Comicwelten

„Ignoring isn’t the same as ignorance, you
have to work at it.”
Margaret Atwood, The Handmaid’s Tale

Nichts ist real. Die Aktienkurse steigen auf ungeahnte Rekordhöhen. Also geht es Amerika gut. Und Deutschland. Oh, außer natürlich, wenn die Aktienkurse zwischendurch fallen sollten. Dann hat das geistig stabile Genie im Weißen Haus damit nichts zu tun. Aber Kurse fallen ja auch nicht.
„Der Markt korrigiert sich“, sagen die ökonomischen Prediger.
Ich verstehe noch immer nicht, wieso sich dieser komische Markt ständig korrigieren muß. Schließlich treffen Menschen doch immer die bestmögliche, rationale Entscheidung und haben immer alle relevanten Information zur Verfügung, wenn es um Handel und Warenaustausch geht. Außerdem ist der Markt doch eine Abbildung der Realität. Wie kann es da sein, daß irgendwelche Zahlen so viel höher liegen, als die Realität wert ist?

Realität wird ganz offensichtlich überschätzt. Als Hollywood vor nunmehr 30 Jahren ein falsches Spiel mit Roger Rabbit trieb, waren die durchgeknallten Charaktere allesamt Comicfiguren. Der Rest der Welt war real. Heutzutage ist es umgedreht.
Der Elefant im Wohnzimmer wird nicht nur rundweg ignoriert. Er hat inzwischen Junge gekriegt und allmählich wird es im Wohnzimmer echt eng. Besorgte Charaktere beginnen sogar bereits, in Gedanken die Tragfähigkeit des Bodens zu berechnen.

Überall um uns herum löst sich Realität auf. Auch durch und dank tatkräftiger Mithilfe aller Medien. Erinnert sich noch jemand an den Raketenalarm auf Hawaii vor ein paar Wochen?
Das lief so: Auf den digitalen Infotafeln des US-Inselstaates und auf allen Smartphones der Leute, die so auf der Insel herumlaufen – etwa 8 Millionen – tauchte eine Meldung auf. Diese besagte in etwa: „Raketenangriff im Anmarsch. Der Weltuntergang ist da. Dies ist keine Übung. Wir wünschen einen angenehmen Tag.“

Bild 1: Adieu, du schnöde Welt
Diese Warnmeldung wurde von der Kastrophenschutzbehörde des US-Bundesstaats Hawaii am 13. Januar 2018 an alle Smartphones der Insel verschickt. Und an digitale Warntafeln an den Straßen und in den Städten. So wird es also aussehen, wenn alles zu Ende geht. Und man ein Smartphone hat, natürlich.

Nach mehreren Monaten immer schriller werdenden Geschreis aus dem Weißen Haus, daß nordkoreanische Terrorraketen den ganzen Planeten bedrohen – also Amerika – und noch lauteren Gebrülls, daß der Atomschwanz der amerikanischen Welt natürlich der dickste und längste sei und dieser Atomschwanz selbstverständlich ausschließlich zur Rettung der Welt – also Amerika – eingesetzt werden würde, erzeugte eine derartige Meldung von Behördenseite dann doch ein gewisses Unbehagen bei den Empfängern derselben. „Comicwelten“ weiterlesen

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Die Zukunft ist smart

„Es ist erschreckend offensichtlich geworden, daß unsere Technologie unsere Menschlichkeit überflügelt hat.“
Albert Einstein

Dem Ölland mit den „größten Reserven der Welt“ fehlt es an Sprit. So schreibt es die FAZ über Venezuela. Ja, Venezuela, nicht etwa Saudi-Arabien.
So weit dann zu „Reserven“. Oder „Öl“. Erstens ist venezolanisches „Öl“ ein fieses Zeug voller Schwefel und relativ zäh. Kein Vergleich mit dem, was früher so aus dem Boden sprudelte, wenn man einen Stock in einen Tümpel im Sumpf gerammt hat. Das war so in den 50er Jahren. Was Venezuela heute fördert, fällt unter „Schwerstöl“. Das heißt nicht umsonst so.
Zweitens muß man eben dieses zähe Zeug gründlich und langwierig raffinieren, um was daraus zu machen. Benzin, beispielsweise. An eben diesen Kapazitäten mangelt es dem Land gewaltig. Das angebliche Ölland muß einen Großteil des Benzins importieren. Voll nützlich, dieses ganze Öl, wenn man keine Raffinerien hat.
Ach ja – drittens hat man die venezolanischen Reserven vermutlich das letzte Mal bewertet, als der Ölpreis bei 115 Dollar lag. Denn „Reserven“ bedeutet grob: Alles, was aussieht wie Öl und eventuell ökonomisch ausgebeutet werden kann zu aktuellen Bedingungen. Im Grunde müßten also die „Reserven“ von allem – denn das Prinzip gilt für alle Rohstoffe – regelmäßig neu bewertet werden. Die meisten Länder tun das aber nicht. Aus Gründen.

