Letzte Reise

Mein Gott hat im Gegensatz zu dem, an den so viele andere glauben, keine Anbetung nötig. Mein Gott ist keiner des Rituals oder der Sünden.

Er ist der Gott der Thermodynamik, der Planck-Länge und der Lichtgeschwindigkeit.
Er ist der Gott, der die Ästhetik des Flusses, an dem ich gerade entlangfahre, in ein chaotisches Muster aus Strömungsdynamik verwandelt.

Im Gegensatz zu dem anderen Gott hat meiner allerdings einen Nachteil: er kennt keinen Trost. Kein höheres Ziel. Keine Vergebung. Es gibt bei ihm keine Gnade, keine Erlösung.
Nur die Unerbittlichkeit eines entropischen Universums, in dem selbst Sterne nicht ewig leuchten.

Es klart auf. Das Graublau über den Hügeln und Hängen am Rhein deutet auf einen schönen Herbsttag hin. Das Weinlaub verfärbt sich. Es könnte so eine schöne Reise sein, wäre da nicht das Ziel.
Ich bin auf dem Weg, ein Versprechen einzulösen. Einen Schwur. Auf dem Weg zu der Frau, die mir mehr bedeutet als jede andere.

Das Einzige, was uns als Menschen bleibt, vielleicht das Einzige, was uns menschlich macht, ist die Reise. Und ihre Reise war gut.

Mein Bruder schickt mir eine Nachricht. Sie lautet: »Wir holen dich ab.«

Nicht er alleine. Auch der Mann, der tapfer und treu 32 Jahre an Mutters Seite gestanden hat. Er braucht unsere Hilfe. Wir brauchen jede Hilfe, die wir einander geben können.

Der nächste Zug. Umsteigen. Er ist pünktlich auf die Minute, als wüßte er um die Dringlichkeit. Ich sitze zuerst gegen die Fahrtrichtung. Üblicherweise ist mir das egal. Heute muß ich sehen, wohin ich fahre. Denn hinter mir ist alles dunkel.

Mein altes Leben bleibt hinter mir zurück.
Wenn ich von dieser Reise zurückkehre, diesem Trip in die größte Angst meines Lebens. wird die Welt so sein wie immer. Es wird dann nur nichts mehr so sein, wie es einmal war.

Die Sonne steigt höher. Wellenmuster, Strömungen und die Verwirbelungen glitzern auf dem Wasser. Fast möchte ich mich freuen beim Gedanken daran, wie Mutter oben auf ihrer Treppe stehen wird und lächeln, wenn ich ankomme.

Aber das wird sie nicht tun. Nicht mehr. Nie wieder. Diese leere Treppe vor einer offenen Haustür wird ab jetzt immer in meinem Kopf sein.

Mein Gott ist ein Gott ohne Hoffnung und ohne Trost.

Aber heute, an diesem Tag flehe ich inständig zu diesem anderen: Laß sie noch leben, wenn ich ankomme. Bitte. Wie ich es versprochen hatte und mir immer geschworen.
Damit ich Abschied nehmen und sie begleiten kann auf ihrer letzten Reise.

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Unreal Tournament 2022

»Can you imagine when this race is won
Turn our golden faces into the sun
Praising our leaders, we’re getting in tune
The music’s played by the, the mad man.«
Alphaville

