Das wahre Morgen

– VII –

Science Fiction…

Die einzig revolutionäre Kraft ist die menschliche Kreativität. Die einzig revolutionäre Kraft ist die Kunst.
Joseph Beuys

Wenn unsere Kunstformen ein Indiz dafür sind, wohin die Reise unserer Zivilisation geht, dann ist eindeutig Vorsicht geboten. Aber gleichzeitig ist Kunst die einzige Form der Verständigung, die einzige Möglichkeit der Kommunikation, die noch bleibt angesichts der Sprachlosigkeit, die das Ende eines Zeitalters immer zu begleiten scheint. Sie ist auch die einzige Möglichkeit, das andere Symptom zu überwinden: Die gnadenlose Geschwätzigkeit über vollkommen unwichtige, oberflächliche Dinge, diesen verzweifelten Versuch, Dinge, die längst nicht mehr normal sind, dadurch als normal erscheinen zu lassen, daß sie in einer Flut aus Belanglosigkeit ertränkt werden.
Kunst ist die einzige Möglichkeit, noch etwas auszurichten, etwas zu verändern, etwas anzusprechen in Menschen und Einfluß zu nehmen auf die Dinge, die da kommen werden. Alles andere hat versagt.

Eine der am weitesten verbreiteten Kunstformen ist die Literatur. In meinem speziellen Fall natürlich die Literatur aus dem Genre Science Fiction und Fantasy.
Denn die Aufgabe dieser Gattung des Gedruckten war es schon immer, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Natürlich ist auch diese Kunstform nicht immun gegen den Verlauf der Zeit und den Einfluß der realen Welt. Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, daß Menschen die derartige Literatur schreiben, völlig weltfremde Spinner sein müssen oder sind, irgendwie abgehoben.
Ganz im Gegenteil waren ein Großteil der erfolgreichsten und einflußreichsten SF-Autoren des 20. Jahrhunderts von ihrer eigentlichen Ausbildung her Naturwissenschaftler oder in Berufen tätig, die eine recht hohe Affinität zur Realität erfordern. Es ist quasi unabdingbar, die Realität der Welt gut einzuschätzen, wenn man eine brauchbare SF-Geschichte schreiben möchte.
Außerdem ist die Gattung „Science Fiction“ deutlich älter als gemeinhin von den Lesern anderer Genres angenommen wird. Oder von denen, die eben nur ins Kino gehen. Heute, nach etwa anderthalb Jahrhunderten der Entwicklung, bietet gerade die Science-Fiction-Literatur eine ganze Menge Zukunftsvisionen, die ganz schön von gestern sind. Ein geradezu perfektes Material für eine Kassandra. Oder Blogger in ihrer Bambushütte am Rande der Gesellschaft. Continue reading „Das wahre Morgen“

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Rituale

Donald Trump nennt den Gunner von gestern „sick“, also krank.
In der Presse ist er wieder ein Einzeltäter. Ein „lone wolf“. Er ist weiß. Kein Netzwerk anderer Personen, sagen die Ermittlungsbehörden.
Abgesehen davon, daß ein einsamer Wolf einen Menschen nur im äußersten Notfall angreifen, geschweige denn töten würde, nenne ich diesen Mann nicht krank.

Ich nenne diesen Mann einen Massenmörder. Und einen Terroristen. Denn das Wort „Terror“ bedeutet so viel wie „Schrecken“. Phobos und Deimos, die beiden Marsmonde, tragen den Namen von Furcht und Schrecken. Denn der Gott Ares, der römische Mars, ist der Gott des Krieges. Wäre der tote Täter nicht weiß oder nicht Christ, er wäre längst ein Terrorist. In den Medien. Auf „Fox News“. Bei CNN.

Es gibt keinen „extremistischen Hintergrund“, so heißt es in Verlautbarungen.
Ich finde Menschen, die um sich schießen oder, noch schlimmer, ganz gezielt in eine Menschenmenge halten, um möglichst viele Personen zu töten, schon ziemlich extremistisch. Ob der Täter jetzt zu einem Netzwerk anderer Menschen gehört, ist mir als Kriterium nicht einleuchtend. Aber da haben die Opfer ja noch mal Glück gehabt.

