Die Leinen los!

Die Hölle ist los. Die Welt geht unter. Spätestens morgen wird das Jüngste Gericht hereinbrechen. Und es wird mit Pfefferminzsauce serviert! Dieser allerletzte Punkt ist allerdings wirklich abscheulich und sollte dringend verhindert werden.

Ein Marcel Fratzscher vom DIW stellt sich hin und beschwört wirtschaftlichen Untergang vom Himmel herab. In das gleiche Horn stoßen auch ein Clemens Fuest vom Münchner ifo-Institut oder der Automobilverband VDA.
Das ist die größte Lobbyistenpapageienzuchtanstalt in Europa, wenn es darum geht, noch mehr Autos auf die verstopften Straßen zu bringen, für die eine deutsche Autoindustrie keine Steuern bezahlt. Hauptsache, die Laster stehen just in time auf dem Hof, um Teile zu liefern.
Kassandra weist darauf hin, daß es sich bei all diesen Verbandssprechern ausnahmslos um Personen handelt, die eine Wirtschaftspolitik propagieren, die exakt zu dem geführt hat, was jetzt alle fürchten: Brexit.
Wenn Leute wie Fuest und Konsorten etwas von „Reform der EU“ erzählen, meinen sie damit die Fortsetzung der Politik, die seit einem halben Jahrhundert von Südamerika bis Nigeria und Bukarest immer dieselben Folgen hatte: Massive Konzerngewinne, verfallende Infrastruktur und miserable Lohnentwicklungen bei steigenden Staatsschulden. Von solchen Nebenwirkungen wie der einen oder anderen Militärdiktatur, gefolterten Regimegegnern oder einem kleinen Massenmord hier und da – aus streng ökonomischen Gründen versteht sich, nichts Persönliches – reden wir da mal gar nicht.
Sie alle folgen der Ideologie der Chicagoer Schule und ignorieren weiterhin tapfer jeden der Beweise, die ihnen die Realität für das Nicht-Funktionieren ihrer ökonomischen Wichsphantasien in den letzten fünfzig Jahren reichlich geliefert hat.

Landauf, landab, ist in deutschen Medien heute zu lesen, daß der Brexit die Gesellschaft gespalten hat und das alles ganz furchtbar ist. Mehr Mitleid geht kaum noch. Wobei es vor allem weinerliches Selbstmitleid ist, fürchten doch alle um wirtschaftliche Konsequenzen für Deutschland. Die wird es auch geben, denn beide Volkswirtschaften sind eng miteinander verflochten, machen wir uns da nichts vor. Deutschland und Europa liegen auf dem Tisch, der Arzt beugt sich gerade über uns und sagt: „Das wird jetzt gleich etwas weh tun.“
Aber ich verstehe nicht, warum sich beispielsweise VW oder BMW darüber aufregen sollten. Da haben sie doch eine prima Ausrede, noch mehr Leute zu entlassen dank ihres Dieselskandals und der Schützenhilfe aus der deutschen Politik. Alles Brexit demnächst. Prima Sache.
Wahrscheinlich muß dann auch unser Finanzminister, der gerne Kanzler wäre, wieder den Sozialstaat kürzen. Der ist so wahnsinnig teuer. Dieses ganze ALG II! Das solche Kleinigkeiten wie Rentenzahlungen oder ALG I oder BAFöG oder Wohngeld oder ABM-Maßnahmen des Arbeitsamts und vieles mehr sich im Bundeshaushaltsposten „Soziales“ befinden, das wollen wir mal nicht so erwähnen. Details können so belastend sein.

Dummerweise ist aber dieses ganze Geschreibsel so faktenfrei wie es jede weitere Diskussion um den Brexit auch wäre. Eine Gesellschaft muß schon lange gespalten sein, bevor sie so etwas wie die Brexit-Frage in einem Referendum überhaupt abstimmt. Ebenso ist es unwahr, wenn immer wieder behauptet wird, Donald Trump habe die US-Gesellschaft gespalten. Trump hat eine gespaltene Gesellschaft vorgefunden und diese Tatsache ausgenutzt, sonst gar nichts.
Es ist die ökonomische Massenpsychose unserer gewählten und ungewählten Führungsetagen und die daraus resultierende Politik, die diese soziale Spaltung herbeigeführt hat. Alle diese ökonomischen Vorstellungen beruhen auf den andauernden Fieberphantasien von menschenförmigen Lebewesen, die immer wieder behaupten, man müsse den Reichen nur die Steuern senken, damit die ganz viele tolle neue Arbeitsplätze schaffen. Global gesehen besitzen die oberen 10 Prozent gute 90 Prozent des Planeten in Vermögenswerten. Ich frage mich ernsthaft, warum diese Leute noch mehr Geld brauchen sollten, um in einer Gesellschaft irgendetwas zu tun oder zu lassen. Das auch diese lächerliche Legende der Standardökonomen offenbar keinen Widerhall in der Realität findet, ist selbstverständlich Schuld der Realität. „Die Leinen los!“ weiterlesen

