Nebel über dem Kanal

Nach 47 Jahren der Sklaverei hat die britische Nation es endlich hinbekommen. In einem demokratischen Rundumschlag, einer Revolution des Volkswillens, hat sie das Joch der Unterdrückung abgeschüttelt. Ab sofort ist Großbritannien tatsächlich wieder groß. Es kann souverän über seine Grenzen bestimmen und was an diesen passiert. Oder wer diese passiert. Es kann seine eigenen Regeln aufstellen bezüglich Arbeitnehmerrechten. Oder Sozialstaat. Oder Außenpolitik.
Der Brexit ist endlich done. Gefühlt mehrere Millionen befreiter Briten sammelten sich vorgestern auf dem Parliament Square und zählten den Countdown eines politischen Entscheids herunter, als sei es Silvester. Viele dieser Befreiten hatten eine britische Flagge um den Hals hängen. Ein wahrhaft symbolisches Bild. Denn die meisten dieser Leute waren Engländer, keine Briten.
Noch bevor der Countdown abgelaufen war, konnte man als einer der Nicht-Befürworter des britischen EU-Ausstiegs schon sehen, wohin die von Boris Johnson angekündigte „Heilung nach dem Brexit“ in der Gesellschaft der Insulaner führen wird. Es gab Plakate mit Aufschriften wie „Lock up the traitors!“
Wer also nicht für uns war, ist gegen uns. Wer in einem Referendum nicht an derselben Stelle das Kreuz macht wie ich, ist ein Verräter. Was immer da irgendwer verraten haben soll. Eine Gesellschaft, in der derartig hirnkranke Individuen frei herumlaufen und sogar den Premierminister stellen, ist weit jenseits irgendeiner Heilung. Eine derartige Gesellschaft liegt im Sterben.

Das bisherige Crescendo dieser „Oper des politischen Idiotismus“ waren die Parlamentswahlen, bei denen Boris Johnson so richtig abgeräumt hat. Nach dreieinhalb Jahren völliger Unfähigkeit, sich darüber zu einigen, was man eigentlich wollen soll, hatten die Wähler diesmal die Schnauze voll. Wir Deutschen kennen das. Gerhard Schröder wurde 1998 nicht etwa Kanzler, weil er so unfaßbar überzeugend gewesen wäre, wie er das immer geglaubt hat. Er wurde Kanzler, weil Deutschland nach 16 Jahren Kohl auch einen Ficus zum Kanzler gewählt hätte, solange der halt nicht Mitglied der CDU gewesen wäre. Mit einem Katzenbaby hätte man die absolute Mehrheit geholt.
Schröder, diese Zimmerpalme des exzessiven Neoliberalismus, wurde schlicht mangels Alternativen erster FDP-Kanzler der Berliner Republik, dann Gasableser für Putin. Heute nörgelt er gelegentlich aus dem Off an der Politiksimulation seiner Partei herum, so wie ehemalige SPD-Granden das bei ihrer ehemaligen Partei gerne tun. Das jemand wie Schröder niemals in eine Partei hätte eintreten dürfen, die das Wort „Sozialdemokratie“ im Namen trägt, war schon damals ein klar erkennbares Zeichen des bevorstehenden Untergangs.

