Dissonanzen

Die Verwerfungslinien der Geschichte knirschen bereits seit Jahren immer wieder und immer lauter vor sich hin, fleißig ignoriert von der Politik und Finanzwelt Europas und Amerikas. Das geistig stabile Genie, von der Wahlbevölkerung der USA vor jetzt anderthalb Jahren ins Weiße Haus gewählt, hat sich inzwischen als perfekter Tinder-Match für den Geisteszustand dieser seltsamen Nation jenseits des Atlantik herausgestellt.
Wie der besoffene Barprolet morgens um Zwei ziehen die USA seitdem um die Häuser, pissen in die Blumenrabatten und kotzen dem Planeten den Vorgarten voll, wo immer sie eine Gelegenheit finden. Eine ehemalige Super- und Weltmacht, die nichts mehr gebacken kriegt außer einer erratischen Außenpolitik, die sämtliche Konflikte, die man nur finden kann, massiv anheizt. Die gefährlichste Nation der Erde ist aktuell nicht Nordkorea. Oder Israel, diese bedauernswerte ehemalige Nation, die klar zeigt, was passiert, wenn religiöse Fanatiker dauerhaft die Regierung stellen oder zumindest übermäßig beeinflussen.

Während eine Botschaft nach Jerusalem verlegt und damit vierzig Jahre Nahost-Politik eingeäschert werden, werfen woanders Demonstranten an Grenzen mit Steinen, woraufhin die Beworfenen mit Luftangriffen antworten.
Die UN-Botschafterin der USA wird das am nächsten Tag als „zurückhaltend“ loben. Ich würde sagen, wenn auf einer Seite 60 Menschen tot sind und über 2.000 verletzt, während die tapferen Verteidiger vor den herandrängenden angeblichen Barbarenhorden keine Verluste zu verzeichnen haben, war irgendwo der Abzugsfinger eindeutig zu locker. Und es kann wohl nur auf der Seite der Fall gewesen sein, die auch Scharfschützen in Stellung hatte.
Beunruhigend hier auch die Stellungnahme deutscher und anderer Medien. Immer wieder wird von Ansturm auf die Landesgrenze gesprochen. Dabei gibt es zwischen dem Gazastreifen und Israel gar keine Grenze im völkerrechtlichen Sinne. Denn der Gazastreifen ist kein Staat. Es gibt zwar den Staat Palästina, aber der wird von vielen anderen nicht offiziell anerkannt. Unter anderem von so ziemlich der gesamten EU und natürlich Israel, diesem entarteten Traum von Gerechtigkeit, der heute Kinder erschießt, das als Selbstverteidigungsmaßnahme zur Seite wischt und darauf besteht, unbedingt das Opfer zu sein.
Aber möglicherweise ist diese bequeme Lüge nicht länger hinnehmbar. Womöglich sind die Nachfahren der Opfer einer anderen Zeit längst zu Tätern, Mittätern und Mitläufern verkommen, deren Vorgehensweisen nicht weniger menschenverachtend sind als die von Tätern aus vergangenen Zeiten.

Ich hatte bereits 2009 in einem alten Text erwähnt, daß der Gazastreifen auch nichts anderes ist als ein Konzentrationslager. Der einzige Unterschied ist, daß die Palästinenser dort sich offiziell selbst verwalten. Insofern ist dieser leere Wüstenstreifen ohne Ressourcen vielleicht eher das Warschauer Ghetto. Aber das macht die Sache nicht besser für die darin Eingesperrten. So gut wie keine Arbeit, keine Ziele, keine Ressourcen, keine Zukunft. Außer Haß auf den jüdischen Staat nebendran bleibt da nicht viel übrig.
Da kann man auf israelischer Seite noch so sehr rumschreien, die Hamas habe irgendwelchen Demonstranten Geld bezahlt – was vermutlich sogar stimmt. Trotzdem rechtfertigt das keine Luftangriffe auf Häuser, in denen sich wohl überwiegend Zivilisten aufhalten. Mit jeder dieser Aktionen sät man mehr Haß, den andere schüren können.
Die Hamas zahlt nämlich schon lange Geld an Palästinenser. Wer getötet wird oder verletzt im Dienste dieser eher zweifelhaften Organisation, erhält eine Rente beziehungsweise eine Entschädigung für die Hinterbliebenen. Wenn sonst nichts da ist in einem abgesperrten Streifen Wüste, was bleibt einem da noch?

