Das wahre Morgen

– VI –

Smoothies und Prosecco

„Unzurechnungsfähigkeit: Immer wieder dasselbe zu tun in der Hoffnung, damit ein anderes Ergebnis als zuvor zu erzielen.“
unbekannter Verfasser

Durch meine Hände gehen Kinderbücher. Die ganz kleinen. Bunte Bilder und etwas Text auf zehn bis zwölf Seiten.
Geschichten für Drei- und Vierjährige und solche, die gerade Lesen lernen.
Da gibt es Pu den Bären. Die Biene Maja. Die Biene Maja meiner Kindheit, wohlgemerkt. Es sind ältere Kinderbücher. Immer mehr von denen werden aus dem Verkehr gezogen, da die Rechtschreibung ja nicht mehr stimmt. Diese Biene ist also die etwas pummelige Klugscheißerin, die mit ihrem faulen – und noch dickeren – Kumpel Willy unterwegs ist, um neue Wiesen zu entdecken, neue Blumen und…obwohl, nein. Falscher Text.
Heute ist diese Biene ein Produkt von CGI, das ist die Abkürzung von „computer generated image“. Die heutige Maja ist deutlich schlanker und wirkt in ihrer computerisierten Sterilität bei weitem nicht so sympathisch wie die noch auf Folien gezeichneten Vorlagen der Erschaffer vor fünfunddreißig Jahren. Ich weiß nicht, ob Willy auch abgenommen hat oder heute ein Sportzentrum für Drohnen betreibt. Aber ich halte es für sehr gut möglich.
Ein Kinderbuch erzählt die Geschichte von Krankheit, Krankenhaus und – natürlich – Heilung. Es sind Kinderbücher, da sind Happy Ends natürlich vorgeschrieben, in mehrfacher Bedeutung des Wortes. Dieses Buch hier ist von Stada.
Ein anderes erzählt die Geschichte von Benni dem Schaumdrachen. Auf der Rückseite prangt das Logo des Pharmakonzerns Bayer, zusammen mit einem kleinen Text, der die Vorzüge eines schmerzstillenden Schaumpräparats beschreibt. Bayer ist der Konzern, der vor einer Weile Monsanto gekauft hat, diesen Gentechnikladen, der angeblich seit vierzig Jahren den Welthunger bekämpfen will.
Seltsamerweise scheint das nie zu funktionieren, obwohl Monsanto seine Tentakel inzwischen bis aufs letzte Baumwollfeld Indiens oder Sojafeld Südamerikas ausgestreckt hat, wobei der Konzern auf die Umwelt im allgemeinen und Menschenrechte im Besonderen nicht viel gibt. Zumindest bekommt man den Eindruck. Ist halt so eine Sache, der Welthunger.

Wir haben längst die Kontrolle abgegeben über Dinge, die uns eigentlich sehr am Herzen liegen sollten. Um die man sich selbst kümmern muß, auch wenn das nicht immer einfach ist. In diesem Fall darüber, was unsere Kinder lernen. Was sie lernen sollten. Und vor allem, wie sie es lernen.
In meiner Hand habe ich eine Packung mit einem etwas seltsamen Gegenstand. Eine Art Pad, eine Plattform mit rutschfesten Noppen aus einem flexiblen Kunststoffzeug. Damit sollen Kinder ihr Gleichgewicht besser kontrollieren lernen.
Mein Stirnrunzeln wird aber besonders durch die Verpackung ausgelöst. Spielende Kinder balancieren über die Reste eines Holzzauns an einer Wiese, im Hintergrund glückliche Kühe, Wiese und Sonnenschein.
Stimmt. So haben wir als Kinder gelernt, wie man über schmale Dinge wandert, ohne dabei auf die Fresse zu fallen. Und nicht, indem unsere Eltern uns auf ein wabbeliges Gelkissen gestellt haben, auf dem Teppich im Wohnzimmer. Irgendwo entdecke ich eine massive Diskrepanz zwischen dem, was der Aufdruck hier zeigt und dem, was in der Packung tatsächlich drin ist. Keine einzige Kuh, glücklich oder nicht. Wiesen auch nicht. Sprich einer von Mogelpackungen.
Überhaupt stolpert man im Internet, freiwillig oder nicht, immer wieder über dieses ganze Zeug. Soll mein Kind mit einem Jahr schon laufen? Mit acht Monaten sitzen? Wie stille ich richtig? Was ist mit Stillen in der Öffentlichkeit?
In geradezu hysterischer Akribie werden hier Menschen, die Eltern werden oder geworden snd, jede Menge Dinge um die Ohren gehauen, die unbedingt zu beachten sein sollen. Wenn man – oder besser, frau – bei der Geburt nicht richtig atmet, wird das nichts mit dem späteren Nobelpreis für Literatur für Malte-Torben. Leider verschissen, von Anfang an. Continue reading „Das wahre Morgen“