Es ist früher Morgen. Etwa halb Acht. Auf den Uhren. Nach solarer Zeit, also Winterzeit, ist es halb Sieben.
Nennen wir es die Zeit, an der Menschen nicht rumgefummelt haben. Seit Jahren stelle ich jetzt meine Küchenuhr im Frühjahr und Herbst nicht mehr um. Alle anderen Zeitanzeigen sind leider elektronisch und drücken mir so automatisch die Vorstellung von einer Tageszeit auf, die irgendeine Bürokratenkommission mal festgelegt hat.
Das Universum ignoriert diese menschliche Anweisung, wie es zu ticken hat, mit heiterer Gelassenheit weiterhin und tickt einfach so weiter wie immer. Der Lauf des Planeten um die Sonne und die damit verbundenen astronomischen Fakten – wie beispielsweise die Position des Zentralsterns am irdischen Himmel – verändern sich durch diese abstruse Angewohnheit der Zeitumstellung nicht ein bißchen.
Es ist also de facto einfach halb Sieben. Der Himmel leuchtet im irdischen Blau, die Luftfeuchtigkeit liegt bei 94% und es ist neblig. Im Juni. Während mein Rad mich leise scheppernd über den durch andauernde Trockenheit betonharten Feldweg trägt, zischen grüne Papageien im Tiefflug an mir vorbei und kreischen sich gegenseitig Warnrufe zu. Eigentlich sind die Tiefflieger Sittiche und Neozoen, sie gehören also nicht hierher.
Die Tiere sind irgendwo ausgebüchst und haben dann festgestellt, daß es sich im deutschen Regenwaldklima ganz brauchbar leben läßt. Wikipedia spricht von einer „nicht etablierten Population“, wie ich neulich mal nachgeschlagen habe. Aber Wikipedia wird auch täglich dümmer.

Mir sind die Viecher schon vor Jahren aufgefallen, da saßen sie schwätzend in einem Baum und waren grün und ich hielt sie für Flüchtlinge aus einem Zoogeschäft. Was vermutlich auch nicht ganz falsch ist. Jedenfalls kann ich aus eigener Beobachtung klar feststellen, daß es seitdem nicht weniger von denen gibt. Vor zwei Jahren, im ersten Pandemiewinter, sind sie mir sogar erstmals während dieser Jahreszeit aufgefallen. Die sind längst in der ganzen Gegend hier unterwegs.
Den neuen Avianern geht ihre Einstufung als nicht etabliert also auch stark am federumkränzten Allerwertesten vorbei, während eine Gruppe von geschätzt zwanzig Tieren im Baum ihr Morgengespräch führt. Wie viele andere Vogelarten sucht sich auch diese abends einen Schlafplatz für die Gruppe. Zwischendrin scheint immer wieder eines der Tiere zu lachen. Vermutlich haben sie gerade ihren Wikipedia-Eintrag gelesen.

Bedenkt man, daß Vögel die Nachfahren der Dinosaurier sind, paßt ihr Auftreten perfekt zu dem Dschungelklima, durch das ich gerade fahre. Ich radle zum Bahnhof, zu einer eingebildeten Uhrzeit, und fühle mich wie damals auf Borneo, wobei es dafür noch ein paar Grade wärmer sein müßte. Dabei werde ich von angeblich nicht existenten Papageien ausgelacht, die tatsächlich Sittiche sind. Das ganze Szenario fühlt sich zunehmend surreal an.

Allerdings fahren die Orangs auf Borneo keine SUV, dafür sind die zu schlau. Also bin ich wohl doch unter Menschen.
Ulf Poschardt, dieser Strickpullunder des Grauens, der sich in seinem Wahn noch immer für einen investigativen Journalisten hält, hat erst vor einigen Wochen einen angeblichen Artikel veröffentlicht, in dem er ernsthaft behauptete, Elektroautos bauen könne jeder, der Verbrennungsmotor hingegen sei ein Kulturgut.
So was schreibt ein Mann, dem ich nicht mal zutraue, die Kneifzange richtig rum zu halten, mit der er sich täglich seine Unterhose anzieht, bevor er dann mit seinem Porsche langsamer ins Büro fährt als ich mit dem Rad. Immerhin kriegt er es dabei gebacken, die Klimaanlage in seinem Kulturgut so weit runter zu drehen, daß er auch bei 30° Außentemperatur weiterhin in Hemd und Strickpullunder rumfahren muß. Falls es eine Millimetereinteilung für die Skala des Realitätsverlustes nach Kubicki geben sollte, wird sie in Poschardts gemessen. „Unreal Tournament 2022“ weiterlesen

Long live the Queen

»We lost the American colonies because we lacked the statesmanship to know the right time and the manner of yielding what is impossible to keep.«

Eine alte Dame, schon längere Zeit gesundheitlich angeschlagen auch durch den Tod ihres ebenfalls hochbetagten Gatten vor knapp 18 Monaten, schließt im Alter von 96 Jahren ihre Augen ein letztes Mal. Ein letztes Ausatmen. Stille. Das ruhige Ende eines langen Lebens.

