Von getauchten Zwiebeln und gesundem Menschenverstand

Seit nunmehr fünf Minuten versuche ich verzweifelt, Zwiebeln zu kaufen.Genau. Zwiebeln. Allium cepa. Das schnöde, knollige Lauchgewächs, das in so vielen meiner Gerichte dabei ist. Vor einer Woche kosteten die losen Zwiebeln noch 2,09 Euronen per Kilogramm. Das waren schon 60 Cent mehr als in der Woche davor. Aber es waren die einzigen, die aus Deutschland kamen.
Dieses Netz, weiter oben rechts: Neuseeland. Neu-See-Land!
Jedes 1-Kilo-Netz dieser Zwiebeln wiegt grob umgerechnet etwa 1.498 Tonnen, wenn ich im Kopf die menschliche Dummheit überschlage und sie in ökologische Punkte umrechne. Diese Woche kosten die losen Zwiebeln schon 2,49 €. Dafür kommen sie jetzt auch aus Neuseeland. Scheinbar ist da im Hintergrund ein harter Bieterwettbewerb im Gange, von dem deutsche Medien nicht berichten.

Dafür berichten die darüber, daß so ein Typ jetzt auf 10.928 Meter abgetaucht ist, in der Challenger-Tiefe des Marianengrabens. Immerhin 12 Meter über dem bisherigen Rekord. Oder besser, darunter.
Darüber wird allerdings weniger berichtet als über das, was er unter anderem gefunden hat. Die drei neuen biologischen Arten sind weniger interessant als die verdammte Plastiktüte. In elf Kilometern Tiefe schwimmen Plastiktüten.
Da es dort unten kalt ist, keinerlei Licht oder UV-Strahlung hingelangt, einer offenen Plastiktüte der infernalische Druck von etwa 1,23 Tonnen pro Quadratzentimeter egal ist und es auch kaum Kandidaten für biologische Zersetzungsprozesse gibt – drei neue Arten hin oder her – vermute ich, diese Tüte stammt von einer Supermarktkette der 60er Jahre, als gar nicht genug auf der Welt aus Plastik hergestellt werden konnte, einschließlich Unterwäsche, Haaren und Titten. Dann ist der Laden wahrscheinlich pleite gegangen, weil er seinen Kunden nur Produkte aus dem eigenen Land verkauft hat und nicht aus Nepal oder Neuseeland.

Meine Schritte sind inzwischen mehrfach zwischen Gemüse (Bio) und Gemüse (auch Bio, aber anders) und Gemüse (nicht Bio) hin- und herpendelt. Die Speisezwiebeln in der Voll-toll-Bio-Ecke kommen aus Ägypten. Ägypten!
Dieses Land mit den Pyramiden. Also, diesen spitzen Steindingern, die im Sand rumstehen seit etwa 4.000 Jahren. Sofern die Archäologen recht haben und die Dinger nicht schon da waren, bevor die Ägypter Ägypter wurden. Immerhin verbindet sie diese Herkunft mit sämtlichen Speisekartoffeln in der „Bio-aber-anders“-Ecke. Die kommen nämlich auch aus Ägypten. Seit Wochen bereits. Was keinerlei Problem darstellte, wären die lokalen Produkte, die es hier üblicherweise gibt, auch mal vorhanden. Das sind sie aber nicht.
Die losen Zwiebeln aus Unfaßbar-weitweg-Land kosten übrigens 50 Cent mehr als die eingenetzten Kollegen, wie ich am Ende der ersten zweihundert Meter Hin-und-Her-Laufen bemerke. Das klingt logisch.
Dafür ist der Spargel weiterhin deutsch, kostet aber mindestens schlanke 4,99 €. Pro Pfund, ist klar. Zwanzig Minuten später werde ich den Prospekt der Supermarkt-Konkurrenz lesen, die den Preis für 1,5 Kilo Speisekartoffeln auf 1,69 € gedrückt hat. Die aus Ägypten. Offensichtlich gibt es kein anderes Land des Planeten mehr, das in der Lage wäre, Kartoffeln anzubauen. Wobei ich vor zwei Wochen noch Exemplare aus einem Land namens Frankreich bekam. Vermutlich ist das inzwischen untergegangen, da hat ja diese Kirche gebrannt.

