Die unerträgliche Nachhaltigkeit des Seins

– II –
Die Wahrheit der Pinguine

„Sustainability takes forever. And that’s the point.“
William Mc Donough

Die Vergangenheit, von der alle glauben, sie könne in der Zukunft des Fortschritts keine Bedeutung mehr für uns haben, kommt zurück.
Typhus kommt zurück und diesmal ist er multiresistent. Und er hat Begleiter. Tuberkulose zum Beispiel. MRSA. Andere Krankheiten, die man bereits besiegt glaubte, sind wieder im Vormarsch. Syphillis beispielsweise, die gute alte Geschlechtskrankheit, die in früheren Jahrhunderten so manchen auch berühmten Kopf geplagt hat. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn diese Krankheit wirkt im Spätstadium neurologisch degenerativ.

Je mehr der Mensch Kontrolle errungen hat, nach Maßgabe unserer reduktionistischen Wissenschaften, um so mehr ist uns diese Kontrolle entglitten. Resistenz ist – so wie Klimazerstörung – ein Ding, das seinen eigenen zeitlichen Gesetzen unterliegt. Die Evolution schert sich nicht um Jahre oder Jahrzehnte oder Jahrtausende. Die Antwort auf die Frage, warum Dinosaurier zweihundert Millionen Jahre die Erde beherrschten und trotzdem keine Intelligenz entwickelten, ist evolutionsbiologisch simpel: Es war nicht notwendig.
Intelligenz ist kein Faktor, der einer Spezies in irgendeiner Form eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit verschafft. Es gibt jede Menge Lebensformen auf der Erde, die noch wesentlich dümmer sind als der Durchschnittskonsument des RTL-Programms, auch wenn das schwer vorstellbar ist. Aber für einen Badeschwamm, eine Seegurke oder einen Alligator in Florida wäre der Inhalt dieses Fernsehsenders eindeutig zu hoch. Trotzdem haben Alligatoren noch den letzten Dinosauriern nachgewinkt, mit denen sie stammesgeschichtlich verwandt sind. Wobei die „echten Krokodile“ deutlich jünger sind, aber auch die kommen noch auf 40 Millionen Jahre. Trotzdem sind die nicht intelligent. Intelligenz behindert in vielen Fällen den sicheren Jagdinstinkt und Platons Dialoge oder Wasserspülung im Klo sind jetzt auch nicht so die Killerapplikation in der Evolution.

Biologische Entwicklung folgt, wie alles andere, durchaus nachvollziehbaren Gesetzen. Wer also lautstark behauptet, Evolution müsse ja willkürlich sein, was sie aber offenbar nicht ist, und glaubt, er habe damit die Existenz Gottes bewiesen, weil einige Dinge ja so unfaßbar gut zusammenpassen und es deshalb einen geheimnisvollen Designer geben muß, hat die Nummer mit der Evolution schlicht nicht begriffen. Was nicht verwunderlich ist, denn solche Leute haben Darwin auch niemals gelesen nach meiner Erfahrung.
Dagegen hilft dann nur weniger RTL gucken. Und vielleicht mal Darwin lesen, bevor man lauthals rumposaunt, er wäre durch die abstruse Fehlinterpretation irgendeiner Studie durch wissenschaftlich völlig unbelichtete Halbhirne widerlegt worden mit seiner Theorie.

Evolution jedenfalls folgt Gesetzen. Ich bin mir vollkommen sicher, daß auf einem anderen Planeten mit Ozeanen aus flüssigem Wasser Lebewesen existieren, die so aussehen wie irdische Wale. Oder Haie. Oder Delphine. Einfach aus der schlichten Tatsache heraus, daß es sich in beiden Fällen um eine flüssige Umgebung ähnlicher chemischer Zusammensetzung handelt.
Die genannten Lebewesen sind auf ihre Art an ein Leben in dieser Umgebung hervorragend angepaßt. Wobei man Walen und Delphinen sogar eine gewisse Intelligenz nachsagen kann. Haien aber nicht. Haie sind ungefähr so schlau wie mein Frühstück und bisher hat noch kein Käsebrot oder eine Tomate auch nur die geringste existenzielle Frage gestellt.
Trotzdem – oder besser, gerade deshalb – haben Haie die Dinosaurier nicht nur gehen sehen, sondern waren schon alt, als die das erste Mal auftauchten und begannen, auf den Landmassen den dicken Max zu markieren. Die ersten Haie stammen aus dem Devon. Dieses Erdzeitalter ist nach der britischen Grafschaft benannt, weil hier erstmals Geologen die unterschiedlichen Gesteinsbildungen auseinanderfummelten, durch die sich das Devon von seinem Nachfolger, dem Karbon, unterscheidet. Übrigens zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Genauer gesagt, 1839. Da war ein Herr namens Charles Darwin gerade erst mit der HMS Beagle von einer Weltreise zurückgekehrt und hatte soeben seine Frau Emma geheiratet. Aber das wußten die Haie nicht.