59 Menschen sind tot. Über 500 sind verletzt. Nicht alle durch Schüsse, nehme ich an. Was ich über Massenpanik weiß, läßt mich vermuten, daß hier viele Sekundärverletzungen dabei sind. Spring von der Treppe oder die nächste Kugel könnte deine sein. Die für deine Freundin neben dir.
Also springt man. Man stürzt. Andere trampeln über einen hinweg. Man selbst trampelt über andere hinweg. Wenn das nicht Terror ist, Furcht und Schrecken, was ist dann welcher?
Wie viele tausend Menschen werden vom gestrigen Ereignis Narben zurückbehalten, die man nicht sehen kann?

Es ist nicht der Mann, der krank ist. Es ist die Gesellschaft, die ihn hervorgebracht hat. Ihn ermöglicht hat.
Eine Gesellschaft, in der Präsident und Vizepräsident nebst Ehefrauen mit gesenktem Kopf auf dem Rasen stehen und anschließend sagen, Amerika solle beten. Als hätte Beten jemals eine Kugel aufgehalten.

Hätte Amerika etwas gegen seinen Waffenwahn getan, schon vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren – das wäre möglicherweise hilfreich gewesen. Hätte Amerika versucht, etwas gegen seine Paranoia zu tun, dieses immer hektischere Um-sich-Schlagen, gegen die Stimmen im Kopf, die ihm einreden, immer mehr Waffen würden zu immer mehr Sicherheit führen – das wäre eventuell nützlich gewesen.

Doch es ist dasselbe Ritual wie immer. Tote begraben, schrecklich weinen, Flaggen auf Halbmast senken. Weiter Waffen verkaufen an jeden, der eine haben will. What could possibly go wrong?

30.000 Menschen sterben jährlich in den USA durch den Mißbrauch von Schußwaffen. Jeden Tag erledigt Amerikas Polizei irgendwo einen Zivilisten. Oft einen unbewaffneten. Ich würde jetzt gerne twittern, wie furchtbar das alles ist. Oder wie sehr mir das leid tut. Glücklicherweise habe ich keinen Twitter-Account.
Und all das wäre gelogen. Es tut mir nicht leid. Ich kann mit diesem Volk psychopathischer Vollidioten jenseits des Atlantik kein Mitleid mehr haben. Es ist aufgebraucht. Und Mitgefühl gibt es bei mir nicht länger auf Kredit.

Donald Trump nennt den Täter das „pure Böse“. Nicht eine Sekunde erkennt er, daß dieses Böse, dieser düstere Schatten, nichts weiter ist als die Reflexion dieser einstmals großen Nation in einem Spiegel, der nicht das Äußere zeigt und nicht das Wunschbild, sondern den Charakter des Landes. Dorian Gray zieht das Tuch weg und starrt auf sein eigenes Bildnis.

Es ist Amerika und die grundlegende geistige Haltung dieser Nation in vielen Dingen, die krank sind. President Trump ist hierfür ein nicht zu übersehendes Syndrom. Während Puerto Rico ohne Wasser dasteht, ohne Strom, ohne Hilfe, während tausende von Menschen in einem amerikanischen Territorium versuchen, nicht in dunkle Zeiten zurückzufallen, beschimpft er die Bürgermeisterin der Hauptstadt und ihre angeblich armselige Führung. Wobei mir einfällt, ist Texas eigentlich schon wieder aufgebaut?
Dieser in meinen Augen zutiefst hassenwerte, aufgeblasene, lächerliche Egomane ist das perfekte Symbolbild einer sterbenden Nation.

