Das wahre Morgen

– X –

Fahrenheit 284

„Humankind cannot stand too much reality.“
T. S. Eliot

Der bereits erwähnte Ray Bradbury hat außer seinen Mars-Chroniken eine weitere, sehr berühmte Geschichte erfunden. Es ist die von Montag.
Nicht der Wochentag, der sich allgemein großer Unbeliebtheit erfreut. Montag ist der Name eines Feuerwehrmannes und des Protagonisten des Romans „Fahrenheit 451“. Ein weiterer Klassiker der Science Fiction, ausnahmsweise auch angemessen verfilmt.
Bradbury nannte den Roman so, weil die Temperatur 233 Grad Celsius entspricht. Denn das ist die Temperatur, bei der gewöhnliches Papier Feuer fängt. Montag ist nämlich Feuerwehrmann. Der Unterschied ist, daß die Feuerwehr in seiner Zeit keine Brände mehr löscht. Sie legt sie. Der Job des Feuerwehrmannes Montag ist es, Bücher zu verbrennen.

Denn Bücher, so hat man in dieser Zukunft beschlossen, sind gefährlich. Sie können Menschen seltsame Dinge erzählen. Oder andere Dinge, mit denen diese Menschen nicht einverstanden sind. Oder womöglich Dinge, von denen manche Menschen sich in ihren Gefühlen verletzt fühlen könnten. Natürlich enthalten sie auch Ideen und Ideen sind etwas ohnehin sehr Gefährliches.
Und so hat die Gesellschaft, in der der Feuerwehrmann Guy Montag seinem Beruf nachgeht, eines Tages unter andauernder Medienenbeschallung beschlossen, daß zuviel Nachdenken über zu viele Dinge einfach zu sehr anstrengt. Es ist schwierig und erfordert Fachkenntnisse und persönliches Interesse, um in dieser Situation einen Konsens herbeizuführen.

Es ist nicht die Regierung, die das Bücherverbot erfindet in dieser Gesellschaft. Es ist die Bevölkerung selbst. Zufrieden mit dem Konsum seichter Unterhaltungsberieselung ohne intellektuellen Tiefgang und in einer Sehnsucht nach Konsens, oder besser, nach Konformität, ist es die Bevölkerung, die von der Regierung verlangt, Bücher für illegal zu erklären.
Die Kernaussage von Bradburys Roman richtet sich nicht gegen eine zensurwütige Staatsmacht, sondern gegen eine Bevölkerung, die sich nicht länger bemühen will, ihre eigene Welt zu hinterfragen.
Natürlich folgt die Regierung dem Wunsch ihrer Bevölkerung durchaus nicht unwillig. Die bestellte Dystopie wird nur zu gern von denen umgesetzt, die die Fäden der Macht und Information in den Händen halten.
Der Feuerwehrmann Montag wehrt mit seinem Feuer Gefahren für die Gesellschaft ab, die gar keine sind, sondern nur als solche empfunden werden. Oder empfunden werden könnten, von wie wenigen Menschen auch immer. Continue reading „Das wahre Morgen“

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Das wahre Morgen

– IX –

Kollisionen

,,But when worlds collide, said George Pal to his bride: „I’m gonna give you some terrible thrills…“
The Rocky Horror Picture Show

Science Fiction als spezielle Form der Literatur und somit Bestandteil des etwas diffusen Gebildes, das wir „Kunst“ nennen, ist also durchaus eine lehrreiche Sache. Wir lernen, wie erwähnt, daß der Macht der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind.
Diese Macht ist in der Lage, ganze Gruppen von Menschen zu beeinflussen und ihnen Dinge in den Kopf zu setzen, die wiederum sehr viel mehr Auswirkung auf die Leben dieser Menschen hatten und haben, als diese Personen zugeben würden. Oder mehr, als ihnen überhaupt bewußt ist.
Eine ganze Generation an Technikern, Ingenieuren, Astronomen, Computernerds und anderen Typen hatte es sich in den Kopf gesetzt, das Schicksal der Menschheit ein weiteres Kapitel voranzubringen auf dem unvermeidlichen Weg unserer Expansion zu den Sternen der Galaxis. Aus den unter der Bettdecke versteckten Lesern von Pulp-Magazinen und den studierenden Pickelgesichtern, die in den dunklen Ecken von gewissen Buchhandlungen diese seltsamen Romane mit leichtbekleideten Frauen drauf kauften, wurden in den 50er und 60er Jahren die Leute, die in einer neuen Behörde namens NASA die ersten Menschen auf den Mond hieven wollten. Nicht etwa, um den miesen Kommunisten eins auszuwischen, sondern einfach, weil es ging. Es mußte gehen, denn schließlich war der Weg der Menschheit ins All für diese Leute längst beschlossene Sache. Es mußte halt nur noch getan werden.

