Die Politik des Zwielichts

– IV –

Being Gandhi

„I’m no genius, and others can outwork me. What I do is ask the naive, honest questions, and then I’m not satisfied until I get the answers.“
Herman Daly

Entscheidungen treffen. Die echten Probleme der Gesellschaft erkennen. Auch diese Idee ist heute nicht ganz unproblematisch. Sobald eine Idee größeren Zulauf gewinnt, verwandelt sie sich oft in etwas, das von der Politik vereinnahmt wird. Was für die Gesellschaft zu machen, sich um die Zukunft kümmern – das sind ja gerne Etiketten, mit denen sich Politik geradezu definiert. Meistens ist dann gerade Wahlkampf. Deshalb kann es durchaus auch passieren, daß größere Bewegungen aus dem politischen Raum heraus entstehen. Menschen schließen sich zusammen, die sich nicht kennen und nicht mögen. Wenn eine Gruppe Menschen eine gewisse Größe überschreitet, beträgt die Wahrscheinlichkeit, daß sich darunter Menschen befinden, die man ums Verrecken nicht ausstehen kann, exakt den Wert Eins.
In Frankreich hat gerade erst eine Bewegung einen Präsidenten an die Macht gespült, der auch Frank Schröder heißen könnte, was seine neoliberale Wirtschaftspolitik angeht und der deshalb Präsident wurde, weil die Gegenkandidatin die rechtsnationalistische Le Pen gewesen ist.
Schon andere Politiker haben ihre Parteien als Bewegung bezeichnet. Das muß nichts Schlechtes sein. Aber Kassandra ist faul und möchte immer ganz gerne herausfinden, wer denn da zur Bewegung aufruft und vor allem: In welche Richtung soll es gehen? Wer legt das fest? Und wie eigentlich?
Es ist möglicherweise nicht genug für eine wirklich konstruktive Zusammenarbeit, wenn man durch ein Prinzip gesellschaftlicher Gerechtigkeit vage miteinander verbunden ist. Politik und das, was heute unter der Bezeichnung Aktivismus läuft, haben dasselbe Problem wie Demokratie auch.

Aktivismus an sich ist eigentlich eine gute und auch nicht unwichtige Idee. Das Problem an der Sache ist, daß es den genauso wenig gibt wie Demokratie. Aktivismus besteht heute darin, möglichst laut rumzubrüllen und zu verlangen, irgendwer anders solle mal endlich was machen. Weniger konsumieren. Weniger fliegen. Das verdammte CO2 nicht mehr in die Luft pusten. Die Weltwirtschaft anders regeln. Die Russen hassen. Die Russen nicht hassen. Was auch immer.
Leider hat das exakt nichts mit Aktivismus zu tun. Heutiger Aktivismus ist exakt derselbe Pavianfelsen wie die Politik, die er gerne zu bekämpfen und zu kritisieren vorgibt. Man ist nicht aktiv, wenn „die da“ wieder mal was machen wollen.
Man ist dann aktiv, wenn man den Teil der eigenen Stadtverwaltung, der für Klima und Umwelt zuständig ist, einfach mal fragt, ob es denn Bemühungen gibt, zusammen mit den örtlichen Supermarktbetreibern die verdammten Plastiktüten aus dem Handel zu verbannen. Oder Plastikverpackungen allgemein möglichst da zu lassen, wo sie hingehören, nämlich als Rohöl im Boden.
Gibt es nicht, in Falle der Bambushütte von Kassandra. Der Herr vom Umweltamt, der mich vor der Stadtbücherei zum Thema Klimaschutz bürgerwirksam ansprach, schien über so ein Anliegen eher überrascht zu sein. Dabei hatte er mich angesprochen, um über das Thema „Klimafreundlicher leben“ zu sprechen. Woraufhin ich mein Fahrrad präsentieren konnte. Das Amt sammelte nämlich Geschichten solcher Art und entsprechende Statements und Fotos von Mitbürgern. Eine Werbeaktion, wenn man so möchte. Also Aktivismus.