7000.000 Palästinenser wurden vor 70 Jahren vertrieben, als in den Nachwehen des Zweiten Weltkriegs im arabischen Mittelmeerbogen der Staat Israel gegründet wurde. Seither hat auch und vor allem amerikanische Politik diesem seltsamen Gebilde das Überleben ermöglicht.
Immer wieder, wenn Israelis sich über die religiösen Fanatiker ereifern, die in Teheran an der Vernichtung ihres Heimatlandes planen, muß ich in den letzten Jahren an mich halten, um nicht zu lachen. Als wäre Fanatismus besser, wenn er einer anderen Religion entspringt und andere Staaten vernichten will. Eine israelische Regierung könnte den ganzen Nahen Osten besetzen, bis Mekka und Medina, und würde das noch immer als Selbstverteidigung rechtfertigen. Das wäre für eine Regierung wiederum ein durchaus normales Verhalten.
Aber Regierungen werden gewählt. Ich muß also davon ausgehen, daß ein großer Teil der Bevölkerung des Landes mit dieser Art psychopathischer Killerpolitik einverstanden ist. Jedenfalls ist mir keine Großdemonstration bekannt, die gegen das brutale Vorgehen der Armee in irgendeiner Form protestiert hätte. Aber Israel ist auch kein Staat, in dem man die eigene Armee einfach so kritisieren darf. Bei näherer Betrachtung ist die „einzige Demokratie im nahen Osten“ nichts weiter als ein durchmilitarisiertes theokratisches Staatswesen mit massiver Paranoia.
Hätten sich die Siegermächte doch nur dafür entschieden, sowohl Juden als auch Palästinensern einen Staat zu geben. Die Zweistaaten-Lösung, die letzte Woche endgültig beerdigt wurde, quasi als eingebautes Feature für Nahost. Damals wäre das problemlos machbar gewesen. Historische Verwerfungslinien sind immer von Menschen geschaffen, denn nur wir haben eine Geschichtsschreibung auf diesem Planeten.

Während also die Unterdrückten und Verfolgten von damals längst zu Unterdrückern und Verfolgern mutiert sind und sich über fanatisierte Religiöse aufregen, die ihren Staat vernichten wollen, während sie es sind, die Luftangriffe auf andere Staaten fliegen mit der Begründung, ihr Gott hätte sie zum auserwählten Volk ernannt, scheint woanders ein Streit ausnahmsweise beigelegt zu sein. In Italien nämlich.

Nach der gefühlt 67. Wahl seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat es wieder mal so ausgesehen, als könne man sich bei Latte und Spaghetti Mamma wieder einmal nicht auf eine neue Regierung einigen. Was nach den Maßstäben des Stiefellandes im Süden Europas durchaus nicht ungewöhnlich wäre. Während in Deutschland alle nach sechs Monaten rumweinen, wenn es noch keine Regierung gibt, und Europa und die Welt untergehen, weil die SPD diese nicht retten will und sich unverständlicherweise einer Koaliton verweigert – oder besser, der dafür nötigen Duldungsstarre – sind solche Dinge im Heimatstaat Don Berlusconis völlig normal und eigentlich Routine.