Man kann auch lernen, daß die Phantasie sehr wohl ihre Grenzen findet. Dann nämlich, wenn sie den physikalischen Bedingungen des echten Universums begegnet. Also kann man keine Kanonen bauen, die Menschen zum Mond schießt. Das funktioniert nicht.
Was aber funktioniert, ist eben ein Raketenantrieb. Sobald man das Problem genauer Steuerung und ein oder zwei Fragen bezüglich Metallurgie und anderer Dinge mal in den Griff bekommt, versteht sich.
Schon steht der Eroberung des Weltalls nichts mehr entgegen. Nicht einmal diese Sache mit dem Dschungel der Venus, den es gar nicht gibt und auch nie gab. Oder die fehlenden Marsmenschen.
Hier greift wieder die Macht des Narrativs. Es kommt nicht so sehr auf die Details an, solange die eigentliche Geschichte lebendig bleibt. Das All gehört uns, ob jetzt mit oder ohne Dschungel. Das endlose Band des Fortschritts, getrieben vom Motor der Innovation, wird unweigerlich dafür sorgen, daß Mensch seine Heimatwelt verläßt und woanders hingehen wird. Wenn nicht in diesem Sonnensystem, dann im nächsten. Oder im übernächsten.
Wenn also jemand was Genaueres herausfindet über bisherige Annahmen und Hypothesen, muß man seine Vorstellungen der Realität anpassen, oder man macht sich lächerlich. Aber die Phantasie darf dabei nicht sterben. Wenn die Venus oder Mars eben doof sind, dann terraformen wir die einfach. Nur für den Fall, daß diese Geschichte mit den anderen Sonnensystemen etwas komplizierter sein sollte als gedacht.

Kein ernstzunehmender SF-Autor würde heute seine Weltraumkolonisten in der Zwielichtzone des Merkur siedeln lassen wollen oder Archäologen die Reste antiker Zivilisationen aus dem Marssand ausbuddeln lassen wie Edgar Rice Burroughs das getan hat. Oder Dinosaurier im dampfenden Dschungel der Venus eine Bedrohung sein lassen für tapfere Kolonisten der Erde, die ihre Felder mit Impulsstrahlern in der Nacht bei tosenden Tropengewittern gegen die einheimische Tierwelt verteidigen müssen. So wie bei Perry Rhodan zum Beispiel.
Niemand würde heute noch einen Roman schreiben wie die Reise zum Mittelpunkt der Erde oder überhaupt den Planeten Erde hohl sein lassen wollen. Wobei einer der schönsten Romane dieser Art genau an diesem Platz spielt.
Der Mondsee, geschrieben von einem Herrn namens Abraham Merritt, erschien im Jahre 1919. Die Handlung spielt in einer Welt unterhalb des Gebiets, das wir als Pazifik kennen. Ein Forscher, aufgeschreckt vom Hilferuf seines Kollegen, begibt sich in die Gefilde Polynesiens, dieser zig tausend im Südpazifik verstreuten Inseln und Inselchen. Dabei gerät er an ein Phänomen, das „Der Leuchtende“ genannt wird. Der seltsame, lebendig wirkende Nebel entführt Menschen zu unbekannten Zwecken. Bei seiner Nachforschung gerät der Protagonist in eine Welt unterhalb der Erdoberfläche. Eine ganze Zivilisation befindet sich in gigantischen Hohlräumen unterhalb des größten Ozeans der Erde. Viel älter und technologisch höher entwickelt als die der Menschen. Continue reading „Das wahre Morgen“