Andi Scheuer parkt mit 180 ein und ein CSU-Typ wird demnächst Europas Oberhäuptling. Damit ist klar: die Menschheit will nicht länger überleben.

Irgendwann pendle ich nur noch zwischen zwei Produkten. Sie kommen aus einem geheimnisvollen Land namens Niederlande. Das eine liegt in der „Voll-toll-Bio“-Ecke, das andere in der Bio-aberanders. Die voll-tolle Biozwiebel kostet einen ganzen Euro mehr auf das Kilo. Beide stecken in Plastiknetzen. In fünftausend Jahren werden sie in elf Kilometern Tiefe über den Boden des Marianengrabens schleifen und den Archäologen unbekannter Zukünfte von längst vergangenen Zivilisationen namens „Zwiebeln“ erzählen.
Leise weinend nehme ich Richtung Kasse nicht eine, sondern zwei Tiefkühlpizzen mit, die in ihrem Pappkarton in Folie gehüllt sein werden. Mehrere Bazillionen Kilowatt Energie sind hier hineingepumpt worden. Erst, um den ganzen Mist zu erhitzen. Dann, um ihn schnellstmöglich schockzufrosten. Dann, um ihn gefroren zu halten. Ich werde weitere Energie aufwenden, um diese Dinger eßbar zu machen.
Natürlich nachdem ich Folie entfernt habe. Danke für den Sicherheitshinweis.
Vielleicht sollten wir einfach die Warnungen von so ziemlich allem abschrauben oder abkratzen und Darwin seine Arbeit machen lassen.

Als ich den Laden verlasse und hoffe, mich mit der offensichtlich grassierenden Vollidiotie der mich umgebenden Spezies nicht angesteckt zu haben, sehe ich, wie Andreas Scheuer auf dem Parkplatz des Supermarkts versucht, sein Diesel-SUV einzuparken. Aber er kriegt die aufgepumpte Kompensationsblechblase nicht in die Mutter & Kind-Parklücke. Die ist halt für Autos gemacht und nicht für sozialdarwinistische Hausfrauenpanzer.
„Das ist doch gegen den gesunden Menschenverstand“, flucht Andi und setzt mit 180 Sachen zurück.
Mit dem festen Entschluß, aus dem Bundeshaushalt mindestens 20 Milliarden für breitere Straßen und größere Parkhäuser abzusaugen, parkt Scheuer schließlich auf dem Behindertenparkplatz.
Als er aussteigt, kommt Robert Habeck vorbei, als Politesse verkleidet, weist Scheuer darauf hin, daß geistige Behinderungen nicht zählen, und schiebt ihm ein Knöllchen unter die Scheibenwischer.

Weiter hinten zieht eine Horde Schulpflichtiger durchs Bild, während Christian Lindner mit seinem Smartphone Aufnahmen macht, um dann sofort auf Twitter zu verlangen, diese Sache mit dem Klimawandel doch bitte den Profis zu überlassen.
Ein alter Mann mit muffeligem Jacket in unfaßbar geschmacklosen 70er-Jahre-Muster verkauft Hundekrawatten von der Ladefläche seines blauen VW-Pickup. Seine Beifahrerin verteilt Aufkleber mit dem Slogan „Deutsche, kauft nur deutsche Kartoffeln!“
Manfred Weber, der CSU-Europatyp und nächste Kommissionspräsident, kauft eine Krawatte und schließt dann zu den Demonstranten auf, um ihnen zu erklären, daß die Zukunft auf keinen Fall Arbeitsplätze gefährden darf, sonst ist sie leider nicht genehmigungsfähig. Damit wir auch morgen noch mit dröhnendem V8 im Innenstadtkreisel im Stau stehen können. Vielleicht gewinnt dieser Timmermans. Der ist Niederländer. Was das Absaufen angeht, haben die eindeutig mehr Erfahrung.