Kein ungewöhnliches Ereignis. Tausende Menschen sterben auf diesem Planeten jeden Tag, mal mehr und mal weniger friedlich. Bei einer Frau von 96 ist dieses Ereignis eigentlich stündlich zu erwarten. Doch wie so oft mit Dingen, von denen wir genau wissen, daß sie sich unvermeidlich ereignen werden, kommen sie dann doch irgendwie überraschend.

Der letzte Atemzug von Queen Elizabeth II., Herrscherin über das Vereinte Königreich von Großbritannien und Nordirland, uneingeschränkte Souveränin der Commonwealth Realms, Staatsoberhaupt von 56 Staaten des Commonwealth of Nations, einer politischen Konstruktion, in der die Sonne noch immer niemals untergeht, Fidei Defensatrix, hinterläßt so etwas wie gespannte Ruhe auf dem Globus.
Irgendwie schien seit Donnerstag, dem 8. September dieses Jahres, die Welt in gewisser Weise stillzustehen.

Nichts könnte symbolischer sein für dieses unser Zeitalter des Niedergangs und Verfalls als der Tod dieser Frau mit Hut, Handtasche und Hunden. Und einem nicht ganz unerheblichen Vermögen, wenn ich das am Rande einmal erwähnen darf.
Schon nach dem Tod von Prinz Philip stellte ich mir die Frage, wie lange nach ihrem Gatten, der nur zwei Monate vor seinem 100. Geburtstag den Planeten verlassen hatte, die Poster Granny aller gekrönten Häupter der Erde wohl noch durchhalten würde. Immerhin waren die zwei 73 Jahre verheiratet. Menschen, in deren Stammbaum das irgendwo vorhandene Langlebigkeitsgen der Windsors nicht eingebaut ist, werden oft nicht einmal so alt. Nach meiner Erfahrung treten sehr alte Ehepaare häufig nicht besonders lange getrennt voneinander ab.
Aber Lizzy II. erwies sich, wie immer in ihren über 70 Jahren auf dem Thron der gammeligen Reste eines Empire, als diszipliniert und zäh. Sie hat sehr viel länger durchgehalten, als ich das erwartet hätte.

Aber die Ernennung von Liz Truss zur Premierministerin, nur zwei Tage vor ihrem Tod, hat ihr offensichtlich den Rest gegeben.
Die zweite überaus symbolische Handlung der vorletzten Woche war eben jene Liz Truss, diese verachtenswerte Frau, wie sie in der ersten wichtigen Rede ihrer Amtszeit ausgerechnet den Tod der größten Herrscherin verkünden mußte, die das Very British Empire jemals gehabt haben wird.
In allen Worten ihrer Rede beschrieb Truss eine Frau, die sie selber gerne wäre und in keiner denkbaren Iteration eines Universums jemals sein wird. Allerdings glaubt sie in diesem hier fest daran, tatsächlich das Zeug dazu zu haben.
Man kann Großbritannien hassen. Oder seine Monarchie. Doch für welche Sünde es sich Liz Truss eingefangen hat, übersteigt selbst die an Häme nicht unbedingt arme Vorstellungskraft von Kassandra. Selbst Satan persönlich hätte eine solche Strafe nicht über seine Erzfeinde verhängt.

