Das wahre Morgen

– XII –

Blöd Runner

„For it is the chief characteristic of the religion of science that it works.“
Isaac Asimov, Foundation

Wenn es richtig ist, daß Kunstformen die zukünftige Entwicklung einer Kultur wiedergeben oder zumindest wiedergeben können, sitzen wir alle tief in der Scheiße.
Die unangenehme Wahrheit über die Zukunft, das wahre Morgen, ist dieselbe, die Hari „Rabe“ Seldon für den bald darauf toten Kaiser im Gepäck hatte, um dort anzuknüpfen, wo ich diese Reihe vor der weihnachtlichen Besinnlichkeit unterbrochen habe.
Der Untergang des Imperiums ist nicht zu verhindern. Mit keinem Mittel, daß dieses Imperium selber zur Verfügung stellen könnte. Zu dogmatisch seine Wissenschaften, zu erstarrt sein Denken, zu unreflektiv und verbohrt seine Machtmenschen.
Irgendwie erscheint es mir so, als hätten diese Dinge eine Menge mit dem aktuellen Zustand unserer Zivilisation zu tun.

Als sich die junge Foundation in Asimovs gleichnamigen Romanzyklus gegen ihren ersten Gegner wehren muß, genügt ein Hinweis auf noch vorhandene Atomenergie, um alle Eroberungsgelüste der benachbarten, ehemals imperialen Provinzen zu unterdrücken. Alles wird in diesen Romanen atomar angetrieben. Selbst Werkzeuge, die beispielsweise mit Hilfe eines projizierten Kraftfelds Metall moleküldünn bearbeiten können und die man in der Hand halten kann, haben eine atomare Batterie als Kraftquelle. Die umliegenden Planeten kehren zurück zu Kohle und Öl, für den Wissenschaftler Asimov in seinem Roman ein unbedingter Rückschritt. Kernkraft, so die unübersehbare Überzeugung in seinen Romanen, wird dem Menschen die Macht in die Hand geben, die Sterne zu erobern. Sie ist Fortschritt in exakt dem Sinn, in dem dieser Begriff heute noch gebraucht wird. Oder besser, verzerrt. Technologie als Entwicklung zu höheren Weihen. Was vergangen ist, muß primitiver sein und schlechter.
Im weiteren Verlauf läßt Asimov seine Wissenschaftler die umliegenden Planeten mit ihrer Technologie infizieren. Und zwar in Form einer Religion. Hinter dem mythischen Brimborium verbirgt sich nichts anderes als High Tech, über die die anderen Welten der Region nicht mehr verfügen. Und so halten in der Foundation ausgebildete Priester die heiligen Rituale ein und der kleine Haufen aus Wissenschaftlern beherrscht diese galaktische Koordinate, ohne einen einzigen Schuß abzufeuern oder auch nur ein Kriegsschiff zu besitzen. Handel und Technologie sind die Geheimnisse der Herrschaft.
Ob ein Ingenieur sich als Priester versteht und seine Wartung atomarer Kraftwerke als heilige Handlung, ist für das Ergebnis unerheblich. So lange alle richtigen Handgriffe zur richtigen Zeit gemacht werden, wird die Anlage ordnungsgemäß funktionieren.

Der imperiale Diplomat Lord Dorwin, den ich ebenfalls im letzten Teil erwähnte, ist in seiner schnöseligen Arroganz der Meinung, die Ursprungswelt der Menschheit in achthundert Jahre alten Büchern zu suchen, sei tatsächlich archäologische Forschung. Der eigentliche Grusel an der von Asimov beschriebenen Szene ist aber, daß sein Gesprächspartner, immerhin der offizielle Anführer des nominell größten wissenschaftlichen Projekts seiner Zeit, dieser Auffassung des blutleeren Adligen rundheraus zustimmt.
Asimov läßt einen verzweifelten Gegenspieler des amtierenden Chef-Enzyklopäden in der Ratsversammlung das Problem treffend beschreiben:

And for the third time: „Don’t you see? It’s galaxy-wide. It’s a worship of the past. It’s a deterioration—a stagnation!”