Bei der New York Times kann man wieder einmal die Biographien der bisherigen Opfer nachlesen. Wie immer zutiefst rührend. Abgebrochene Leben. Manche halb gelebt. Manche kaum begonnen.
Doch die Toten bleiben tot. Die Toten, die der Export der US-amerikanischen Beklopptheit seit Jahrzehnten weltweit verursacht hat, bleiben ebenfalls tot.
Manche von ihnen hatten Eltern. Manche Eltern hatten Kinder. Bis zu dem Tag, an dem ein Produkt einer längst außer Kontrolle geratenen Rüstungsindustrie ihren Weg kreuzte, aus welchen angeblichen Gründen auch immer. Abgebrochene Leben. Nur eben keine amerikanischen.

Ein Imperium, das Gewalt sät auf diesem Globus, wird irgendwann nichts als Gewalt ernten. Amerikanische Drohnen könnten ohne deutsche Hilfe nicht weiter morden. Ohne Anklage. Ohne Prozeß. Ohne Beweisführung. Ohne eine Verteidigung. Fast wie ein angeblich kranker Mann im 32. Stock eines Hotels, der aus automatischen Waffen wild in eine Menschenmenge schießt.

Natürlich sind die toten Konzertbesucher unschuldige Menschen. Ich sehe keinen Grund, das zu betonen. Ich gehe davon aus. Aber das sind einhundert Irakis oder Pakistani auf einem Marktplatz im Normalfall wohl auch.

Beten wird uns nicht weiterbringen. Zu keinem Gott. Egal, zu welchem. Egal, wo auf diesem Planeten. Denken. Denken wird uns weiterhelfen. Es ist unsere einzige Hoffnung.

Land des Röchelns

Da ist sie wieder. Die Bundestagswahl. Und natürlich die Kanzlerin. Denn die wird morgen abend exakt dieselbe sein wie heute auch noch. Die vierte Herrschaftsperiode von Angela der Alternativlosen ist so sicher wie die Tatsache, daß Steine auf Planeten nach unten fallen.
Aufgrund des großen Erfolges plädieren jetzt bereits parteiübergreifend alle Besatzungsmitglieder des Raumschiffs Berlin dafür, die Legislaturperiode womöglich auf fünf Jahre auszudehnen.
Begründung: Die Länder machen das auch so. Nun ja, es gibt nach meiner Meinung zwei Basiskategorien von Idiotie. Die einen sagen: „Das haben wir noch nie so gemacht“, die anderen „Das haben wir schon immer so gemacht.“
Weitere Begründung – vorgetragen von Norbert Lammert, dem Noch-Präsidenten des Noch-Bundestags: „Das Parlament hat effektiv immer nur zweieinhalb Jahre Zeit zum Regieren. Der Rest ist Findungsphase und Wahlkampf.“
Ah ja. Nun, dafür, daß Politiker so ineffizient arbeiten, kann der Wähler nun nichts. Und die Demokratie auch nicht. Das kommt halt davon, wenn man vor einer Wahl alle Koalitionen ausschließt, um sie dann hinterher doch wieder zu machen. Und dann dieser Wahlkampf. So So. Verstehe. Wie dieses mitreißende, mediale Feuerwerk der letzten Zeit.

Bild 0: Wer sich nicht bewegt, stürzt nicht.
Diese Weisheit hat die beste Regierungssimulation, die man für Geld kaufen kann, tief verinnerlicht und zu meisterlicher Brillanz perfektioniert.
Bild wie so oft treffend gezeichnet von Heiko Sakurai. Auch auf Facebook.

Jetzt ist diese Diskussion nicht neu und auch die Argumente dafür nicht wirklich. Ebenso wie die dagegen. Es ist auch keinesfalls undemokratisch, wie manche dieser Gegner behaupten. Denn über die Länge der Legislaturperiode entscheidet der Bundestag.
Exakt hier offenbart sich eine der Schwächen der repräsentativen Demokratie. Über zu viele Dinge, die unmittelbar sie selbst betreffen, entscheiden ausschließlich die Abgeordneten. Einfachstes Beispiel hierfür sind die fetten Diäten.
Ginge es nach mir, würden Abgeordnete des Bundestages sogar deutlich mehr verdienen. Dafür dürften sie aber keinerlei „Nebentätigkeiten“ ausüben und auch keinen anderen Beruf. Sie sind also entweder Mandatsträger und kümmern sich um ihre politische Arbeit oder sie sind Anwälte wie der Herr Gauweiler, der so ganz nebenbei gelegentlich an Sitzungen des Parlaments teilnimmt und ansonsten eine runde Million als Anwalt verdient. Nebenher, über die ganze Legislatur.
Und damit ist dieser Mann nicht einmal Spitzenreiter des aktuellen Bundestags.
Das erinnert allmählich an den Senat der USA. Da hockt auch keiner, der nicht mindestens eine zweistellige Millionensumme auf seinem privaten Konto sein eigen nennt. Continue reading „Land des Röchelns“