Bild des Grauens: Gordon Brown, Boris Johnson, David Cameron und Theresa May. Die Maschinisten im Maschinenraum der britischen Apokalypse heucheln Trauer und Treue bei der Vereidigung von King Charles III. Quelle: BBC/The Guardian

In über 70 Jahren hat die Queen im Schnitt 18 Termine wahrgenommen. Täglich. Das sind etwa doppelt so viele wie ein Olaf Scholz bisher in seiner gesamten Amtszeit als Kanzler insgesamt hinbekommen hat.
Monarchen haben weder Sonn- noch Feiertage. Und sie gehen nicht in Rente. Fast könnte man Elizabeth mit dem Papst vergleichen, wenn nicht ausgerechnet der erste Deutsche in diesem Amt nach 1.000 Jahren sich aufs Altenteil zurückgezogen hätte, statt einfach protokollgemäß im Amt zu versterben.
Außerdem wäre sie darüber vermutlich amused gewesen, bezieht sich das „fidei defensatrix“ in ihrer langen Kette aus ererbten, ergaunerten, erfundenen und sonstigen Titeln doch schließlich auf die Anglikanische Kirche. Die es niemals gegeben hätte, wäre ein anderer Papst gegenüber einem anderen englischen König vor ein paar Jahrhunderten einsichtiger gewesen. In einer anderen Iteration dieses Universums…doch Nein. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt für solche Abschweifungen.

Wenn Elizabeth II., einzig wahre Nachfolgerin ihrer großen Namensvetterin aus dem 16. Jahrhundert, heute endlich ins Grab gesenkt wird, nachdem man sie 10 Tage lang wie eine Monstranz durch das ganze verdammte Land gekarrt hat, ist damit auch das Ende des British Empire selbst für die hartnäckigsten Realitätverweigerer der Inselnation nicht mehr zu verleugnen.
Überhaupt ist, wie dero Herrscherin dereinst so korrekt vermerkte, das krampfhafte Festhalten an längst überkommenen Dingen abseits der Realität ein nicht unerheblicher Faktor im Niedergang von Systemen, seien sie nun demokratisch, imperial oder anders organisiert.

Mögen beide, Empire und Queen, ihren wohlverdienten Frieden finden. Kassandra schätzt allerdings, daß nur einer von beiden Entitäten das auch tatsächlich gelingen wird.
Long live the Queen!

Peace for our time

Ultrakurze Meldung zum Stand der Dinge. Ich möchte hier einen politischen Kabarettisten für mich sprechen lassen:
(mobile Leser klicken bitte hier drauf)

Das etwa ist der gefühlsmäßige Stand der Dinge bei Kassandra aktuell.
Wie ich dereinst einmal schrieb, gibt es für meine Generation einige Möglichkeiten, die Zeitrechnung in ein Davor und Danach einzuteilen.
Vor Chernobyl und danach. Schon damals wurde das Gefühl einer sicheren Welt tendenziell erschüttert. Auch das hatte ich einmal irgendwo erwähnt.

Es gab ein »Im Kalten Krieg« und ein »Nach dem Kalten Krieg« und das machte – zumindest mir – Hoffnung. Es war eine Chance. Eine Veränderung, aus der Gutes hätte erwachsen können, wäre unser industriell-politischer Komplex daran interessiert. Statt dessen hat man Quartalsbilanzen geboostet, Löhne gesenkt, weiterhin den Ökozid vorangetrieben und ansonsten gerade in Europa jede Chance einer echten Föderation der Idee gemeinsamer Geldscheine geopfert. Das mußte halt genügen.
Warum sollte man womöglich selbstständig werden wollen, so als Kontinent? Mit eigener Außen- oder Verteidigungspolitik? War doch bequem, immer schön bis über die Schultern im Arsch von Uncle Sam zu stecken. Darum haben unsere Politiker, diese elenden Feiglinge, das auch immer weiter praktiziert.

Es gab ein »Vor 9/11« und »nach 9/11«. Wie ich das einordne, hatte ich ganz zu Beginn dieses Blog-Experiments mal erwähnt.