Das wahre Morgen

– III –

Vorboten

„Insanity is relative. It depends on who has who locked in what cage.“
Ray Bradbury

Ein amerikanischer Professor fragte einmal seine College-Studenten, wie weit sich denn der Mensch in ihrer Lebenszeit von der Erde entfernt hätte. Also etwa seit 1980, das ist schon eine Weile her und auch Studenten werden älter.
Die minimal mögliche Antwort war „600 Kilometer“. Das entspricht etwa einem Zehntel des Erdradius, denn unser Heimatplanet weist einen Äquatorialdurchmesser von 12.756 Kilometern auf und ein Radius ist ja ein halber Durchmesser.
Diese Zahlen habe ich jetzt nicht nachgeschlagen, die liegen in meinem Kopf rum, seitdem ich irgendwann Anfang der Achtziger begann, jede Menge Zeugs über Astronomie zu lesen, vorwiegend mit unserem Sonnensystem als Hauptdarsteller. Ein paar Dinge sollte man über den eigenen Planeten wissen, beispielsweise die mittlere Dichte von 5,5 Gramm/cm³ oder die Fluchtgeschwindigkeit von 11,18 km/s oder die Schwerebeschleunigung von 9,81 m/s². Ganz besonders, wenn einen der Collegeprofessor schwierige Dinge fragt.

Die weiteren Antworten im Angebot waren 6.000 Kilometer, also ein ganzer Erdradius. Dann 36.000 Kilometer. Das mag seltsam erscheinen, ist aber die gerundete Zahl für einen geosynchronen bzw. geostationären Orbit.
Geosynchron bedeutet lediglich, daß sich der umlaufende Körper exakt so schnell um die Erde bewegt, wie diese selber rotiert. Dabei kann das Objekt auch gegen die Rotationsrichtung der Erde fliegen – das wäre ein gegenläufiger Orbit. Oder es fliegt über die Pole, dann ist das eine Polarbahn.
Der spezielle Spezialfall ist der erwähnte geostationäre Orbit. Die exakte Zahl hierfür ist 35.786 Kilometer. Denn nach den Gesetzen, die der schon einmal erwähnte Herr Kepler im 16. Jahrhundert aufstellte, bewegen sich Dinge, die um andere Dinge kreisen, um so langsamer, je weiter weg sie sind. Oder um so schneller, je näher sie dran sind.
Die Umdrehungsgeschwindigkeit der Erde beträgt 3,075 Kilometer pro Sekunde. Was nicht besonders beeindruckend klingt, sich aber auf 11.070 Kilometer pro Stunde summiert, was wiederum eine ganze Menge ist. Nur in dieser einen Entfernung ist ein Satellit also so schnell, daß er immer über dem gleichen Punkt der Erdoberfläche steht. Bei sehr vielen Wetter- und Kommunikationssatelliten ist das der Fall. Ein geostationärer Orbit liegt deshalb auch immer auf Äquatorhöhe.