Überraschend hingegen ist es, daß sich die beiden stärksten Parteien jetzt scheinbar doch auf eine Regierung geeinigt haben. Es sind tatsächlich die Lega, also die ehemalige Lega Nord, die aber durch die Namensänderung nicht weniger faschistoid geworden ist als vorher. Auf der anderen Seite steht M5S, das ist das Wahlbündnis des ehemaligen Komikers Beppe Grillo. Wieder einmal hat also eine „Bewegung“ eine Wahl gewonnen, denn die Abkürzung steht für „Movimento 5 Stelle“ also 5-Sterne-Bewegung.
Frankreichs Makrone macht hier offenbar Schule. Ich bin gespannt, wann sich in Deutschland ebenfalls eine „Bewegung“ bildet. Wobei deutscher Politik etwas Bewegung sicherlich nicht schaden könnte. Seehofers Horst würden die von der Lega geplanten Abschiebezentren jedenfalls sehr vertraut vorkommen. Womöglich ergibt sich hier eine unerwartete Chance für Deutschland. So weit ist es von Bayern bis Italien dann ja auch nicht.
Jedenfalls bildet M5S die stärkere der beiden Fraktionen und irgendwie sehen die sich als politisch links. Gegensätzlicher kann eine Regierung kaum sein auf den ersten Blick.

In Italien bestätigt sich gerade das, was ich auch schon seit einem Vierteljahrhundert immer wieder mal sage: Die politische Rechte und die politische Linke haben eine große Schnittmenge. Das war schon vor Jahrzehnten so und hat sich nicht geändert. Darauf angesprochen, reagieren in Deutschland irgendwelche Krieger der Sozialen Gerechtigkeit immer extrem verschnupft. Allerdings waren es nicht die rechten Idioten, die das neue Internetzensurgesetz von Herrn Maas politisch so vorangetrieben haben, weil sie dachten, es würde ja immer nur die Richtigen treffen. Also alle, auf die irgendwelche Linksverwirrten zeigen und „Nazis!“ kreischen.
Das irgendwelche gefühlt linken Parteien oder Organisiationen eventuell Haß und Hetzreden verbreiten können oder dieselben beschissenen Diffamierungsmethoden benutzen wie tatsächliche faschistische Arschlöcher, ist im Weltbild dieser Menschen völlig undenkbar. Immer das Opfer zu sein, weil man ja auf der Seite der oder des Guten ist, ist nicht nur eine problematische Entwicklung auf nationalstaatlicher Ebene.

Wir können gar keine Täter sein, denn wir sind die Guten. Automatisches Opfer-sein rechtfertigt jeden Scheiß.

Trotzdem ist es in Italien jetzt ein bißchen so, als würden in Deutschland die DIE PARTEI und die AfD die nächste Bundesregierung stellen wollen. Europa, so sagt es die Presse, betrachtet diese Entwicklung mit Sorge.
Was etwas amüsant ist, denn ansonsten betrachtet es Europa mit Sorge, wenn es irgendwo keine Regierungsbildung gibt. Irgendwie wissen die in Brüssel auch nicht so recht, was sie eigentlich wollen, habe ich den Eindruck.
Also, ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich finde diese Entwicklung völlig selbstverständlich. Denn beide Parteien, die da die meisten Stimmen bekamen, mögen Europa nicht besonders, den Euro auch nicht unbedingt – obwohl sie ihn dann doch behalten wollen – und vor allem wollen sie allesamt den Schulden runter, die Italien so hat. Natürlich wollen die Politiker das nicht, indem man diese Schulden zurückbezahlt. Nein, das Land, das ebenso überschuldet ist wie Griechenland, möchte etwa 250 Milliarden dieser Schulden gestrichen haben. Immerhin ist der Chef der Zentralbank ja auch Italiener. Allerdings ist auch Angehöriger des Clubs Goldman Sachs, insofern wäre ich an Stelle der neuen Regierung in Rom sehr vorsichtig.