Das wahre Morgen

– VIII –

Der Mond ist eine rauhe Geliebte

„Never underestimate the power
of human stupidity.“
Robert Heinlein

Natürlich dürfen in der Geschichte der Science Fiction auch die Frauen nicht unerwähnt bleiben. Denn wenn H. G. Wells und Jules Verne die Großväter des Genres sind, dann ist Mary Shelley auf jeden Fall die Oma.
Ihr „Frankenstein“ ist inzwischen auch mehr als einmal verfilmt worden, im Original erschien das Werk anonym im Jahre 1818. Insofern ist Ms Shelley möglicherweise sogar die Uroma der SF. Der Untertitel des Romans ist „Der neue Prometheus“ – über den Kerl hatte ich ja auch schon mal etwas geschrieben.
So wie der alte Prometheus den Göttern der Sage nach das Feuer geklaut hat, maßt sich der Mensch in Shelleys Roman an, Leben zu erschaffen aus unbelebter Materie. Oder in diesem Falle, ehemals lebender Materie, denn das berühmte Monster wird ja aus diversen Einzelteilen zusammengestrickt.
Der Wissenschaftler Frankenstein erzählt selbst seine Geschichte, die auch gleichzeitig Mahnung an die Zuhörer ist. Denn natürlich kann der Erfinder sein Werk nicht kontrollieren. Je nach Verfilmung wird er sogar ihr Opfer. Shelley erinnert die aufblühende wissenschaftliche Gesellschaft ihrer Zeit daran, daß man nicht alles tun sollte, nur weil man sich dazu in der Lage sieht. Das manche Dinge vielleicht besser unbenutzt bleiben sollten, auch wenn die Erforschung ihrer Möglichkeit sehr wohl faszinierend sein mag.
Im heutigen Zeitalter von genetischer Nanotherapie, pränataler Optimierung und möglicher Klonierung des Menschen erhält ihre Vision des Monsters aus der Retorte eine ganz neue Aktualität.

Auch ein weiterer Vertreter der SF sollte hier nicht unerwähnt bleiben. Nämlich – nach den Briten Shelley und Wells und dem Franzosen Verne – der Deutsche im Bunde. Kurd Laßwitz.
Der schrieb 1897 einen Roman namens „Auf zwei Planeten“. Diese beiden Welten sind Erde und Mars und hier kommt es zu einem Erstkontakt zwischen den Marsianern und den Menschen. Einem vorerst friedlichen Erstkontakt, im Gegensatz zum Ansatz von Wells. Zudem war der deutsche Schreiberling studierter Physiker und Mathematiker und griff in seinen Zukünften wesentlich weiter voraus als seine Kollegen. Außerdem schneidet Laßwitz sehr viel stärker gesellschaftliche Themen an.
Nach ihm ist der bedeutendste Preis benannt, den ein SF-Schreiber deutscher Sprache gewinnen kann. Denn der bereits erwähnte Hugo-Gernsback-Award geht nur an englischsprachige Schriftsteller.
Die elenden Angloamerikaner haben davon sogar zwei. Der andere Preis ist der der Nebula Award. Der Nebula unterscheidet sich vom Hugo dadurch, daß er ein Kritikerpreis ist. Der Hugo wird dagegen vom Publikum verliehen, also denjenigen, die SF-Romane auch lesen. Was diese Leute generell von beruflichen Kritikern unterscheidet.
Der erste Gewinner des Nebula-Award war im Jahr 1965 ein Mann namens Frank Herbert. Das Buch hieß Dune. Zu diesem quasi gilgamesch-mäßigem Epos der SF muß ich nichts weiter sagen. Außerdem würde der Platz hierzu nicht ausreichen. Über den Wüstenplaneten Arrakis kann man durchaus bei einer oder zwei großen Schalen Tee ein gepflegtes Wochenende debattieren, wenn einem der Sinn danach steht. Insgesamt ist es einer der größten Weltentwürfe der Science-Fiction-Literatur, die ich kenne. So wie sich jeder Autor von Fantasy von übernächtigten Klappentextschreibern unweigerlich mit Tolkien vergleichen lassen muß, bleibt der Vergleich mit Herbert keinem SF-Autor erspart, dessen Roman länger als 300 Seiten ist.
Eventuell wird der Fantasy-Schreiber auch mit Robert E. Howard verglichen, falls der Klappentextschreiber nicht nur schlaflos ist, sondern auch noch unter Drogen steht und das deshalb für eine völlig geniale Idee hält, auf die noch niemand vor ihm gekommen ist.
Mr Howard ist übrigens der Mann, dem wir das Universum von Conan verdanken. Ja, genau – der Conan. Conan der Cimmerier, besser bekannt als Conan der Barbar. Der Urvater aller muskelbepackten Schwertschwingerfantasy mit halbnackten Frauen auf dem Cover. Eine Mode, der sich in den 40er bis 60er Jahren auch die SF anschloß.