Die angefragte Höhe von 600 Kilometern läuft astronomisch unter „LEO“, das ist die Abkürzung für Low Earth Orbit. Die Entfernung von 6.000 Kilometern liegt bei „MEO“, was, logisch konsequent, Medium Earth Orbit bedeutet. Er liegt zwischen 2.000 und den besagten 36.000 Kilometern, die der Professor als dritte Möglichkeit anbot.
Die Möglichkeit Nummer Vier lautete dann „385.000 Kilometer“. Ebenfalls eine Zahl, die ich aus Jugendtagen heraus sofort erkennen würde. Sie bezeichnet die mittlere Entfernung von der Erde zum Mond. Möglichkeit Fünf lautete schlicht „Jenseits des Mondes“. Continue reading „Das wahre Morgen“

Fehler in der Matrix

,,Wir werden nur noch das lesen, was bei Amazon vorgeschlagen, bei Google gefunden und bei Facebook geliked worden ist.“
Christoph Sieber

Wir brauchen uns keine Sorgen mehr zu machen. Alles wird gut. Die Welt wird nicht untergehen. Es gibt hier nichts zu sehen, bitte leben Sie weiter.
Und dieses Leben wird ewig währen. Zumindest verkünden das, pünktlich zur österlichen Auferstehungsfeier, wieder einmal berufene Nachrichtenmagazine auf ihrem Titelblatt.
Der kollektive Traum, in dem wir uns alle bewegen, nimmt in letzter Zeit diese Art Lebhaftigkeit und Farbigkeit an, die man aus den eigenen Träumen kennt, die kurz vor dem Aufwachen in unseren Köpfen so ihr Unwesen treiben. Die Art Traum, die einen das Kissen heftig umarmen läßt, um uns dann nach dem Erwachen mit der Tatsache zu konfrontieren, daß wir jetzt das Bett neu beziehen müssen, weil wir wieder alles hemmungslos vollgesabbert haben.

Der Energiekonzern EnBW will erstmals einen Windpark ohne staatliche Subventionen bauen, heißt es.
Denn, so verrät uns der Artikel, Windenergie beginnt sich zu rechnen. Das mag durchaus sein, aber diese Rechnung wird dadurch geschönt, daß alle Stromverbaucher weiter die so verhaßte Umlage bezahlen, die den Strompreis in den letzten Jahren so schön steigen läßt. Natürlich ist das nicht der einzige Preistreiber, wie die Nuklearfans das immer wieder behaupten, aber die EEG-Umlage steht schon stark unter Verdacht, etwas damit zu tun zu haben.
Nun ja – fast alle Stromverbraucher. In Wirklichkeit sind es vorwiegend Privatverbraucher, denn die Liste der Industrien, die genau diese Umlage nicht bezahlen, ist ja vom damaligen Wirtschaftsminister in Deutschland immer weiter verlängert worden. Darum ist der jetzt Außenminister geworden, damit er sich das Gemecker nicht mehr anhören muß.
Aber Privathaushalte schreiben eben keine Bilanzen, die möglichst schön hingepfuscht werden müssen, damit der Aktienkurs stimmt und die Dividende für die Besitzer derselben auch. Wo kämen wir da auch hin, wenn diejenigen, die viel Strom verballern, auch noch eine EEG-Umlage zahlen müßten, deren erklärtes Ziel es ja ist, diese Sache mit der Energiegewinnung ökologischer zu gestalten? Kapitalismus, fuck yeah!