Diese empörende Entwicklung, von meiner Wenigkeit und diversen anderen schon vor Jahren angedeutet, war so vorhersehbar, daß man jede Besorgnis auf deutscher Seite darüber nur ins Reich der Lächerlichkeit verweisen kann.
Unlängst erst mußten diverse italienische Kernbanken gerettet werden. Total skandalös, befand man in Deutschland. Und verkaufte wenig später die HSH Nordbank an irgendeinen Investor, nachdem man dieses Haus über Jahre hinweg mit 100 Millionen gestützt hatte. Pro Monat. Man hätte das Geld genausogut im Schornstein verbrennen können.
Der neue deutsche Finanzbändiger Olaf Schölzle, der sich Gerüchten zufolge bereits ein geiles Rollstuhlmodell von seinem Vorgänger hat empfehlen lassen, wird vermutlich dann demnächst versuchen, die erfolgreiche europäische Politik gegenüber Griechenland auf Italien zu übertragen.
Das wird bestimmt lustig. Denn eben dieser Finanzminister der ehemaligen SPD war mitverantwortlich für das Desaster der HSH. Das ist der Mann, der jetzt ganz Deutschland wieder dazu aufruft, den Gürtel enger zu schnallen, weil es uns so schlecht geht. Ich glaube irgendwie nicht daran, daß sich die Italiener mit derselben arroganten Arschlochhaltung von der EU und aus Berlin behandeln lassen werden, die den Griechen vor drei Jahren klarmachte, was man von Demokratie zu halten hat in Europa: Nichts.
Mahnende Töne aus Paris wurden bereits recht deutlich abschlägig beschieden, mit den Worten „Nase“ und „Angelegenheiten“ in einem Satz. Überhaupt läßt sich das Programm der vermutlich neuen Regierung recht gut mit „Italien zuerst!“ zusammenfassen.
Kassandra merkt dazu an, daß Frankreich früher nicht gerade als Vertreter einer harten Sparlinie in Erscheinung getreten ist, und schlürft mit süffisantem Lächeln einen Schluck Tee. Aber auch dort hat ja beizeiten die Regierung gewechselt. Emmanuel Schröder hat wohl andere Ansichten.

Italiens vermutlich neue Regierung möchte also mehr Geld ausgeben. Das nennt man Investitionen, etwas, das ein deutscher Finanzminister offensichtlich nicht kennt. Natürlich wäre es schön, wenn man Geld zum Ausgeben auch da hätte.
Aber in Deutschland hat man es da und gibt es nicht aus. In Italien hat man es nicht, sieht aber auch deutlich, daß permanentes Sparen eine Volkswirtschaft genau so sauber plattmachen kann wie ein verlorener Krieg. Und mit verlorenen Kriegen kennen sich Italiener seit dem Jahre 9 ndZ prima aus.
Griechische Flughäfen gehören inzwischen deutschen Betreibern. Natürlich nur die, die etwas abwerfen. Griechische Häfen hingegen gehören inzwischen China. Was wiederum gut ist, denn hierüber kann die EU dann ab Juni mehr ins Reich der Mitte exportieren, wenn Donald Trump seine Strafzölle dann doch endlich mal in Kraft setzt und der Handelskrieg zwischen den USA und Europa so richtig an Schwung gewinnt.
Privatisierungen, dieses gerne genommene Allheilmittel neoliberaler Ökonomieschamanen, sind so unglaublich erfolgreich, daß in Großbritannien jetzt wieder Zugstrecken verstaatlicht werden. Ich wußte gar nicht, daß auf der Insel noch Schienen liegen.
Italien hat also keinen rechten – oder linken – Bock mehr auf Sparen und prompt nölt es aus Brüssel, so etwas ginge ja nicht, denn schließlich sie Italien ja hochverschuldet. Was auch durchaus den Tatsachen entspricht.
Trotzdem würde ich als Italiener lächelnd auf Flug- und Seehäfen in Griechenland verweisen und die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung in diesem Land der EU. Klar kann man den Vatikan enteignen, den Petersdom an die Russen verkaufen oder das Kolosseum auf eBay versteigern. Nur haben die Italiener da eben keinen Bock drauf, weil es nichts bringt, sofern man keine Bank, kein Hedgefonds oder etwas anderes ist, das man „institutionelle Anleger“ nennt.
Die einen wollen also Geld ausgeben, das nicht da ist, was noch nie gut funktioniert hat. Die anderen wollen eisern sparen, damit hinterher weniger Schulden da sind, was aber auch nicht funktioniert. Denn die Schuldenquote eines Landes steigt dann trotzdem, wenn die Wirtschaftsleistung noch schneller sinkt als der Schuldenstand. Das hellenische Syndrom halt. Heutige Ökonomen bilden ja immer aus allem Möglichen eine Quote. Das ist aber ein Bruch und Brüche haben immer einen Zähler und einen Nenner, die sich beide verändern können.

