Die Lange Dämmerung

– II –

Apokalypse not

,,I sat in the dark and thought: There’s no big apocalypse. Just an endless procession of little ones.”
Neil Gaiman, Signal to Noise

Der Untergang eines Imperiums oder einer Zivilisation ist üblicherweise ein Prozeß, nicht etwa ein plötzliches Ereignis. Als die Ägypter ihre Pyramiden bauten – falls sie denn tatsächlich diese Dinger gebaut haben – dachten sie bestimmt nicht daran, daß es eines Tages keinen Pharao mehr geben würde.
Tacitus hätte mich ebenso ausgelacht wie sein Ururururundsoweiter-Enkel, hätte ich ihnen erzählt, daß Rom untergehen wird.
Das Gebiet, das wir heute als China kennen, hat in den letzten 5000 Jahren mehrfach Zyklen aus Aufstieg und Niedergang erlebt. So teilt sich zum Beispiel die Zhou-Dynastie in Östliche und Westliche Dynastie, nach der jeweiligen Lage der Hauptstadt und später in die sogenannte Zeit der Streitenden Reiche. In dieser Periode zerfiel ein vorher eher geeintes Gebiet – das östliche Zhou – in unterschiedliche Fürstentümer, nachdem der letzte entsprechende Herrscher den Löffel abgegeben hatte. Allein diese Dynastie reicht übrigens vom 11. bis ins 5. Jahrhundert vdZ, um einmal den Maßstab zu verdeutlichen.
In Europa befreiten sich in diesem Zeitraum die Griechen aus ihrem dunklen Zeitalter, das auf den Untergang der Minoischen bzw. Mykenischen Kultur gefolgt war. Kurz nach 1200 vdZ werden viele Städte und Zentren Mykenes zerstört, die Ursache hierfür ist bis heute unbekannt.
Mal werden äußere Feinde angenommen, für die es hier und da Hinweise gibt, mal sollen Naturkatastrophen verantwortlich sein. Manche Archäologen vermuten einen Zusammenhang mit Vorgängen jenseits der Ägais, die zur Zerstörung der Handelsrouten, zu Ressourcenknappheit und somit zu Kriegen geführt haben könnten. Aber genau weiß man es eben nicht.
Fest steht nur, daß die Mykenische/Minoische Kultur im 12. Jahrhundert vdZ einen massiven Zusammenbruch zum Opfer fiel. Die berühmten Schriften des alten Homer datieren zum Beispiel aus dem 8. Jahrhundert vdZ und beziehen sich wohl eher auf das 13. Jahrhundert vdZ, da etwa hat nämlich der Trojanische Krieg stattgefunden, wenn der denn tatsächlich ein historisches Ereignis beschreibt.
Homer berichtet also in seinen Versen von Dingen, die bei den damaligen Zuhörern zur Rubrik ,,Mythen und Geschichten“ gehörten.

Allerdings finden sich auch im Untergang weitere Gemeinsamkeiten. Sowohl in Bezug auf die mykenische Kultur als auch Rom oder China bleiben die geographischen Gebiete weiterhin bewohnt. Es gibt Keramiken, die von heutigen Archäologen extra als ,,submykenisch“ bezeichnet werden, was sich einmal auf die Zeiteinteilung als auch auf die Arbeit selber bezieht, also die Kunstfertigkeit der Ausführung und andere Dinge.
Trotzdem sind der Mittelmeerraum oder eben China seit Jahrtausenden besiedelte Gebiete. Auch nach dem Untergang Westroms gehen die Bevölkerungsdichten in Europa deutlich zurück, die Zivilisationsstufe sackt deutlich ab – aber die Menschen an sich verschwinden nicht vollständig, ebenso wenig die komplette Kultur.
Wenn also Johannes von Padmos oder seine heutigen Genossen immer wieder den völligen Untergang der heutigen Zivilisation in einem apokalyptischen Ereignis prophezeien, kann ich ihnen da nicht zustimmen, denn insgesamt scheint diese Vorhersage keinem bisherigen Ereignis zu entsprechen, das man in der Geschichte so finden könnte. „Die Lange Dämmerung“ weiterlesen

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Die Lange Dämmerung

– I –

Rom fällt. Immer.