Die fiktiven Lebewesen im fiktiven Ozean in 100 Lichtjahren Entfernung wären womöglich mit 12 Flossen ausgestattet. Eventuell hätten sie keine Schwimmblase, sondern würden mittels ihrer Biochemie aus dem Wasser Wasserstoff gewinnen und den im Körperinneren speichern, um so ihren Auftrieb regulieren zu können. Das können irdische Haie beispielsweise nicht, denn die haben keine Schwimmblase, weswegen sie ständig in Bewegung sein müssen, um Auftrieb zu erzeugen. Das Leben irdischer Haie ist ein ruheloses.
Genauer besehen hätten die extraterrestrischen Ozeanbewohner womöglich keine Säugetiermerkmale. Vielleicht laichen die extraterrestrischen Wale und wären somit Amphibien. Oder Fische. Oder die Delphine hätten Fell, um die Strömungsverhältnisse zu optimieren und wären damit Säugetiere, legten sie nicht Eier. Und die Dinger, die wie Haie aussehen, wären womöglich etwas, das eigentlich eine Pflanze ist oder in der irdischen Biologie gar keine Entsprechung hat. Grüße an das Schnabeltier von dieser Stelle.
All das ist möglich. Trotzdem wäre die grundlegende äußere Form ähnlich der auf der Erde. Gleiches Problem. Gleiche Physik. Ähnliche Lösungen. Kubische Haifische sind in Ozeanen fremder Welten nicht zu erwarten, da bin ich mir sicher.

Ein kleiner Ausflug in die Zeitrechnung von Bakterien und Planeten relativiert menschlichen Kontrollwahn schlagartig.

Evolution folgt in zeitlicher Hinsicht demselben Prinzip wie Klimazerstörung. Das Klima bedient sich einfach der Jahrtausende. Evolution wiederum rechnet nicht in Stunden oder Jahrzehnten, sondern in Generationenfolgen.
Wenn wir großzügig sind, können wir das Alter der Gattung Homo mit sieben Millionen Jahren ansetzen, was in etwa dem Stand der Forschung entspricht. Nehmen wir weiterhin an, daß eine menschliche Generation sich über dreißig Jahre erstreckt, dann hat ein Jahrtausend also 33 Generationen. Seit dem ersten Vorfahren des heutigen Homo sapiens sapiens sind also etwa 230.000 Generationen vergangen. Rechnen wir nur mit der Lebenszeit des Homo sapiens – der einzigen überlebenden Art seiner Gattung – dann stehen etwa 10.000 Generationen auf der Uhr, was die Zahl noch wesentlich unbeeindruckender macht, als sie ohnehin schon ist.
Escherichia Coli, das allseits bekannte Darmbakterium des Menschen, hat eine Generationszeit von gerade einmal zwanzig Minuten unter optimalen Bedingungen. Damit schaffen die freundlichen Einzeller alle Generationen des modernen Menschen binnen fünf Monaten. Die unfreundlichen Einzeller auch.

Schon dieser kleine Blick auf die Zahlen verdeutlicht, daß Mensch diesen Kampf niemals wird gewinnen können. Wir konnten es auch nie. Aber der Mythos des Fortschritts, die Legende von der menschlichen Kontrolle, machte es erforderlich, daß wir es können müssen. Denn ansonsten läßt sich das Narrativ nicht aufrechterhalten.

In den letzten Tagen habe ich zwei Dokumentationen gesehen. Die eine beschäftigt sich mit der Terraformung des Mars. Terraforming, für die Nicht-SF-Leser, ist nichts anderes als das, was man beim Namen vermuten könnte: Der Umbau eines anderen Planeten zu einer Welt, auf der Menschen leben könnten. Klingt einfach, ist es aber nicht wirklich.
Solche Dinge laufen heute im kleineren Maßstab unter dem Schlagwort des Geo-Engineering, wobei sich das natürlich auf die Erde bezieht, wie die Vorsilbe verrät. Aber dahinter steckt derselbe Geist: Was immer Mensch will, das kann er auch machen. Natürlich können bei einem Terraforming-Projekt grob geschätzt etwa siebenhundert Millionen verschiedener Dinge schiefgehen, aber wen interessiert denn so was schon?