Und nun zur Werbung

Da stellt doch ausgerechnet EDEKA, also so ein typisch kapitalistischer Konzern, ein Video ins Netz, in dem eine Aussage für Vielfalt gemacht wird. Dieses hier:

Eigentlich meinte der freundliche Lebensmittelhändler wohl die Vielfalt der Produkte. Andererseits ist hier natürlich eindeutig eine klitzekleine Anspielung auf Vielfalt in anderem Sinne zu erkennen. Wenn deutsche Politwürstchen nur deutsche Würstchen kaufen möchten, wären Supermärkte offensichtlich viel kleiner. Und das mit dem Übergewicht wäre keinesfalls mehr ein Problem der Volksgesundheit.
Ohne menschliche Vielfalt auch keine im Supermarkt. Wobei sich die enttäuschten Biodeutschen – das gibt diesem Ausdruck in dem Zusammenhang eine völlig neue Bedeutung – in meiner Wohngegend zumindest mit einem gut gefüllten Weinregal über ihren patriotisch knurrenden Magen hinwegsaufen könnten.
Vorausgesetzt, sie finden sich vorher bereit, in den Weinbergen die jetzt bald beginnende Arbeit der Lese zu übernehmen, denn ich bin mir sicher, daß so mancher Winzer hierfür gut gelernte Fachkräfte von anderswo bevorzugt. Der Preiskampf im Supermarkt, siewissenschon.

Natürlich ist das alles linksgrünversiffte Propaganda, wie gewisse Leute jetzt sagen würden. Lügen-Supermarkt!!einself!!
Das hat bestimmt die Merkel eingefädelt, die lenkt ja bekanntlich die gesamte Presse. Muß man wissen.
Von Kassandras Seite aus mal ein Lob für den Supermarkt, in dem ich nie einkaufe. Weil es in meiner Nähe gar keinen solchen gibt. In Fahrradnähe, wohlgemerkt. Wobei sich das Lob nicht zwingend auf den Markt bezieht. Wie auch, ich kaufe da ja nie ein. Hatte ich schon erwähnt, daß Kassandra arm ist und das Blog trotzdem völlig kostenfrei und ohne Sponsorenwerbung? Gut.

Denn wie sagte Kassandra doch neulich im Nebensatz: Es sollte Ziel einer jeglichen aufgeklärten Regierung sein, dafür zu sorgen, daß die Bevölkerung ihre Grundbedürfnisse aus eigener Kraft decken kann.
Denken wir noch mal kurz über das Video nach und verinnerlichen diesen Aspekt.

Schön anschaulich wird hier demonstriert, was ich hier schon einmal erörtert hatte. Der Supermarkt der Selbstverständlichkeiten, in dem wir alle gedankenlos shoppen, ist ein Produkt eines weltumspannenden Netzes aus unterschiedlichsten Bedingungen. Je komplexer dieses Netz wird, desto anfälliger wird es für Störungen. Selbst geringe Störungen können sich innerhalb eines komplexen Systems sehr schnell zu massiven Problemen entwickeln, manchmal exponentiell. Bis zum Systemzusammenbruch.