,,Die Zukunft und die Ewigkeit sind zwei völllig unterschiedliche Dinge.“
Douglas Coupland

Wenn man – so wie ich das tue – heutzutage behauptet, daß unsere Zivilisation, wie wir sie kennen, unweigerlich verschwinden wird, erntet man meistens nur Stirnrunzeln und einen Gesichtsausdruck, der besagen soll: Das ist ja wohl ein bißchen unmöglich.
Führt man, nach zwei oder drei weiteren Getränken, dann noch ergänzend an, daß dieses Verschwinden nicht erst in 100 Jahren oder gar einer noch weiter weg liegenden Zukunft erfolgen wird, greifen die ersten Leute zum Smartphone und rufen den Arzt. Oder jedenfalls würden sie es gerne, man sieht es ihnen an.
Es kann auch sein, daß überhaupt keine Reaktion erfolgt, denn die meisten Menschen scheinen irgendwelche Hinweise in diese Richtung einfach ignorieren zu wollen und tun das auch sehr erfolgreich. Das ist einer der Gründe, warum die Untergangspropheten immer wieder recht behalten haben.

Von diesen wiederum gibt es unterschiedliche Typen. Die einen naschen zu viele Pilze von der falschen Sorte, wie etwa Johannes von Padmos, und schreiben dann so etwas zusammen wie die Apokalypse der Bibel. Die Welt geht also unter mit Feuer vom Himmel, dem Zorn Gottes, der nächsten Sintflut und am Ende wachen alle Toten wieder auf und wir haben Zombie-Apokalypse wie in 28 Days later oder so in der Art. Noch schöner kann man einen Horrortrip eigentlich nicht aufschreiben. Da Johannes das aber schon vor ziemlich langer Zeit getan hat und man von LSD damals noch keine Ahnung hatte, glauben ziemlich viele Menschen heute genau an diese Variante des Untergangs. Immerhin steht es ja in der Bibel, muß also richtig sein.

Dann gibt es diejenigen, die sich über die Entwicklung der Zeit allgemein beschweren, so wie etwa der römische Schriftsteller Tacitus über den Verlust der Römischen Republik. Tacitus war aber natürlich realistisch – und schlau – genug, die Notwendigkeit des Kaisertums als Verwaltungsmaßnahme für das inzwischen riesige Reich anzuerkennen. Aber er sah darin trotzdem so etwa wie einen moralischen Rückschritt, einen Verlust an ,,virtus“, also Tugenden.
Aus heutiger Sicht betrachtet bestehen diese Tugenden vor allem aus politischer Korruption und außenpolitischen Kriegen, aber ein Römer des 1. Jahrhunderts ndZ sah das eben ein bißchen pragmatischer.
Wenn man aus solchen Büchern etwas lernen kann, dann die eindeutige Tatsache, daß Menschen für die Schwächen ihrer Zeit meistens sehr blind sind. Hätte ich Tacitus erzählt, wie es mit Rom weitergehen würde, hätte er mich mit einem Stirnrunzeln angeschaut. Auch ein Kaiser Hadrian, der in den letzten Tagen Tacitus‘ sein Amt antrat, hätte mir wenig Glauben geschenkt, wenn ich ihm vom Untergang Roms berichtet hätte.
Gut, er hätte jetzt nicht nach seinem Smartphone gegriffen, das war noch nicht erfunden, aber hätte er den Arzt gerufen, wäre das auf jeden Fall mein Ende gewesen. Wer Asterix gelesen hat, weiß genau, was römische Ärzte anrichten konnten.

Rom von oben
Die erstaunlichste Stadt des Universums in luftiger Perspektive, etwa um das Jahr 50 vdZ
Quelle: Asterix, Band 18: Die Lorbeeren des Cäsar, von Albert Uderzo/René Goscinny.

Und warum hätte mir Hadrian auch glauben sollen?
Noch sein Vorgänger Trajan hatte dem Römischen Reich große Gebiete hinzugefügt. Er hatte Mesopotamien erobert und Armenien, was etwa den heutigen Staaten Iran, Irak, Syrien und noch ein bißchen dazu entspricht. Allein das armenische Reich erstreckte sich in seinen Glanzzeiten von Tarsos und Damaskus am Mittelmeer bis zur Küste der Kaspischen See. Außerdem eroberte Trajan Dakien, das entspricht dem heutigen Rumänien, der westpannonischen Tiefebene – das ist heute ein Teil Ungarns und Nordserbiens – und dazu noch Moldawien und ein bißchen Bulgarien. Ja, römische Eroberungen zeichneten sich nicht durch geringe Gebietsverschiebungen aus, soviel ist mal sicher.
Als Hadrian den Thron bestieg, befand sich das Römische Reich auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung, die Küste des Schwarzen Meeres gehörte ebenso natürlich dazu wie die des Mittelmeeres, das ja von den Römern ohnehin ,,Mare Nostrum“, also ,,unsere Badewanne“ genannt wurde. „Die Lange Dämmerung“ weiterlesen