Gekreuzte Wege

Eine Freundin ist tot. Hätte T. nicht damals, als ich sie kennenlernte, einen festen Freund gehabt und ich nicht ebenfalls eine überaus wunderbare Partnerin, ich hätte mich in sie verlieben können. Wäre T. nicht außerdem noch nicht einmal volljährig gewesen und ich bereits in meinen Dreißigern, ich hätte mich trotzdem in sie verlieben können.
Damals schon, um die Jahrhundertwende, so muß man es wohl sagen, war sie eine großartige Künstlerin. Unablässig zeichnete sie ihre Ideen auf Papier, befreite ihren stets umtriebigen Kopf von den Bildern, die er so produzierte. Als einer, der selber schreibt, kann ich verstehen, was oft in ihr vorging, wenn sie wieder irgendwo im Alltag auf eine Anregung getroffen war, eine Inspiration sie stillstehen ließ, um Stift und Karton hervorzukramen.

T. war schon damals jemand, der unablässige, unbändige Fröhlichkeit ausstrahlte. Sie war eine dieser Personen, in deren Nähe es selbst einem Misanthropen wie mir unmöglich ist, irgendwie schlecht drauf zu sein. In dieser Eigenschaft als aktiver Kritiker unserer Spezies kann ich sagen, daß auf diesem Planeten sehr viele Menschen herumlaufen, die scheinbar keine Seele besitzen. Sie haben sie eingetauscht. Wo ein Herz sein sollte, sitzt eine Registrierkasse. Wo Gefühl sein sollte, sitzt eine Kreditkarte. Wo Seele sein sollte, scheint bei diesen Menschen irgendein Plastikdingsbums neuester Generation zu ticken, das sie gerade erworben haben. In wenigen Monaten wird es Müll sein, vergessen und freudlos und sinnlos. Continue reading „Gekreuzte Wege“

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Helmut, mein Helmut

,,Eine Politik ohne Werte ist wertlos. Ohne geistige Perspektive verliert sie Realität, Richtung und Sinn.“

Helmut Kohl und Deutschland: Nicht immer eine Geschichte, die von Humor geprägt war.
Auf dem Bild ist Bundeskanzler Kohl (rechts) zu sehen beim Besuch der Gemeinde Büsum im Kreis Dithmarschen an der Nordsee. Die Region ist für den Anbau von Kappes bekannt, wie man bei uns daheim sagt. Also für Kohl. Hier links im Bild.
Quelle

Kassandras Einschätzung war immer, daß der dickste Kanzler Deutschlands genau an dem Tag sterben wird, an dem Angela I., genannt „Die Alternativlose“, Herrscherin aller Deutschen from (North)sea to shining (Ost)sea, exakt einen Tag länger auf dem Thron gesessen haben wird als dieser Mann, der unser Land so geprägt hat.
Ich habe mich geirrt. Helmut Kohl hat es nicht geschafft, so lange zu leben. Der Mann, den so viele den „Einheitskanzler“ nennen, ist tot. Im Alter von 87 Jahren hat auch er die Bühne verlassen. Diesmal endgültig.
Noch immer bin ich unschlüssig, ob ich hier das Glas erheben soll in stillem Gedenken oder doch eher den Korken knallen lassen. Zwiespältig wäre hier wohl das korrekte Wort. Dieses beunruhigende Gefühl, daß die Einschläge immer näher kommen, Sie verstehen.
Aber jetzt werden erst einmal alle seine Leistung bejubeln – welche auch immer genau – und seine Nachfolgerin wird im Herbst zum vierten Male Krone und Zepter überreicht bekommen, damit sie Land und Leute weiterhin so souverän nicht-regieren kann, wie sie es von ihrem Sensei gelernt hat. Fast möchte ich glauben, daß der alte Taktiker selbst diesen letzten Termin mit Bedacht gewählt hat. Zutrauen würde ich es ihm. Continue reading „Helmut, mein Helmut“

Eine Verbeugung

»Wenn es um Prinzipien der Politik und der Moral geht oder um das eigene Gewissen, dann ist man niemals außer Dienst.«

Bundesarchiv_B_145_Bild-F048646-0033,_Dortmund,_SPD-Parteitag,_Helmut_Schmidt
Helmut Schmidt, Bundeskanzler a. D. (1918-2015)
abgelichtet von Ludwig Wegmann am 19. Juni 1976 auf dem Außerordentlichen Parteitag der SPD, Westfallenhallen in Dortmund.
Bild: Bundesarchiv, Wikipedia  CC BY-SA 3.0 de

Es gibt Menschen, von denen denkt man, die können gar nicht sterben. Weil Sie einen schon so lange begleiten, daß sie einfach irgendwie zum Inventar gehören. Zum Inventar der Welt, in diesem Falle. Helmut Schmidt war so einer.

Ich war immer der festen Überzeugung, daß dieser hanseatische Kerl, der mal Kanzler war, als ich noch den Kindergarten und die Grundschule besuchte, vermutlich in dem Moment sterben würde, in dem er die letzte seiner gerüchteweise im Hamburger Hauskeller gebunkerten Mentholzigaretten ausdrückt. In ein-, zweihundert Jahren vielleicht. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich noch gescherzt, daß dieser Mann nicht stirbt, weil er raucht, sondern wenn er aufhören muß zu rauchen.

Doch nun ist es anders gekommen. Der letzte Rauch ist verweht. Der einzige Talkshow-Gast des deutschen Fernsehens, für den man aus dem Sendermuseum immer den Aschenbecher ranschaffen mußte, hat seinen letzten Zug genommen.
Mit Helmut Schmidt stirbt der letzte deutsche Politiker, der mit dem Begriff der ,,politischen Kultur“ noch etwas anfangen konnte. Denn die gibt es heute nicht mehr. Continue reading „Eine Verbeugung“