konzerne gespült haben, die Illusionen verkaufen, liest sich symptomatisch. Alleine sechs davon beruhen auf Comics. Ein weiterer ist ein Comic, also ein Animationsfilm, und wird bezeichnenderweise als „Adventure“ gelistet. Das finde ich abenteuerlich.

Wasserstreß breitet sich zunehmend über den Planeten aus. Klimamuster verschieben sich oder zerbrechen. Wir schauen Black Mirror auf Netflix.

Und während sich Kapstadt in die nächste Regenzeit durchhangelt, folgt der Iran einem Muster, das sich schon anderswo hat beobachten lassen.
Höheren Temperaturen folgt Wassermangel folgen schlechte Ernten folgen höhere Lebensmittelpreise folgen Unruhen. Den Unruhen folgen Kriege. Nicht zwingend, aber als Möglichkeit.
In Nigeria kommen beispielsweise niedrigere Ölpreise hinzu. Die fehlenden Einnahmen führen dazu, daß korrupte Regierungen nicht mehr länger mit Importen über die Folgen ihrer desaströsen Ressourcenpolitik hinwegtäuschen können.
In Venezuela ist es ähnlich. Es ist schön, von früheren Ölmilliarden Straßen, Kanalisationen, Schulen und Krankenhäuser gebaut zu haben. Aber das hilft einem Land nicht, das 80 Prozent seiner Nahrung importiert, wenn es sich plötzlich auf dem absteigenden Ast des halluzinierten Wohlstands wiederfindet.
Syrien. Somalia. Überall dasselbe Spiel. Sich wiederholende Muster.
Die angeblichen somalischen Piraten waren früher oft einmal Fischer. Bis sie davon nicht mehr existieren konnten. Oder Bauern. Bis ihnen das Land vertrocknete. Das war allen völlig egal. Bis diese Leute anfingen, Öltanker zu kapern an einer der Schlagadern der Weltwirtschaft, der Einfahrt ins Rote Meer.
Seitdem haben die reichen Länder dort Militäraktionen gestartet. Auch die Bundesmarine ist noch dabei. Als ein Bundespräsident dereinst verkündete, Deutschland führe Wirtschaftskriege, schickte ihm die Kanzlerin das Abschiedsgesuch postwendend per Fax ins Haus. Wir führen keine Wirtschaftskriege oder fahren Seesicherung für Erdöl. Wir schützen humanitäre Hilfsaktionen vor Piraten.

Und auf einem Überblick über den Wasserstreß weltweit – jetzt und in Zukunft – sind Länder wie Syrien nicht nur mittendrin, sondern auch schon lange mit dabei.
Auch der angebliche Arabische Frühling fand seinen Auslöser in massiv gestiegenen Lebensmittelpreisen. Nicht unbedingt wegen Trockenheit, aber wegen Spekuklationen auf und mit Nahrungsmitteln. Die wiederum lohnen sich natürlich nur dann, wenn es hier kritische Punkte gibt, an denen der ökonomische Börsenhebel angesetzt werden kann. Unser Wirtschaftssystem kann Dinge nur dann mit einem Preis versehen, wenn sie knapp sind, das darf man hier nicht vergessen. Es beruht auf der Verteilung von Mangel. Diese Verteilung bringt dann Himbeeren aus Marokko in Plastikcontainern in meinen Supermarkt. Oder Weintrauben aus Namibia in andere.

Die Zukunft sieht nicht gut aus für Länder wie den Iran. Die Gegenwart sieht schon jetzt nicht gut aus für Länder wie Vietnam.
Hier ist das Problem nicht zu wenig Wasser. Die 18 Millionen Menschen des Mekong-Delta, einer der wichtigsten Agraregionen der Erde, haben das andere Problem: Zu viel Wasser. Salzwasser auch noch. Nach der schlimmsten Dürre seit einem Jahrhundert in den Jahren 2015/16 ist Salzwasser ins Inland gedrungen. Natürlich ruiniert es das Agrarland und macht weitere Ernten unmöglich.

Bild 3: Unter Schutzatmosphäre verpackt
Bestimmt lecker, so Weintrauben. Und Bio womöglich auch noch. Im Februar. Aus Namibia. Irgendwas erscheint mir daran geistig nicht ganz gesund. Unsere Gesellschaft braucht dringend einen Therapeuten.

In der Comicwelt reiben Spekulanten sich die Hände, wenn sie so etwas hören. In der echten Welt verlassen Zehntausende das Land, von dem sie nicht länger leben können, um woanders ihr Glück zu versuchen.
So wie in Nigeria auch. Ganze Regionen sind von Bauern geräumt worden nach langer Trockenheit. In solche Lücken sickern Gruppen wie die islamistische Boko Haram. Das wiederum treibt andere Menschen in die Flucht und denen wird von Organisationen geholfen wie dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, der UNHCR. Hier geht es nicht einmal um Milliarden, um die schlimmste Not zu lindern. Es geht um dreistellige Millionen.
Aber in Comicwelten streichen Präsidenten das Geld der USA an die Vereinten Nationen zusammen, weil ihnen das alles zu teuer ist. Gleichzeitig senken sie Steuern so weit, daß schon ihr eigener Familienclan diese Kosten als Ersparnis auf seinen Konten verbuchen kann.
Dem UNHCR fehlten schon einmal etwa 240 Millionen Dollar vor einigen Jahren, denn die Zahlungsmoral der meisten UN-Nationen ist schlecht bis nicht existent. Damals wurde das Geld gebraucht für die Versorgung syrischer Flüchtlingslager mit Nahrung und Wasser. Aber das war der freien westlichen Welt, dem Hort der Demokratie, des Wohlstands, der Menschenrechte und des Friedens, leider zu teuer.

Comicwelten. Wo Nemo noch gesucht wird, während seine reale Heimat in unseren Ozeanen zunehmend erbleicht. Wo am Ende immer das Happy Chapter gewinnt. Wo aus jeder Hoffnungslosigkeit am Ende doch strahlende Hoffnung aufscheint und alles gut wird, wenn man nur den Präsidenten von Panem erschießt.
Seit Jahrzehnten haben wir immer diejenigen in Machtpositionen gewählt, die die schönste, bunteste Comicwelt gezeichnet haben. Wir kaufen die Produkte, die uns am meisten Glückseligkeit verheißen, uns am wirksamsten vor der unliebsamen Realität schützen, am wirkungsvollsten betäuben. Es gibt kaum noch einen Unterschied zwischen der Welt auf dem Kinobildschirm und der außerhalb des Kinosaals. Aber wir müssen da raus. Zurück in die Welt, in der die Idioten Cartoon-Charaktere sind und das ganze verdammte Drumherum real.

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