In Asimovs Roman sind Wissenschaftler also der festen Überzeugung, es sei echte Forschung, uralte Dinge ständig zu wiederholen. Unmittelbar fühle ich mich an die schöne Szene in Star Wars II erinnert, in der die Bibliothekarin in überaus empörtem Tonfall zu Obi Wan sagt: „Was sich nicht in unseren Archiven befindet, existiert auch nicht.“
Und immerhin sucht der Jedi-Meister in dem Moment ein ganzes Sonnensystem. So was verliert man nicht einfach mal im Wohnzimmer.
Unsere aktuelle Zeit, dieses größte Imperium, das Mensch jemals errichtet hat, krankt an denselben Symptomen wie das Galaktische Imperium der Foundation.
Der Unterschied ist lediglich, daß wir nicht die Vergangenheit anbeten. Wir verehren die Zukunft. Ausschließlich.
Ganz im Gegenteil besteht unsere Wissenschaft sehr oft vehement darauf, daß Blicke in die Vergangenheit nur von der Zukunft ablenken. Die wiederum wird so sein wie heute, nur noch digitaler. Auch unsere Wirtschaftstheorie, die strenggenommen gar keine solche ist, beharrt darauf, daß Vergangenheit ausschließlich für staubige Archivare oder so gut sein kann. „Das wahre Morgen“ weiterlesen

Advertisements

Die Zukunft ist smart

„Es ist erschreckend offensichtlich geworden, daß unsere Technologie unsere Menschlichkeit überflügelt hat.“
Albert Einstein

Dem Ölland mit den „größten Reserven der Welt“ fehlt es an Sprit. So schreibt es die FAZ über Venezuela. Ja, Venezuela, nicht etwa Saudi-Arabien.
So weit dann zu „Reserven“. Oder „Öl“. Erstens ist venezolanisches „Öl“ ein fieses Zeug voller Schwefel und relativ zäh. Kein Vergleich mit dem, was früher so aus dem Boden sprudelte, wenn man einen Stock in einen Tümpel im Sumpf gerammt hat. Das war so in den 50er Jahren. Was Venezuela heute fördert, fällt unter „Schwerstöl“. Das heißt nicht umsonst so.
Zweitens muß man eben dieses zähe Zeug gründlich und langwierig raffinieren, um was daraus zu machen. Benzin, beispielsweise. An eben diesen Kapazitäten mangelt es dem Land gewaltig. Das angebliche Ölland muß einen Großteil des Benzins importieren. Voll nützlich, dieses ganze Öl, wenn man keine Raffinerien hat.
Ach ja – drittens hat man die venezolanischen Reserven vermutlich das letzte Mal bewertet, als der Ölpreis bei 115 Dollar lag. Denn „Reserven“ bedeutet grob: Alles, was aussieht wie Öl und eventuell ökonomisch ausgebeutet werden kann zu aktuellen Bedingungen. Im Grunde müßten also die „Reserven“ von allem – denn das Prinzip gilt für alle Rohstoffe – regelmäßig neu bewertet werden. Die meisten Länder tun das aber nicht. Aus Gründen.

Venezuela gehört zum Beispiel zur OPEC und dieser Laden legt seine Förderquoten fest im Verhältnis zu den Reserven, die ein Land angibt.
Öl, Kohle, Gas, Eisenerz und andere Dinge sind nur dann „Reserven“, wenn sie auch ökonomisch nutzbar sind. Alles andere fällt definitionsmäßig unter „Ressource“. Die großen Ölgesellschaften der Welt haben schon Anfang 2014 und davor dank so horrend teurer Methoden wie Fracking mit Verlusten gearbeitet. Das war vor dem Rückgang der Preise um gute 60 Prozent. Sollte jetzt eine Firma wie – sagen wir mal, Exxon Mobil – gezwungen sein, die eigenen Investitionen neu zu bewerten, dann würde der Wert des gesamten Konzerns um eben diese Prozente sinken. Denn plötzlich wäre mein Öl in den Büchern eben mit realistischen Werten verzeichnet. Das wäre allerdings für börsennotierte Großkonzerne der Energiebranche ziemlich unangenehm. Deshalb verzichtet man großzügig auf derartig kleinliche Bilanzierungsregeln. Immerhin hat man das bei den Großbanken ja auch getan. Wenn man früher miese Papiere ausgelagert hat, um sie dann aus den eigenen Büchern zu streichen und so zu tun, als sei alles tiptop in Ordnung, war das Bilanzbetrug. Heute ist es längst gängige Praxis.