Fantasy, so ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal, beschreibt immer Welten, von denen sowohl Autoren als auch Leser wissen, daß sie nirgendwo reale Existenzberechtigung aufweisen. Diese Entwürfe benötigen keine Wissenschaftlichkeit. Niemand fliegt hier zu den Sternen – jedenfalls nicht, so weit ich das Genre kenne – und niemand führt hier tiefgründige Gespräche über die philosophischen Untiefen von Sein oder Nichtsein.
Die Schwerter sind nicht aus Licht, sondern aus ordentlichem, handgetemperten Stahl bester Güte. Was die Muskeln der Träger erklärt, denn so ein Ding schleppt man nicht ständig mit sich herum, ohne breite Schultern zu kriegen.
Völlig üblich ist hingegen in der Fantasy die Existenz von Magie in den jeweiligen Welten. Zauberer und Magier mitsamt ihren Tricks und Kniffen sind geradezu essentielles Beiwerk solcher Geschichten. Darum ist Tolkien auch Fantasy. Weil Gandalf. Continue reading „Das wahre Morgen“

Und nun zur Werbung

Da stellt doch ausgerechnet EDEKA, also so ein typisch kapitalistischer Konzern, ein Video ins Netz, in dem eine Aussage für Vielfalt gemacht wird. Dieses hier:

Eigentlich meinte der freundliche Lebensmittelhändler wohl die Vielfalt der Produkte. Andererseits ist hier natürlich eindeutig eine klitzekleine Anspielung auf Vielfalt in anderem Sinne zu erkennen. Wenn deutsche Politwürstchen nur deutsche Würstchen kaufen möchten, wären Supermärkte offensichtlich viel kleiner. Und das mit dem Übergewicht wäre keinesfalls mehr ein Problem der Volksgesundheit.
Ohne menschliche Vielfalt auch keine im Supermarkt. Wobei sich die enttäuschten Biodeutschen – das gibt diesem Ausdruck in dem Zusammenhang eine völlig neue Bedeutung – in meiner Wohngegend zumindest mit einem gut gefüllten Weinregal über ihren patriotisch knurrenden Magen hinwegsaufen könnten.
Vorausgesetzt, sie finden sich vorher bereit, in den Weinbergen die jetzt bald beginnende Arbeit der Lese zu übernehmen, denn ich bin mir sicher, daß so mancher Winzer hierfür gut gelernte Fachkräfte von anderswo bevorzugt. Der Preiskampf im Supermarkt, siewissenschon.

Natürlich ist das alles linksgrünversiffte Propaganda, wie gewisse Leute jetzt sagen würden. Lügen-Supermarkt!!einself!!
Das hat bestimmt die Merkel eingefädelt, die lenkt ja bekanntlich die gesamte Presse. Muß man wissen.
Von Kassandras Seite aus mal ein Lob für den Supermarkt, in dem ich nie einkaufe. Weil es in meiner Nähe gar keinen solchen gibt. In Fahrradnähe, wohlgemerkt. Wobei sich das Lob nicht zwingend auf den Markt bezieht. Wie auch, ich kaufe da ja nie ein. Hatte ich schon erwähnt, daß Kassandra arm ist und das Blog trotzdem völlig kostenfrei und ohne Sponsorenwerbung? Gut.

Denn wie sagte Kassandra doch neulich im Nebensatz: Es sollte Ziel einer jeglichen aufgeklärten Regierung sein, dafür zu sorgen, daß die Bevölkerung ihre Grundbedürfnisse aus eigener Kraft decken kann.
Denken wir noch mal kurz über das Video nach und verinnerlichen diesen Aspekt.