Eine vernünftige Gesellschaft würde zu einer Aluminiumindustrie, die mit Abwanderung droht, schlicht und einfach sagen: „Und tschüß dann!“
Oder eine Deutsche Bahn lauthals auslachen, die ein Jahrzehnt lang die Preise erhöht mit Verweis auf die gestiegenen Energiekosten. Glaubt irgend jemand ernsthaft, daß die Bahn AG – der größte Abnehmer von Elektrizität im Land – denselben Preis für eine Kilowattstunde bezahlt wie der statistische Durchschnittshaushalt?
Vermutlich würden sich die deutschen Aluminiumerzeuger dann auf Island niederlassen, wie es so viele andere auch schon getan haben. Denn dort gibt es geothermische Energie. Die ist zwar günstig und durchaus umweltverträglich, wenn man die Kraftwerke richtig baut, aber auch nicht kostenlos. Außerdem muß man sich die Rohstoffe an den Arsch der Welt liefern lassen – sorry Island, aber du liegst echt nicht im Zentrum der Handelswege des Planeten. Und natürlich muß man erst einmal neue Fabriken bauen. Da Island aber nur 300.000 Einwohner hat, hält die isländische Regierung nicht so viel davon, riesige Industrien mit Subventionen zu fördern, damit sie anschließend die Landschaft versauen können. Die ist nämlich auf der Insel sehr empfindlich und ihre Einwohner wissen das.
Und falls dann einer schreit: „Aber die Arbeitsplätze!“ – es ist für die Gesellschaft allemal billiger, die paar tausend Arbeiter der Aluminiumindustrie zu subventionieren, die dann keine Arbeit mehr haben, als die ganze Industrie selber. Interessanterweise bedeutet diese Ankündigung von EnBW übrigens im Umkehrschluß, daß bisherige Windparks massiv subventioniert worden sein müssen, was eine Tatsache ist, die die Politik auch immer gerne im gemeinsamen Tenor mit der Energiewirtschaft abgestritten hat. Dies als Hinweis für den Fall, daß demnächst wieder einer das Märchen von der total billigen Atomenergie erzählt. Was zweifellos passieren wird. Ist ja Wahljahr. Continue reading „Fehler in der Matrix“

Weihrauch und Glitzerstaub

,,The study of economic lift-off is well developed; touch-down has not been considered.
There is an asymmetry here which would invite comment if applied to aviation.”
David Fleming

Nicht nur einen, nicht nur zwei, nein – gleich sieben erdähnliche Planeten haben die unermüdlichen Planetenjäger auf der Erde in der vorletzten Woche entdeckt.
Donald Trump – immer noch Präsident der USA, jedenfalls offiziell – hat die wunderbare NASA gebeten, ihre neue Superrakete doch bitte mal schneller auf Vordermann zu bringen als geplant. Also 2019 und nicht erst 2021. Die Erbsenpistole der Demokratie schreibt hierzu einen Artikel unter dem ganz großartigen Titel „Donald Trump will schnellstmöglich zum Mond“. Nun, wenn das der Wahrheit entspräche, sollte man dem Mann diesen Wunsch erfüllen.
Leider handelt es sich um dieselbe NASA, der permanent Gelder gekürzt werden, da Mitglieder der Republikaner es für völlig unnötig halten, mit Satelliten die Erde zu beobachten und somit etwa Daten über die Eisbedeckung am Nordpol zu gewinnen oder derartig unsinniger Kram. Wissenschaft – pah! Niemand braucht so etwas.
Es ist auch derselbe Präsident, der den US-Rüstungsetat um 54 Milliarden Dollar erhöhen will. Grandiose und absolut fantastische Begründung: „Wir müssen wieder Kriege gewinnen.“ Denn die US-Armee sei durch die vielen Finanzkürzungen völlig „ausgelaugt“. Keine weiteren Fragen.
Obwohl – doch. Eine hätte ich da schon. Welche Kriege eigentlich?
Und hat irgendwer dem Kerl im Oval Office mal erzählt, daß die USA mehr Geld ausgeben für ihr Militär als die nächsten sechs Nationen auf der Liste der rüstenden Ritter? Darunter sind dann so Zwergstaaten wie China oder Rußland. Dieser Typ weiß echt genau gar nichts über die Verhältnisse außerhalb seines Kopfes, also der realen Welt. So sad!

Die von Tesla-CEO Elon Musk aus der Taufe gehobene private Weltraumfirma Space-X kündigte derweil an, man wolle ab 2018 Touristen zum Mond bringen. Beziehungsweise, mit denen um den Mond herumfliegen. Natürlich dürfte ein derartiges Ticket ein exorbitantes Sümmchen kosten, denn das Verlassen des irdischen Gravitationstrichters ist mit enormen Energieaufwand verbunden und das kostet. Verdammte Physik!
Auch das von Musk geplante Projekt Hyperloop kommt voran. Studenten der TU München haben einen Preis gewonnen für das Design einer Kapsel, mit denen dieses Verkehrsmittel der Zukunft ausgestattet sein soll.