Schröder gewann auch, weil er die angebliche soziale Politik des Labour-Siegers aus Großbritannien kopierte, Tony Blair. Er reiste extra nach London, um zu fragen, wie diese abgewrackte ehemalige Arbeiterpartei das hinbekommen hatte. Die Antwort ist simpel: Man stelle sich hin und erzähle was von sozialer Politik, dann mache man anschließend exakt das Gegenteil. Links blinken, rechts abbiegen.
Erst als die angeblich Linken oder Sozialen die Politik der angeblichen Konservativen – im Falle des Königreichs also der Tories – intern bis aufs i-Tüpfelchen kopierten, begannen sie wieder, Wahlen zu gewinnen. Schröder machte es genauso und gewann. Danach ruinierte er erst die Einnahmen des Staates und der Kommunen mit seiner wirtschaftlichen Befreiungspolitik, erklärte dann, als überraschend kein Geld mehr da war, den überbordenden Sozialstaat zum Schuldigen und warf den dann anschließend konsequent unter den Bus.
Heute leben CxU-Kanzlerinnen mit ihren Wählern deshalb gut und gerne in einem Land mit absoluten Boomzahlen im Arbeitsmarkt, den Arbeitsstunden und anderen Kennzahlen. Was nichts daran ändert, daß es zu wenig bezahlbare Wohnungen gibt, zu viele Subventionen für die falschen Leute und von 44 Millionen Arbeitnehmern in Deutschland gute 35 Prozent etwa 2.000 Euro brutto oder weniger verdienen, während andere das Geld gar nicht so schnell ins Ausland schaffen können, wie es ihnen der Staat nachwirft. Alles ganz legal, versteht sich. Globalisierung und so.
Wer von 2.000 brutto das Netto nicht ausrechnen kann und davon dann 48 Prozent Rentenniveau, möge einen Taschenrechner zu Hilfe nehmen. Als Spoiler sei gesagt, daß die sich ergebende Summe bereits heute unter der sogenannten „Grundsicherung im Alter“ liegt, die wiederum noch einmal niedriger liegt als ein ALG II-Satz, denn natürlich ist das Existenzminimum in Deutschland jederzeit höchstrichterlich verhandelbar und wer braucht schon mehr Geld, wenn er alt wird? Absurde Idee. Alte Leute essen weniger, das weiß doch jeder.
Das deutsche Finanzministerium hat übrigens acht Jahre gebraucht, um die erwähnte Rechnung nachzuvollziehen. Das war der Beginn der politischen Warnungen vor Altersarmut. Es war auch der Beginn des öffentlichen Aufstiegs der „AfD“. Er begann wie in Großbritannien auch. Der Euro war schuld. Der Euro wiederum ist gleich Europa, also ist Europa schuld. Exakt diese Taktik haben die Briten und ihre Politiker auch über 40 Jahre angewendet. An allem war immer Europa schuld. Auf keinen Fall aber der Wähler oder womöglich die jeweiligen Politiker. Schon Maggie Thatcher, die heute im Rückblick ernsthaft als große Europäerin verkauft wird, wollte unbedingt eine solche sein um ‚britische nationale Interessen durchsetzen zu können‘. Ihr Nachfolger hat das dann Anfang der 90er noch einmal betont.

Da Europa an allem schuld ist, sind die Briten dann konsequent ausgetreten. Nach ein, zwei Regierungswechseln und einem starken Eindruck der Unentschlossenheit, die in deutschen und englischen Kommentarforen von total verblendeten Weichbirnen als ein leuchtendes Beispiel demokratischer Entscheidungsprozesse gepriesen wurde. Nur hätte es dazu eine Entscheidung geben müssen. Oder im Vorfeld auch demokratische Wahlen. Wenn ich in einem Wahlkreis mit 31 Prozent der Stimmen gewinnen kann, weil alle anderen weniger kriegen, ist das zwar eine Wahl, aber Demokratie ist eben nicht.
Johnson jedenfalls versprach, den Brexit done zu kriegen und deshalb haben selbst Leute, die immer glaubten, die Bezeichnung der anderen Partei außer Labour sei „Torie-Abschaum“, vor einigen Wochen die Tories gewählt. Labour hatte die ganze Zeit das Problem, daß sehr viele Parlamentarier gegen den Brexit waren, aber Wahlkreise vertraten, die dafür gestimmt hatten. Dieser gordische Knoten war politisch nicht lösbar. Dazu hätte man eine klare Meinung vertreten müssen und Haltung zeigen. Derartiges Verhalten wird aber in der Politik keinesfalls toleriert, denn das verstößt in Deutschland gegen Fraktionsdisziplin und in England allgemein gegen den Standesdünkel. Wo kämen wir denn da hin, wenn man politisch einen klaren Kurs steuerte und womöglich Konsequenzen in Kauf nähme. Wie zum Beispiel, bei der nächsten Wahl eben den Wahlkreis zu verlieren, weil man mal was Richtiges gemacht hat. Labour hat sich dem in geradezu beispielloser Flexibilität verweigert, was dann auch prima geklappt hat. Mit dem Slogan „Get Brexit done“ hat Johnson die sogenannte „red wall“ aus Labourwahlkreisen sauber pulverisiert. Das ist beinahe so gut wie „Sie kennen mich“.