Venezuela gehört zum Beispiel zur OPEC und dieser Laden legt seine Förderquoten fest im Verhältnis zu den Reserven, die ein Land angibt.
Öl, Kohle, Gas, Eisenerz und andere Dinge sind nur dann „Reserven“, wenn sie auch ökonomisch nutzbar sind. Alles andere fällt definitionsmäßig unter „Ressource“. Die großen Ölgesellschaften der Welt haben schon Anfang 2014 und davor dank so horrend teurer Methoden wie Fracking mit Verlusten gearbeitet. Das war vor dem Rückgang der Preise um gute 60 Prozent. Sollte jetzt eine Firma wie – sagen wir mal, Exxon Mobil – gezwungen sein, die eigenen Investitionen neu zu bewerten, dann würde der Wert des gesamten Konzerns um eben diese Prozente sinken. Denn plötzlich wäre mein Öl in den Büchern eben mit realistischen Werten verzeichnet. Das wäre allerdings für börsennotierte Großkonzerne der Energiebranche ziemlich unangenehm. Deshalb verzichtet man großzügig auf derartig kleinliche Bilanzierungsregeln. Immerhin hat man das bei den Großbanken ja auch getan. Wenn man früher miese Papiere ausgelagert hat, um sie dann aus den eigenen Büchern zu streichen und so zu tun, als sei alles tiptop in Ordnung, war das Bilanzbetrug. Heute ist es längst gängige Praxis.

Im Moment fördern sich die größten Ölländer der Welt allesamt in den finanziellen Ruin. Unter anderem natürlich auch Venezuela, denn dieses Land braucht nach verläßlichen Schätzungen einen Ölpreis von etwa 85 Dollar pro Barrel, um profitabel arbeiten zu können. Dieser Preis ist aber seit dem Herbst 2014 nicht mehr existent und auch derzeit nirgendwo in Sicht. Die Wahrscheinlichkeit, daß Venezuela also an den zu niedrigen Ölpreisen stirbt und sich in einen failed state verwandelt, steigt quasi seit gut zweieinhalb Jahren täglich. Wie Griechenland, nur eben mit Öl. Von irgendwelchen ökologischen Aspekten oder der Tatsache, daß auch Bergbau nicht mit Hamstern betrieben wird, reden wir da mal gar nicht. Prost, Gemeinde! „Die Zukunft ist smart“ weiterlesen

Zwanzigsiebzehn

Guten Morgen allerseits.
Während die ersten Betrunkenen, die gestern in den Straßen liegengeblieben sind, vom hemmungslosen Geläute der Kirchenglocken geweckt werden, müssen andere sich schon wieder der Kunst der Prophezeiung widmen. Oder besser, der Kunst, aufgrund wissenschaftlicher Basisdaten den Verlauf der näheren und ferneren Zukunft zu erschließen, wie es in diesen Blogzeilen gelegentlich der Fall ist.
Dieser Neujahrstag ist der krönende Abschluß des vergangenen Jahres, denn er fällt auf einen Sonntag. Daher auch das nervtötende Geglocke der Priester des Christentums am heutigen Morgen.

094-01-alkohol-am-morgen
Beginnt genauso wie das verdammte Jahr, das man sich in der Nacht endlich wegsaufen konnte: Mit Kopfschmerzen, steifem Nacken und kaltem Kreuz. 2017, was für ein Scheißjahr.