Im Moment fördern sich die größten Ölländer der Welt allesamt in den finanziellen Ruin. Unter anderem natürlich auch Venezuela, denn dieses Land braucht nach verläßlichen Schätzungen einen Ölpreis von etwa 85 Dollar pro Barrel, um profitabel arbeiten zu können. Dieser Preis ist aber seit dem Herbst 2014 nicht mehr existent und auch derzeit nirgendwo in Sicht. Die Wahrscheinlichkeit, daß Venezuela also an den zu niedrigen Ölpreisen stirbt und sich in einen failed state verwandelt, steigt quasi seit gut zweieinhalb Jahren täglich. Wie Griechenland, nur eben mit Öl. Von irgendwelchen ökologischen Aspekten oder der Tatsache, daß auch Bergbau nicht mit Hamstern betrieben wird, reden wir da mal gar nicht. Prost, Gemeinde! „Die Zukunft ist smart“ weiterlesen

Das blinde Bewußtsein

– III –

Gaianer

“A learning experience is one of those things that says: ‚You know that thing you just did? Don’t do that.‘
Douglas Adams, Lachs im Zweifel

Mitte der 1960er entwarf ein Mann namens James Lovelock die Vorstellung, daß die Erde und alles, was auf ihr lebt, die sogenannte Biosphäre, als ein Lebewesen betrachtet werden kann. Kern der Hypothese ist die Annahme, daß das Leben an sich, die Gesamtheit aller Organismen, irgendwie dafür sorgt, die Bedingungen zu erhalten, die ihm selber am besten gefallen.
Lovelocks Definition von Leben – eine sehr umstrittene Sache in den biologischen und medizinischen Wissenschaften – besagt hier, daß „Leben“ sich besonders durch die Fähigkeit zur Selbstorganisation auszeichnet.
Nach dieser Idee ist die Erdoberfläche und das dort vorhandene Leben ein dynamisches System, das wiederum die Gesamtheit des Lebens stabilisiert. Eben ein sich selbst organisierendes System. Der Clou an der Geschichte ist, daß die Biosphäre also auch auf unterschiedliche Einflüsse reagieren müßte, die dazu geeignet sind, die Lebensfähigkeit des Systems zu gefährden.

Mr Lovelock war kein Schamane oder so etwas. Beziehungsweise, er ist es nicht, denn er wird dieses Jahr 98 und ist noch immer da. James Lovelock ist Mediziner, Geochemiker und Biophysiker, hat also einen recht handfesten naturwissenschaftlichen Hintergrund vorzuweisen.
Auch die Dame, die zu den stärksten Befürwortern von Lovelocks Theorie zählte, war keine Schamanin. Lynn Margulis war Mikrobiologin und hat sich in ihrer Laufbahn besonders mit der evolutionären Entwicklung von Zellorganellen wie den Mitochrondien befaßt. Man erinnert sich womöglich an diese kleinen Dinger noch aus dem Biologieunterricht, Stichwort „Kraftwerk der Zelle“.
Ms Margulis weilt nicht mehr unter den Lebenden, war aber eine Zeitlang mit Carl Sagan verheiratet, das ist der Astrophysiker, den Filmfans und natürlich SF-Fans als den Autor von „Contact“ kennen – mindestens. Ms Margulis hatte also ebenfalls einen recht starken Hang zur Naturwissenschaftlichkeit, könnte man sagen.

Im Jahre 1969 postulierte Lovelock einen Rückkopplungsmechanismus, der in der Erdatmosphäre für abnehmenden Gehalt an CO2 sorgt, wenn die Intensität der Sonnenstrahlung sich erhöht. Denn das hat sie in den letzten paar hundert Millionen Jahren getan. Die Sonne, die auf die noch insekten- und blütenlosen Wälder der Erde vor etwa 400 Millionen Jahren schien, war in ihrer Energieleistung eindeutig schwächer. Eine Sonne ist ein Fusionsreaktor, der – nach allen aktuellen Erkenntnissen – recht langsam auf seine Spitzenleistung hochgefahren wird.
Auf die Anregung eines Schrifstellers und Bekannten hin nannte Lovelock seine Idee die Gaia-Hypothese. Gaia ist die Erdmutter der griechischen Mythologie, die sich bis heute in einem Ausdruck wie „Mutter Natur“ oder „Mutter Erde“ erhalten hat und in einer abgewandelten Schreibweise – Gea – auch Bestandteil von Dingen wie Geologie ist. Oder Geochemie. Oder Geophysik.
Margulis hatte sich mit der Theorie auseinandergesetzt, wonach Mitochondrien früher einmal eigenständige Zellen gewesen sein sollen, um dann durch Symbiose zu den heutigen, internen Zellbestandteilen zu werden. Da die Gaia-Hypothese besagt, daß die Gesamtheit aller Organismen auf der Erde quasi in Symbiose einen größeren Organismus bilden, war diese Ansicht für eine Symbiose-Spezialistin wie Ms Margulis vermutlich recht naheliegend.
Der Schriftsteller, der Lovelock den Namen vorschlug, war übrigens William Golding. Den kennen wiederum einige womöglich aus dem Englischuntericht, denn sein wohl berühmtestes Werk ist „Lord of the Flies“, also „Herr der Fliegen“. Golding erhielt 1983 den Nobelpreis für Literatur, in seiner Rede wählte er Gaia Mater, die Erdmutter, als sein Thema. „Das blinde Bewußtsein“ weiterlesen