„Wie wäre es mal überhaupt mit Demokratie?“ fragte ich neulich. Wie wäre es mal überhaupt mit Aktivismus?
Natürlich kann man zum G20-Gipfel fliegen, sich da zusammenrotten, mit dem neuen, 1.200 Euro teuren Smartphone ablichten und das Video vom gemeinsamen Protest gegen „die da“ live ins Netz streamen, auf den eigenen youtube-Kanal. Das Schlauphone teilt die Bilder ja ohnehin automatisch im Instagram-Account.
Allerdings wirken derartige Aktivistenproteste gegen die Folgen des idiotischen Konsumismus doch eher befremdlich. Solche Angelegenheiten sind längst zum Ritual verkommen.
Die angeblich Mächtigen treffen sich, während die wirklich Mächtigen daheim in ihren abgeschotteten Luxus-Wohngebieten bleiben. Die angeblichen Aktivisten protestieren lautstark. Allerdings außerhalb der jeweiligen Bannmeilen, denn wo kämen wir denn da hin, wenn diejenigen, gegen die sich ein Protest richtet, davon womöglich etwas mitbekämen?
Geht gar nicht heutzutage. Du sollst keinen Pavianfelsen haben neben mir. Derartige Geisteshaltungen bei Politikern zeigen überdeutlich, daß angeblicher Aktivismus längst zur genehmigten Show verkommen ist. So wie Whale watching, um die Wale zu retten und die Banner an Kohlemeilern oder Braunkohlebaggern. Protest als Beweis dafür, selbst auf der besseren Seite zu stehen. Im binären Denken, das in solchen Fällen üblicherweise vorherrscht, steht man sogar auf der einzig richtigen Seite. Das ist einer der Punkte, die heutzutage die öffentliche Diskussion beherrschen.

Wenn ein G20-Gipfel stattfindet in Kanada und man lebt in den USA – warum kann man da nicht mit dem Zug hinfahren? Was spricht dagegen, Bilder mit der zehn Jahre alten Digiknipse zu machen und die anschließend ins Netz zu stellen?
Warum protestiert überhaupt einer gegen Politiker und nicht gegen die Hersteller der acht Meter langen Panzerlimousinen mit eingebautem Chauffeur als Dienstwagen, die vom jeweils bevorzugten nationalen Anbieter zur Verfügung gestellt werden?
Warum bezahlen Politiker ihre Flüge nach Überall nicht gefälligst selber aus ihrem Netto-Gehalt, wie normale Bürger auch? Eine Abrechnung schreiben kann man ja hinterher immer noch. Wenn das Budget nicht überschritten wird, natürlich. Warum wird das verdammte Kerosin nicht einfach ordentlich besteuert, so daß der Flug nach Malle mal pro Nase vier Stellen kostet? Warum wird ein G20-Gipfel in Hamburg abgehalten, die Hälfte der Staatsgäste Verbrecher, die auf jeder Fahndungsliste gut aussehen würden, und außerhalb der Bannmeile zertrümmern Hasenhirne des sogenannten Schwarzen Blocks bei den Aktivisten die Schaufenster der lokalen Kiez-Drogerie? Das sind Fragen, die man ordentlich durchdenken sollte. Die Tatsache, daß die so gewaltbereiten Demonstranten von Polizeikräften durchsetzt waren, die sicherlich nicht nur zum Zugucken dabei waren, lassen wir mal ganz unerwähnt. Auch die Tatsache, daß solche Herren natürlich nicht gegen das Vermummungsverbot verstoßen, wenn sie in so einer Demo dann fleißig mitmischen.

Echter Aktivismus brüllt nicht rum. Echter Aktivismus steht neben der Oma im Supermarkt, die gerade dabei ist, Kohlrabi in eine dieser dünnen Tüten zu packen, die an jeder Gemüsetheke zu finden sind. Und ihr höflich die Frage zu stellen, warum sie denn das Gemüse da auch noch in Plastik einpackt. Das gilt ebenso für Möhren. Die wiederum kann man in meinem Supermarkt lose kaufen. Auch Äpfel haben etwas, das man im Volksmund eine Schale nennt. Diese Dinge sind bereits verpackt. Die wachsen quasi mit Verpackung. Schlangengurke, Paprika, Lauch – nichts davon muß eingepackt werden. Das wird daheim ohnehin abgewaschen und/oder geschält und dann verarbeitet.
Stattdessen leben wir in einer Welt, in der zur Himbeer- und Brombeerzeit abgepackte Himbeeren für 1,30 Euro auf hundert Gramm im Plastikcontainer in der Kühltheke liegen. Aus tibetanischem Öko-Anbau, versteht sich. Ich warte darauf, daß es eines Tages einzeln verpackte Erdbeeren zu kaufen gibt. Das ist der Tag, an dem sich stiller Aktivismus in lautstarken verwandeln wird, was mich betrifft. Die geladene Kettensäge liegt bereit.