Wenn die Deutschen mal so vernünftig wären, nicht immer zwei Milliarden Überstunden vor sich herzuschieben, sondern sich mal in die Sonne zu legen und den Chef für fünf Euro die Stunde seinen Job selber machen zu lassen, sänke die Wirtschaftsleistung in Deutschland ab. Und prompt stiege dann auch die Schuldenquote, obwohl wir nicht einen Euro mehr Schulden gemacht haben.
Natürlich legt sich der deutsche Arbeitnehmer nicht in die Pfingstsonne, ansonsten wäre der Deutsche ja Italiener oder Franzose und hätte was vom Leben.
Außerdem würde ihn der Chef sofort ersetzen und jemand anders macht den Job. Was ich erstaunlich finde in einem Land, das über einen ausgeprägten Fachkräftemangel herumweint. Den ich auch erstaunlich finde, denn es gibt geradezu unfaßbar viele ausgeschriebene Arbeitsstellen, wie man neulich erfahren konnte.
Aber sollten die nicht besetzt werden, wo es noch immer diverse Arbeitslose gibt?
Und wenn das alles keine Fachkräfte sind, weil die ja scheinbar keinen Job kriegen, warum zahlt dann der Chef nur fünf Euro die Stunde, weil er einem selbst das Brötchen in der Kantine als Eigenleistung des Betriebs vom Lohn abzieht, um nur ja keinen Mindestlohn zahlen zu müssen?
Sollten die Preise für qualifizierte Arbeit dann nicht überhaupt steigen? Der freie Markt verwirrt mich doch immer wieder mit seiner Regelung von Allem zum Besten.

Vielleicht sind aber auch enorm viele der angeblichen Jobs doppelt bis vierfach im Internet zu finden. Oder es handelt sich um lausige Dienstleistungsjobs in Callcentern. Telefonbelästigung aus der Vorhölle des Kapitalismus. Oder aber um Jobs in der Pflege, die einem Gesundheitsminister Spahn so sehr am Herzen liegt. Aber das ist bald gelöst, das Problem. Wenn man neuen Pflegekräften eine Prämie bezahlt, wird nämlich bestimmt alles gut. Hat erst neulich so ein Experte herausgefunden.
Das in deutschen Heimen gar nicht gepflegt wird, weil das etwas damit zu tun hat, sich um Menschen zu kümmern und dieses „Kümmern“ Zeit erfordert, hat dem Experten vermutlich niemand gesagt. Aber was kann man von einem Wirtschaftler auch schon erwarten, der morgens um Sechs nicht mal wüßte, an welchem Ende er anfangen soll, den Bewohner zu waschen.