Die erwähnte Dokumentation beginnt mit dem Satz: „When it is time to move to another planet…“
Die Besiedlung des Mars durch uns Menschen ist also eine zwingende Notwendigkeit, weil…ja, warum eigentlich? Ganz einfach, weil es Zeit ist, das zu tun. Mensch hat gefälligst seiner Bestimmung zu folgen, das Zepter der Zukunft zu ergreifen und sich auf die Socken zu machen, um endlich auf mehr als einem Planeten präsent zu sein.
Kein einziges Mal wird von der Stimme aus dem Off erwähnt, daß wir Menschen eine Kolonisierung des Mars jetzt mehr und mehr herbeiwünschen, weil uns der Boden unter den Socken auf diesem Planeten allmählich zu heiß wird. Wortwörtlich. Oder auch zu naß, je nachdem, wo man so wohnt.
Es gibt handfeste Gründe, warum die Besiedlung einer Welt ohne Luft, ohne Wasser, ohne Wärme und überhaupt ohne so ziemlich alles, was man als „bewohnbar“ bezeichnen könnte, manchen Menschen als eine gute Idee erscheint, das mit dem Argument verkauft wird, man sollte halt nicht alle Eier in einen Korb legen.
Die in letzter Zeit mit anschwellendem TamTam verbreiteten astronautischen Wichsphantasien eines Elon Musk und anderer Konsorten finden deshalb soviel Zuspruch, weil keiner der Jubelperser zugeben möchte oder zugeben kann, daß wir in Wirklichkeit von der Erde flüchten wollen, bevor uns die Probleme über den Kopf wachsen, die Mensch selber verursacht hat.
Ähnlich wie bei Diskussionen um eine Vermögenssteuer jubeln auch auch hier diejenigen am lautesten, die mit hoher Sicherheit nicht auf einem Kolonieflug zum Mars dabei wären. Gegen eine Besteuerung von Vermögen schreien immer diejenigen am lautesten, die von so einer Steuer niemals betroffen wären. Ich füge hinzu, daß in meinem Falle Menschen mit siebenstelligem Barvermögen und/oder Einkommen plus weiteren Dingen mit „Vermögen“ gemeint sind, nicht etwa der gut verdienende Neurochirurg mit einer Viertelmillion pro Jahr und schon gar nicht der Arbeitnehmer, der eben sechzigtausend verdient, weil er immerhin auch mal studiert hat und sich im Job etwas abhetzen muß.
In der gesamten folgenden Doku geht es ausschließlich darum, wie man aus der toten Staubkugel Mars einen Planeten machen kann, auf dem Menschen leben könnten. Eine Dreiviertelstunde lang schwingt in allen Aussagen zur Lösung technischer Probleme die feste und unerschütterliche Überzeugung mit, daß Mensch unseren Nachbarplaneten mit absoluter Sicherheit in eine Kolonie verwandeln wird. Weil es geht. Irgendwie. Und weil wir es wollen.
Ich bin mir sicher, daß einer der talking heads die Höhe der Umlaufbahn der ISS kennt. Es sind 230 Meilen, also grob um die 400 Kilometer. Weiter weg von der Erde war seit den letzten Flügen zum Mond niemand mehr. Ich bin mir sicher, das schon einmal erwähnt zu haben.