Es hilft alles nichts. Wenn man Menschen von etwas überzeugen will, muß man manche Dinge eben auch selber tun. Wobei mich niemand davon überzeugen könnte, Veganer zu sein. Erstes esse ich sehr wohl Dinge, die einen Schatten werfen. Zweitens halte ich Menschen, die ihre Hunde, Katzen und Kinder zwangsweise mangelernähren, für psychologisch behandlungsbedürftig. Als Kinderarzt würde ich derartige Körperverletzer melden. Man lebt eigene – und idiotische – Überzeugungen nicht auf Kosten der eigenen Kinder aus, das ist indiskutabel.
Wer sich allein nur von Steinen und Plastik ernähren will – bitte. Aber allgemein ist der gehypte Veganismuswahn ein wunderbares Beispiel für das inzwischen typische Syndrom „Mein Affenfelsen besser als dein Affenfelsen“, das sich durch die Szene des politischen Aktivismus zieht. Wobei natürlich alles politisch ist, ist klar. Dabei geht es bei Veganismus um Ernährung. Zumindest dachte ich das immer.
Nach Kassandras Theorie finden die allermeisten Veganer ihre Ernährung eigentlich scheiße. Aber man hat sich halt drauf eingelassen, weil es gerade so unfaßbar in war und so total öko und weltbewußt. Deshalb nerven einen die allermeisten Angehörigen dieser Spezies ohne Unterlaß mit ihren Eßgewohnheiten und missionieren nicht nur inquisitorisch, sondern auf dem Niveau des Islamischen Staates. Damit alle anderen gefälligst auch so beschissenes Futter mit langen Zähnen von der Bambusgabel ziehen, wie sie das tun müssen.
Denn man hat sich ja commited. Man hat coming out gemacht, sich gegeißelt, weil man jahrelang falsch gegessen hat, und hat danach jeden Tag pflichtbewußt das ökologisch korrekt zubereitete Sägemehl auf Instagram gepostet. Aus Sojaprotein gestricktes „veganes Schnitzel“, das fünfmal mehr Energie verballert als argentinisches Rindfleisch, wird auf dem Hausaltar des Eßtisches präsentiert, umgeben von Weihrauchstäbchen. Binäres Denken, falls ich es noch nicht erwähnt hatte, ganz sehr schnell in realitätsfreie Extreme münden.

Will man Menschen von etwas überzeugen, muß man ihnen zeigen, daß es auch anders geht. Wenn Politik und Demokratie aus Affenfelsen bestehen, sollte man den Grundsatz beherzigen: Monkey see, monkey do. Alles andere ist Politik oder Greenpeace.

Eine Kritik solcher Art würden Vegetarier von mir nicht zu hören bekommen, obwohl ich auch keiner bin. Vegetarisches Essen ist einmal durchaus lecker, tut zum zweiten nicht so, als wäre es ein Schnitzel und drittens kann man damit alles an Vitaminen, Mineralen und sonstigem Zeugs zu sich nehmen, das eine menschliche Biochemie so benötigt, ohne dabei ständig mit dem Tricorder scannen zu müssen, wann man was gegessen hat, um sich nicht der Mangelernährung zu erfreuen. Ein ganz erhebliches Argument ist für mich, daß bei vegetarischer Ernährung die Energiebilanz stimmt. Statt acht Kalorien ins Fleisch zu ballern und dafür nur eine rauszukriegen, liegt die Schüssel leckerer Salat hier deutlich besser im Rennen.
Sagt man allerdings Vegetariern, daß dank unserer Landwirtschaft auch ihr Gemüse nicht energieneutral angebaut wird und rechnet ihnen die 1.000 Transportkilometer auf dem Mittagstisch mal zusammen, reagieren auch hier manche beim Hinweis auf den fehlenden Gemüsegarten hinterm eigenen Haus etwas ungehalten. Da mußte halt der Golfrasen hin. Machen ja alle so.