Warum erwähne ich das eigentlich alles?
Weil es exakt dem entspricht, worüber ich hier gerne mal schreibe, was ich hier beschreibe und das uns eindeutig in den Allerwertesten beißen wird. Also, uns alle, so als Zivilisation. Der Mythos des Fortschritts. Überall entdecke ich in den letzten Tagen wieder wunderschöne Beispiele des Alltags für das, was ich so vor mich hin schreibe in der Bambushütte am Rande der Zivilisation. Continue reading „Weihrauch und Glitzerstaub“

Eine Meditation zwischen Spielzeugen

,,Logik ist der Zement unserer Zivilisation, mit dem wir unter Gebrauch der Vernunft
aus dem Chaos emporsteigen.“
T’Plana-Hath

Ein ganzer Raum voller Spiele. Mehrere Regale. Es sind Brettspiele. Kartenspiele. Würfelspiele. Einige von ihnen sind im besten Zustand. Anderen sieht man an, daß sie bereits eine Reise hinter sich haben. Aber sie sind noch vollständig und benutzbar. Nichts ist hier mehr neu. Aber alles funktioniert noch.
Alle diese Spiele haben etwas gemeinsam. Nichts an ihnen ist elektronisch. Nichts in diesen Regalen erfordert Batterien. Nichts leuchtet, klingelt, oder piepst. Es sind, so könnte man es sagen, allesamt altmodische Spiele. Sie wirken wie aus der Zeit gefallen. Nichts von dem, das hier herumsteht, hat ein Tutorial. Nirgendwo blinken Pfeile, keine Sprechstimmen erzählen dem Spieler, was er zu tun hat. Nirgendwo in diesen Spielwelten gibt es ein Missionsbriefing mit einer KI nach einer dramatischen Videosequenz. Übrigens muß man auch in keinem dieser Spiele die Welt retten, soweit ich das erkennen kann. Statt mich direkt mit den Dingen vertraut zu machen, während bereits die ersten Aliens die eigene Basis angreifen, muß man hier tatsächlich zuerst irgendwelche Dinge aufbauen, in die Hand nehmen, sich fragen wofür sie gut sind, und sie dann ihrem vorgesehenen Zweck zuführen.
Dafür muß man hier, in dieser komischen Welt, Bedienungsanleitungen lesen. Geheimnisvolle Menschen haben auf Papier gedruckt, wie der Ablauf der Dinge sein sollte. Wenn sich alle an die Regeln halten, versteht sich.
Alle diese Spiele hier erfordern also, daß man sich mit ihnen beschäftigt. Sich mit Zusammenhängen auseinandersetzt. Was die Angelegenheit allerdings noch viel schlimmer macht, ist der zweite Punkt, den sehr viele dieser Spiele gemeinsam haben: Es handelt sich durchweg um sogenannte Gesellschaftsspiele.

Hier wird also erwartet, daß sich mehrere Menschen zusammensetzen, in einer Gruppe. Oft ist der Grundgedanke, daß sich ältere Menschen mit der Altersgruppe zusammensetzen, die sich eher am unteren Rand der häufig auf den Verpackungen angegebenen Anzahl gesammelter Geburtstage bewegt. Dann soll man versuchen, das Spiel zu erschließen. Gesellschaft eben, in einem recht unmittelbaren Sinne des Wortes.
Das dieses ganze Zeug in diesem Raum vor sich hin verstaubt, sagt eine ganze Menge über unsere Gesellschaft aus, finde ich.
Scheinbar spielen Eltern nicht mehr mit ihren Kindern. Oder Kinder miteinander. Jedenfalls nicht mehr, indem man sich in einem Haushalt an einen Tisch setzt. Heute teilt man sich ein gemeinsames W-LAN und ruft die Blagen über WhatsApp zum Essen. Oder indem man den Router abschaltet, das kommt ganz drauf an. Damit bricht dann auch die Multiplayer-Partie Battlefield zusammen, in der die neunjährige Tochter ihrem zwölfjährigen Bruder gerade beim Capture the Flag so richtig eins reingewürgt hat, mit dem Raketenwerfer zwischen die Augen. Wobei ich jetzt nichts gegen Raketenwerfer gesagt haben will. Der Tintenfisch-Raketenwerfer in Borderlands war überaus witzig. Continue reading „Eine Meditation zwischen Spielzeugen“