Mythopolis

– X –

Die bleierne Zeit

Eine Angewohnheit kann man nicht aus dem Fenster werfen. Man muß sie die Treppe
hinunterboxen, Stufe für Stufe.
Mark Twain

Gegen Ende des 8. Jahrhunderts vdZ lebte in einer Gegend namens Böotien ein Mann namens Hesiod. Wie man dem seltsamen Namen – der Gegend, nicht des Mannnes – entnehmen kann, handelt es sich bei diesem Herrn wieder einmal um einen dieser alten Griechen, die ich gelegentlich erwähne. Erwähnen muß, denn irgendwie kommt man an denen nicht vorbei, wenn man in die historische Kiste greift.
Jedenfalls war besagter Hesiod Bauer und Viehzüchter, Nachkomme eines gescheiterten Küstenschiffers.
Zum Glück war er auch ein Dichter und Denker, sonst wüßten wir heute gar nichts von dem Mann. Oliven und Ziegen neigen nicht dazu, knapp drei Jahrtausende zu überdauern.
Hesiod schrieb ein Werk namens „Theogonie“ und ein anderes, das sich „Werke und Tage“ schimpft und aus etwas über achthundert Hexametern besteht. Das ist dasselbe Versmaß, dessen sich auch der berühmte Kollege Homer bedient hat. Der Herzschlag der epischen Dichtung, sozusagen.
Es ist eine Art Arbeitsgedicht, oder besser, ein Werk, das die Arbeit als ein zentrales Ziel und Lebensinhalt des Menschen lobt. Da waren andere griechische Dichter anderer Meinung, denn die waren überzeugt, daß nicht Arbeit adelt, sondern nur Herkunft. Auch irgendwie ein Aspekt, der sich bis in die heutige Zeit zieht.

Am Beginn dieser Reihe hatte ich nicht nur Homer bereits erwähnt, sondern auch, daß unsere Vorstellung vom ewigen Fortschritt, vom beständigen Aufstieg unserer Kultur durch Verwendung immer höherer Technologie, schlicht und einfach eine Lüge ist. Dieses Narrativ ist fester Teil des Selbstbetrugs, dem sich Mensch so fleißig hingibt, um weiter so tun zu können, als sei mit unserer Zivilisation alles in Ordnung.
Ein Mythos im modernen Sinne, also etwas, das nicht so stattgefunden hat. Ein Märchen für Erwachsene wie das vom dunklen Sith-Lord und vom nicht ganz so dunklen, weil grünen, Meister Yoda.

Hesiod, der alte Grieche, hätte darüber gelacht. Nicht über Meister Yoda, sondern unsere naive Vorstellung. Böotien, die Gegend, in der er lebte, ist heute so etwa der südöstliche Küstenstreifen der Halbinsel Griechenland. Eine Gegend, die nördlich aus mehr oder weniger harschem Hügelland besteht und südlich aus mehr oder weniger harscher Gebirgslandschaft. Dazwischen gibt es ein bißchen Tiefland.
Vermutlich waren die Hügel zur damaligen Zeit noch nicht so staubig und trocken wie heute, denn ich nehme an, daß um das Jahr 700 vdZ die Abholzung der Wälder rund um das Mittelmeer bei weitem noch nicht so fortgeschritten war wie zu Zeiten eines Cäsar oder Augustus um die Kalenderwende herum.
Jedenfalls wurde Hesiod um 700 vdZ herum geboren, Genaueres wissen wir da nicht. Standesämter waren noch nicht erfunden. Ist einfach zu lange her und der Mann war halt kein Kaiser, König oder Eroberer. Zum Glück, die Ehren des Dichters halten nämlich oft länger. Ein selbstbeweisendes Theorem, denn kein Mensch kennt einen berühmten griechischen Herrscher von damals. Homer hingegen kennt jeder.
Hesiods Leben war geprägt von den normalen Rhythmen der Natur und ihren Stimmungen und Launen, wie gutes Wetter für Ziegen und schlechtes Wetter für Oliven beispielsweise. „Mythopolis“ weiterlesen