Ich bin mir sicher, daß eines Tages die ersten Artikelreihen auftauchen werden über Veganer, die abends heimlich über die Grenze ins Nachbarbundesland fahren, um dort den Doppelwhopper Cheese einzuwerfen oder sich das fette Steak gönnen, das mit der herrlich künstlich aromatisierten BBQ-Sauce. Das ist so wie Mißbrauch in der katholischen Kirche. Wie viele Prediger in den Glaskathedralen Amerikas verdammen Schwule mit Feuer und Schwefel von ihrer aus Kanzel herunter, bezahlt von den Spendengeldern ihrer treuen Zuhörer, nur um dann in Lackleder gewickelt zusammen mit ihren Freunden beim Dreier erwischt zu werden?
Nach meiner Erfahrung sind diejenigen, die am Lautesten schreien, wenn sie bestimmte Verhaltensweisen als das einzig Wahre einfordern von anderen, immer diejenigen, die sich selber nicht dran halten. Die wollen nur, daß alle anderen genau so unglücklich sind wie sie selber auch. Das fanatische Gepose vor den Kameras ist nichts weiter als virtue signaling. So nennt man dieses soziologische Verhalten nämlich. Es dient keiner Problemlösung oder -analyse, sondern lediglich dazu, anderen Gruppenmitgliedern mitzuteilen, daß man eben Mitglied der Gruppe ist, indem man lautstark – und heutzutage auch üblicherweise öffentlich – die jeweiligen angeblichen Grundwerte gegen jede Kritik verteidigt.
Selbst Fragen nach wissenschaftlichen Hintergründen werden sofort als Majestätsbeleidigung niedergebuht. Alles, was mit der angeblichen Gendertheorie zusammenhängt, ist ein prima Beispiel. Esoterischer Blödsinn, der es sogar an Unis geschafft hat, weil es irgendwann nicht mehr möglich war, dem zu widersprechen, ohne seinen Job als Unikanzler oder -präsident sofort los zu sein. „Gendertheorie“ gehört in den Esoterikladen an der Ecke, direkt neben die Orgonkristalle und die Essigsäure zum Auflösen von Chemtrails. Um Kassandras Position ganz klarzustellen: Auch die Religionen gehören dahin. Egal, welche Theologie – Geschichten und Mythen rund um imaginäre Freunde haben an Universitäten nichts verloren. Das kann man alles anbieten und auch unterrichten, keine Frage. Nur eben nicht im wissenschaftlichen Rahmen.

Engagierte sogenannte „Feministinnen“, die sich bei Vorwürfen des sexuellen Mißbrauchs hinstellen und sofort lospöbeln, das Männer hierbei gefälligst die Schnauze zu halten hätten. Oder die Hashtags auf Twitter veröffentlichen, die da lauten, daß alle Männer Abfall sind. Anschließend wird rumgeweint, man sei ja das Opfer, wenn man – oder besser, frau – auf derartigen Mist seltsamerweise die eine oder unfreundliche Reaktion bekommt. Falls das irgendwen an miese Rechte erinnert, die auch immer sofort von Zensur und Meinungsunterdrückung weinen, wenn ihnen jemand ihre schwachsinnigen Weltvorstellungen mit Schwung ins Gesicht zurückdrückt – diese Parallele ist kein Zufall und zieht sich durch sehr viele Aspekte der politischen Rechts-Links-Schubladisierung.
Ist auch blöd, wenn plötzlich mal eine Frau in einer Machtposition mit denselben Vorwürfen des Mißbrauchs konfrontiert wird. Sofort stehen dieselben Frauen in Reih und Glied – oder muß es hier heißen, in Reih und Vagina? – und benutzen exakt dieselben Argumente zum Schutz ihrer Geschlechtgenossin, die solches Verhalten selbstverständlich als klaren Beweis dafür werteten, daß das nazistische Patriarchat existiert, käme es von einem Mann. Da wird sogar ernsthaft argumentiert, man solle da nicht vorverurteilen, schließlich sei die Dame ein anerkannt leistungsfähiges Mitglied der akademischen Gesellschaft. Zum Glück habe ich das nicht gesagt. Ich bin ja ein alter weißer Mann. Da hätte ich womöglich direkt mal meine Privilegien checken müssen.
Früher™ konnte man Frauen die Tür aufhalten, ohne sich was dabei zu denken. Heute wird man womöglich drei Minuten später auf Twitter irgendeiner sexistischen Kackscheiße bezichtigt. Also halte ich heute keiner Frau mehr die Tür auf. Ist aber auch wieder falsch. Womöglich rennt die aufgebrezelte Zwanzigjährige hinter mir dann gesenkten Hauptes in die sich schließende Glastür, weil es wieder wichtiger ist, auf das Schlauphone zu achten statt die eigene Umgebung. Typisches Ausüben männlicher Dominanz halt. Voll frauenverachtend. Affenfelsen sind nicht nur in der Politik zu finden heutzutage. Dank antisozialer Medien ist die Primatenkolonie erheblich in ihrer Größe gewachsen.