Die zweite Dokumentation ist ein Vortrag eines Herr names Neil de Grasse Tyson, nicht verwandt oder verschwägert mit dem Boxer. Dieser Typ arbeitet als Kosmologe, Astrophysiker und gibt als Fernsehonkel den Erklärbär für manche Dinge im All. Sein Vortrag ist nicht zwingend brillant, wie ich gestehen muß, aber er hat schon einen deutlich anderen Titel: Why a colony on Mars is unlikely to happen‘.
Die Jubeldoku hingegen heißt: ‚Mars – Making the New Earth‘.
Man spürt hier den Unterschied bereits im Titel. Es ist keine Frage, welcher den wissenschaftlichen Vortrag kennzeichnet und welcher von Marketingpropagandisten entworfen wurde.
Interessant ist nicht so sehr der Vortrag von Tyson, sondern die Kommentare darunter. Youtube ist eine wunderbare Quelle für menschlichen Wahnsinn, so viel ist sicher. Ein großer Teil der Kommentatoren unter dem Video entkräftet kein einziges der durchaus validen Argumente, die Tyson vorbringt.
Aber sehr viele werfen ihm vor, er denke „nicht groß genug“ oder er habe „keine Vision“. Außerdem sei er nur „neidisch auf Elon Musk“, denn der sei ja gerade dabei, eine Marskolonie zu bauen. Das wiederum war mir neu. Ich dachte eigentlich, Elon Musk hätte gerade ein Auto ins All geschossen, was bei der Gründung einer Kolonie oder dem Terraforming des Mars etwa so hilfreich ist wie die Erfindung unzerbrechlicher Hühnereier.
Aus Dutzenden von Kommentaren wird ersichtlich, daß Menschen an die Terraformung des Mars glauben wollen und deshalb ist der Erfolg dieses Unternehmens bereits ausgemachte Sache. Wer dagegen ist, hat keine Ahnung. Offenbar sind unter den Kommentatoren auch sehr viele studierte Astrophysiker. Und dann sind da diejenigen, die dem Herrn vorwerfen, er sei völlig gegen die Erkundung des Alls und – natürlich – total gegen den Fortschritt und solle deshalb sofort in einer Höhle wohnen. Schließlich ist es ja das, was er gesagt hat.

Wir haben hier außer den üblichen Mustern der antiwissenschaftlichen Pöbeleien alle Dinge beisammen, die eine Religion ausmachen. Die Erlösergestalt Musk. Das Heilsversprechen der marsianischen Terraformung. Die Ketzer, hier vertreten durch einen Herrn, der in seinen ergrauenden Locken vermutlich mehr Ahnung von Physik und Kosmologie herumträgt als sein „kritisches“ Publikum insgesamt jemals zu begreifen in der Lage wäre. Und natürlich die Menge der Gläubigen, die keinerlei Kritik von der Realität an ihrem Bild des Universums zulassen, weil – nun ja, es heißt nicht umsonst Gläubige.
Mein Liebling ist ein Kommentar, der Tyson vorwirft, er beginne damit, daß die Zukunft eben schwer vorherzusagen sei, um dann aber über die Zukunft zu reden. Das sagt ein angeblich intelligenter Mensch, um einen Blender wie Musk zu verteidigen, der nichts weiter tut, als eine glänzende Zukunft zu versprechen. Die naturgemäß in der Zukunft liegt.
Ich bin mir sicher, daß dem Schreiber des Kommentars nicht der Kopf explodiert ist, als er das schrieb. Schade eigentlich. Denn das wäre für die menschliche Evolution sehr wohl von Vorteil.
Youtube ist auch ein wunderbares Beispiel für gelebte kognitive Dissonanz. Der Löwenanteil des Geschriebenen läuft auf das absolut stichhaltige Argument hinaus: „Was der Typ sagt, gefällt mir nicht. Also ist es falsch.“
Damit klärt sich für mich ein weiteres, sorgfältig gehütetes Geheimnis der Gesellschaft: Youtube-Kommentare werden von Pinguinen geschrieben. Denn die sind nicht sonderlich gut in Logik. Also müssen alle Youtube-Kommentare von Pinguinen stammen. Und jetzt komme mir keiner mit der Aussage, daß Pinguine gar nicht tippen können. Meine Logik ist unbestreitbar.

Vorsicht vor logischen Fehlschlüssen.
Wer glaubt, daß Etwas nicht stimmen kann, weil es ihm persönlich nicht paßt, muß darauf gefaßt sein, für einen Pinguin gehalten zu werden. Wer nichts weiß, muß alles glauben. Die wirklich wahre Realität zeigt sich von derartigen Geisteshaltungen allerdings meistens recht unbeeindruckt.
Comic von Randy Glasbergen