Einen Sturm überstehen die USA. Einmal absaufen tötet New Orleans als Stadt nicht. Aber was ist mit dem nächsten Sturm? Was ist, wenn beim nächsten Mal Miami daran ist? Oder New Orleans eben vollregnet, statt durch gebrochene Deiche vollzulaufen?
Was passiert, wenn das Wiederanfahren der Ölförderung im Golf von Mexiko, die Reparatur von Raffinerien, länger dauert als gedacht? In Illinois sind die Spritpreise bereits gestiegen. In allen US Bundesstaaten der Ostküste. Denn ein guter Teil des Benzins stammt aus den Raffinerien in Texas und die stehen derzeit still.
Was bedeutet es für den übermächtigen Konsum, wenn US-Verbraucher unfaßbare 60 Euro-Cent pro Liter Sprit bezahlen müssen?
Nun ja, dann geben die weniger Geld für andere Sachen aus, ist ja klar.
Doch was bedeutet das für die erwarteten Wachstumszahlen der US-Ökonomie? Was ist mit den Milliarden an Hilfsgeldern, die gebraucht werden? Hier ergibt sich wieder eine Rückkopplung auf das Finanz- und damit besonders das Kreditsystem. Vor einigen Tagen betrug die Bargeldreserve der USA etwa 51 Milliarden Dollar. Nicht mehr. Weniger als ein Bill Gates, um die Rechnungen zu bezahlen.
Was passiert, wenn irgendwo Zweifel daran laut werden, ob die USA ihre Staatsschulden weiterhin werden bedienen können?
Können sie eigentlich nie, das ist klar. Aber es geht ja ohnehin nur noch um die Aufrechterhaltung der Fassade in unseren großen, industrialisierten Demokratien.

Was geschieht, wenn die allgegenwärtige und als einzige Lösung angepriesene Globalisierung, also die Ausbeutung des Planeten auf Teufel-komm-raus, in sich zusammenbrechen sollte?
Oder besser, zusammenbrechen wird, denn dieses Ereignis ist bereits in Entwicklung und unaufhaltsam.
Ich nehme an, dann essen wir die Supermarktregale. Denn sonst wird wohl nicht mehr viel da sein. Dieser Gedankengang hat weitere Implikationen, aber die möchte ich hier nicht ausführen. Noch nicht.

Danke, EDEKA. Fast möchte ich sagen: Sehr, sehr geiles Video.
Natürlich sollte dieses Machwerk der Marketingpropaganda keine Demonstration dafür sein, in was für einer superempfindlichen, vernetzten Welt wir leben. Oder dafür, daß unsere ökonomische Theorie eben für den Arsch ist, weil sie nicht in vernetzten Systemen denkt oder besser, dazu vollkommen unfähig ist.
Denn die üblichen ökonomischen Theorien sind dafür gar nicht entwickelt.
Das Werbevideo eines Lebensmittelverteilers – Supermärkte verteilen Futter, sie produzieren keins, um einen weit verbreiteten Irrtum mal aufzuklären – wird also zu einem schönen Beispiel gegen Globalisierung, nicht dafür. Womit wir wieder eine dieser scheinbaren Paradoxien haben, von denen unsere Zeit und unsere Leben so reichlich zu bieten haben in letzter Zeit.

Kassandra weist darauf hin, daß mit dem Plädoyer für echte, längst überfällige Lokalisierung nur die Dinge in den Regalen gemeint sind. Menschliche Vielfalt ist durchaus begrüßenswert. Im Grunde ist sie einer der Punkte, die unsere Zivilisation in die Zukunft retten können.

Das wahre Morgen

– VI –

Smoothies und Prosecco

„Unzurechnungsfähigkeit: Immer wieder dasselbe zu tun in der Hoffnung, damit ein anderes Ergebnis als zuvor zu erzielen.“
unbekannter Verfasser