Eine Minderheit zwingt einer Mehrheit ihre stellenweise absurden Vorstellungen auf. Angeblich unabdingbarer Konsenszwang verhindert jede sinnvolle Aktivität.

Aktivismus ist nicht der G20-Gipfel, den ich mit dem SUV besuche, auf dessen Heck der Aufkleber prangt „Kein Blut für Öl“. Solche Dinge sind kognitive Dissonanz in bester Form. Wir tanken schon so lange Blut, da waren Autos fast noch Streitwagen zu dem Zeitpunkt.
Aktivismus hat zweifellos seine Berechtigung. Aber wer die Selbstzerstörung der Klimawandel-Bewegung mitverfolgt hat oder die Umwandlung der Grünen in einen einzigen, Partei gewordenen Joschka Fischer, der sollte sich klar sein darüber, was mit jedem Aktivismus passiert, wenn die Aktivisten keinerlei Anzeichen dafür erkennen lassen, daß sie die Limits, die sie von anderen einfordern, nicht auch selbst zu akzeptieren bereit sind. Das gilt für um die Welt jettende Klimawissenschaftler auf Bali ebenso wie für Aktivistendinge wie beispielsweise Occupy Wall Street.
Die haben sich auch unter dem demokratischen Vorwand von Idioten kapern lassen, daß nur durch angewandte Gerechtigkeit für alle eine Mehrheit eine Minderheit nicht unterdrücken kann. Was auch stimmt. Immer mehr setzt sich eine Demokratieauffassung durch, in der Demokratie ein Instrument ist, um einer beliebigen Minderheit zu gestatten, eine Mehrheit zu dominieren und auch noch beleidigt zu sein, wenn jemand gegen diese doch etwas seltsame Interpretation protestiert. Begründet wird das immer mit der unbedingten Notwendigkeit von Konsens.
Aber das ist ebenfalls Blödsinn vom Affenfelsen. Konsens ist überhaupt nicht überall und jederzeit notwendig, ja, nicht einmal wünschenswert. Jedenfalls nicht, wenn eine Gesellschaft auf Dauer ihre Funktionsfähigkeit erhalten möchte. Die Frage ist: Will sie das?

Wenn auch manche Menschen sich diesen Gedankenlosigkeiten in extremerer Form hingeben als andere – beispielsweise auf dem neuen 6.000-Mann-Luxusliner die nächste Kreuzfahrt zu buchen, angetrieben von leckerem Schweröl – es hilft trotzdem nichts, sich ausschließlich auf diese Leute zu konzentrieren. Ich verweise auf das Sündenbock-Syndrom, das ich schon angesprochen hatte. Eine kleine Gruppe ausgewähler Vollsympathen für die Idiotie aller auf den Scheiterhaufen zu werfen, hilft der Gesamtgesellschaft auch nicht.
Das betrügerische Verhalten diverser Wall-Street-Arschlöcher schreit geradezu nach Bestrafung, das ist richtig. Stattdessen haben alle Regierungen der Welt in zehn Jahren Finanzkrise dubiose Geschäftspraktiken im Nachhinein für legal erklärt und überall Bilanzierungsregeln so geändert, das Dinge, die vor einer Dekade als massiver Finanzschwindel mit diversen Jahren Knast geahndet worden wären, heute den üblichen Geschäftspraktiken aller größeren Bankhäuser entsprechen. Schlechte Zahlen einfach aus Büchern raussschneiden und sie anderswo verstecken war früher eine Straftat. Heute ist es Tagesgeschäft. Allerdings haben diese Betrügereien nicht ursächlich damit zu tun, daß viele Amerikaner heute darum kämpfen müssen, ökonomisch irgendwie über Wasser zu bleiben, sei es mit einem Job, ohne einen Job, oder mit dreien davon. Außerdem muß ja irgendwer auch die Geschichte geglaubt haben, daß Immobilienpreise ausschließlich steigen können.