Nachhaltigkeit bedeutet heute offenbar auch, einem Mann bedingungslos zu folgen, der verspricht, er werde die Raumfahrt so weit vorantreiben, daß Mensch spätestens übermorgen auf dem Mars wohnen wird. Ich habe da ja eindeutig so meine Zweifel.
Seine Glaubwürdigkeit zieht er aus der Tatsache, daß er Elektroautos herstellt. Nachhaltigkeit bedeutet heutzutage nämlich auch elektrische Mobilität. Statt dieselnder Monster-SUV fahren wir dann in Zukunft eben mit elektrischen Monster-SUV durch die Gegend.
Wobei ich glaube, daß Herr Musk ein derartiges Modell gar nicht im Angebot hat. Übrigens ebensowenig wie sein eigentlich angekündigtes Modell 3. Denn das prodziert sich wohl noch immer nicht in den Stückzahlen, die der Chef gerne hätte. Um endlich mal zu Potte zu kommen, sollen die Produktionszahlen verdreifacht werden. Ausgehend von den Zahlen allerdings, die auch im März nicht die im Februar angekündigte Höhe erreicht haben. Ist ja auch logisch, denn wären die Ankündigungen wahr geworden, gäbe es keinen Grund zur Unzufriedenheit. Ich frage mich, was der Youtube-Kommentierer mit seinem Zukunftsspruch unter diesen Artikel geschrieben hätte. Tesla Motors kann die sagenhaft teuren Kisten ohnehin nur produzieren, weil das Firmenkonstrukt möglichst effizient möglichst viele Fördertöpfe anzapft. Es gibt aktuell kaum ein besseres Beispiel für direkte und indirekte Subventionen, die ein ökonomisch unrentables Unternehmen in ein Heilsversprechen für den Lebensstil unserer Gesellschaft verwandeln, als die Firma Tesla Motors.
Nichts davon ist illegal, wohlgemerkt. Außerdem ist auch das genau der Grund für Subventionen. Sie haben den Zweck, eine nützliche Sache, die es ansonsten schwer hat, in den Markt zu bringen. Nur ist es eben auch Merkmal von Subventionen, daß diese Förderung temporär ist. Fünfzig Jahre die Atomenergie und sechzig Jahre die Steinkohleförderung mit Geld zu füttern, damit der ganze Kram weiterlaufen kann, hat nichts mehr mit temporär zu tun. Das ist ökonomische Blutwäsche, um dem Patienten das Überleben zu ermöglichen. Tesla ist hierfür nur das jüngste Beispiel.

Nachhaltigkeit bedeutet also heute, einen Elektroflitzer mit möglichst viel öffentlichem Geld zu bewerfen und ihn als Lösung für so ziemlich alles zu vermarkten. Doch wie viele Kisten Bier wird so ein Modell 3 eigentlich über Amerikas Highways in Supermärkte transportieren?
Nirgendwo sehe ich Pläne für eine Elektrifizierung des Transportwesens an Land. Und wenn schon wieder irgendwer fliegende Autos bauen möchte – wann lernen die eigentlich Schwimmen? Denn gute 90 Prozent des globalisierten Welthandels laufen über die Ozeane ab. Mit großen Schiffen. Keines dieses Dinger wird elektrisch betrieben. Ganz abgesehen davon, daß das jede Stromrechnung sprengen würde. Die allgegenwärtige Supermarktkultur des 21. Jahrhunderts ist ohne Logistik an Land und auf dem Wasser nichts weiter als eine weitere Ausgeburt der Technosphäre, deren Funktionieren von einer Menge kritischer Faktoren abhängig ist.
Nachhaltigkeit bedeutet heute, die blödsinnige Concorde noch einmal zu bauen. In leiser und weniger Spritverbrauch. Aber noch mal. Dadurch ändert sich aber nichts daran, daß man Unmengen an Sprit braucht, um einen zig Tonnen schweren Flugkörper die Schallmauer durchbrechen zu lassen.
Ich weise auf einen Satz im zitierten Artikel hin:

„Die Concorde, unrentabel geworden, stellt ihren Dienst ein.“

Das ist nicht korrekt. Die Concorde war niemals ökonomisch rentabel. Schon vom ersten Flug an war sie es nicht. Das Unglück im Jahre 2003 2000 in Paris diente lediglich als willkommener Vorwand, endlich den Stecker aus einem Unternehmen zu ziehen, das ohne Zuschüsse Großbritanniens und Frankreichs – also Steuergeldern – niemals vom Boden abgehoben hätte. Was wiederum die Frage aufwirft, wie viele Menschen eigentlich von so einer neuen Concorde profitieren würden und in welcher Form eigentlich.

„Nachhaltigkeit“ in einer vernunftbasierten Definition würde die Grundfesten unserer Gesellschaft komplett torpedieren. Deswegen wird das Wort nie in diesem Sinne benutzt.