Bild 1: Der Countdown auf der Fassade von 10 Downing Street in der Nacht zum Samstag, dem 01. Februar 2020.
Die Hauskatze vor der Tür symbolisiert Großbritannien in den nächsten 11 Monaten, in denen der Brexit noch immer nicht „done“ sein wird, auch wenn Boris Johnson gerne was anderes erzählt. Im gezeigten Countdown fehlen aktuell noch 333 Tage.

Die amerikanischen Demokraten könnten am Schicksal Labours erkennen, was ihnen im November blühen wird, würden sie sich mal für was anderes interessieren außer sich selbst und ihrem Gejammer über die Ungerechtigkeit der Welt. Die ehemalige SPD hat das bereits erkannt und wird deshalb krampfhaft an allen Posten festhalten, die es nur gibt, bis sie dann im Oktober 2021 die Quittung bekommen wird. Die Politik der angeblichen Konservativen lief schon immer auf einen Satz von George Carlin hinaus, der es leider nie zum Präsidenten der USA geschafft hat: ‚Say something. Do something different.‘
Die von deutschen Edelfedern der Qualitätsmedien gerne so benannten „Linken“, zu denen früher einmal die SPD gehört haben soll nach Mythen und Legenden aus meiner Kinderzeit, haben diesen Stil und auch den Inhalt der Politik in den 90er Jahren 1:1 kopiert und umgesetzt. Damit konnte man Kanzler werden. Premierminister in Großbritannien bleiben konnte man damit nur, solange man den USA nicht in jeden Krieg folgte, da kann jeder Tony Blair fragen. Wobei sich der mit den Wadenbeißern der ehemaligen SPD das Verhalten teilt, sich so oder so zu Dingen zu äußern, auch wenn ihn keiner gefragt hat.