Mythopolis

– IX –

Das Knirschen von Sand

,,Ihr glaubt bereitwillig an alles Unsichtbare. Aber was euch direkt ins Gesicht springt, wollt ihr nicht sehen. Es gibt dafür eine wissenschaftliche Erklärung:
Ihr seid doof.“
Doctor Who

Nicht immer sind negative Seiten der technologischen Entwicklung so offensichtlich wie bei der Verwendung von Kernenergie, deren Rückbau und Ende den Steuerzahler mindestens soviel Geld kosten werden wie die ganzen staatlichen Subventionen, die in den letzten 45 Jahren an diesen Industriezweig geflossen sind. Trotzdem gibt es immer noch Menschen, die die Mär vom billigen Atomstrom papageienmäßig wiederholen. Weil sie daran glauben wollen. Denn ansonsten müßten sie sich eingestehen, jahrzehntelang wie die Idioten an eine Lüge geglaubt zu haben. Menschen tun so etwas sehr ungern.
Stattdessen glaubt man lieber weiter an die Dinge, die man kennt und die einem von den Priestern der Fortschrittsreligion so angepriesen werden.
Deswegen heißen Priester eben so, zumindest vermute ich das. Weil sie anpreisen, was der jeweilige Gott so alles drauf hat und was für ein toller Hecht er doch ist. Oder was für eine zarte Forelle, falls es sich um eine Göttin handeln sollte. Die Religion von Fortschritt und Technologie bringt auch besonders sehenswerte technologische Tempel hervor. Außerdem natürlich „Wunder“, die sehr wohl funktionieren. Zumindest für eine Weile. Wenn das Wartungsbudget nicht gekürzt wird. Oder die Garantie abgelaufen ist.
Gute Werbung ist also offenbar sehr nützlich, wenn man anderen etwas als unverzichtbar und besonders großartige Errungenschaft verkaufen möchte. Wenn es dann auch noch einen handfesten Charakter hat, also ein irgendwie greifbares Dingsbums ist, werden die Kriterien schon etwas klarer. Wenn man Menschen heute fragt, worauf sie nicht mehr verzichten können im Alltag – die berühmte „einsame Insel“-Frage, bekommt man in den Antworten eine Auflistung von allem möglichen Mist geliefert, der nicht den geringsten Wert hat. Ich würde auf die einsame Insel jedenfalls eher eine Axt mitnehmen als ein Smartphone.

„Technologie“ oder – in meinen Begriffen hier in diesem Blog – die genaue Ausformung der Technosphäre ist immer auch eine Entscheidung der Gesellschaft.
Zumindest wird uns das eingeredet. In Wahrheit funken einem die Kräfte der viel gepriesenen freien Marktwirtschaft natürlich ständig dazwischen.
Es gab nie eine Entscheidung der Gesellschaft für die vorgeblich zivilie Nutzung der Kernenergie. Es gab eine politische Entscheidung, denn mit Reaktoren hat man die Hand eben auch irgendwo immer auf dem Stoff, aus dem die Bomben sind. Die Tatsache, daß Nationen wie Japan oder Deutschland über keine eigenen A-Waffen verfügen, ist ja nun nicht etwa technologischem Unvermögen geschuldet, sondern der Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Der freie Markt ist an solchen Stellen also normalerweise eben kein Markt. Und frei ist er auch nicht, denn der freie Markt ist auch einer dieser Mythen, an die unsere Gesellschaft so gerne glauben möchte. Er funktioniert hier schlicht kommandowirtschaftlich. Hitler konnte in Hydrierwerken aus Braun- und Steinkohle Sprit für Flugzeuge und Panzer gewinnen lassen, weil es geht. Nicht etwa, weil das Verfahren ökonomisch Sinn ergibt. Es ist nämlich bei weitem zu teuer. Würde man Benzin heute aus deutscher Steinkohle herstellen wollen, kostete der Liter Sprit vermutlich irgendwas um die acht Euro. Dann mal Prost.
Mit Atomkraft war es ähnlich. Die Franzosen reihten sich als Atommacht Nr. 4 in den Reigen ein, weil Charles de Gaulle die Bombe haben wollte und dazu brauchte man eigene Reaktoren. Da die Kolonialgebiete Uran liefern konnten, hat man die Reaktoren gebaut. Darum hat Deutschland auch keine eigenen Bomben, denn damit konnte Frankreich sicher sein, nicht noch einmal von deutschen Truppen überfallen zu werden. Deutschland hätte wiederum auch gerne die Bombe gehabt, Old Adenauer war jedenfalls sehr dafür, soweit ich das weiß. Nur gab es eben keine. Dafür stehen die Franzosen heute da und erzeugen siebzig Prozent ihrer Elektrizität aus Kernmeilern. Da fragt sich nur noch, wem zuerst das Licht ausgeht. Uns oder den westlichen Nachbarn. Sollte einer der Schrottmeiler an der deutschen Grenze wie Cattenom vorher noch platzen, werden womöglich doch deutsche Truppen noch einmal Frankreich überfallen. Wer weiß? „Mythopolis“ weiterlesen