Werbeanzeigen

Blick über den Tellerrand

Nachdem in den USA der Klimaschutz vom Präsidenten persönlich auf offener Straße mit dem Messer niedergestochen wurde, geht Kalifornien da einfach mal eigene Wege und schließt…ein Klimaabkommen. Mit China.
Scheinbar hat bisher niemand Donald Trump gesagt, daß die USA ein Staatenbund sind. Föderalismus, wenn man so will. Und das Kalifornien die bei weitem strengsten Umweltgesetze der USA hat, ist auch nichts neues. Erfolglos, übrigens.
Denn trotzdem kann man in L.A. nicht atmen und trotzdem pumpen Farmer im Central Valley das Wasser schneller aus dem Boden, als es jemals nachfließen kann, ganz zu schweigen davon, daß es aus kalifornischen Regenfällen nachflösse.
Das geht inzwischen so weit, daß die ersten Farmer ihre Pfirsiche und Mandeln getötet haben und auch andere Dinge anbauen außer Avocados. Wie beispielsweise – Kaffee.
Ich halte auch diese Feldfrucht angesichts ihrer Ansprüche an ein gleichmäßiges Klima mit mittelprächtig reichhaltigen Niederschlägen für zweifelhaft in einem Halbwüstenstaat wie Kalifornien. Aber nun ja – hier wird auf Kunden gezielt, die acht oder zwölf Dollar für Kaffee ausgeben können. Pro Tasse, nicht pro Pfund.
Die Möglichkeit, so etwas anzubauen, ergibt sich übrigens auch aus der Tatsache, daß in Indonesien, Brasilien und anderswo die Ernteerträge weggebrochen sind. Wegen anhaltender Trockenheit in diesen tropischen Gebieten.

Aber trotzdem ist das Abkommen durchaus nachvollziehbar. Denn immerhin verursacht China derartig viel Dreck, daß schon länger ganze Wolken aus Smog über den Ozean treiben. Den Pazifischen Ozean, das ist nicht so eine Badewanne wie das Mittelmeer. Und diese Wolken treiben bis nach Kalifornien.
Es gibt übrigens in Kalifornien eine Unabhängigkeitsbewegung. Schon mehr als einmal habe ich gelesen, daß Kalifornien ohne die USA ja die Nummer Sechs der weltweiten Industriestaaten wäre. Oder Nummer Sieben. Auf jeden Fall wohl in den Top Ten. Nun ja – ohne die Goldtöpfe aus Washington für die innovativen Unternehmen wie Google, Facebook, Snapchat und anderen Digitalmist sähe die Lage anders aus, denke ich. Trotzdem gewinnt diese Bewegung seit der Wahl Trumps an Zulauf. Mit der Begründung, man wolle halt mit den Innovationen kalifornischer Unternehmen nicht Washington finanzieren.
Das Ende der USA wird nicht von außen kommen, sondern von innen. Der neue Präsident ist gerade dabei, Dinge zu säen, die ihm nicht gefallen würden in seinem Garten.

Auch woanders stehen die Zeichen auf Krise. In Arabien nämlich. Da haben die Saudis, die Ägypter, Bahrain und VAE doch glatt Katar zur persona non grata erklärt.
Katar hat eine Fläche von etwa 11.000 km², das sind grob fünf Saarländer. Die Einwohnerzahl rangiert irgendwo knapp unter der von Berlin. Außerdem hat Katar noch etwas, daß weder das Saarland noch Berlin besitzen: Jede Menge eigenes Erdgas und Geld. Viel Geld.
Die Schulen sind kostenlos, Bedürftige erhalten monatliche feste Regelsätze, auch die medizinische Versorgung ist der eines Drittweltlandes wie etwa den USA weit überlegen und kostet ebenfalls nichts. Weswegen in dem weltbekannten, demokratisch-freiheitlichen Utopia auch die Fußball-WM 2022 stattfinden soll. Wenn es dann noch eine gibt. „Blick über den Tellerrand“ weiterlesen