Durch meine Hände gehen Kinderbücher. Die ganz kleinen. Bunte Bilder und etwas Text auf zehn bis zwölf Seiten.
Geschichten für Drei- und Vierjährige und solche, die gerade Lesen lernen.
Da gibt es Pu den Bären. Die Biene Maja. Die Biene Maja meiner Kindheit, wohlgemerkt. Es sind ältere Kinderbücher. Immer mehr von denen werden aus dem Verkehr gezogen, da die Rechtschreibung ja nicht mehr stimmt. Diese Biene ist also die etwas pummelige Klugscheißerin, die mit ihrem faulen – und noch dickeren – Kumpel Willy unterwegs ist, um neue Wiesen zu entdecken, neue Blumen und…obwohl, nein. Falscher Text.
Heute ist diese Biene ein Produkt von CGI, das ist die Abkürzung von „computer generated image“. Die heutige Maja ist deutlich schlanker und wirkt in ihrer computerisierten Sterilität bei weitem nicht so sympathisch wie die noch auf Folien gezeichneten Vorlagen der Erschaffer vor fünfunddreißig Jahren. Ich weiß nicht, ob Willy auch abgenommen hat oder heute ein Sportzentrum für Drohnen betreibt. Aber ich halte es für sehr gut möglich.
Ein Kinderbuch erzählt die Geschichte von Krankheit, Krankenhaus und – natürlich – Heilung. Es sind Kinderbücher, da sind Happy Ends natürlich vorgeschrieben, in mehrfacher Bedeutung des Wortes. Dieses Buch hier ist von Stada.
Ein anderes erzählt die Geschichte von Benni dem Schaumdrachen. Auf der Rückseite prangt das Logo des Pharmakonzerns Bayer, zusammen mit einem kleinen Text, der die Vorzüge eines schmerzstillenden Schaumpräparats beschreibt. Bayer ist der Konzern, der vor einer Weile Monsanto gekauft hat, diesen Gentechnikladen, der angeblich seit vierzig Jahren den Welthunger bekämpfen will.
Seltsamerweise scheint das nie zu funktionieren, obwohl Monsanto seine Tentakel inzwischen bis aufs letzte Baumwollfeld Indiens oder Sojafeld Südamerikas ausgestreckt hat, wobei der Konzern auf die Umwelt im allgemeinen und Menschenrechte im Besonderen nicht viel gibt. Zumindest bekommt man den Eindruck. Ist halt so eine Sache, der Welthunger.

Wir haben längst die Kontrolle abgegeben über Dinge, die uns eigentlich sehr am Herzen liegen sollten. Um die man sich selbst kümmern muß, auch wenn das nicht immer einfach ist. In diesem Fall darüber, was unsere Kinder lernen. Was sie lernen sollten. Und vor allem, wie sie es lernen.
In meiner Hand habe ich eine Packung mit einem etwas seltsamen Gegenstand. Eine Art Pad, eine Plattform mit rutschfesten Noppen aus einem flexiblen Kunststoffzeug. Damit sollen Kinder ihr Gleichgewicht besser kontrollieren lernen.
Mein Stirnrunzeln wird aber besonders durch die Verpackung ausgelöst. Spielende Kinder balancieren über die Reste eines Holzzauns an einer Wiese, im Hintergrund glückliche Kühe, Wiese und Sonnenschein.
Stimmt. So haben wir als Kinder gelernt, wie man über schmale Dinge wandert, ohne dabei auf die Fresse zu fallen. Und nicht, indem unsere Eltern uns auf ein wabbeliges Gelkissen gestellt haben, auf dem Teppich im Wohnzimmer. Irgendwo entdecke ich eine massive Diskrepanz zwischen dem, was der Aufdruck hier zeigt und dem, was in der Packung tatsächlich drin ist. Keine einzige Kuh, glücklich oder nicht. Wiesen auch nicht. Sprich einer von Mogelpackungen.
Überhaupt stolpert man im Internet, freiwillig oder nicht, immer wieder über dieses ganze Zeug. Soll mein Kind mit einem Jahr schon laufen? Mit acht Monaten sitzen? Wie stille ich richtig? Was ist mit Stillen in der Öffentlichkeit?
In geradezu hysterischer Akribie werden hier Menschen, die Eltern werden oder geworden snd, jede Menge Dinge um die Ohren gehauen, die unbedingt zu beachten sein sollen. Wenn man – oder besser, frau – bei der Geburt nicht richtig atmet, wird das nichts mit dem späteren Nobelpreis für Literatur für Malte-Torben. Leider verschissen, von Anfang an. Continue reading „Das wahre Morgen“