Bereits jetzt, am Tag 2 nach dem angeblichen Brexit, ist völlig klar, daß eben nichts auch nur annähernd done ist. Johnson verkündet vollmundig, er wolle „vollständige Grenz- und Zollkontrollen“ an den neuen Grenzen des Vereinigten Königreichs.
Begründung: damit kann man die EU so richtig fett unter Druck setzen, wenn man dann am Ende dieses Jahres einen Handelsvertrag bekommt, der mindestens so gut ist wie derjenige der EU mit Kanada. Den auszuhandeln, hat etwas über sieben Jahre gedauert. Die EU hat neulich den Mercosur-Freihandelsvertrag abgeschlossen. Der betrifft den gesamten Handelsraum Südamerika. Denn nur so können wir uns uns über den Möchtegern-Faschisten Bolsonaro aufregen, der angeblich den Regenwald abfackelt, aber gleichzeitig die Sojamilch oder das Rindfleisch bei uns in die Supermärkte karren. Say something. Do something different.
Überhaupt hat die EU Handelsverträge mit über 100 Staaten der Erde, also etwa dem halben Planeten Erde, auf dem die Zahl offizieller Staaten derzeit 204 beträgt, wenn ich das korrekt memoriere. Großbritannien hat die nicht mehr. Seit 48 Stunden ist diese Clubzugehörigkeit abgelaufen.
Johnson möchte auch anderen Ländern – gemeint ist besonders Frankreich – keinen Zugang mehr zu britischen Gewässern gewähren zum Fischfang. Was er nicht erwähnt, ist die Tatsache, daß die EU-Fangquoten in Brexitannien zum Großteil drei Firmen gehören. Diese wiederum haben die Lizenzen weiterverkauft, an andere Länder. Frankreich und die Niederlande zum Beispiel. Es gab nur ein einziges EU-Land, in dem diese Quoten gehandelt werden durften. Das Vereinigte Königreich. Per Sonderregelung, denn in allen anderen ist es verboten.
Natürlich werden auch alle anderen Länder gerne vollständige Grenz- und Zollkontrollen einführen, für alle Dinge, die Großbritannien noch exportieren möchte. Nicht umsonst haben Frankreich, die Niederlande und Belgien schon im letzten Jahr in großem Stil Parkraum im Grenzhinterland angemietet.
Johnson übersieht geflissentlich, daß Handel eine zweigleisige Geschichte ist. Auch das teilt er sich mit Donald Trump. Die EU beispielsweise hat bereits angekündigt, Spanien in seiner Forderung zu unterstützen, Gibraltar von jeglichen zukünftigen Vertragsregelungen auszunehmen. Gibraltar selbst wäre dafür sicherlich zu haben, denn 96 Prozent seiner 12 Einwohner haben für den Verbleib in der EU gestimmt. Außerdem möchte der Felsen gerne Teil des Schengen-Raums werden. Was Großbritannien niemals gewesen ist. Darum mußte man ja auch die Kontrolle zurückgewinnen über diese von der heimtückischen EU aufgezwungene Einwanderungswelle polnischer Klemper und italienischer Gelatieri.

Politik entwickelt sich zunehmend zur Verwaltung einer Alternativrealität. Sie erschafft Probleme, die sie dann löst, um sich ihrer weiteren Existenzberechtigung zu versichern. Das wird auf Dauer nicht funktionieren.

Bolsonaro fackelt den Regenwald gar nicht ab. Er tut es nur noch schneller als sein Vorgänger im Amt. Donald Trump hat auch die amerikanische Gesellschaft nicht gespalten. Er hat sie bereits in diesem Zustand vorgefunden. Und dieser Mann, der nichts kann und nichts drauf hat, hat zumindest ein Talent, wie ich schon einmal betonte. Donald Trump ist ganz prima darin, Donald Trump zu verkaufen. Dafür muß man aber auch immer Dumme finden, die einem das Produkt abkaufen, auch wenn es der allerletzte Ranz ist.
Trump kann auf angeblich glänzende Wirtschaftszahlen verweisen – die natürlich nur ihm zu verdanken sind – und damit wiedergewählt werden. Die Demokraten werden sich vermutlich noch am 1. November weiter Knüppel zwischen die Beine werfen. Die Aufspaltung dieser Partei ist unausweichlich. Noch immer wälzt sie sich im Schlamm eines längst gescheiterten Amtsenthebungsverfahrens, anstatt sich auf ihre eigentliche Aufgabe zu konzentrieren, Donald Trump bei den Wahlen zu schlagen. Ihr Selbstmitleid von 2016 wie eine Monstranz vor sich hertragend, werden es die Demokraten auch diesmal nach allen Kräften sabotieren, einen Kandidaten zu nominieren, der eine Chance auf den Sieg hat. Wozu er Hillary Clintons Kardinalfehler vermeiden und Wählern einen Grund geben müßte, auch für ihn zu stimmen.
Die Republikaner hingegen wagen es nicht, gegen ein Arschloch aufzumucken, das ihre Partei geentert und vollständig ge0wned hat, wie der Gamer sagen würde. Es gibt nicht einmal eine ansatzweise geführte Diskussion um einen weiteren Kandidaten für die Präsidentschaft. Auch die Republikaner sind eine Partei, deren Tod bereits eingetreten ist, der aber erst auf Abruf verkündet werden wird. Vermutlich im November, denn President Trump könnte sehr wohl plötzlich vor einem Senat stehen, der mehrheitlich demokratisch ist.
Spätestens dann wird allen klar vor Augen geführt werden, daß die oft so gepriesenen ‚checks and balances‘, das Immunsystem der amerikanischen Demokratie, längst nicht mehr existieren. Von so etwas wie einem Parlament wird sich President Trump auf keinen Fall in seine Politik reinquatschen lassen. Einer der Anwälte Trumps hat ernsthaft angeführt, der Präsident habe zum Wohle des Staates gehandelt in der Ukraine-Geschichte, da er der Überzeugung sei, seine Wiederwahl sei im Interesse des Staatswohls. Selbst der juristische Laie kann ertasten, wohin eine derartige Pseudoargumentation führt. Die US-Wahlen im November werden die letzten in einer offiziell demokratischen Präsidialrepublik sein. Wer danach noch mit diesem Land verbündet sein will, frühstückt auch gern mit Kim Jong Un und hat ein Poster von Pol Pot an seiner Klowand hängen.