Paßt irgendwo perfekt. Dieses letzte Jahr war so grottenmäßig unfähig, daß es nicht einmal dazu in der Lage war, seine Feiertage unter die Woche zu legen. Wobei ich mich direkt frage, warum man eigentlich „unter der Woche“ sagt, wo Dinge doch immer in einer Woche liegen, unter anderem auch deren einzelne Tage. Vermutlich ist daran Frau Merkel schuld. Oder aber die Tatsache, daß wir immer noch zu wenig Kameras in Berlin aufgestellt haben, was natürlich wiederum Schuld dieser kommunistischen rot-rot-grünen Regierung in dem Bundesland ist. Das hat Generalwahrheitsminister Andreas Scheuer nämlich vor ein paar Tagen herausgefunden.
Nun ja, in Bayern beginnt Silvester und der damit häufig verbundene Alkoholkonsum bis zum Verlust jeglicher Denkfähigkeit offensichtlich schon einige Tage früher als woanders. Mit seiner lächerlichen Polemik, die Berliner Regierung handle grob fahrlässig, weil sie nicht sofort die Videoüberwachung ausweiten möchte, lenkt Andreas Scheuer mal wieder schön von der eigenen persönlichen und parteilichen Unfähigkeit ab. Der Wahlkampf ist eröffnet und die CSU liegt bereits jetzt auf der Idiotenskala quasi uneinholbar vorne. Kein Wunder, bei dem Personal.
Eine erste Vorhersage Kassandras für Zwanzigsiebzehn lautet daher: Hysterisches Gekläffe aus dem politischen Hundezwinger in Bayern mit Tendenz zur völkischen Heiserkeit, im September möglicherweise mit Stimmverlust als Folge.

Zum Glück ist eine Mehrheit der Deutschen da wohl schlauer, denn die meisten sind nicht der Meinung, daß es die Bundeskanzlerin ist, die mit ihrer Flüchtlingspolitik für den Anschlag in Berlin verantwortlich zeichnet.
Auch die deutschen Medien, die in den letzten Monaten verzweifelt versucht haben, diese seltsame und scheinbar ansteckende Kopfkrankheit namens „Populismus“ allen anderen in die Schuhe zu schieben, obwohl sie selber seit Jahren heftig unter den genannten Symptomen leiden, scheinen gegen Ende des letzten Jahres hier und da aus ihrer journalistischen Betäubung ein wenig aufzuwachen, die seit etwa 2001 massive Folgen für unsere Gesellschaft gezeigt hat.
Natürlich nur einige Medien. Was gewisse Meinungsherausgeber angeht, können wir uns auch 2017 sicherlich auf propagandistische „Berichterstattung“ allererster Güte freuen.

Für Deutschland und Europa wird das ein spannendes Jahr. Denn so viele Umfragen es auch geben mag, so haben doch die Ergebnisse des letzten Jahres eindeutig die Frage gestellt, warum Menschen und Institute, deren Haupterwerb das Erstellen von Umfragen ist, sich nicht schon längst mit der Bettelschale auf die Straße stellen müssen.
Weder den Brexit noch die Wahl des Donalds zum Inhaber des wichtigsten politischen Ablenkungsjobs des Planeten haben die superschlauen Demoskopen vorhergesehen. Dazu muß man eben Blogger in der Bambushütte am Rande der Gesellschaft sein, da hat man weniger Scheuklappen auf dem Neocortex. Versager, allesamt.
Zweifellos werden also auch dieses Jahr kluge Umfragen versuchen, die AfD in den Bundestag hineinzuschreiben – oder heraus, je nach Ausrichtung – aber auch hier ist meine Vorhersage klar: die geistig greisen Damen und Herren der völkischen Frontalverteidigung werden in das Parlament einziehen im September. Und dann zusehen müssen, wie Angela Merkel weitere vier Jahre alternativlos regiert, denn was außer einer Großen Koalition sollte im deutschen Herbst 2017 schon rauskommen an der Wahlurne?
Die einzig spannende Frage für mich persönlich ist hier, ob diese politische Zombiepartei, deren einzig halbwegs aufrechte Vertreterin Leutheuser-Schnarrenberger heißt, es wieder zurück schafft an die Fleischtöpfe der Macht oder eben nicht.
Da ein Großteil der „Wirtschaftsexperten“ dieser marktradikalen Politpeinlichkeit inzwischen zu den Völkischen Beobachtern der Pseudoalternativen abgewandert ist, habe ich da immer noch die Hoffnung, daß dieser Wurmfortsatz deutscher Politik endgültig als operiert gelten kann, wenn sich der Staub der Wahlnacht über das Land legt Ende September. „Zwanzigsiebzehn“ weiterlesen