In dieser Atmosphäre der Einigkeit und entspannter Ökonomie muß Europa dann also demnächst wieder einmal mit der Regierung der anderen religiösen Fanatiker in Nahost verhandeln. Nein, nicht Saudi-Arabien. Iran.
Denn die anderen religiösen Fanatiker haben ja neulich diesen Vertrag gekündigt. Nein, nicht Israel. Die USA. Das geistig stabile Genie hat noch vor der Verlegung der US-Botschaft den sogenannten Atomvertrag mit dem Iran aufgekündigt. Weil der noch von Obama beschlossen worden war und als großer außenpolitischer Erfolg gefeiert wurde. Und Donald Trump, dieser peinliche Minderwertigkeitskomplex auf zwei Beinen, kann es nicht ertragen, wenn irgend jemand einen Erfolg errungen hat in einem Amt, in dem er jetzt tätig ist.
Es hat auch mal einer getwittert, er sei bei seinem ersten Versuch zum US-Präsidenten gewählt worden, was noch nie jemandem gelungen sei. Ich weiß nicht mehr, ob das Donald oder Trump war.
Jedenfalls löste das heitere Reaktionen sowohl bei Barack Obama als auch George W. Bush aus. Wobei Mr. Wahldebakel jetzt nicht die beste Referenzadresse ist. Aber auch Bill Clinton soll amüsiert gewesen sein. Besonders witzig ist in diesem Zusammenhang die Tatsache, daß 2016 nicht der erste Versuch Trumps war, Präsident zu werden. Nur waren die USA vorher noch genug bei Verstand, um jemandem wie ihn nicht die Kandidatur zu geben, vom Präsidentensitz ganz zu schweigen.
Solcher Art ist also die Realität, in welcher der aktuelle Präsident der USA agiert. In anderen Ländern wäre er ganz klar ein Fall für einen mit Prämie in seinen Job zurück gelockten Pfleger.

Natürlich hat Donald den Vertrag nur deswegen gekündigt, weil er „der schlechteste Deal aller Zeiten“ gewesen ist. Klar. Gute Begründung. Vor allem bei einem Vertrag, der von anderen Nationen mit beschlossen wurde und der unter Ägide der UN steht. Wobei andere Nationen alle weiteren Ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates umfaßt, ergo auch China und Rußland. So einen Vertrag kann man nicht einfach kündigen und erwarten, daß jemand das ernst nimmt.
Natürlich will Donald auch einen neuen Vertrag aushandeln mit Teheran. Ist ja einleuchtend. Donald the Dealmaker muß ja was verhandeln. Warum sich allerdings eine iranische Regierung mit den USA an einen Tisch setzen sollte, die gerade einen bestehenden Vertrag gebrochen haben, über den man vorher ein Jahrzehnt verhandelt hatte, diese Frage kann das geistig stabilen Genie nicht beantworten.
Warum es klug sein sollte, einen Vertrag zu brechen, obwohl die Gegenseite ihn eingehalten hat, oder warum es stabiliserend wirken sollte, ausgerechnet den Reformern im Iran, die zufällig gerade die Regierung stellen, das Wasser abzugraben, kann DT auch nicht beantworten. Wie auch, dazu müßte er ja Fragen stellen.
Fairerweise muß angemerkt werden, daß der bestehende Vertrag nicht perfekt ist. Trump will angeblich mit dem Iran auch über sein normales Raketenprogramm reden oder darüber, wie die islamische Theokratie weltweiten Terrorismus finanziert.
Nur war all das eben bewußt nicht Bestandteil des aktuellen Vertrages. Und solange niemand aus den USA mit Saudi-Arabien über internationale Terrorfinanzierung redet, ist alles in dieser Richtung ohnehin lächerliche Heuchelei.