Schön anschaulich wird hier demonstriert, was ich hier schon einmal erörtert hatte. Der Supermarkt der Selbstverständlichkeiten, in dem wir alle gedankenlos shoppen, ist ein Produkt eines weltumspannenden Netzes aus unterschiedlichsten Bedingungen. Je komplexer dieses Netz wird, desto anfälliger wird es für Störungen. Selbst geringe Störungen können sich innerhalb eines komplexen Systems sehr schnell zu massiven Problemen entwickeln, manchmal exponentiell. Bis zum Systemzusammenbruch.

Einen Sturm überstehen die USA. Einmal absaufen tötet New Orleans als Stadt nicht. Aber was ist mit dem nächsten Sturm? Was ist, wenn beim nächsten Mal Miami daran ist? Oder New Orleans eben vollregnet, statt durch gebrochene Deiche vollzulaufen?
Was passiert, wenn das Wiederanfahren der Ölförderung im Golf von Mexiko, die Reparatur von Raffinerien, länger dauert als gedacht? In Illinois sind die Spritpreise bereits gestiegen. In allen US Bundesstaaten der Ostküste. Denn ein guter Teil des Benzins stammt aus den Raffinerien in Texas und die stehen derzeit still.
Was bedeutet es für den übermächtigen Konsum, wenn US-Verbraucher unfaßbare 60 Euro-Cent pro Liter Sprit bezahlen müssen?
Nun ja, dann geben die weniger Geld für andere Sachen aus, ist ja klar.
Doch was bedeutet das für die erwarteten Wachstumszahlen der US-Ökonomie? Was ist mit den Milliarden an Hilfsgeldern, die gebraucht werden? Hier ergibt sich wieder eine Rückkopplung auf das Finanz- und damit besonders das Kreditsystem. Vor einigen Tagen betrug die Bargeldreserve der USA etwa 51 Milliarden Dollar. Nicht mehr. Weniger als ein Bill Gates, um die Rechnungen zu bezahlen.
Was passiert, wenn irgendwo Zweifel daran laut werden, ob die USA ihre Staatsschulden weiterhin werden bedienen können?
Können sie eigentlich nie, das ist klar. Aber es geht ja ohnehin nur noch um die Aufrechterhaltung der Fassade in unseren großen, industrialisierten Demokratien.

Was geschieht, wenn die allgegenwärtige und als einzige Lösung angepriesene Globalisierung, also die Ausbeutung des Planeten auf Teufel-komm-raus, in sich zusammenbrechen sollte?
Oder besser, zusammenbrechen wird, denn dieses Ereignis ist bereits in Entwicklung und unaufhaltsam.
Ich nehme an, dann essen wir die Supermarktregale. Denn sonst wird wohl nicht mehr viel da sein. Dieser Gedankengang hat weitere Implikationen, aber die möchte ich hier nicht ausführen. Noch nicht.

Danke, EDEKA. Fast möchte ich sagen: Sehr, sehr geiles Video.
Natürlich sollte dieses Machwerk der Marketingpropaganda keine Demonstration dafür sein, in was für einer superempfindlichen, vernetzten Welt wir leben. Oder dafür, daß unsere ökonomische Theorie eben für den Arsch ist, weil sie nicht in vernetzten Systemen denkt oder besser, dazu vollkommen unfähig ist.
Denn die üblichen ökonomischen Theorien sind dafür gar nicht entwickelt.
Das Werbevideo eines Lebensmittelverteilers – Supermärkte verteilen Futter, sie produzieren keins, um einen weit verbreiteten Irrtum mal aufzuklären – wird also zu einem schönen Beispiel gegen Globalisierung, nicht dafür. Womit wir wieder eine dieser scheinbaren Paradoxien haben, von denen unsere Zeit und unsere Leben so reichlich zu bieten haben in letzter Zeit.

Kassandra weist darauf hin, daß mit dem Plädoyer für echte, längst überfällige Lokalisierung nur die Dinge in den Regalen gemeint sind. Menschliche Vielfalt ist durchaus begrüßenswert. Im Grunde ist sie einer der Punkte, die unsere Zivilisation in die Zukunft retten können.