Der Geist der zukünftigen Wahlnacht

,,Wahlen alleine machen noch keine Demokratie.“
Barack Obama

Morgen ist es soweit. Morgen wird das Electoral College seine Wahl treffen. Das ist keine Universität, sondern das etwas in Verruf geratene Wahlmännergremium der Vereinigten Staaten, dessen Aufgabe es ist, den Präsidenten zu wählen. Dessen Name noch immer Donald Trump lauten wird, obwohl rumweinende mehr oder weniger Intellektuelle im Land der unbegrenzten Unmöglichkeiten weiterhin hoffen, die Abgesandten der Bundesstaaten mögen sich ihres Gejammers erbarmen und die Königin der Herzen zur Präsidentin ernennen, die da Hillary Clinton heißt.
Wird nur nicht passieren, denke ich. Denn obwohl Ms Clinton nach dem Stand der weiteren Auszählungen lockere 2,5 Millionen Stimmen mehr bekommen hat als ihr Konkurrent, ist das dem amerikanischen Wahlsystem völlig egal. Das interessiert sich für die Zahl der Wahlmännerstimmen, nichts anderes. So ist das eben in einem indirekten reinen Mehrheitswahlrecht. Irgendwas an „the winner takes it all“ haben die Demokraten, die da gegen Demokratie protestieren, wohl nicht ganz verstanden. Vielleicht hätten sie einfach mal zur Wahl gehen sollen, dann hätte es ihnen womöglich jemand erklärt.

Eben dieses Wahlrecht empfinden jetzt also viele der Verlierer als völlig unangemessen für ein Land wie ihres. Aus unerfindlichen Gründen fühle ich mich da an die letzte Bundestagswahl erinnert, als plötzlich ganz viele beleidigte Anhänger dieser gewissen pseudoliberalen Partei auftauchten und vergrätzt bemerkten, daß es ja so etwas wie eine Fünf-Prozent-Hürde im deutschen Wahlrecht gibt, über die die eigene Partei nicht drübersprang im Jahre 2013.
Auch die völkischen AfDler weinten bitterlich rum, denn sie waren ebenfalls vor der Tür stehengeblieben und durften nicht rein. Völlig entsetzt wurde das als Beweis dafür angeführt, daß Deutschland keine Demokratie sein könne, wie es die selbsternannten Retter der Nation ja schon immer gewußt haben. Dabei waren die Regeln vorher klar und deutlich festgelegt. Ich wüßte auch nicht, daß in den dreißig oder vierzig Jahren vorher diese sogenannte liberale Partei damit je ein Problem gehabt hätte. Pötzlich war diese Hürde aber ein undemokratisches Problem, da wurde ernsthaft von Seiten der Pseudoliberalen mit der demokratischen Repräsentation argumentiert, denn insgesamt blieben bei dieser letzen Wahl gute siebzehn Prozent aller Wählerstimmen auf dem Rasen vor dem Bundestag hocken. Zynische Geister könnten auf die Idee kommen, daß die damalige Reaktion damit zu tun hatte, daß man nun erstmals seit gefühlt Immer nicht an den Fleischtöpfen der Macht sitzen würde.
Nirgendwo steht geschrieben, daß jede Nulpenpartei in ein Parlament einziehen muß, die auch nur einhundert Stimmen zusammenkratzen kann. Grund dafür ist, daß das Wort „Mehrheit“ in manchen Köpfen ganz klar definiert ist als „Meine Meinung plus alle anderen, die sie teilen“. Wenn das aber nur 53 Menschen von insgesamt 64 Millionen Wahlberechtigten sind, ist das parlamentarisch nun einfach keine Minderheit, die irgendein Vertretungsrecht hätte. Ich habe die Bundestagswahlen auch noch kein einziges Mal gewonnen, ich finde, die sollen sich alle mal nicht so anstellen.