Einfach mal die Kresse halten
Sollen einen die anderen Paviane ruhig für verrückt erklären und sich gegenseitig anbrüllen. Es ist viel klüger, einfach mal an der Wurzel zu arbeiten und dabei nützliche Dinge zu lernen. Das Gartenarbeit schwer ist, zum Beispiel. Aber auch sehr lecker.

Aktivismus ist eine Frage eigener Analyse, Reflexion und Überzeugung. Er ist die Frage, ob es Urban Gardening in der eigenen Stadt gibt. Ich bevorzuge den Ausdruck Urban Agriculture. Ob irgendwer schon mal etwas vom Konzept der essbaren Stadt gehört hat, wenn er neben einem Himbeeren kauft. Oder eben Kohlrabi in Plastiktüten packt. Die ältere Dame hat übrigens auf meine Anfrage erstaunt reagiert – über sich selbst. Offensichtlich war ihr gar nicht aufgefallen, was für einer recht sinnfreien Tätigkeit sie gerade nachging. Auch eine Generation, die zweifellos noch einen eigenen Gemüsegarten als Standard erlebt hat in ihrer Kindheit, ist also vor den Sirenengesängen der idiotischen Moderne nicht gefeit.
Wenn es das Handeln oder Nichthandeln einer Regierung ist oder eines Konzerns, die es zu adressieren gilt, ist Aktivismus in dieser Richtung gerechtfertigt. Liegt das Problem aber in Angewohnheiten und Gedankenlosigkeiten, die von sehr vielen oder allen Menschen geteilt werden, bringt die Demo vor dem Firmensitz nicht das Geringste. Dann verpacken alle Leute Obst und Gemüse mit ordentlichen Schalen drumherum in Plastiktüten und ärgern sich anschließend in der Zeitung – wahlweise auch auf Facebook oder Twitter – darüber, daß der Scheiß in jedem Park und auf jedem Feld vom lauschigen Sommerwind durch die Gegend getragen wird.

Man kann auf Karten im Internet heutzutage nachschauen, wo im öffentlichen Raum Kirschbäume stehen, Brombeeren wachsen und auch Himbeeren. Nicht alles an moderner Digitaltechnik ist schlecht, denn damit werden die Karten gefüttert. Warum soll ich in manchen Jahren acht Euro für ein Kilo Kirschen berappen, wenn die woanders faulend vom Baum fallen? Solche Dinge ergeben keinen Sinn.
Ich bin da eigennützig. Denn erstens gibt es so leckeres Obst der Saison und zweitens kostet es mich nur Arbeit, kein Geld. Ich hänge hier ausdrücklich keine politische Aussage zur Rettung der Welt dran an dieses Verhalten meinerseits. Wie ich schon einmal erwähnte, ist Containertauchen nichts, das Hitler aufgehalten hätte. Es ist vor allem auch nicht notwendig, irgendwelche Dinge immer am Politischen zu messen.

Demokratie ist nicht der Affenfelsen. Demokratie ist der Marktplatz. Klassisch griechisch die Agora. Die Arena mit den Stufen, bei denen man als Redner unten steht und die Zuhörer oben sitzen.
Ebenso wie Aktivismus funktioniert Demokratie am besten lokal. Genauer betrachtet, funktioniert beides nur lokal. Die aktuelle Zeit der zerbrechenden Globalisierung ist also perfekt geeignet, sich genau darüber Gedanken zu machen. Vielleicht schreibt man einfach mal eine eMail an die Stadtverwaltung, die gerade heiß darüber diskutiert, ob man Busspuren für eAutos freigeben soll. Man könnte sie fragen, wie es denn mit Konzepten aussieht, Autos einfach völlig aus urbanen Gebieten herauszuhalten, ungeachtet ihrer Antriebsmethode.
Man könnte fragen, ob die Herren Stadtplaner etwas vom Konzept der „walkable society“ verstehen. Das ist der Grundgedanke, daß alle wesentlichen Dienstleistungen des Alltags in fußläufiger – oder leicht zu erradelnder – Entfernung liegen sollten für einen Zivilisten. Also einen Stadtbewohner. Der Begriff ist aus dem Englischen importiert, weil gerade die USA von einem derartigen Konzept wohl vollkommen überrascht waren, als jemand auf diese Idee kam. In keinem Land der Erde werden Städte mehr für Maschinen geplant als für Menschen.