Ich schlage offiziell vor, den Ausdruck der Nachhaltigkeit anders zu verwenden. Nämlich korrekt. Nachhaltig sind nur Dinge, die auf Dauer nicht von öffentlichen Geldern gestützt werden müssen, sei es direkt durch Besteuerung oder indirekt wie durch Steuererleichterungen oder Schlupflöcher in Gesetzen.
Nachhaltig sind nur Dinge, die dauerhaft im lokalen Rahmen durchführbar sind, da sie die Biosphäre der Erde nicht über das Maß der Regenerationsfähigkeit hinaus belasten.
Nachhaltig sind nur Dinge, die einer möglichst großen Menge an Menschen auch tatsächlichen Nutzwert verschaffen. Nicht zwingend persönlich, sondern im Kollektiv.

Natürlich wird kein einziger Standardökonom oder -politiker dieser Definition folgen. Denn damit würde recht schmerzhaft deutlich, daß Mensch einen Großteil seiner Infrastruktur in den letzten 150 Jahren auf einer falschen Annahme über die Zukunft gebaut hat. Dieser Gedanke wäre verbunden mit der Erkenntnis, daß wir nichts wirklich unter Kontrolle haben und auch niemals hatten.
Die Verbreitung von Chemikalien in den ökologischen Systemen erfolgt unkontrolliert. Unsere Klimagase gehören dazu. Ihre Auswirkungen werden sich nicht aufhalten lassen, selbst wenn wir morgen aufhören, auch nur ein Gramm Kohlendioxid mehr in die Atmosphäre zu blasen.
Die Verbreitung von Plastikmüll ist längst unkontrolliert. Das Sterben von Bienen aller Art wird sich durch das gerade erfolgte Verbot der Neonikotinoide nicht aufhalten lassen.
Trotzdem wird es natürlich von Umweltverbänden als großer Erfolg gefeiert werden, wie ich das im letzten Beitrag schon erwähnte. Bienen sind gerade in und deswegen das ökologische Projekt zur Gewissensberuhigung, das ohne Folgen für die Ökonomie durchgeführt werden kann. Greenwashing für das eigene, umweltbewegte Hirn.
Denn natürlich werden die alten Gifte durch neue ersetzt werden, da unsere Art der Landwirtschaft, die diesen Namen schon längst nicht mehr verdient, ohne diese Hilfsmittel nicht aufrechtzuerhalten ist.

Unser gesellschaftliches – also soziologisches und soziales – Leben ist derartig durchökonomisiert unter der Ägide einer Wirtschaftshypothese, in der Ethik keinen Platz hat, daß diese de facto nicht mehr existiert oder irgendeinen Maßstab für ein Handeln darstellt. Deswegen ist so etwas wie „ethischer Konsum“ absolut volltrunkener Blödsinn. Ein Dämpfer für eigene geistige Dissonanzen, mit dem sich der Zeitgeist die Welt und das menschliche Handeln in ihr schönsäuft, wenn man so will. Die Art Konsum, die unsere grenzenlose Wachstumsgesellschaft befeuern soll, ist mit jedweder Ethik schlicht unvereinbar.
Unter dem Aspekt echter Nachhaltigkeit betrachtet ist ein enormer Teil der industriellen Zivilisation nichts weiter als eine gigantische Fehlinvestition. Da die Grundlage einer jeden Ökonomie Energie ist und nicht etwa so ein Zeug wie Geld, hat Mensch sehr viel Zeit damit verschwendet, sehr viel Energie in einen Wunschtraum zu stecken, der nicht erfüllbar ist. Wir haben all das getan, weil wir es wollten. Das Herbeiwünschen der Zukunft hat bis zu einem gewissen Maß funktioniert.
Doch nichts davon ändert die Naturgesetze. Wir fliegen durch die Gegend und fahren herum und bestellen Dinge, die mit dem Lastwagen durch die Gegend gefahren werden und machen Geld, indem wir darauf setzen, ob die Aktien eines Unternehmens, das offiziell Elektroautos herstellt, jetzt steigen oder fallen werden. Oder mit Spekulationen auf Nahrungsmittel. Aber das waren dann ja nicht wir, das war die Bank. Wir sind alle so nachhaltig, als gäbe es kein Morgen mehr.

Kassandra sagt, daß es sehr wohl ein Morgen geben wird. Wir leben darin. In diesem Morgen wird die Zahl der Menschen nicht weiter steigen, denn wir werden wieder an Krankheiten sterben, die wir in heroischem Kampf besiegt haben. Zumindest für eine Weile. So, wie es woanders schon Realität ist.

 

 

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