Ich schüttle den Kopf und setzte mich auf mein völlig unelektrisches Fahrrad, um die Transportkilometer der Pizza wieder ein bißchen rauszustrampeln. Warum auch immer ich das mache. Ich denke dabei an die Dinosaurier. Die mußten am Ende sogar von einem Asteroiden erschlagen werden, um das mit dem Aussterben hinzukriegen. Und selbst das haben sie nur fast geschafft.
Ohne diesen verdammten Stein hätten die Säugetiere niemals Supermärkte bauen können, schätze ich. Menschen sind tatsächlich eine einzigartige Rasse. Noch nie war bisher eine Spezies schlicht zu blöde zum Überleben. Das Universum ist manchmal echt eine zynische Sache.

6 Kommentare zu „Von getauchten Zwiebeln und gesundem Menschenverstand

  1. Alle Spezies vernichten ihren Lebensraum, Endlichkeit ist das Unendlichkeitsgeheimnis des Lebens. Aber mit dem Globalisierungselend bin ich als Kiffer ganz bei Dir. Unser Elend fing schließlich an, als das Abendland den Hanfanbau ins billigere Russland auslagerte. Andererseits wenn der Hanf aus der Kultur verschwinden konnte, vielleicht haben wir Deutschen dann auch ne reelle Chance, irgendwann mal keine Kartoffeln mehr zu sein…

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    1. Ich widerrauche…ähm…spreche.
      Spezies vernichten ihren Lebensraum normal nicht. Ich wüßte nicht, daß Haie 200 Millionen Jahre gepackt haben, weil sie Plastiktüten ins Meer werfen 😀
      Aussterben ist so eine Sache, die andere schon hingekriegt haben. Das mit der Endlichkeit ist soweit richtig. Aber aus eigener Dummheit ausgestorben ist bisher noch keine Spezies vor uns.

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      1. Eine unbeweisbare Behauptung und damit ein ausgezeichneter Glaubensgrund. Über die Dummheit ausgestorbener Arten lässt sich trefflich fabulieren. Das Erfolgskonzept der Haie war doch, daß sie Aas, also den Müll anderer Spezies fressen?

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      2. Ich glaube, das Erfolgsrezept war, erst mal in alles zu beißen, was geht…ähmmm..schwimmt. Wenn es a) nicht zurückbeißt und b) lecker ist, geht die Sache klar.
        Und ich bin fest überzeugt, daß noch nie eine andere Spezies die bornierte Blödheit des Homo sapiens erreicht hat. Sonst hätten wir irgendwo eine 3.000 Meter hohe Dinostatue aus Diamantfaser gefunden oder so 😀
        Was übrigens das Müll verwerten angeht – das tun wir Menschen auch. Schon immer. Wir sind quasi Destruenten. Vielleicht sollte ich dazu mal was aufschreiben…

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      3. Du hast schon recht, aber der Vergleich ist etwas unfair. Borniert bedeutet hier ein Blödheit von hätte-man-eigentlich-vorher-wissen-müssen-Art. Aber das Vorherwissenkönnen ist ja angeblich unser Alleinstellungsmerkmal. Problematisch, oder viel besser, zum Dilemma neigend, ist unser soziales Wesen. Die Summe der Verstandesleistungen arbeitet wirkmächtig, aber viel träger als einzelne bzw kleinere Gruppen. Es gibt keinen Leviathan, deshalb ist er um so fürchterlicher. Die skrupellose Rücksichtslosigkeit des Schwarms ohne Nerven gilt es zu zähmen. Und wenn das gelingt, wird das Wesen wieder mächtiger…

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