 

Bild 2: Ein geradezu delphischer Titel vom Hetzblatt ‚The Sun‘ am 31. Januar.
Die Zeit des Vereinigten Königreichs ist allerdings gekommen. In einer australischen Tageszeitung, die ebenfalls zum Imperium von Rupert Murdoch gehört, erschien in dieser Woche als Schlagzeile ‚Warming is good for us‘. Währenddessen ist Canberra von den anhaltenden Bränden bedroht.

Der Zerfall der alten politischen Ordnung ist in eine neue Phase engetreten seit dem 1. Februar 2020. Die Heuchelei und Lügengeschichten unserer angeblichen Eliten ändern sich derweil nicht, sie nehmen im Gegenteil immer absurdere Ausmaße an. Ich verweise auf das obige Titelblatt des Murdoch-Hetzblatts ‚The Sun‘.
Kassandra ist sich sicher, daß den Briten in Zukunft immer die Sonne aus dem Allerwertesten scheinen wird, daran kann kein Zweifel bestehen.
Derweil möchte die angeblich geläuterte und brexit-erschütterte EU sich jetzt per Umfrage mit ihren Bürgern unterhalten, um herauszufinden, welche Art EU die denn eigentlich wollen. Ich dachte, da oben sitzen die Experten, die das wissen? Schließlich sagen die das immer und nehmen mit ihren Entscheidungen exakt das in Anspruch.
Meine Antwort wäre: Ich will keine EU mit einer ungewählten Lobbyistenkommission. Oder einem Parlament, das letztlich ein zahnloser Witz ist. Oder eine EU, die nicht in der Lage ist, Staaten wie Polen, Ungarn und Tschechien wieder rauszuschmeißen aus dem Club. Wobei ich mich frage, wer die eigentlich reingelassen hat. Ich hätte es nicht getan, mit dem Verweis auf gut 40 Jahre unterschiedliche Sozialisierung dieseits und jenseits des Eisernen Vorhangs. Aber mich hat ja keiner gefragt. Wie zu diversen anderen Großthemen, die Auswirkungen auf das eigene Leben für Jahrzehnte haben können, ebenfalls nicht.
Da aber diese EU in Form eines Herrn Voss und Verleumdungskampagnen gegen Millionen Menschen – gekaufte Demonstranten und Bots, wir erinnern uns an letztes Jahr – klar angesagt hat, was sie von aktuellen und zukünftigen Wählern hält, warum sollte man ihr außer Verachtung und rohen Eiern noch etwas mitgeben wollen?
Konsequent wie immer haben die Lobbyisten in Brüssel aus dem Plan zur EU-Verbesserung auch gleich die Passage gestrichen, die bei entsprechenden Ergebnissen womöglich eine Veränderung der Verträge verlangt hätte.
Say something. Do nothing about it.
Das Motto der EU ist nicht so unterschiedlich von dem aller anderen Machtblöcke oder Nationalstaaten, die von zunehmend bekloppteren Clowns regiert werden. Ich bin so etwas wie ein europäischer Nationalist. Was widersrpüchlich klingt, aber es nicht wirklich ist. Jedenfalls nicht, wenn man die ursprüngliche europäische Idee mag und unterstützt. Europa ist großartig. Die EU ist es leider nicht.