Urplötzlich stellen die Regierungen Europas also fest, daß der Kontinent, der gar keiner ist, auf sich allein gestellt zu sein scheint. Man brauche eine neue gemeinsame Linie. Eine Außenpolitik, womöglich sogar eine eigene Armee.
Es ist nicht so, daß dieser Blogger in seiner Bambushütte am Rande der Gesellschaft exakt solche Dinge bereits seit Mitte der 90er Jahre gerne in seinem Umfeld propagiert. Damals haben die jugoslawischen Zerfallskriege deutlich gezeigt, wie unfähig das US-abhängige Europa sich anstellen kann. Nur hätte man dazu eben die Wehrpflicht abschaffen müssen und eine Berufsarmee aufstellen, die man mit ordentlichen Waffen ausstattet.
Natürlich ist Kassandra als grundlegender Pazifist durchaus begeistert von U-Booten, die nicht tauchen, Schiffen, die nicht schwimmen, Transportfliegern, die nicht transportieren, Gewehren, die nur bedingt in die korrekte Richtung schießen und Kampffliegern, die nicht aufsteigen können. Aber hätte man diese Leistungsunfähigkeit nicht auch für weniger Geld kriegen können?
Vom rein ökonomischen Standpunkt aus müßte Deutschland seine Armee auflösen, das Verteidigungsministerium ebenfalls, die ganzen Beamten an den Polarkreis versetzen zum Schneeflocken zählen und es einfach sein lassen mit dem bewaffnet sein. Das wäre echt sehr viel billiger.
Vom rein realistischen Standpunkt aus sehe ich keine andere Möglichkeit, den Filz aus Trägheit, Dummheit und Korruption abzufackeln, der heute so die Rüstungsindustrie ist. Eine Politik, die sämtliche Waffenexporte verbietet, wäre ein Anfang.
Denn offenbar machen deutsche Rüstungsbetriebe prima Umsätze, nur eben nicht mit der eigenen Armee. Die muß bei neuen Aufträgen und Lieferungen schon mal mit ein paar Jahren Wartezeit rechnen, während saudische Kunden und andere einwandfreie Demokraten natürlich bevorzugt beliefert werden. Die Türkei oder so. Deutsche Panzer fahren nach Kurdistan und deutsche U-Boote, mit deutschen Steuergeldern auf Sonderpreise gesponsort, tragen die Nuklearwaffen, die Israel gar nicht hat. Solange all diese Dinge nicht geklärt sind, würde ich für die Armee Deutschlands nicht einen müden Cent mehr ausgeben wollen.
Ach ja – im Rahmen einer umfassenden Überarbeitung sollte man diese Armee eventuell auch mal nach Hause zurückholen. Nicht nur deutsche Waffen, auch deutsche Truppenteile bewegen sich heutzutage in Ländern, die weiter weg sind, als großgermanische Führergestalten sich das je erträumt hätten. Wenn das alles schützenswerte Gebiete im Sinne des Grundgesetzes sein sollen, brauchen wir uns über amerikanischen Imperialismuswahn auch nicht mehr beschweren.

„Told you so!“ ist nicht unbedingt das, was man europäischen Politikern jetzt gerade zurufen möchte. Aber wenn man es schon ein Vierteljahrhundert tut, darf man auch mal gehässig sein.

Kaum hatte DT also erwartungsgemäß den Vertrag gekündigt, was überhaupt nicht geht, wurde er dafür von Israels Netanjahu gelobt, der kurz zuvor noch neue, absolut tolle Beweise vorgelegt hatte, daß der Iran spätestens nächsten Mittwoch die Atombombe haben würde.
Blöd war daran nur, daß die handgekritzelten Kinderzeichnungen des israelischen Staatschefs nichts enthielten, was der IAEA, der Internationalen Atomenergieorganisation, nicht schon seit gut zehn Jahren bekannt gewesen ist.
Aber in Israel haben Regierungschefs, die verkünden, daß der Iran in spätestens einer Woche die Bombe haben wird, ebenso Tradition wie keine Regierungsbildungen in Italien. Natürlich warnte Benjamin Netanjahu auch vor religiösen Fanatikern, die im Besitz von Atomwaffen sind. Das würde den Frieden im Nahen Osten gefährden. Da hat er allerdings gar nicht einmal so unrecht, abgesehen von der Sache mit diesem Frieden.