Jetzt gibt es ein »Europa im Frieden« und seit heute Nacht, nach 77 Jahren relativer Ruhe in diesem Teil der Welt, ein »Krieg in Europa«. Ich fühle mich dabei stark wie hier erwähnt. Das Zerbrechen der Welt, das ich einmal beschrieb, hat einen neuen Aspekt hinzugewonnen. Einer, von dem ich gehofft hatte, er wäre in der hyperbewaffneten Welt des 21. Jahrhunderts Vergangenheit. Ein Vorgehen, das so nicht mehr benutzt werden kann. Aber leider kommt »Hitler revisited« dann eben doch in die Kinos. Wer sich eine Bedrohung herbeiquatschen kann und genug Waffen hat, kann offensichtlich noch immer Angriffskriege führen. Natürlich ist diese Erkenntnis nicht ganz neu, es gab ja bereits Aufführungen dieses Theaterstücks. Da kann man mal in Bagdad nachfragen.
Aber heute ist nicht der Tag, an dem ich darlege, warum ich den USA genau so wenig traue wie Russland. Selbst das peinliche Rumgelüge der Amerikaner vor den UN war geradezu oskarreif gegen den faschistischen Schwachsinn, den sich Putin für seinen Einmarsch ins Nachbarland aus dem Arsch gezogen hat. Würde Hitler noch leben oder hätte Nachkommen, sie hätten Putin wegen Urheberrechtsverletzung längst verklagen können.

Aber da stehen wir nun. Ab heute ist wieder Krieg in Europa. Ich hatte angedeutet, daß Vlad womöglich einen Landkorridor sichern will, der die Krim an Russland anbindet. Ich sehe das als optimistische Prophezeiung. Die gesamte Ukraine liegt unter Beschuss. Putin will das ganze Land und spricht von Demilitarisierung und Entnazifizierung.
Was bedeutet, daß in Zukunft nur noch Nazis und Waffen zugelassen werden, die der Kreml genehmigt hat. Wenn unseren Politschergen nichts Stärkeres einfällt, als Putin jetzt seine persönliche Kreditkarte sperren zu lassen, wird er nicht mit der Ukraine zufrieden sein.
Was käme danach? Schweden? Finnland? Die baltischen Republiken?

Denn die sind ebensowenig zu verteidigen wie früher West-Berlin. Diese Halbstadt, in die früher alle Bundeswehr-Verpisser geflüchtet sind, weil sie unter Vier-Mächte-Status verwaltet wurde. Die NATO weiß das. Putin weiß das.
Wladimir Putin will Europa haben. Bis zum Atlantik. Auch das hat er bereits mehr als einmal angesagt.
Es ist egal, was ich schreibe, nichts davon wird die Entscheidungen weiter oben beeinflussen. Aber jede Entscheidung, die auf ein Stück Papier hinausläuft, das irgendwer im Anzug oder Kostüm auf der Gangway eines Fliegers in die Luft hält, wird eine sein, die wir in ganz Europa sehr bald bereuen werden. Womöglich weltweit.

Die Lange Dämmerung wird uns in interessante Zeiten entführen. Ob wir das wollen oder nicht. Das habe ich immer gesagt. Das ist auch weiterhin gültig. Nur die persönliche Dimension ist ab heute eine andere.


Update 20220224:
Kurzer Hinweis an alle, die mir jetzt hinter den Kulissen irgendwie mit »Aber die NATO hat ja Russland eingekreist!111!« kommen wollen. Schenkt’s euch einfach.
Das ist genau dasselbe Idiotengeschwätz, das vor 120 Jahren von einem deutschen Kaiser zu hören war.
Guckt gelegentlich mal auf eine Landkarte, die nicht von RT gezeichnet worden ist.
Wenn Putin die Ukraine erobert, ist seine neue Westgrenze nämlich das NATO-Land Polen. Da hat er es dem bösen Westen aber mal so richtig gezeigt in dem Moment.