Ist schon komisch, daß die eigene Mehrheit im Kopf nicht parlamentsfähig sein soll. Oder präsidentenfähig, auch wenn das am verpfuschten Wahlsystem liegen mag. Aber die USA können ganz beruhigt sein. Denn die Medien haben in wochenlanger schmerzhafter Analyse und Selbstreflexion herausgefunden, woran es lag, daß eine Superfrau wie Hillary Clinton die Wahl recht krachend verloren hat: Die Russen waren es.
Gerade eben erst hat die Washington Post eine Liste veröffentlicht von etwa 200 Blogs, die russische Propaganda verbreiten und so den amerikanischen Wähler seiner rechtmäßig gefühlten Präsidentin beraubt haben. Darunter sind ein oder zwei Blogs, die ich auch schon zitiert habe. Aber gut, jetzt weiß ich ja, daß das alles ferngesteuerte Russen sind. Danke, Washington Post. Und meine Grüße an Senator McCarthy.
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Verfallende Umlaufbahn

“We are entering the Dark Ages, my friend, but this time there will be lots of neon, and screen savers, and street lighting.”
Edward St. Aubyn, Lost for Words

++ Missionstag 8064. Eintragskennziffer 45-1798. Finaler Protokolleintrag. ++

Kontinente breiten sich aus unter mir. Im gleichmäßigen Rhythmus von neunzig Minuten gleiten sie vorbei. Erst von hier habe ich erkannt, wie gigantisch riesig die Wasserfläche des Pazifik ist. Das Gegenstück dazu ist Eurasien. Diese gewaltige Scholle aus Erde mit ihren unendlichen Weiten und mehr als der Hälfte der Weltbevölkerung auf ihr. Ein Ozean aus Land und Menschen.

Von hier oben betrachtet wirkt das alles winzig. Bedeutungslos. Spielzeug. Puzzleteile, die auf den Boden gefallen sind und auf die man herunterschaut. Nirgendwo auf dieser Welt unter meinen Füßen – metaphorisch gesprochen – sind Linien zu sehen, die eine Gegend von der anderen trennen.
Linien an sich gibt es jede Menge. Das Glitzern des Amazonas, das größte Süßwassersammelgebiet der Erde. Das Niltal, dieses Band aus Blaugrau und Grün. Wie ein fieser Bluterguß zieht es sich durch die Landschaft. Eine Narbe aus Lebensraum. Schon vor 5.000 Jahren haben hier Menschen gesiedelt und das An- und Abschwellen des Flusses für ihre Zwecke genutzt. Kein Pharao war jemals gottgleicher als ich, wenn ich über diese Region ziehe.

Es gibt eine Menge anderer Linien. Die Reisfelder Südostasiens sehen aus wie ein endloses Schachbrett. Ich muß immer an die Legende denken, die in den Datenbanken als „Indisches Reisbrett“ oder „Schachbrettaufgabe“ gespeichert ist, wenn ich über diese Gegend hinwegziehe.
Der Legende nach wollte sich ein weiser Mann – und Erfinder des Schachspiels – für seinen Rat an den Herrscher nur mit Reis bezahlen lassen. Er verlangte ein Korn auf dem ersten Feld eines Schachbretts. Zwei Körner auf dem zweiten. Vier Körner auf dem dritten. Und so weiter, bis alle 64 Felder des Bretts gefüllt sein sollten.
Der lachende Herrscher gewährte den Wunsch nur zu gern. Doch das Lachen verging ihm, als sich sehr bald herausstellte, daß es im ganzen Land nicht soviel Reis gab, wie er gebraucht hätte, um den Wunsch des weisen Mannes nach Bezahlung zu erfüllen. Auf der ganzen Welt nicht.
Meine persönliche Moral aus der Geschichte war immer, daß weise Männer auch sehr hinterlistige Trickser sein können. Und das diese Exponentialfunktion, denn das ist die mathematische Rechnung dahinter, eine Zahl ergibt, die in die Trillionen geht. 18.446.744.073.709.551.615 Reiskörner, um genau zu sein. In anderen Varianten sind es Weizenkörner. In einer Variante schlägt der Rechenmeister dem Herrscher, der ob seiner Unfähigkeit zu zahlen sehr peinlich berührt ist, dann vor, man möge den Weisen doch die Körner zur Sicherheit selbst zählen lassen. Was für mich wiederum darauf hindeutet, daß auch Mathematiker hinterlistige Kerle sein können.