Das wahre Morgen

– VI –

Smoothies und Prosecco

„Unzurechnungsfähigkeit: Immer wieder dasselbe zu tun in der Hoffnung, damit ein anderes Ergebnis als zuvor zu erzielen.“
unbekannter Verfasser

Durch meine Hände gehen Kinderbücher. Die ganz kleinen. Bunte Bilder und etwas Text auf zehn bis zwölf Seiten.
Geschichten für Drei- und Vierjährige und solche, die gerade Lesen lernen.
Da gibt es Pu den Bären. Die Biene Maja. Die Biene Maja meiner Kindheit, wohlgemerkt. Es sind ältere Kinderbücher. Immer mehr von denen werden aus dem Verkehr gezogen, da die Rechtschreibung ja nicht mehr stimmt. Diese Biene ist also die etwas pummelige Klugscheißerin, die mit ihrem faulen – und noch dickeren – Kumpel Willy unterwegs ist, um neue Wiesen zu entdecken, neue Blumen und…obwohl, nein. Falscher Text.
Heute ist diese Biene ein Produkt von CGI, das ist die Abkürzung von „computer generated image“. Die heutige Maja ist deutlich schlanker und wirkt in ihrer computerisierten Sterilität bei weitem nicht so sympathisch wie die noch auf Folien gezeichneten Vorlagen der Erschaffer vor fünfunddreißig Jahren. Ich weiß nicht, ob Willy auch abgenommen hat oder heute ein Sportzentrum für Drohnen betreibt. Aber ich halte es für sehr gut möglich.
Ein Kinderbuch erzählt die Geschichte von Krankheit, Krankenhaus und – natürlich – Heilung. Es sind Kinderbücher, da sind Happy Ends natürlich vorgeschrieben, in mehrfacher Bedeutung des Wortes. Dieses Buch hier ist von Stada.
Ein anderes erzählt die Geschichte von Benni dem Schaumdrachen. Auf der Rückseite prangt das Logo des Pharmakonzerns Bayer, zusammen mit einem kleinen Text, der die Vorzüge eines schmerzstillenden Schaumpräparats beschreibt. Bayer ist der Konzern, der vor einer Weile Monsanto gekauft hat, diesen Gentechnikladen, der angeblich seit vierzig Jahren den Welthunger bekämpfen will.
Seltsamerweise scheint das nie zu funktionieren, obwohl Monsanto seine Tentakel inzwischen bis aufs letzte Baumwollfeld Indiens oder Sojafeld Südamerikas ausgestreckt hat, wobei der Konzern auf die Umwelt im allgemeinen und Menschenrechte im Besonderen nicht viel gibt. Zumindest bekommt man den Eindruck. Ist halt so eine Sache, der Welthunger.

Wir haben längst die Kontrolle abgegeben über Dinge, die uns eigentlich sehr am Herzen liegen sollten. Um die man sich selbst kümmern muß, auch wenn das nicht immer einfach ist. In diesem Fall darüber, was unsere Kinder lernen. Was sie lernen sollten. Und vor allem, wie sie es lernen.
In meiner Hand habe ich eine Packung mit einem etwas seltsamen Gegenstand. Eine Art Pad, eine Plattform mit rutschfesten Noppen aus einem flexiblen Kunststoffzeug. Damit sollen Kinder ihr Gleichgewicht besser kontrollieren lernen.
Mein Stirnrunzeln wird aber besonders durch die Verpackung ausgelöst. Spielende Kinder balancieren über die Reste eines Holzzauns an einer Wiese, im Hintergrund glückliche Kühe, Wiese und Sonnenschein.
Stimmt. So haben wir als Kinder gelernt, wie man über schmale Dinge wandert, ohne dabei auf die Fresse zu fallen. Und nicht, indem unsere Eltern uns auf ein wabbeliges Gelkissen gestellt haben, auf dem Teppich im Wohnzimmer. Irgendwo entdecke ich eine massive Diskrepanz zwischen dem, was der Aufdruck hier zeigt und dem, was in der Packung tatsächlich drin ist. Keine einzige Kuh, glücklich oder nicht. Wiesen auch nicht. Sprich einer von Mogelpackungen.
Überhaupt stolpert man im Internet, freiwillig oder nicht, immer wieder über dieses ganze Zeug. Soll mein Kind mit einem Jahr schon laufen? Mit acht Monaten sitzen? Wie stille ich richtig? Was ist mit Stillen in der Öffentlichkeit?
In geradezu hysterischer Akribie werden hier Menschen, die Eltern werden oder geworden snd, jede Menge Dinge um die Ohren gehauen, die unbedingt zu beachten sein sollen. Wenn man – oder besser, frau – bei der Geburt nicht richtig atmet, wird das nichts mit dem späteren Nobelpreis für Literatur für Malte-Torben. Leider verschissen, von Anfang an. Continue reading „Das wahre Morgen“