Zwanzigzweiundzwanzig

„Dienstag ist ab sofort Soylent Green-Tag!“ – Charlton Heston

Guten Tag und herzlich willkommen zum Jahr 2022.
So. Das war es auch schon. Bitte gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu lesen. Denn dazu hätte ich einen Text schreiben müssen. Das ging aber nicht. Tut mir sehr leid, aber es war einfach nicht machbar.
Ich mußte Wäsche raushängen auf dem Balkon. Bei 15°C und Sonnenschein. Dann habe ich noch kurz durch das Bad geputzt, eine Runde gesaugt und dann war ich auch schon wieder bereit für das Sofa. Da wohne ich. Ich mußte noch diesen Fim fertig gucken, den ich in der Silvesternacht begonnen hatte.
So’n Ding von 2011.

Da geht es um eine – hahaha – Pandemie, die eine hübsche Geschäftsreisende sich als Andenken aus China mitbringt und die sich dann rasend schnell ausbreitet. Ist ein bißchen unrealistisch, weil da alle irgendwie besonnen reagieren. Die WHO, die Öffentlichkeit, die Behörden – alle haben die Lage recht souverän im Griff.
Der virale Angreifer stellt sich als Chimäre aus Fledermaus und Schwein heraus, ist schwer anzuzüchten und tötet gerne Menschen, und während er das tut und sich rote Flecken auf Weltkarten zu Ozeanen ausbreiten, als würde der Planet verbluten, kommt es zu Plünderungen, hier und da ein bißchen Kriegsrecht und am Ende steht unser Protagonist ohne seine Frau und seinen Stiefsohn in der Schlange hinterm Militärlaster, um Trockenfutter im Sack angereicht zu kriegen. Die sind da nämlich beide tot und seine Frau war natürlich die eben erwähnte Geschäftsreisende, da ist aus dem Andenken also sehr schnell Gedenken geworden.
Absurd wird es dann, als der Typ mit dem Megaphon verkündet, es sei leider nichts mehr da vom leckeren Armeefutter und die Menge den Laster stürmt und dann keiner der Militärs einfach da reinballert.

Ach ja, dann ist da noch dieser andere Typ, den spielt nicht Matt Damon, sondern Jude Law, und der betreibt einen Blog und deshalb hassen ihn alle Journalisten, und der behauptet dann, daß alle von der WHO lügen würden und mit der Pharmaindustrie unter einer Decke steckten, während er dann fünf Millionen mit homöopathischen Forsythien-Präparaten verdient und am Ende stellt irgendwer dann seine Kaution, als ihn die Feds abgreifen, um ihm die etwa 3.000 Zivilklagen zu überbringen, die gegen ihn vorliegen.
Wie gesagt, bißchen aburder Film. Hollywood halt. Als würden irgendwelche Leute einem Internet-Spinner einfach Geld überweisen, damit er ihnen die Wahrheit™ erzählt und nicht auf den Direktor der WHO hören, der in der gleichen Fernsehsendung interviewt wird.
Außerdem rät der Typ dann allen Leuten noch, sie sollten sich nicht impfen lassen, was natürlich noch absurder ist, denn zu diesem Zeitpunkt sind vier Monate rum und etwa 26 Millionen Menschen weltweit tot, da würde man so ein kriminelles Arschloch ja keine Minute weiter frei rumlaufen lassen.
Außerdem gibt es nach der Zeit schon eine Impfung, weil die Behörden das Zulassungsverfahren abkürzen. An dieser Stelle gleitet die Fiktion schon stark ins Lächerliche ab.