Verfallende Umlaufbahn

“We are entering the Dark Ages, my friend, but this time there will be lots of neon, and screen savers, and street lighting.”
Edward St. Aubyn, Lost for Words

++ Missionstag 8064. Eintragskennziffer 45-1798. Finaler Protokolleintrag. ++

Kontinente breiten sich aus unter mir. Im gleichmäßigen Rhythmus von neunzig Minuten gleiten sie vorbei. Erst von hier habe ich erkannt, wie gigantisch riesig die Wasserfläche des Pazifik ist. Das Gegenstück dazu ist Eurasien. Diese gewaltige Scholle aus Erde mit ihren unendlichen Weiten und mehr als der Hälfte der Weltbevölkerung auf ihr. Ein Ozean aus Land und Menschen.

Von hier oben betrachtet wirkt das alles winzig. Bedeutungslos. Spielzeug. Puzzleteile, die auf den Boden gefallen sind und auf die man herunterschaut. Nirgendwo auf dieser Welt unter meinen Füßen – metaphorisch gesprochen – sind Linien zu sehen, die eine Gegend von der anderen trennen.
Linien an sich gibt es jede Menge. Das Glitzern des Amazonas, das größte Süßwassersammelgebiet der Erde. Das Niltal, dieses Band aus Blaugrau und Grün. Wie ein fieser Bluterguß zieht es sich durch die Landschaft. Eine Narbe aus Lebensraum. Schon vor 5.000 Jahren haben hier Menschen gesiedelt und das An- und Abschwellen des Flusses für ihre Zwecke genutzt. Kein Pharao war jemals gottgleicher als ich, wenn ich über diese Region ziehe.

Es gibt eine Menge anderer Linien. Die Reisfelder Südostasiens sehen aus wie ein endloses Schachbrett. Ich muß immer an die Legende denken, die in den Datenbanken als „Indisches Reisbrett“ oder „Schachbrettaufgabe“ gespeichert ist, wenn ich über diese Gegend hinwegziehe.
Der Legende nach wollte sich ein weiser Mann – und Erfinder des Schachspiels – für seinen Rat an den Herrscher nur mit Reis bezahlen lassen. Er verlangte ein Korn auf dem ersten Feld eines Schachbretts. Zwei Körner auf dem zweiten. Vier Körner auf dem dritten. Und so weiter, bis alle 64 Felder des Bretts gefüllt sein sollten.
Der lachende Herrscher gewährte den Wunsch nur zu gern. Doch das Lachen verging ihm, als sich sehr bald herausstellte, daß es im ganzen Land nicht soviel Reis gab, wie er gebraucht hätte, um den Wunsch des weisen Mannes nach Bezahlung zu erfüllen. Auf der ganzen Welt nicht.
Meine persönliche Moral aus der Geschichte war immer, daß weise Männer auch sehr hinterlistige Trickser sein können. Und das diese Exponentialfunktion, denn das ist die mathematische Rechnung dahinter, eine Zahl ergibt, die in die Trillionen geht. 18.446.744.073.709.551.615 Reiskörner, um genau zu sein. In anderen Varianten sind es Weizenkörner. In einer Variante schlägt der Rechenmeister dem Herrscher, der ob seiner Unfähigkeit zu zahlen sehr peinlich berührt ist, dann vor, man möge den Weisen doch die Körner zur Sicherheit selbst zählen lassen. Was für mich wiederum darauf hindeutet, daß auch Mathematiker hinterlistige Kerle sein können.

Würde der weise Mann heute noch einmal auftauchen, er könnte seine Bezahlung bekommen. Die Schachbretter unter mir erstrecken sich über Tausende von Kilometern. Die Zahl der Reiskörner dort unten muß in die Quintillionen gehen. Aber sie sind trotzdem zu wenige, um den Hunger der größeren Körner zu stillen, die dort unten existieren. Continue reading „Verfallende Umlaufbahn“