Würde der weise Mann heute noch einmal auftauchen, er könnte seine Bezahlung bekommen. Die Schachbretter unter mir erstrecken sich über Tausende von Kilometern. Die Zahl der Reiskörner dort unten muß in die Quintillionen gehen. Aber sie sind trotzdem zu wenige, um den Hunger der größeren Körner zu stillen, die dort unten existieren. „Verfallende Umlaufbahn“ weiterlesen

Es geht kein Flug nach Irgendwo

„I’m learning to fly, but I ain’t got wings.
Coming down is the hardest thing.“
Tom Petty

Technologie oder – in meinen Begriffen hier in diesem Blog – die genaue Ausformung der Technosphäre ist immer auch eine Entscheidung der Gesellschaft.
Zumindest sollte sie das sein. In Wahrheit funken einem die Kräfte der viel gepriesenen freien Marktwirtschaft da natürlich ständig dazwischen.
Es gab nie eine Entscheidung der Gesellschaft für die vorgeblich zivile Nutzung der Kernenergie. Es gab eine politische Entscheidung, denn mit Reaktoren hat man die Hand eben auch irgendwo immer auf dem Stoff, aus dem die Bomben sind. Die Tatsache, daß Nationen wie Japan oder Deutschland über keine eigenen A-Waffen verfügen, ist ja nun nicht etwa technologischem Unvermögen geschuldet, sondern der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Der freie Markt ist an solchen Stellen also normalerweise eben kein Markt. Und frei ist er auch nicht. Er funktioniert hier schlicht kommandowirtschaftlich. Hitler konnte in Hydrierwerken aus Braun- und Steinkohle Sprit für Flugzeuge und Panzer gewinnen lassen, weil es geht. Nicht etwa, weil das Verfahren ökonomisch Sinn ergibt. Es ist nämlich in jeglicher Hinsicht bei weitem zu teuer. Würde man Benzin heute aus deutscher Steinkohle herstellen wollen, kostete der Liter Sprit vermutlich irgendwas um die acht Euro. Dann mal Prost.
Mit Atomkraft war es ähnlich. Die Franzosen reihten sich als Atommacht Nr. 4 in den Reigen ein, weil Charles de Gaulle die Bombe haben wollte und dazu brauchte man eigene Reaktoren. Drum hat Deutschland auch keine eigenen Bomben, denn damit konnte Frankreich sicher sein, nicht noch einmal von deutschen Truppen überfallen zu werden. Deutschland hätte wiederum auch gerne die Bombe gehabt, Old Adenauer war jedenfalls sehr dafür, so weit ich das weiß. Nur gab es eben keine.
Dafür stehen die Franzosen heute da und erzeugen 70 Prozent ihrer Elektrizität aus Kernmeilern. Da fragt sich nur noch, wem zuerst das Licht ausgeht. Uns oder den westlichen Nachbarn. Sollte einer der Schrottmeiler an der deutschen Grenze wie Cattenom vorher noch platzen, werden womöglich deutsche Truppen doch noch einmal Frankreich überfallen. Wer weiß?

Wenn aber die industrielle Zivilisation den Bach runter geht und dabei auch durch weiteres Aufkommen von „Technologie“ – in welcher Form auch immer – nicht zu retten sein wird, ergibt sich ganz generell die Frage: Was wird überhaupt zu retten sein?
Das erfordert ein wenig ausgiebige Diskussion und Bestandsaufnahme.
In diesem Zusammenhang sollte man nicht unerwähnt lassen, daß die Bemühungen der meisten offiziell irgendwie grün-ökologisch bewegten Menschen, die in industriellem Maßstab stattfinden, eindeutig nicht Teil der Zukunft sein werden. Weder superleichte Elektroautos noch leichtere Flugzeuge noch Gebäudedämmung bis zum Abwinken werden den Zusammenbruch der industriellen Zivilisation verhindern. „Es geht kein Flug nach Irgendwo“ weiterlesen