Natürlich weiß ich, daß der Film Blödsinn ist. Schließlich würde das Militär im Zweifel die Lieferungen der Regierung einfach behalten und weitere anfordern, bis es keine Lieferungen mehr gibt und dann macht man einfach einen Staat im Staate auf, bis alle Menschen so weit infiziert sind, daß sie entweder tot oder wieder gesund sind.
In der echten Realität würde nach 140 Tagen schwarzer Pest keine Sau mehr Lebensmittel verteilen. Da gräbt man den gefrorenen Nachbarn aus der Schneewehe. Ich habe nicht nur World War Z oder 28 Days later gesehen, sondern schon 12 Monkeys. Ich weiß, wie die verdammte Zombieapokalypse aussehen wird. Sie kommt getarnt als Neujahrsansprache von Menschen, die vorher schon zwölf Jahre regiert haben. „Zwanzigzweiundzwanzig“ weiterlesen

Inside Wladimir

„Nur Nixon konnte nach China gehen.“ – vulkanisches Sprichwort

Schon 2014 sagte ich in Gesprächen gerne folgenden Satz: »Was Putin tut, ergibt nur dann Sinn, wenn er da nicht aufhört.«

Gemeint war die Annexion der Krim durch russische – Pardon, auf keinen Fall russische! – Truppenteile – Pardon, zufällig Uniform tragende, nicht zu identifizierende Zivilisten, natürlich.
Es war natürlich auch keinesfalls eine Annexion, schließlich haben die Bewohner der Ukraine über den Anschluß Öster… der Krim an Rußland abgestimmt. Also, hinterher. Etwas, das unsere atomar bewaffneten westlichen Nachbarn ein fait accompli nennen und wir vollendete Tatsachen.
Es ist immer schön, in einer freiheitlichen Atmosphäre in Wahllokalen abzustimmen, die von freundlichen Fachkräften mit automatischen Waffen bewacht werden, damit alles sicher abläuft. Der Treppenwitz an der Geschichte ist, daß die ukrainische Verfassung tatsächlich für das Autonome Gebiet Krim eine Möglichkeit vorsieht, aus dem Staatsverband auszuscheren. Per Abstimmung nämlich. Allerdings einer Abstimmung in der gesamten Ukraine.
Die Frage wäre also nicht gewesen: »Wolle mer se reinlasse?« sondern »Wolle mer se rauslasse?«

In der klaren Methodik des Schachspielers, ein Hobby, das Wladimir Putin nach Gerüchten durchaus auf hohem Niveau beherrscht, entschloß sich der damalige Präsident und heutige Diktator aller Russen, das Risiko einer fehlerhaften Abstimmung maximal zu minimieren.
Man läßt einfach nur die Leute abstimmen, von denen man ziemlich genau weiß, was sie sagen werden. Friedrich Merz kennt das, wenn er immer wieder fordert, daß doch bitte die Mitglieder der CDU darüber abstimmen sollten, welcher Friedrich Merz jetzt Parteivorsitzender wird. So sorgt man für maximal unüberraschende Ergebnisse, die einem gut gefallen. Putin nennt diese Methode in Rußland „gelenkte Demokratie“.
Die CxU in Deutschland nennt das Wahlen und klaren Wählerauftrag. Oder kommunistischen Umsturz, wenn sie die einmal verlieren sollte und wieder so’n SPD-Typ regieren muß.

Wladimir Putin beherrscht jetzt seit mehr als zwanzig Jahren das, was von der Sowjetunion noch übrig ist. Wobei auch dieses Gebilde niemals existiert hat. Es gab vielleicht durchaus einmal Sowjets, aber niemals eine Union. Einer Union tritt man üblicherweise auf freiwilliger Basis bei, möglicherweise aus politischen oder strategischen Erwägungen, aber irgendwo auch aus einem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Die Union der Bundesstaaten der heutigen USA wären hierfür ein gewachsenes Beispiel. Die EU und ihre Staaten ein konstruiertes. Die Sowjetunion ist ein Beispiel für schlichten Zwang. Weder der Verlauf der finnisch-russischen Grenze noch der Beitritt der baltischen Republiken in den 1940er Jahren ergaben sich aus einem Akt demokratischer Freiwilligkeit. „Inside Wladimir“ weiterlesen