Wir werden der Zukunft nicht besser vorbereitet entgegensehen können, wenn sie in den Köpfen aus Parkhäusern in der Innenstadt besteht, in denen es dann eben Ladesäulen gibt. Business as usual mit grünem Lack ist noch immer Business as usual. Lautstärke und Twitter-Dominanz sind kein Aktivismus. Egal für welche Thematik. Sie sind ökologisches Massenwichsen zur Gewissensberuhigung.
Es bringt nichts, verbal auf einen geistig minderbemittelten Verkehrsminister einzuprügeln, egal in welchem Land. Blöd sein und eine politische Marionette ist kein Straftatbestand. Wenn man unbedingt Krach schlagen will, zündet man die Konzernzentrale von VW an. Mit den Vorständen darin, versteht sich. Dann hängt man keine Banner an Schaufelradbager. Man fährt mit dem Scheißding da vorbei, wo die Vorstände der Energiekonzerne gerade Golf spielen und baggert die Hütte weg. Oder man setzt das Gerücht in Umlauf, daß unter dem jeweiligen Wohnort dieser Menschen riesige Mengen an BRaunkohle gefunden worden sind. Berlin oder so.
Korrekter Aktivismus muß Dinge nicht nur vorleben. Er muß die Quelle von Problemen auch korrekt benennen. G20-Instagram-Empörer sind Bühnenshow. Wichtig ist immer das, was hinter den Kulissen liegt. Man glaube denen nicht, die am Lautesten rufen. Ganz besonders dann nicht, wenn sie andere irgendeiner Sache beschuldigen.

Natürlich kann man von „denen da“ verlangen, etwas zu tun. Gerade eben erst hat Vize-Kannsnich Olaf Scholz (ehemalige SPD) doch dreisterweise vorgeschlagen, man – also die nicht ganz so Große Koalition – solle doch in Sachen Renten eine Garantie beschließen, die weit über dem Niveau liegt, das ab 2025 tatsächlich real gelten soll. Daraufhin paviante der stellvertretende Fraktionsfelsenherrscher der CDU, Hermann Gröhe, sofort zurück. Der Mann verwies todernst darauf, man habe ja eine Kommission eingesetzt, die „Empfehlungen erarbeiten soll für das Rentensystem ab 2030.“ Kein Witz. Hat er so gesagt.
Heißt also übersetzt Politisch – Deutsch: „Wir müssen jetzt nichts machen und die nächsten zwölf Jahre auch nicht, weil wir ’ne Expertenrunde beauftragt haben, der überübernächsten Regierung mal was zu empfehlen, was man denn machen könnte.“
Ob diese fiktive Regierung, von der Herr Gröhe und alle anderen nicht mehr Teil sein werden, dann wirklich etwas tut von dem, was ihr empfohlen wird? Kassandra hätte da so eine Ahnung. Sollte es eventuell Geld kosten, das nicht an die jeweilige Stimmklientel geht, eher Nein.
Dabei wollte Herr Scholz doch bloß eine Garantie auf einem Papier abgeben, daß alles in Zukunft viel besser wird. Denn man würde besseres Renteniveau versprechen. Also auch auf keinen Fall irgendwas tun wollen. Das ist nämlich das Versprechen der Politik. Zudem muß man natürlich das Versprechen eines „weit über dem bisherigen“ liegenden Rentenniveaus auch noch übersetzen. Heißt dann vermutlich: „Statt 43 Prozent vom letzten Netto gibt es dann 48 Prozent.“
Was für die vierzig Prozent deutscher Arbeitnehmer mit einem Bruttosalär von 2.000 Euro also auf etwa 700 Mäuse hinausliefe. Im Jahre 2030 und später. Lebensversicherungen haben auch einmal Zinsen garantiert für ihre Beitragszahler. Die müssen sie aber nicht mehr zahlen, weil das ökonomisch total unfair wäre gegenüber den Versicherungen. So ist es inzwischen höchstrichterlich festgeklopft.

Die Paviane pöbeln also mal wieder um nichts. Denn die kriegen gar keine Rente. Die kriegen Beamtenpensionen und zusätzliche Versorgungsbezüge aus nicht-gesetzlichen Absicherungen. Herr Gröhe ist übrigens Mitglied der genannten Kommission. Sehr verantwortungsvoll von ihm. Natürlich kann man verlangen, daß „die da“ etwas tun. Aber mit solchen Leuten ist eben kein Staat zu machen. Das kann man wohl als einzige Garantie auf die Zukunft festhalten. Ich rede da lieber mit dem Leiter des Supermarkts.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.