Unsere – ebenfalls gerne von gewissen journalistischen Edelfedern herbeigeschriebenen – „Eliten“ in Politik, Wirtschaft, Finanzen und Medien sind seit Beginn des Jahrhunderts in zunehmenden Maße jedenfalls eines nicht mehr. Nämlich Eliten der Glaubwürdigkeit oder der Konsequenz des Handelns. Die klaffenden Lücken zwischen blättriger Fassade und blattvergoldetem hehren Anspruch an die eigenen angeblichen Werte werden selbst für den letzten Deppen immer offensichtlicher.
Deutschland marschiert da allen anderen vorneweg, zumindest in diesem Punkt.
Während aus Füllhörnern Gold über Braunkohletagebau und Kohlekraftwerken ausgeschüttet wird, senkt man die Mehrwertsteuer auf Bahntickets und nennt es Bekämpfung des Klimawandels. Aber nur im Fernverkehr, mit dem Nahverkehr fährt ja niemand. Die USA mögen einen Trump haben. Wir haben Peter Altmaier. Ein Mann wie ein Wackelpudding! Dick und Doof in effizienter Personalunion. Wir haben auch einen Andreas Scheuer und einen Horst Seehofer. Ein Trump? Wir haben mehrere. Deutschland ist wahrlich gesegnet. Wohin es führt, wenn religiös-fanatische Splittergruppen in einem Land zu viel Einfluß auf dessen Politik haben, sieht man in den USA. Oder Israel. Warum Scheuer noch immer Verkehrsminister ist, warum er jemals einen derartigen Job bekommen konnte, und warum eine Partei, die ein Großteil der Wähler noch niemals auf einem Wahlzettel gesehen hat, überhaupt seit siebzig Jahren in der Bundespolitik die Klappe aufreißen darf, ist noch immer eines der ungelösten Rätsel meines politischen Universums.
Aber die zur anderen C-Partei gehörende Kanzlerin sagt dazu ja nichts mehr. Angela Merkel ist abgetaucht und überläßt ihre Partei der Selbstzerfleischung. Wie Donald die Republikaner. Gerade erst hat man aus den Reihen den Vorschlag unterbreitet, man könne doch die Atomkraft wiederbeleben. Das wird die Betreiber derselben freuen, die sich vor nicht allzu langer Zeit mit der lächerlichen Summe von 24 Milliarden Euro aus der Verantwortung für alle Langzeitfolgen der Kernenergienutzung herauskaufen durfte. Dieselben Betreiber, die aufgrund entgangener fiktiver Gewinne den Staat auf Schadensersatz verklagen übrigens. Und deren Energieform seit fünfzig Jahren immer auf Subventionen angewiesen war.
Ich bin dann für neue Atomkraftwerke, wenn deren Befürworter innerhalb des Sicherheitsabstandes zwangsangesiedelt werden und diese Zone nicht verlassen dürfen. Dort lagern wir dann auch die abgebrannten Brennelemente. Wir können sie da auch gerne wiederaufbereiten, um die Zauberreaktoren anzutreiben, die von den nuklearen Jubelpersern immer wieder in der Öffentlichkeit besungen werden. Der aktuelle Sicherheitsabstand von Atomkraftwerken zu Wohngebieten liegt bei 200 Metern.
Sollten sich die Spinner der CDU ernsthaft auf Atomenergie versteifen, wird die Union natürlich nicht mit den Grünen koalieren können. Wie unangenehm. Da bleibt natürlich leider nur noch die Koalition mit den aus eigenem Fleische entstandenen Faschisten in Blau. Wenn der deutsche Wähler dann wieder gegen seine Interessen abstimmt, wie in den USA oder Großbritannien, sind wir die nächsten Idioten, die ihr Land völlig demokratisch in den Abgrund gestimmt haben.