Mythopolis

– VIII –

Internet, AD 4000

,,When you want to know how things really work, study them when they’re coming apart.”
William Gibson, Zero History

Die Bibliothek von Alexandria soll über zweihunderttausend Schriftrollen enthalten haben, gefüllt mit dem Wissen ihrer Zeit. Philosophie, Astronomie, Mathematik, dazu Dinge, die wir heute Anthropologie und Soziologie nennen würden.
Im Jahre 331 vdZ von dem Alexander gegründet, den heute noch alle kennen, wuchs die Siedlung rasch an, und etwa ein Jahrhundert später wurde dann die Bibliothek gegründet. Die Große Bibliothek, wie sie heute noch genannt wird.
Von ihrer Gründung an war dieser Ort ein Hort des Wissens, alles wurde hier gelagert. Menschen aus allen Ländern der damaligen Welt, also vorwiegend den Mittelmeerländern, kamen nach Alexandria, um bestimmte Dinge zu erfahren. Aber auch, um selber Werke zu schreiben und dazu eben Informationen aus der Bibliothek zu benutzen.
Alexandria wurde im Laufe der Jahrhunderte zu einem Leuchtturm des Wissens, dessen Licht weitaus heller und weiter strahlte als das des anderen, sehr berühmten Leuchtturms, der sich im Hafen der Stadt befand, des Pharos. Ebenso wie die Bibliothek eines der Sieben Weltwunder der Antike und ebenso wie fünf andere davon nicht mehr vorhanden in unserer Zeit.

Unzählige Rollen aus diversen Jahrhunderten waren hier gelagert. Alleine die Bibliothekare müssen über eine Kenntnis verfügt haben, die heutigen Kunsthistorikern in nichts nachstand. Denn sie waren es, die das Pergament oder Papyrus für den Zugriff durch andere verwalten mußten. Aber dazu braucht es ein System und das dürfte damals recht kompliziert gewesen sein.
Wir wissen heute nicht mehr, aus wie vielen Jahrhunderten die Geschichten auf den Rollen stammten und vor allem, was uns die Buchstaben so erzählt hätten. Denn bedauerlicherweise ging diese Ansammlung von Gelehrsamkeit, dieses geistige Leuchtfeuer, irgendwann im 3. Jahrhundert ndZ unter. Ein Brand fraß das sorgfältig gelagerte Wissen auf. Allerdings sind sowohl Art als auch Zeitpunkt dieses Verlustes nicht mehr genau bestimmbar. Da sich heute an dieser Stelle das moderne Alexandria erhebt, die zweitgrößte Stadt Ägyptens, sind Grabungen schwierig und bisher hat man von der Bibliothek keine Spuren gefunden.

Trotzdem wissen wir heute sowohl von der Bibliothek als auch von ihren Inhalten noch einiges. Denn natürlich kamen auch jede Menge Menschen nach Alexandria, um ein ganz bestimmtes Exemplar einer ganz bestimmten Schrift zu suchen. Und vor allem, um es mitzunehmen. Allerdings war die Bibliothek von Alexandria natürlich eine Präsenzbiblothek. Wirklich ausleihen konnte man sich da nichts.
Da sowohl der Buchdruck als auch der Fotokopierer damals noch ihrer Erfindung harrten, mußte man also eine Abschrift anfertigen lassen und von denen sind zum Glück wenigstens ein paar erhalten geblieben. Der Fotokopierer ist übrigens eine amerikanisch-östereichische Erfindung, keine japanische, ganz am Rande bemerkt. Ganz im Gegensatz zum Buchdruck mit beweglichen Lettern, den dürfen wir in unserem Kulturkreis sehr wohl als deutsche Erfindung vereinnahmen. „Mythopolis“ weiterlesen