Das wahre Morgen

– III –

Vorboten

„Insanity is relative. It depends on who has who locked in what cage.“
Ray Bradbury

Ein amerikanischer Professor fragte einmal seine College-Studenten, wie weit sich denn der Mensch in ihrer Lebenszeit von der Erde entfernt hätte. Also etwa seit 1980, das ist schon eine Weile her und auch Studenten werden älter.
Die minimal mögliche Antwort war „600 Kilometer“. Das entspricht etwa einem Zehntel des Erdradius, denn unser Heimatplanet weist einen Äquatorialdurchmesser von 12.756 Kilometern auf und ein Radius ist ja ein halber Durchmesser.
Diese Zahlen habe ich jetzt nicht nachgeschlagen, die liegen in meinem Kopf rum, seitdem ich irgendwann Anfang der Achtziger begann, jede Menge Zeugs über Astronomie zu lesen, vorwiegend mit unserem Sonnensystem als Hauptdarsteller. Ein paar Dinge sollte man über den eigenen Planeten wissen, beispielsweise die mittlere Dichte von 5,5 Gramm/cm³ oder die Fluchtgeschwindigkeit von 11,18 km/s oder die Schwerebeschleunigung von 9,81 m/s². Ganz besonders, wenn einen der Collegeprofessor schwierige Dinge fragt.

Die weiteren Antworten im Angebot waren 6.000 Kilometer, also ein ganzer Erdradius. Dann 36.000 Kilometer. Das mag seltsam erscheinen, ist aber die gerundete Zahl für einen geosynchronen bzw. geostationären Orbit.
Geosynchron bedeutet lediglich, daß sich der umlaufende Körper exakt so schnell um die Erde bewegt, wie diese selber rotiert. Dabei kann das Objekt auch gegen die Rotationsrichtung der Erde fliegen – das wäre ein gegenläufiger Orbit. Oder es fliegt über die Pole, dann ist das eine Polarbahn.
Der spezielle Spezialfall ist der erwähnte geostationäre Orbit. Die exakte Zahl hierfür ist 35.786 Kilometer. Denn nach den Gesetzen, die der schon einmal erwähnte Herr Kepler im 16. Jahrhundert aufstellte, bewegen sich Dinge, die um andere Dinge kreisen, um so langsamer, je weiter weg sie sind. Oder um so schneller, je näher sie dran sind.
Die Umdrehungsgeschwindigkeit der Erde beträgt 3,075 Kilometer pro Sekunde. Was nicht besonders beeindruckend klingt, sich aber auf 11.070 Kilometer pro Stunde summiert, was wiederum eine ganze Menge ist. Nur in dieser einen Entfernung ist ein Satellit also so schnell, daß er immer über dem gleichen Punkt der Erdoberfläche steht. Bei sehr vielen Wetter- und Kommunikationssatelliten ist das der Fall. Ein geostationärer Orbit liegt deshalb auch immer auf Äquatorhöhe.

Die angefragte Höhe von 600 Kilometern läuft astronomisch unter „LEO“, das ist die Abkürzung für Low Earth Orbit. Die Entfernung von 6.000 Kilometern liegt bei „MEO“, was, logisch konsequent, Medium Earth Orbit bedeutet. Er liegt zwischen 2.000 und den besagten 36.000 Kilometern, die der Professor als dritte Möglichkeit anbot.
Die Möglichkeit Nummer Vier lautete dann „385.000 Kilometer“. Ebenfalls eine Zahl, die ich aus Jugendtagen heraus sofort erkennen würde. Sie bezeichnet die mittlere Entfernung von der Erde zum Mond. Möglichkeit Fünf lautete schlicht „Jenseits des Mondes“. Continue reading „Das wahre Morgen“