Um das Richtige zu tun, muß man erst einmal eine Vorstellung davon haben, wohin man will. Aber wohin will Brexit-Boris? Wohin wollen seine Anhänger? Andeutungen gibt es bereits.

Bild 3: So einen netten Hinweis findet man doch gerne in seinem Hausflur. It’s not fascism when we’re doing it.
Nur falls jemand geglaubt hat, die wahre Antriebskraft hinter dem Brexit sei auf keinen Fall das Weltbild kleingeistiger Haßzwerge. Bedauerlicherweise ist sie es doch. Nicht nur, aber auch.
Bild stammt aus dieser Quelle

Natürlich sind alle entsetzt über solche Auswüchse. Die Politik wird sich davon distanzieren. Alle werden erklären, daß sie natürlich so etwas niemals wollten mit dem Brexit. Wer Arschlöchern wie einem Farage oder Rees-Mogg solche Reden weiterhin glaubt, ist nicht mehr zu retten. Zumindest für Farage ist es exakt das, was er sich vom Brexit versprochen hat.
Fünf Millionen EU-Ausländer sind seit gestern Faustpfand in der Hand der amoklaufenden Regierung eines Landes, das sich in Ermangelung einer Delphintherapie niemals von seinem imperialen Phantomschmerz erholen konnte und deshalb darin Zuflucht sucht, sich auf seine vergangene eingebildete Größe permanent einen runterzuholen.
Früher oder später werden diese Menschen anfangen, ihre Sachen zu packen und England und Wales zu verlassen. Denn wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Fool me once, shame on you. Fool me twice, shame on me. Eigentlich ist es nicht verwunderlich, daß Großbritannien aus der Eu ausgetreten ist. Mich hat immer gewundert, wie die Insulaner es jemals in die EU reingeschafft haben. Inzwischen kenne ich den Grund natürlich. Der von außen unbezwingbare Feind EU, der bösartige Superstaat, mußte von innen heraus zersetzt werden. Nachdem man dann knapp fünf Jahrzehnte von innen heraus alle wichtigen Entscheidungen mitbestimmt hatte, war es jetzt wohl an der Zeit, das sinkende Schiff der EU-Diktatur zu verlassen. Warum mit Europa untergehen?
Man überlege sich, daß etwa 1,1 Millionen Polen und 700.000 Italiener in ihre Heimatländer zurückwandern. Schon die wirtschaftlichen Konsequenzen an dieser Stelle wären interessantes Anschauungsmaterial, für alle beteiligten Länder.
Brexit ist nicht done. Boris Johnson, der Spalter, der in Richtung Schottland jetzt die unfaßbare Wichtigkeit der Union betont, hat noch mindestens 11 weitere Monate vor sich, in denen Kassandra recht spaßfreie Verhandlungen für Londons Schergen vorhersieht. Der masochistische Selbstverstümmelungsakt auf nationaler Ebene hat eigetnlcih gerade erst richtig angefangen. Seit gestern ist Großbritannien das erste nationale Forschungsobjekt für die gesellschaftlichen Auswirkungen des nächsten Kapitels der Langen Dämmerung: Auflösung und Zerfall der globalisierten Handelswelt und der davon gestützten politischen Struktur. Das Zeitalter des Postindustrialismus hat soeben begonnen.


Das Titelbild zeigt den „Großen Brand von London“ im Jahre 1666.

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