Und so stehen wir jetzt da. Das geistig stabile Genie im Weißen Haus hat den Nahen Osten erfolgreich mit Brandbeschleuniger beworfen. Endgültig ist klar geworden, daß auf die USA globalpolitisch keiner mehr zählen kann und auch nicht zählen sollte. Früher waren die USA das Land, bei dem viele Regierungen zähneknirschend gesagt haben: „Wir müssen sie fragen.“
Heute sind sie das Land, bei dem alle anderen sagen: „Wir wollen nichts von denen hören.“ Amerika, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist raus. Völlig. Wer es hinkriegt, daß sich der Iran und Nordkorea zu Recht als die korrekten Typen hinstellen können, ist einfach raus.

Wie man ein Land ruiniert.
Als wäre Twitter nicht genug, mußte Donald Trump auch noch den Controller in die Hand kriegen. Wenn das so weiter geht, bleibt von den USA nicht mehr sonderlich viel übrig für den nächsten Präsidenten. Wobei man sich allmählich fragen muß: Was sollte daran so schlimm sein?

Präsident Erdogan, das geistig stabile Genie der Türkei und osmanischer Großsultan in spe, hat nach dem Massaker an Israels Gründungstag den israelischen Botschafter des Landes verweisen lassen. Israel antwortete entsprechend mit Ausweisung des türkischen Konsuls. Man könnte sagen, die diplomatischen Beziehungen, ohnehin schon schwer angeschlagen durch Ereignisse der letzen Jahre, wurden abgebrochen.
Warum kein einziges europäisches Land zu einer ähnlich deutlichen Geste greifen konnte oder wollte, ist mit normaler Logik nicht mehr zu erklären.
Wenn man einem Mann wie Erdogan zustimmen muß, ist das geistig schwer zu ertragen. Aber trotzdem bleibt ein Massaker ein Massaker.
Keine Warnungen per Flugblatt im Vorfeld oder andere Dinge ändern daran etwas. Wenn Militär mit Scharfschützen auf Steinewerfer schießt, ist das ein Massaker. Auch wenn der beschämende deutsche Politjournalismus das Wort in Anführungszeichen setzte in allen Artikeln, weil es der falsche Mann gesagt hat.
Es gibt ein ganzes Arsenal nichttödlicher Waffen gegen Demonstranten, und Israel ignoriert sie bereits seit vielen Jahren in Bausch und Bogen. Es gibt einfach so viele Möglichkeiten, andere Leute nicht zu töten, daß es kaum noch eine Ausrede dafür geben darf, diese nicht einzusetzen. Ganz besonders, wenn es sich um staatliche Gewalt handelt. Menschen laufen nicht einfach selbstmörderisch in Kugeln, die in der Luft hängen. Irgendwer muß die abfeuern.

An Pfingsten kam nach einer alten Religionslegende bekanntlich der Heilige Geist über eine Handvoll Anhänger eines Mannes namens Jesus. Während unsere ratlosen Führer weltweit sich entweder selber als idiotische, doppelmoralische und abstoßende Kriegshetzer entpuppen oder als ebenso heuchlerische und ratlose Tauben, die Falken sein müssen, aber nicht recht wollen, erscheint mir diese Sage unerwartet attraktiv. Ein gewisses Verständnis für den Boden, auf dem man sich historisch bewegt, wäre überaus wünschenswert. Menschen erschaffen historische Verwerfungslinien. Aber man muß sie ja nicht unbedingt ignorieren.
Wenn unsere glorreichen Führer ernsthaft überlegen, den Balkan in die EU aufzunehmen, muß ich von starker Erkenntnisresistenz ausgehen.

Es muß ja nicht einmal ein heiliger Geist sein. Geist an sich würde bereits einen Fortschritt darstellen im Zeitalter der Langen Dämmerung. Eine Art pragmatischer Hang zur Langfristigkeit und ein Bewußtsein für die Folgen politischer Handlungen. Aber wir Menschen haben es nicht so mit den Konsequenzen unserer Handlungen. In diesem Sinne wünscht Kassandra frohe Pfingsten.

 

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