Das wahre Morgen

– V –

Alles unter Kontrolle

„It is no measure of health to be well adjusted to a profoundly sick society.“
Jiddu Krishnamurti

Kontrolle. Es geht immer nur um Kontrolle. Aber längst haben wir Menschen, wir Bewohner der industrialisierten Konsumgesellschaft, diese Kontrolle abgegeben. Was früher auf lokaler Ebene geregelt wurde, oft auch ohne Vorhandensein einer gesetzlichen Grundlage, wird heute von Institutionen verwaltet, die im Laufe von Jahrzehnten immer größer und gesichtsloser geworden sind.
Die Wissenschaften. Die Regierung. Die Reptiloiden, die 9/11 eingefädelt und die Mondlandung vorgetäuscht haben. Ähmmm..was habe ich da gerade gesagt?

Wir haben das nicht freiwillig getan. Es war und ist ein Prozeß der Konzentration von immer mehr Macht in verschiedensten Formen in den Händen von immer weniger Menschen. Das Credo der Wissenschaften lautet Kontrolle. Das Credo der Regierungen lautet Kontrolle. Über Terroristen. Über Medien. Über die jeweiligen Bürger. Innere Sicherheit heißt das immer so schön. Jetzt gerade wieder aktuell auf Wahlplakaten, in Wahlprogrammen und in Wahlreden.
Wenn erst einmal alles gespeichert wird, alles aufgezeichnet, alles auswertbar gemacht von jedem, wird es Kontrolle geben. Dummerweise ist totale Kontrolle auch nicht von Terrorismus zu unterscheiden und totale Sicherheit unerreichbar.
Und aufgezeichnet werden nur private Dinge. Ausgewertet von staatlichen Stellen. Der Anwalt, der einem Privatmenschen eine Urheberrechtsverletzung vorwirft, erhält routinemäßig Auskunft über IP-Adressen und kann seine als Arbeit getarnte Erpressung und Nötigung beginnen.
Der Bürger, der eine Behörde nach Akten oder Vorgängen befragt, blitzt mit derlei Ansinnen routinemäßig ab. Von Einblick in Tun und Lassen großer Konzerne kann selbst die Politik nur träumen, der Normalbürger schon nicht mal mehr das.

Kontrolle von Dingen des täglichen Lebens auf kommunaler oder gar individueller Ebene ist schon längst nicht mehr vorgesehen. Kontrolle bedeutet nur noch „die da“. Die sollen mal was machen. Natürlich sind „die da“ auch an allem Schuld. An was auch immer.
Kontrolle ist längst nur noch Datenverwaltung und -interpretation durch Spezialisten. Wozu sollte man Anwohner fragen, wie manche Dinge eventuell geregelt werden solltem, wenn man doch mit einem Gutachten von irgendwem, der nicht mal in der Nähe der betreffenden Stadt war, alles klären kann?
Aber natürlich renovieren wir die Straße aus dem Dorf raus endlich mal. Die hunderttausend Euro Kommunalbeteiligung für die Anwohner sollten ja wohl kein Problem darstellen, oder? Immerhin besitzen die ja alle Häuser.
Längst sind uns viele Dinge völlig aus der Hand geglitten, haben sich von uns entfernt. Was nützen Mietpreisbremsen, wenn eine willige Politik sie mit massenhaft Ausnahmen durchlöchert wie einen Mindestlohn, der gar nicht erst notwendig wäre, gäbe es die immer wieder propagierte Selbstregulierungsfähigkeit des Marktes tatsächlich.
Der Markt. Früher ein Ort, an dem man eingekauft hat. Ein Schwätzchen gehalten über Tomaten, Möhren, Äpfel und Blumenkohl hinweg. Ein Ort, an dem weitaus mehr passierte als nur der Austausch von Waren gegen das angebliche Tauschmittel des Geldes. Heute ist „der Markt“ der Euphemismus für unsere angeblich so phantastische globalisierte Wirtschaft, von der wir alle profitieren. Wenn der Markt etwas so will, dann kann man da halt nichts machen. Continue reading „Das wahre Morgen“